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100 Jahre Heinrich Böll

21.12.2017 09:00

Am 21. Dezember 1917 ist Heinrich Böll geboren. Mit zahlreichen Beiträgen war der Schriftsteller auch in konkret vertreten. Über den Sachzwang, das damals jüngste Kind der Marktwirtschaft, schrieb Böll in konkret 6/1977.

Die Marktwirtschaft, die Freie, gibt ihren Kindern denkwürdige Namen, das jüngste, einen Knaben, hat sie Sachzwang genannt. Wenn ich versuche, mich von der Bedeutung, die dieser Name haben könnte, zu lösen, ihn nur als lautliches Gebilde wahrzunehmen, gerate ich in die Nähe des Schluchtenhunds, auf Morgensternsche Auen, und fange an, frei nach Morgenstern, zwanglos dem Wort Zwang in seiner Lautlichkeit Geschwister zu bilden: Der Sachzwang und der Wirtschaftszwang, die hatten eine Schwester, das war die kleine Zwangswirtschaft, geboren an Sylvester. Man kann mit den Wörtern Zwang, Wirtschaft und Sache beliebig spielen, aus dem Sachzwang eine Zwangssache machen, aus der Zwangswirtschaft eben Wirtschaftszwang. Sachliche Zwänge hat's ja immer schon gegeben, aber sie waren, wie die wirtschaftlichen Zwänge, noch adjektivisch verbrämt.
 

Es muß einer schon zugeben, Einfälle hat sie, sprachschöpferisch ist sie, die Marktwirtschaft, die Freie, sie wäre des Preises einer Akademie würdig, und der Laudator könnte jubeln: Ein Kind ist uns geboren, ein Wort ist uns geschenkt; wenn sie, die Einfallsreiche, wirklich einer Morgenstern-Nostalgie erlegen wäre. Ich fürchte nur, Morgenstern hat hier nicht Pate gestanden, wenn ich auch vermute, daß der Sachzwang ihm so willkommen gewesen wäre wie das Siebenschwein.
 

Wie aber kommt sie, die Marktwirtschaft, die Freie, dazu, dem Wort Zwang in ihrer Familie Rang und Hintergrund zu verleihen? Werden wir, freie Menschen, etwa von Sachen zu etwas gezwungen? Und wenn ja, welche Sache zwingt da wen oder was zu was? Da Vermenschlichung ein so bedrohlicher Begriff ist, hat man ihr ja schon die Versachlichung entgegengesetzt. Es gibt ja leider immer noch das »menschliche Versagen«, wie wäre es, wenn man das »sachliche Versagen« in die Terminologie aufnähme? Da es bisher nur erst »wirtschaftliche Zwänge« gibt, der »Wirtschaftzwang« noch nicht geboren ist, wollen wir den kleinen Sachzwang vorläufig gut im Auge behalten. Eine kluge und sensible Frau gibt ihren Kindern keine Zufallsnamen. Noch ist er klein, der liebe Sachzwang, und seine Mutter flüstert ihm vielleicht zu: »Werde groß und stark, du mein schneller Brüter, und wenn da Leute auf die Idee kommen, du wärst mir aufgezwungen worden, und ich hätte dich deshalb so genannt, dann werden wir sehr sehr böse und denen mal zeigen, was eine Tehr-Tuhr-Tor ist.«
 

Frage mich keiner, was eine Tehr-Tuhr-Tor ist. Ich weiß es nicht, ich bin einfach, morgensternsch gestimmt, an das T auf meiner Schreibmaschine geraten, dem Sachzwang einer Travel Writer de Luxe erlegen. Ich kann keine verbindliche Interpretation, nur eine Interpretationsspielerei anbieten, ein Libero der Tippmaschine, und ich denke mir aus, daß sich in Tehr möglicherweise eine Abkürzung für Teheran verbirgt, Tuhr nur die phonetisch geschriebene zweite Silbe eines Wortes, dessen erste Tor heißt. Das macht dann: Teheran-Tor-Tur, und wahrscheinlich kommt mir diese Interpretation für ein Spielwort nur, weil es Herr Dregger in Teheran so gut gefallen hat, wo er wahrscheinlich die Menschenrechte, um die seine Partei so hart ringt, voll verwirklicht gefunden hat. Man hat da schnell mit seiner Schreibmaschine etwas ausgebrütet, und es könnte ja auch sein, daß Tehr eine vertippte Abkürzung für Terrain ist, Tuhr für Turnier steht, Tor für Tor (Fußballtor), und daß meine Schreibmaschine mich zwingt, meiner Trauer darüber Ausdruck zu verleihen, daß ein deutscher Libero nun vaterländisches Terrain verläßt, um auf fremdländischen Turnieren Tore zu schießen. Wer weiß. Auch Schriftsteller unterliegen dem Sachzwang, wie Fußballspieler.  

Ich fürchte eben nur, daß unser lieber kleiner Sachzwang - leider, leider - keine Morgensternsche Wortbildung, kein Verwandter des Schluchtenhundes ist. Mit ihm bekennt sich seine Mutter offen zum Zwang, nicht zum Zwang einer Ideologie, sondern einer Sache. Damit deutet sie eine Sach-Ideologie an, von der wir nicht wissen, wo sie endet. Das Wörterbuch des Unmenschen bedarf der Ergänzung. Es müßte sich des grausamen Euphemismus annehmen, der sich hinter Worten wie »Lauschangriff« oder »Oelteppich« verbirgt. Teppich, das klingt so gemütlich, nach Wohnzimmer, Kamin, Pantoffeln, Pfeife, Whisky. Wem je eine Büchse Motorenoel umgekippt ist, der weiß, wie gemütlich so ein netter kleiner Teppich ist, und wer auch nur je auf irgendeinem Stand auf einen nußgroßen Oelrückstand getreten ist, weiß, wieviel Sach- und Waschzwang dieses nußgroße Stück verursacht. Wer möchte schon auf diesen Teppich treten, der sich da auf Nordeuropas Küsten zubewegt, und überhaupt, was soll denn aus der deutschen Kultur werden, wenn Sylt von diesem Oelteppich umschlossen wird? Man wird ja wohl gelegentlich noch an die deutsche Kultur denken dürfen. War's nun menschliches oder sachliches Versagen, ist es nun ein Unfall oder ein Katastrophe, oder wird man sich zum Frühschoppen-Kompromiß entschließen und es einen katastrophalen Unfall nennen?  

Ganz gewiß ist mit Sachzwang nicht gemeint, daß die Sache, die man Energie nennt, uns nun in eine solche Katastrophe hineinzwingt. Das Gegenteil ist gemeint: der Sachzwang zwingt uns, eine solche Sache um der Sache - welcher? -willen hinzunehmen, nicht nur nicht darüber nachzudenken, was da alles noch passieren kann, auch nicht darüber nachzudenken, was das dann bloß alles kosten mag. Der Sachzwang will, daß wir uns in Fatalismus üben.

 

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