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Baader-Meinhof-Komplexe

18.10.2017 15:59

Der jüngste „Tatort“, der den „Deutschen Herbst“ und die Stammheimer Todesnacht thematisiert, hat eine Debatte ausgelöst, die er nicht verdient hat.

Von Oliver Tolmein 

 

„Baader-Meinhof-Experte Stefan Aust klagt an: RAF-Propaganda im Tatort“ titelte „Bild“ am Montag danach. Da dauerte es nicht lange, bis die Konkurrenz gelaufen kam, um dem Ernst-Dieter-Lueg-Preisträger mit dem Baader-Meinhof-Komplex, der sich nun, da er als Zeitzeuge nicht in der ersten Reihe befragt wurde, als Staats-Anwalt vordrängelte, entschlossen entgegenzutreten.

Für Willi Winkler, „wie Aust Autor eines Buchs über die Geschichte der Terrortruppe“ („Deutschlandfunk“), führt der Pfad der Filmgeschichte vom Sonntagabend (15. Oktober 2017) mit wenigen Umwegen zurück ins Jahr 1979 zur Serie „Holocaust“: „Mit diesem sentimentalen Drama der Judenermordung begann tatsächlich ein Nachdenken, ein Aufarbeiten, eine auch wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Holocaust.“ Wenn es um den „Deutschen Herbst“ geht, geht es in Deutschland auch vierzig Jahre danach noch um reichlich viel, wenn nicht sogar um alles.

Verändert hat sich gegenüber den letzten Jubiläen allerdings das Terrain, auf dem gedeutet und gestritten wird: von der „Politik“ ist man ins Feuilleton gewechselt, an Stelle der – zumindest im Prinzip – auf Faktentreue und Aufklärung setzenden Form der Dokumentation wird die Unterhaltungssendung ausgestrahlt. Paradoxerweise allerdings unterläuft Dominik Graf, der für Regie und Drehbuch des besagten „Tatort“ verantwortlich zeichnet, die Konventionen seiner Gattung. Statt der Eindeutigkeit und Authentizität suggerierenden Mittel des Doku-Dramas à la Breloer, verwendet er Elemente der Mockumentary. Graf mischt historischen O-Ton und fiktive Dialoge, schneidet dokumentarische Bilder in das Krimigeschehen und montiert eine denkbare Variante der Stammheimer Todesnacht, als hätten sie die Überwachungskameras im Hochsicherheitstrakt aufgenommen, die aber damals just in den entscheidenden Stunden ausgefallen waren.

Das ist kunstvoll konzipiert, ebenso wie die den „Tatort“ durchziehende Referenz auf das Bühnenstück „Diener zweier Herren“, das von ungerechtfertigten Schuldzuweisungen einen Mord betreffend handelt. Die Commedia dell‘arte des Pisaer Anwalts Goldoni hat Niels Peter Rudolph 1978 im von Claus Peymann geleiteten Staatsschauspiel Stuttgart als bittere Groteske inszeniert, in der Deklassierten die Lüge als einzige Möglichkeit des Überlebens in einer durch soziale Rechtlosigkeit geprägten Welt erscheint.

Ein Diener zweier Herren ist in Grafs „Tatort“ vor allem Wilhelm Jordan, der viel von der Biografie des historischen Volker Speitel hat (wenngleich der wohl kein autonomer Tierschützer war, wer hat Graf denn bloß diese Facette ins Drehbuch geschrieben?). Speitel hatte in Klaus Croissaints Anwaltskanzlei in Stuttgart gearbeitet, wurde 1977 verhaftet, machte umfangreiche Aussagen und kam dafür ins Zeugenschutzprogramm des BKA. Wie die Figur des Jordan im „Tatort“, übersiedelte Speitel nach Brasilien, kehrte nach Deutschland zurück und wurde Werbechef eines Campingwagen-Herstellers. Aber auch andere Figuren im „Tatort“ mit dem Titel „Rote Schatten“ sind durch ambivalente Bindungen und widersprüchliche Loyalitätsverhältnisse geprägt, wenngleich es hier nicht immer gleich um Verrat geht. 

In den aufgeregten Stellungnahmen der RAF-Experten Stefan Aust und Wolfgang Kraushaar spielt dieses zentrale dramaturgische Element des „Tatort“ keine Rolle. Die Ausspähung der RAF durch Geheimdienste, die Bedeutung der Aussagen von Kronzeugen für die Verfahren und das angebliche Wissen über die RAF werden schweigend übergangen.

Das hat auch Auswirkungen auf die Darstellung der Todesnacht von Stammheim: „Tatort“-Regisseur Graf entscheidet sich in „Rote Schatten“ dafür, mit dem mäßig originellen und auch wenig unterhaltsamen Kunstgriff, einen pensionierten Ermittler plaudern zu lassen, wenigstens einige der seit Jahrzehnten offenen Fragen, Unklarheiten und Widersprüche der weithin durchgesetzten Suizidversion aufzulisten: der Ausfall der Überwachungskameras im siebten Stock gehört dazu, die schwer vorstellbaren Verrenkungen, die vor allem Andreas Baader vorgenommen haben muss, um sich in der vorgefundenen Weise zu erschießen, die Waffentransporte in die Zellen, die in dieser Häufung schwer vorstellbaren Pannen im Verlauf des Todesermittlungsverfahrens und so weiter.

Graf hat auch in kurzen dokumentarischen Einblendungen die damalige Stimmung, in der die Tötung der Gefangenen auf der Straße, in den Medien und wohl auch im Krisenstab gefordert und diskutiert worden ist, eingefangen. Schließlich hat er ein Szenario entworfen und bebildert, wie die drei Gefangenen in Stuttgart-Stammheim getötet worden sein könnten – ein Szenario, das gerade durch die Darstellung möglich erscheint und zugleich in weite Ferne rückt, denn der brachiale, tödliche Einsatz eines solchen Anti-Terror-Kommandos erinnert an die Bilder von entsprechenden Geheimdienstaktionen in aller Welt, die eine Gemeinsamkeit haben: Mindestens einer der nicht ganz wenigen daran mittelbar oder unmittelbar Beteiligten hat irgendwann darüber geredet.

Grafs „Tatort“ gibt wenig Antworten, er erscheint gleichwohl durch eine These vorangetrieben: die auch in der bundesdeutschen Öffentlichkeit immer wieder erörterte Möglichkeit des Suizids unter staatlicher Aufsicht. Der Staat hat demnach den Gefangenen frühzeitig ermöglicht, Waffen in den siebten Stock zu schaffen, durch Kontaktsperre und die geschickte Informations- und Verhandlungsstrategie, den Entschluss der Gefangenen befördert, sich umzubringen und dies dann kontrolliert geschehen lassen.

Auf Grundlage der aktuellen Kenntnisse und Wissenslücken ist auch diese Annahme weder beweisbar, noch kann man sie widerlegen. Darauf kommt es den lautstarken Kritikern dieser „Tatort“-Folge aber auch nicht an. Wolfgang Kraushaar antwortet auf die Frage der „FAZ“, ob es Anhaltspunkte dafür gebe, dass Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin keinen Suizid begangen hätten, sondern umgebracht wurden, ausweichend, aber bestimmt: „Gegen die Annahme einer von staatlichen Kommandos verübten Mordaktion sprechen eine ganze Reihe von Indizien. In meinen Augen hat es schon damals keinen Sinn gemacht anzunehmen, dass die RAF-Spitze nach der Befreiung der Geiseln von Mogadischu - gerade im Moment ihrer größten Niederlage, in dem sie sich kaum des Eindrucks hat erwehren können, dass sie nun für immer und ewig eingesperrt bleiben würde - von staatlicher Seite ermordet werden sollte.“ Auch Stefan Aust besticht in seinen Stellungnahmen nicht durch Faktenstärke, sondern durch ein Dekret: „Es gibt keine ernstzunehmenden Zweifel daran, dass es Selbstmord war.“ Wer es anders sieht, wie Graf, wird nicht widerlegt, sondern beschuldigt: „Das ist RAF-Propaganda.“ Da weht ein kalter Hauch aus dem "Deutschen Herbst" in die aktuelle Debatte. Wer den Konsens in Frage stellt, soll als Sympathisant bloßgestellt werden.

Um Regisseur Dominik Graf muss man sich wohl dennoch keine Sorgen machen. Selbst in dem Blatt, das Aust herausgibt, der “Welt“, hatte Elmar Krekeler schon kurz zuvor eine ganz andere, weitaus klügere und nicht diffamierende Sichtweise auf „Rote Schatten“ angeboten, der eben doch nur ein „Tatort“ sei, wenn auch ein besonderer: „Graf nimmt das Genre, schüttelt es, wirft seine Geschichte, die vielleicht ein bisschen viel erklärt, gegen die Wand der ‚Tatort‘-Konvention. Die bekommt erfreuliche Risse. Und wir bekommen einen ‚Tatort‘, wie es ihn nie gab. Wie es ihn häufiger geben sollte. Aufklärung mal anders.“ Und im gewiss nicht subversiven Deutschlandfunk bekommt Willi Winkler ein Forum nicht nur für eine ironische Attacke auf Aust, sondern auch für die eher zutreffende Einordnung von Grafs Film: „Der ‚Tatort‘ ist für sich ein Feierabendmärchen am Sonntagabend. Wer glaubt denn deswegen, dass es so war? Also ich glaube, die Zuschauer sind einfach gescheiter, die nehmen das doch nicht als Doku-Drama: 'So Leute, jetzt wird die Wahrheit endlich ans Licht gebracht!' Das glaube ich nicht.“

Was also bleibt? Dominik Graf hat eine intelligente Variante des an sich nervenden Genres des „Problem-Tatorts“ gedreht, inklusive persönlicher Betroffenheit der Kommissare („Tatort“-Schauspieler Thorsten Lannert hat mal mit RAF-Sympathisanten in Hamburg in einer WG gelebt). Es wird viel geredet und erklärt, was Längen mit sich bringt und rasches Vergessen der Ereignisse befördert. Die geschickte Dramaturgie, beeindruckende schauspielerische Leistungen und einzelne gut gemachte Szenen können einen über diese offenkundigen Schwächen hinwegtrösten.

Ich schaue demnächst lieber „Americans“, die hübsche Netflix-Serie über KGB-Agenten in den USA unter Reagan (leider ganz ohne Goldoni-Verweise), statt eine Wiederholung von „Rote Schatten“. Und wer wirklich wissen will, was 1977 geschehen ist und welche Bedeutung das für uns noch hat, wird zum Buch greifen müssen – ich weiß allerdings gerade nicht zu welchem, denn so richtig überzeugend sind die erhältlichen Werke zum Thema gerade alle nicht.

Von Oliver Tolmein erschien 1997 im konkret-Literatur-Verlag das Buch "RAF - das war für uns Befreiung". Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke


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