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Das gelebte Nichts

12.07.2013 10:50

In der Amöbenwelt, zu der den Gendertheoretikern die Menschheit geschrumpft ist, gibt es eine neue Zellkultur: die Asexuellen.

Von Magnus Klaue

Wer noch Zweifel daran hegt, daß der auf ungeteilte Freiheit zielende Anspruch der Frauen- und Homosexuellenbewegung unter den Vorzeichen von Gender und Queerness zugunsten einer identitären Cliquen- und Blockwartpolitik preisgegeben wird, die im Namen von »Definitionsmacht« und »Heteronormativitätskritik« den an sich und der Welt verrückt gewordenen Restsubjekten erlaubt, ihren Voluntarismus mit dem guten Gewissen moralisch Größenwahnsinniger auszuleben, der sollte ein paar Stundenmit der Lektüre des Blogs »Mädchenmannschaft« (maedchenmannschaft.net) verbringen. Wo de jure mündige Menschen sich kokett zu Minderjährigen erklären, um eine »Mannschaft«, also einen Block sozialkompatibel Regredierter zu bilden, da ist der sadistische Kindertraum, die Welt möge sich in ein Produkt des eigenen Willens verwandeln, fast schon Wirklichkeit geworden. Stößt man trotzdem noch auf Zuckungen der Restempirie, die aufdringlich daran erinnern, daß die Gesellschaft nicht in »Konstruktionen« aufgeht, wird das residuale Leben im empfindsamen Befehlston gebeten, den minoritär vor sich hinwesenden Menschenhülsen bitte nicht allzu vital auf den Leib zu rücken. Zwar ist man noch nicht so weit wie in den islamischen Ländern, wo im Namen kulturellen Respekts verhängte Kuß- und sonstige Berührungsverbote das öffentliche Leben regulieren, doch weiß der »sensibilisierte«, erfolgreich hirngewaschene Normativitätskritiker zumindest schon, daß Vertreter einer Mehrheit einander nicht einfach spontan um den Hals fallen dürfen, weil jede Spontaneität eine Performance und jede Zärtlichkeit, sofern sie nicht von genderpolitisch unter Artenschutz gestellten Clans ausgeübt wird, ein Gewaltakt ist.

So schreibt ein_e Anna-Sarah in einem Beitrag über »Critical Hetness«, der das schöne Lied der Lassie Singers von der »Pärchenlüge« auf den Hund bringt (alle orthographischen und intellektuellen Übergriffe hier und in den folgenden Zitaten im Original): »Wenn ich in der Öffentlichkeit meinen Boyfriend küsse, führe ich damit anderen Menschen demonstrativ vor Augen, was ihnen versagt bleibt – zum Beispiel jenen, die einander jetzt auch gern küssen würden, es aber nicht tun, um Sanktionen zu vermeiden. Darauf Rücksicht zu nehmen fände ich als Argument für einen sensiblen Umgang mit der eigenen Paarsituation eigentlich schon ausreichend … Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(pärchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere schmerzhaft an ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn. Heteronormativität ist keine Einbahnstraße. Weil hetero ›normal‹ ist, stelle ich mein Hetendasein unhinterfragt zur Schau … und ermutige andere, dies auch zu tun … Ich trage aktiv dazu bei, ein Klima aufrecht zu erhalten, einen Raum zu schaffen, in welchem lesbische, schwule, queere Zärtlichkeit deutlich als ›Abweichung‹ sichtund fühlbar ist.« Daß es keine »schwule«, »queere«, »lesbische« und »heterosexuelle« Zärtlichkeit, sondern nur Zärtlichkeit verschiedenster Formen zwischen verschiedensten Menschen gibt; daß die Kußoffensiven, mit denen Schwule und Lesben in den sechziger und siebziger Jahren ihr Recht auf freie Liebe öffentlich einklagten, nicht darauf zielten, irgendwelchen als »Heten« diffamierten Agenten der Mehrheitsgesellschaft etwas streitig zu machen, sondern für sich zu fordern, was man allen anderen gönnt; daß die Frauen- und die Homosexuellenbewegung jener Jahre also im besten Sinne universalistisch waren; daß es ihren Protagonisten um individuelle Freiheit statt um kulturellen Klimawandel ging und daß sie bei ihren »Performances« zuerst an sich selbst statt daran dachten, was sie durch ihre Handlungen »demonstrieren« oder »aufrechterhalten« mögen; daß sie die überfällige Verwirklichung von Glück und Lust statt deren minoritätengerechte Regulierung wollten – von all dem scheint Anna-Sarah nie auch nur gehört zu haben.

 

Die neue Pärchenlüge

Doch weil Schwachsinn und Redseligkeit seit jeher proportional zueinander sind, ergeben die Kommentare zu Anna-Sarahs Meinungsausstoß, wie meist auf diesem Blog – »Betti @ Autorinnen & Moderatorinnen (und Mädchenmannschaft in general) Hach, Ihr seid so toll!« –,ein buchdickes Kompendium diskursdeutscher Empfindsamkeit. »Es ist ein total schönes Gefühl, zu sehen, dass es Heten gibt die sich damit/ mit ihrem Privileg so schön und tiefgehend auseinandersetzen«, schreibt ein_e Renée und bedankt sich für den »Denkstoff«: »Da wünsch ich mir doch nur, meine HetenfreundInnen würden das lesen …;-) *träum*«. Und »Katze« plaudert sogar offen aus, daß der zerqueerte Feminismus unter dem Alibi von Respekt und Sensibilität die häßlichsten Wünsche autoritärer Pädagoginnen von anno dazumal erfüllt: »Eine Lehrerin hatte zu uns damals in der siebten Klasse mal gesagt, wir sollen doch bitte nicht auf dem Schulhof rumknutschen, das koennte Menschen verletzen, die gerade Liebeskummer o.ae. haben. Damals haben wir ueber sie gelacht, heute kann ich es sehr gut nachvollziehen. Auch wenn man vielleicht nicht direkt weiss, wie man es konkret in die Tat umsetzen soll, so finde ich, allein schon der Schritt des Reflektierens, Hinterfragens und darueber Nachdenkens ein sehr wichtiger. Privilegien sollten immer hinterfragt werden!«

Daß in der vernunftverhafteten Normsprache ein Privileg einen illegitimen Vorteil bezeichnet, der einer dadurch über eine Mehrheit sich erhebenden Minderheit zukommt, und daß es bei dem wichtigtuerisch so genannten »Hinterfragen von Privilegien«, das die Queer-Community betreibt, im Gegenteil darum geht, von einer Mehrheit gepflegte Verhaltensweisen im Namen von Sonderrechten zu sanktionieren, also für das eigene, zum lebensnotwendigen Identitätsmerkmal hypostasierte Minderheitendasein Privilegien zu schaffen, um der »heteronormativen« Mehrheit im Namen minoritärer Empfindlichkeiten allerlei Verhaltensmaßregeln aufzwingen zu dürfen– das sind fast schon Petitessen angesichts der Mischung aus Idiotie und Dreistigkeit, mit der sich geschlechterpolitisch progressiv dünkende Menschen ihr neuerwachtes Verständnis für die Sexualfeindlichkeit der Großelterngeneration bekunden. Auch Anna-Sarah schreibt im queer upgedateten Tonfall der eigenen Oma: »Nicht alle freuen sich darüber, wenn sie Zeug_innen von Liebesbekundungen werden … Höflichkeit, Freundlichkeit, gegenseitige Aufmerksamkeit und ja, eben Rücksichtnahme – das sind für mich Faktoren, die ein angenehmes soziales Klima ausmachen. Jederzeit und überall meinen erotischen Impulsen nachgehen zu können und ungefragt anderer Leute Intimitäten beizuwohnen hingegen nicht ... Turtelnde Pärchen haben keinen Default-Anspruch auf Bewunderung, Mitfreude oder anderweitige Anerkennung.«

Weil man angesichts der Lieblosigkeit, Herzenskälte und Borniertheit der meisten Mitmenschen mit kaum jemandem mehr turteln, händchenhalten, Küsse austauschen oder gar schlafen möchte, neidet man den paar übriggebliebenen »Heten« resp. »Cis-Männern und -Frauen« (als welche hier alle fungieren, die ihre sexuelle Orientierung nicht als restlos politisiertes, bis ins letzte durchkalkuliertes Ritual, sondern auch in der Öffentlichkeit als Privatsache praktizieren) noch ihre kärgliche Lust und spricht ihnen wie der geifernde Schaffner dem Schwarzfahrer das Recht auf »Mitfreude« ab. Die Frage, ob die, sei es pikierte oder freudige Anteilnahme ihrer Umgebung den glücklich Verliebten nicht vielleicht egal ist, weil sie ihr Genügen daran finden, sich aneinander zu freuen, stellt sich den queeren Ordnungshütern überhaupt nicht mehr. Bezieht das Lied der Lassie Singers von der »Pärchenlüge« seinen ermutigenden Impuls aus der Abscheu angesichts der belästigenden Allgegenwart von Leuten, die ihr Pärchentum tatsächlich performen, nämlich als jeder substantiellen Intimität entleertes Rollenmuster ihrer Umgebung lediglich vorführen und vor lauter ostentativem Auf-Liebe-Machen das Lieben längst verlernt haben, so verschafft sich im queeren Pärchenhaß das Ressentiment gegen die glückliche Verlorenheit Ausdruck, in der die Liebe ihren »performativen« Aspekt, die Male schlechter Vergesellschaftung, die ihren Bekundungen anhaften, für Augenblicke hinter sich läßt. Die so verstandene queere Gesellschaft respektiert Liebe, die im Jargon von Kommunikationsmanagern nur noch »Pärchensituation« genannt wird, lediglich, insofern sie restlos in der eigenen Performance aufgeht und sich dessen, was sie »demonstriert «, »aufrechterhält« oder »unterläuft«, permanent bewußt bleibt – sich also zum bloßen Moment des gesellschaftlichen Prozesses erniedrigt und jede Erinnerung an dessen Transzendenz als »Romantizismus« diffamiert.

 

Vom Einzelnen zum Einzeller

Während die kleinbürgerliche Prüderie das transzendierende Moment des Sexus in der Mahnung, ihn nicht allzu deutlich zur Schau zu stellen, zumindest negativ festhält, zielt die nachbürgerliche Prüderie darauf, alle noch vorhandene Restlust in die Affirmation der totalisierten Lustlosigkeit zu verwandeln, die ohnehin Status quo ist. Deshalb können Queere, obwohl sie Homosexuelle als Minorität politisch mitzuschleppen suchen, auch mit schwulem und lesbischem Begehren letztlich nichts anfangen, einfach, weil es überhaupt noch ein spezifisches, an spezifische Objekte sich heftendes Begehren ist. Die einer solchen queeren Gesellschaft entsprechende erotische Kultur wird vielmehr von Leuten gelebt, die sich mittlerweile Asexuelle nennen und seit 2001 in der vom US-Amerikaner David Jay gegründeten Internetplattform »Aven« (asexualitiy.org) zusammengefunden haben. Gemäß der als »Definitionsmacht« kodifizierten Regel, daß jeder Wahn respektiert werden muß, solange die von ihm Befallenen an ihn glauben, ist man der Definition von »Aven« zufolge asexuell, »wenn man sich selbst so sieht«. Natürlich sind die Asexuellen wie jeder postmoderne Clan total plural: »Für manche ist Erregung ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang, obwohl er nicht mit der Suche nach einem Sexualpartner … verbunden ist. Für andere ist Erregung lediglich ein Ärgernis. Manche masturbieren ab und zu, haben aber kein Verlangen nach Geschlechtsverkehr mit einem Partner. Andere … empfinden wenig oder keine Erregung«, heißt es auf »Aven«. Den Asexuellen gemeinsam sei, daß ihr Bedürfnis, »mit anderen Menschen sexuell zu interagieren«, stark reduziert ist und sie »auf die Suche nach Ursachen« dieser Bedürfnisreduktion »verzichten«, weil in der Ursachenforschung die Selbstpathologisierung lauert.

Letztere Bestimmungen finden sich im Gender-Wiki-Eintrag zum Wort Asexualität, in dem auch klargestellt wird, daß Asexualität im Gegensatz zur Askese, aber auch zu Sexualekel, Sexualangst und simpler, vom Zufall erzwungener Einsamkeit, nicht die Abwehr, Unterdrükkung oder notwendige Sublimierung eines als vorhanden anerkannten sexuellen Begehrens, sondern die sture Bejahung von dessen vermeintlicher Abwesenheit meint. Zu dieser Abwesenheit von Sexualität aber können sich die Asexuellen nur deshalb so identitätsheischend wie erfolgreich bekennen, weil, was die Psychoanalyse mit Trieb, Libido und Unbewußtem auf den Begriff zu bringen sucht, sich kaum jemand mehr an der eigenen verkümmerten Erfahrung zu konkretisieren vermag. Deshalb loben die Genderideologen die Asexuellen dafür, daß sie »einen queeren Akt begehen«. Welchen Fortschritt dieser Akt in der Naturgeschichte der Sexualität bedeutet und welche erotischen Umgangsformen künftig zu erwarten sind, beschreibt der Wiki-Eintrag in dankenswerter Deutlichkeit: »Noch bis vor einigen Jahren war der Begriff asexuell fast ausschließlich in Bezug auf Organismen in Gebrauch, die sich durch (Zell-)Teilung und nicht durch Kreuzung zweier Erbanlagen vermehren. Als bekanntestes Beispiel hierfür galt die Amöbe … Stark ausschlaggebend für die Umdeutung und Popularisierung des Begriffs war die Yahoo-Newsgroup ›Haven for the Human Amoeba‹ (d. i. »Aven«; M. K.). Sie wurde mit der Zeit zu einem der bekanntesten Foren für Menschen, die sich als Asexuelle bezeichnen.«

Wer angesichts dessen glaubt, Monty Python seien als Hackergruppe auferstanden, kann sich unter der Überschrift »Asexualität scheint nicht zu existieren« bei der leider definitiv ungehackten »Mädchenmannschaft« (»Unsere Gastautorin Theresia lebt und arbeitet in Berlin und versucht heteronormative Diskurse zu durchbrechen«) eines Schlimmeren belehren lassen. Dort sinniert Theresia im puritanischen, selbstfinderisch vergrübelten Stil der gegenderten Pärchenskeptiker: »Kommerzialisierter, pornofizierter Sex begegnet uns überall und ständig. Sexuelles Begehren wird überall produziert … Es gibt jedoch ein großes Problem, dem nicht nur ich immer wieder gegenüber stehe. Nämlich Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht begehre. Die mir zwar nicht wehtun und in mir auch keinen Ekel auslösen, aber die sich dennoch nicht richtig anfühlen. Nämlich die Frage, wie kann ein asexueller Mensch eine ernsthafte … Zweierbeziehung (falls erwünscht) eingehen, wenn der Mensch, zu dem diese Hingezogenheit existiert, durchaus sexuelles Verlangen hat, also ›sexually driven‹ ist? Wenn die Asexualität genauso unstatisch ist, wie vieles im Leben? … Immer wieder aufkeimende Fragen, ob das Selbst vielleicht doch eher krank ist, oder komisch, oder eigenartig ist, oder ob es Gründe gibt.«

Daß auch dieser Hirnschrott von den Leser_innen begeistert aufbereitet wird (»Ich versuche selbst seit kurzer Zeit ›meine‹ Sexualität mit mir auszuhandeln«; »Ich beschäftige mich selbst seit etwa 3 Jahren mit Asexualität und Aromantik, vor allem in queer_feministischen Kontexten«), ist kein Anlaß für Gelächter, sondern für Grauen vor der Zukunft. Menschen, denen die Begierde, die zwar ihre ist, als somatischer Impuls aber auch über ihre Subjektivität hinausweist, zu einer ihnen verdinglicht gegenüberstehenden »Hingezogenheit« gerinnt, die man je nach Selbstdefinition »empfinden« kann oder nicht; Menschen, die, eben weil sie zum freien Objektbezug, zur Reflexion einer am besonderen Gegenstand gemachten Erfahrung, nicht in der Lage sind, andere Menschen, Gedanken, Gesten und Worte nicht in ihrer Objektivität und Unverfügbarkeit, sondern nur als Stimuli wahrnehmen können, die sich richtig oder falsch »anfühlen« – solche Menschen, deren Babysprech den Grad ihrer Individuation angemessen spiegelt, haben sich tatsächlich freiwillig längst zu Einzellern gemacht, die mit anderen Lebewesen allenfalls »interagieren« können, denen sonst aber humanoide Eigenschaften wie Empathie, Mitleid, Trauer, Fähigkeit zum Glück und zur Wahrheit abhanden gekommen sind. Ein Verrat an allen Emanzipationsbewegungen ist das nicht nur, weil das qua »Definitionsmacht« zur Selbstidentität hypostasierte Sosein der einzelnen, deren Leben in all seiner Kläglichkeit und Schönheit geworden ist und sich auch ändern kann, zum Bannspruch über das Individuum wird. Ein Verrat ist es auch, weil die Traurigkeit und Beschränktheit aller Sexualität heute, die unfreiwillige Einsamkeit ungezählter Menschen und die Liebesunfähigkeit der meisten, die das als »Asexualität « affirmierte Phänomen erst hervorgebracht haben, zur unhintergehbaren Voraussetzung des Lebens erklärt werden, das endlich nicht mehr »unstatisch« sein, sondern mit dem Nichts identisch werden soll.

 Magnus Klaue schrieb in KONKRET 6/13 über Botho Strauß, die Utta Danella der kulturellen Oberschicht

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