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"Den' geht es dann hier besser wie uns"

20.12.2012 16:04

Auf der „Infoveranstaltung“ der Hamburg-Moorfleeter Bürgerinitiative, die die Unterbringung von Asylbewerbern in ihrem Stadtteil zu verhindern sucht, gaben sich Ausländerfeinde und Rassisten ganz ungeniert. Die Lokalpresse spricht von engagierten und besorgten Bürgern. Von Linn Vertein

 

Die meisten Pressevertreter waren offenbar schon im Feierabend, als am Abend des 18. Dezember 2012 in Hamburg-Moorfleet eine sog. Infoveranstaltung zur geplanten Erstunterbringung von Asylbewerbern in der ehemaligen Schule Moorfleet und auf deren Gelände stattfand. Geladen hatte eine Bürgerinitiative aus Moorfleet, zusammengesetzt aus der Arbeitsgemeinschaft Moorfleet (AGM) und dem Sportclub Vier- und Marschlande (SCVM). Als Hauptorganisatorin nennt man Yvonne Stefok, eine Moorfleeter Bürgerin, die sich auch sonst gerne öffentlich zu Wort meldet. Die Initiative empört sich darüber, daß es keine Absprachen mit den Bürgern Moorfleets gegeben habe. Stefok ward dennoch nicht müde, schon vor der Veranstaltung gegenüber der Presse zu beteuern, daß sie nichts gegen die Menschen habe, die dort wohnen sollen.

Allerdings kursierten in Moorfleet mehrere Schreiben und Flugblätter, die ein gegenteiliges Bild von der Initiative und Moorfleeter Bürgern zeigen. Entsetzt über das Schreiben, das die Arbeitsgemeinschaft Moorfleet an den Bezirksamtsleiter Dornquast richtete und das in der Lokalzeitung „Vierländer“ zu lesen ist (www.vierlaender.de/archives/399-100-Fluechtlinge-fuer-Moorfleet.html), fanden sich auch einige Kritiker der Initiative in der Sporthalle ein. Was als „Infoveranstaltung“ angekündigt war, leitete ein engagierter Moorfleeter Bürger ein, der dem Publikum mit einer Powerpoint-Präsentation, neben Fotos von seiner Familie, die elende Situation der Moorfleeter Bürger nahebringen wollte. Im Zuge dessen vertiefte er einige Punkte, die in den Schreiben der Initiative vorgekommen waren und bei den Kritikern für Fassungslosigkeit gesorgt hatten:

Zunächst prangerte er ausführlich Moorfleets Mißstände an: angefangen mit den Strommasten, die das Bild der Stadt verschandeln, über die Verkehrsbelastung, wackelnde Häuser, schlechte Infrastruktur, bis hin zu krebserregenden Schadstoffen in Boden und Grundwasser. Die letzte Folie der Präsentation bezog sich - direkt hinter der krebserregenden Vergiftung -  mit einem Slogan à la „Und jetzt auch das noch“ auf das geplante Asylbewerberheim.

Als es danach die Möglichkeit zu Redebeiträgen gab, übten immerhin auch einige Personen scharfe Kritik an der Initiative, aber auch an der Art der Unterbringung und wandten sich damit an den anwesenden Vertreter des verantwortlichen Trägers Fördern & Wohnen. Eine Arbeitsgemeinschaft aus St. Pauli hat einen sehr deutlichen Redebeitrag mit der Überschrift „Rassismus ist das Problem“ als Antwort auf das Schreiben vorgetragen. Auch eine ältere Moorfleeterin distanzierte sich von der Initiative und rief die übrigen Stadtteilbewohner dazu auf, sich dagegen zu wehren, daß dieses Schreiben in ihrem Namen verbreitet wird. Darüber hinaus entschuldigte sie sich für den Wortlaut des Schreibens und berichtete von einem zweiten Flugblatt, das sie in ihrem Briefkasten gefunden hatte: voll von ausländerfeindlichen Äußerungen, jedoch ohne Unterzeichner.

Wer diese Unterzeichner gewesen sein könnten, war nicht schwer zu erraten, denn mehrmals wurden an diesem Abend in der Turnhalle rassistische Rufe („Den‘ geht es dann hier besser wie uns“ oder „Die kommen doch nur wegen dem Geld“) laut.

Ein Moorfleeter wollte in aller Ruhe besprechen, wie man nun das Problem des Zauns lösen solle - welcher ohne Frage um die Unterbringung zu ziehen sei. Er könne sich ja nun wirklich nicht vorstellen, daß die Flüchtlinge frei im Dorf herumlaufen sollen. Außerdem solle das Gelände Tag und Nacht ausgeleuchtet werden, damit man deren Machenschaften auch 24 Stunden lang beobachten könne. Natürlich bräuchten die Flüchtlingskinder auch einen Spielplatz. Denn auf dem vorhandenen Spielplatz würden ja schon die Moorfleeter Kinder spielen. Applaus in der Halle.

Ein anderer Redner sagte, man habe schon Erfahrungen mit einer Flüchtlingsunterkunft in Moorfleet gemacht. Da sei wohl einiges schiefgelaufen, es habe einen Feuerwehreinsatz gegeben, und alle wären froh gewesen, als die Ausländer dann endlich weg waren. Er verschwieg, daß bei dem Feuer zwei Kinder (zwei und drei Jahre alt) einer Asylbewerberin ums Leben kamen und die Brandschutzvorrichtungen von der Feuerwehr nachträglich bemängelt wurden. Auch daß das Hotel Inter in der Halskestraße, das damals als Notunterkunft diente, danach ein „Totalsanierungsfall“ war, ist laut der Initiative und der Mehrheit der anwesenden Moorfleeter, den Asylbewerbern zuzuschreiben - und nicht etwa den katastrophalen und von der Behörde verschuldeten Unterkunftsbedingungen.

Wenn man sich die Berichterstattung von „Welt“ und NDR 90,3 zu dieser Veranstaltung zu Gemüte führt, gewinnt man den Eindruck, daß diese Medienvertreter an diesem Abend an einem anderen Ort gewesen sind. Tatsächlich beschränkten sie sich darauf ein paar der besagten Moorfleeter und stefok zu befragen, statt der Veranstaltung beizuwohnen.

Die Presseberichte erwecken den Eindruck, als hätte es auf der Veranstaltung ein paar engagierte Bürger gegeben, die zaghaft um Informationen baten, die ihnen jedoch vorenthalten blieben, da ein paar fehlgeleitete Protestschreier ihnen aus keinem ersichtlichen Grund Fremdenfeindlichkeit vorwarfen. Stefok sei darüber „betroffen“ gewesen („Welt“, 20.12.12).

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