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Deutsches Gemüt

23.08.2017 12:02

„Am 23. August 1942“, erzählt der Deutschlandfunk, „eröffnete die deutsche Luftwaffe mit der Bombardierung Stalingrads den Angriff der 6. Armee auf die Industriestadt an der Wolga. Mit den Angriffen begann nicht nur die Leidenszeit der Soldaten aller beteiligten Armeen. Auch die Bewohner der Stadt hatten furchtbare Monate vor sich.“ Hartnäckig hält sich die Parole, im deutschen Vernichtungskrieg habe es Schuld und Leid „on many sides“ gegeben. In konkret 02/13 schrieb Erich Später über die Schlacht um Stalingrad.  

 

Ich möchte bloß wissen, was wir verbrochen haben, daß wir dieses ganze Elend so grausam durchkosten müssen.
Aus einem deutschen Feldpostbrief, Stalingrad, 15. Januar 1943
 

Am 22. Dezember 1942 befanden sich nach Angaben des Oberkommandos der 6. Armee 250.000 deutsche und mit ihnen verbündete Soldaten im Kessel von Stalingrad. Die Einkesselung der Truppen Ende November, kurz nach Beginn der sowjetischen Offensive, hatte all ihre Nachschubverbindungen unterbrochen. Die Nahrungsmittelversorgung war bereits zu diesem Zeitpunkt prekär. Die unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln war für die deutschen Soldaten eine neue Erfahrung. Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion einmarschiert war, hatte sie sich aus dem Land ernähren und dadurch die deutsche Heimatfront entlasten sollen. Diese Hungerpolitik hatten die mehr als drei Millionen Soldaten ohne Rücksicht auf die sowjetische Zivilbevölkerung praktiziert. In der von der 6. Armee im Herbst 1941 eroberten Großstadt Charkow verhungerten im ersten Jahr der deutschen Besatzung mindestens 11.000 Menschen. Im Verfügungsbereich der Armee entstanden ab Herbst 1941 sogenannte »Kahlfraßzonen«, in denen aufgrund der deutschen Requirierungen die sowjetische Zivilbevölkerung zum Hungertod verurteilt war. Mit dem Vormarsch nach Stalingrad im Sommer 1942 hatte sich die Versorgung der Armee rapide verschlechtert. Die Möglichkeiten, die sich durchs Land wälzenden Massen zu ernähren, waren im kargen Steppengebiet zwischen Don und Wolga begrenzt. Für die über 100.000 Pferde der Armee etwa gab es kaum noch Futter. Große Viehherden mußten für die Deckung des Fleischbedarfs über weite Entfernungen herangeführt werden. Allein 1.000 Rinder wurden Tag für Tag geschlachtet, um den Fleischbedarf der Armee zu decken.  

Im Verlauf der deutschen Besatzung und der erbitterten fünfmonatigen Kämpfe verwandelte sich die Region um Stalingrad in eine Wüste. Die Einwohner Stalingrads, die im September und Oktober 1942 in die Hände der Deutschen fielen, wurden aus der Stadt gebracht und in einem eigens am Don eingerichteten Lager selektiert. Von den 38.000 Menschen wurden etwa 20.000 als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschickt. Alte, Kranke und kleine Kinder wurden »in die Steppe geleitet«, wo sie ohne Unterkunft und Nahrung im beginnenden Winter kaum Überlebenschancen hatten.  

In Stalingrad begann der Hunger für die Masse der deutschen Soldaten bereits eine Woche nach der Einkesselung. Das Versprechen der Luftwaffenführung, eine ausreichende Versorgung der Armee mit Munition, Treibstoff und Verpflegung sicherzustellen, erwies sich als unhaltbar. Ende November 1942 wurden die Lebensmittelrationen auf die Hälfte gekürzt. Bereits Mitte Dezember gab es unter den Soldaten erste Hungertote. Die Reaktion der militärischen Führung auf die sich abzeichnende Katastrophe bestand in Durchhalteparolen. Hitler telegraphierte zum Jahreswechsel an den Oberbefehlshaber der Armee: »Sie und ihre Soldaten aber sollen in das neue Jahr eintreten in dem felsenfesten Vertrauen, daß ich und die ganze deutsche Wehrmacht alle Kräfte einsetzen werden, um die Verteidiger von Stalingrad zu entsetzen.« Oberbefehlshaber Paulus ergänzte die Botschaft: »Der Führer hat noch immer seine Versprechungen gehalten und wird es auch diesmal tun.«  

Die Masse der Soldaten und Offiziere glaubte nach wie vor Hitlers Versprechungen. Einen organisierten politischen Widerstand gegen den Kurs der Selbstvernichtung gab es innerhalb der Armee nicht. Fast bis zuletzt leisteten Soldaten und Offiziere Widerstand, dem zehntausende von Soldaten der Roten Armee zum Opfer fielen. Die Wehrmachtssoldaten hatten den ideologischen Charakter des »antibolschewistischen Kreuzzuges« verinnerlicht und einen sich ständig radikalisierenden Vernichtungskrieg gegen die Rote Armee und die sowjetische Zivilbevölkerung geführt. Die massenhafte Ermordung sowjetischer Zivilisten war zur militärischen Routine geworden. Das penetrante Selbstmitleid, das sich in vielen Feldpostbriefen aus dem Kessel widerspiegelt, verdichtete sich nach dem Krieg zu der Vorstellung, die 6. Armee sei nicht Akteur eines monströsen Verbrechens gewesen, sondern das Opfer eines unbarmherzigen Schicksals.  

Die Bindekraft des Glaubens an Adolf Hitler (»Der Führer haut uns raus«) blieb auch unter den Bedingungen der sich abzeichnenden Niederlage lebendig. Noch am 25. Januar meldete das Armeeoberkommando an das Führerhauptquartier, daß man die Hakenkreuzfahne auf dem höchsten Gebäude des Stalingrader Stadtkerns gehißt habe, »um unter diesem Zeichen den Kampf zu führen«. Erst der Schock des sowjetischen Sieges sollte bei einigen Offizieren und Mannschaften in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zu einem allmählichen Umdenken führen, wobei die Wut über den »Verrat des Führers« an der 6. Armee dabei eine wesentliche Rolle spielte.  

Vor Beginn ihrer Offensive zur Befreiung Stalingrads unterbreitete die Führung der Roten Armee den deutschen Truppen ein Kapitulationsangebot:  

Angesichts der für die deutschen Truppen aussichtslosen Lage schlagen wir Ihnen zur Vermeidung unnützen Blutvergießens vor, folgende Kapitulationsbedingungen anzunehmen  

1) Alle eingekesselten deutschen Truppen mit Ihnen und Ihrem Stab an der Spitze haben den Widerstand einzustellen.  

2) Alle Wehrmachtsangehörigen haben sich organisiert zu ergeben. Alle Waffen, die gesamte technische Ausrüstung und das Heeresgut sind in unbeschädigtem Zustand zu übergeben.  

Wir garantieren allen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, die den Widerstand aufgeben, Leben und Sicherheit sowie bei Kriegsende die Rückkehr nach Deutschland oder auf Wunsch der Kriegsgefangenen in ein beliebiges Land … Den Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, die sich gefangen geben, wird sofort normale Verpflegung verabreicht. Allen Verwundeten, Kranken und Frostbeschädigten wird ärztliche Hilfe zuteil.  

General Paulus verwarf in Übereinstimmung mit allen kommandierenden Generälen dieses Angebot mit der Begründung, die Armee sei noch kampffähig. Er gab den Befehl, künftig auf sowjetische Parlamentäre zu schießen.
 

Mit einem Trommelfeuer aus 7.000 Geschützen begann am Morgen des 10. Januar 1943 der sowjetische Angriff zur endgültigen Befreiung der Stadt. Der deutsche Widerstand war erbittert und forderte in den ersten drei Tagen 26.000 Tote und Verwundete auf Seiten der Roten Armee. Bereits am 17. war der Kessel um die Hälfte geschrumpft. Am 23. wurden die restlichen Verbände der 6. Armee auf das Stadtgebiet von Stalingrad zurückgedrängt und die letzten Landepisten der deutschen Luftwaffe erobert. Die sowjetischen Truppen erreichten zur gleichen Zeit die Kriegsgefangenenlager Woroponowo und Gumrak. Nach sowjetischen Angaben waren von den ursprünglich 3.500 sowjetischen Gefangenen noch 20 am Leben.  

Der Verlust der Flugplätze machte die Situation der deutschen Truppen völlig aussichtslos. Aber selbst jetzt lehnte das deutsche Oberkommando ein weiteres Kapitulationsangebot der Roten Armee ab. Ein großer Teil der Soldaten erhielt ab Mitte Januar keinerlei Verpflegung mehr. Besonders katastrophal war die Lage der Kranken und Schwerverwundeten. Das Oberkommando der 6. Armee schätzte ihre Zahl am 26. Januar auf 30.000 bis 40.000 Menschen. 3.000 Schwerverwundete starben Ende Januar beim Brand des zentralen Lazaretts der Armee im Stalingrader Stadtzentrum.  

Am 26. Januar wurde der Kessel in zwei Teile aufgespalten. Koordinierter Widerstand war nicht mehr möglich. Dennoch verweigerte das Oberkommando der Armee weiterhin jede Kapitulationsverhandlung. Erst fünf Tage später, als russische Panzer seinen Gefechtsstand im Stadtzentrum umzingelt hatten, begab sich Paulus mit seinem Stab in Gefangenschaft. Am 2. Februar ergaben sich die letzten Einheiten der Armee im Stalingrader Nordkessel. Bis zuletzt vermieden es Paulus und sein Stab, eine formelle Kapitulationsurkunde zu unterschreiben.  

Die genaue Anzahl der während der Kämpfe seit dem 22. November 1942 gefallenen deutschen Soldaten ist bis heute umstritten, ebenso wie die Zahl derer, die in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Im Kessel befanden sich auch etwa 10.000 Angehörige der rumänischen Armee und als »Hilfswillige« bezeichnete ehemalige Soldaten der Roten Armee und Kollaborateure, die in eigenständigen Formationen auf seiten der Deutschen gekämpft hatten. Die Angaben über die Größe dieser Einheiten und Hilfstruppen sind sehr unterschiedlich und reichen von 19.000 bis 50.000 Mann. Der Militärhistoriker Rüdiger Overmans, von dem das Standardwerk über die deutschen militärischen Verluste im Zweiten Weltkrieg stammt, geht davon aus, daß im Kessel 60.000 Angehörige der deutschen Armee gestorben sind. Overmans schätzt nach Auswertung aller ihm zugänglichen Aktenbestände, daß nach Ende der Kämpfe 110.000 Deutsche in sowjetische Gefangenschaft gerieten. Die meisten hatten aufgrund der katastrophalen Verhältnisse, die in der Stalingrader Region herrschten, kaum eine Überlebenschance. Ein bis zwei Wochen nach der Gefangennahme brachen in allen Lagern Epidemien von Fleckfieber und Bauchtyphus aus, die Zehntausende das Leben kosteten.  

Im übrigen war die Bereitschaft der sowjetischen Behörden, den extrem geschwächten deutschen Gefangenen zu helfen, nicht sehr ausgeprägt. In der Sowjetunion hungerten weite Teile der Bevölkerung. Der Gedanke, die Invasoren, die große Teile des Landes in eine Wüste verwandelt hatten, auf Kosten der eigenen Bevölkerung zu versorgen, erschien unerträglich. Trotzdem verbesserten sich aus politischen und ökonomischen Gründen die Lebensbedingungen für die noch lebenden 33.000 deutschen Gefangenen ab Mai 1943 erheblich. Die Essensrationen wurden erhöht und die Kranken in Lazaretten und Krankenhäusern versorgt. Dabei unterschied sich die Situation der verschiedenen Dienstgradgruppen erheblich. Nach der Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen mußten Offiziere nicht arbeiten und erhielten größere Rationen. Die Sowjetunion beachtete diese kriegsvölkerrechtliche Vorschrift, was zur Folge hatte, daß von den in Gefangenschaft geratenen 22 deutschen und zwei rumänischen Generälen nur einer starb und von den Offizieren die Hälfte die Gefangenschaft überstand (2.800). Hingegen starben 85 Prozent der Mannschaftsdienstgrade. Overmans kommt in seiner Untersuchung über die Behandlung der Gefangenen zu dem Ergebnis, »daß das Massensterben der Gefangenen nicht ein Ergebnis gezielter Politik, sondern die Konsequenz der allgemein katastrophalen Lage der Sowjetunion in diesen Jahren war«.  

Stalingrad war nach dem Ende der Kämpfe am 4. Februar 1943 eine fast menschenleere Trümmer- und Kraterlandschaft. 9.796 Einwohner hatten die Kämpfe in der Stadt wie durch ein Wunder überlebt. Während der fünfmonatigen Schlacht hatte die Rote Armee 1,1 Millionen Soldaten durch Tod, Verwundung oder Gefangennahme verloren, wobei die Zahl der Getöteten 485.000 betrug. Zum Vergleich: An allen Fronten des Zweiten Weltkriegs zusammen verzeichnete die US-Army zwischen 1941 und 1945 407.000 Gefallene.
 

Rüdiger Overmans Aufsatz über die Verluste der 6. Armee ist nachzulesen in dem von Jürgen Förster herausgegebenen Sammelband Stalingrad. Ereignis – Wirkung – Symbol. Piper-Verlag, München 1992.
 

Zum siebzigsten Jahrestag der Schlacht hat der Historiker Jochen Hellbeck eine wichtige Studie veröffentlicht, die zum ersten Mal die Berichte sowjetischer Soldaten und Zivilisten über den Schlachtverlauf auswertet: Jochen Hellbeck: Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten über die Schlacht. S. Fischer-Verlag, Frankfurt a. M. 2012, 608 Seiten, 26 Euro
 

Der Historiker Wigbert Benz hat im letzten Jahr auf knapp achtzig Seiten eine Darstellung der deutschen Hungerpolitik im »Unternehmen Barbarossa« geschrieben. Das Buch ist zu empfehlen, es liefert eine solide, gut lesbare Zusammenfassung des Forschungsstandes: Wigbert Benz: Der Hungerplan im »Unternehmen Barbarossa 1941. Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011, 84 Seiten, 16 Euro.
 

Erich Später schrieb in KONKRET 1/13 über die Vergangenheitsaufarbeitung des Bundes der Vertriebenen konkret

 

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