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»Die Bauern waren immer zu blöd zum Spekulieren«

von Josef Bierbichler/Markus Metz/Georg Seeßlen

16.03.2012 11:59

Am 14. März erhält der Schauspieler und Autor Josef Bierbichler den Preis für das Hörbuch des Jahres, die von ihm selbst eingelesene Audiofassung seines Romandebüts Mittelreich. In KONKRET 1/12 sprach Bierbichler mit Markus Metz und Georg Seeßlen über sein Buch und das Verhältnis von Arbeit und Besitz auf dem Lande.

KONKRET: Deutsche Geschichte wird in der Regel von den Städten her geschrieben, gerade die des vergangenen Jahrhunderts. Entweder kommt das Land gar nicht vor, oder es wird ideologisiert – eben als Antigeschichte, als ewiges Gestern wie im Heimatfilm.

Josef Bierbichler: Der Heiner Müller hat mal gesagt: »Für die Bauern oder die Unterschicht ist Geschichte immer nur als Arbeit aufgetreten.« Festgehalten haben sie das in den unmittelbar notwendigen Überlieferungen, die aber nicht eingedrungen sind in die Geschichtsbücher. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, spekuliere ich, daß in der Geschichtsschreibung die Dinge als technische Entwicklungen verankert sind, die parallel laufen zu geistigen Entwicklungen und die auf dem Land in der mündlichen Überlieferung nicht nachvollzogen worden sind. Deswegen ist dort ein Vakuum entstanden, das vielleicht auch die Angst erzeugt hat, daß eine Beschleunigung stattgefunden hat, bei der man selber nicht mithalten kann. Aus dieser Angst heraus sind auf dem Land anscheinend stabilisierende Ideen lieber aufgenommen worden.

Welche Rolle spielt dann der Besitz als Doppelgeschichte? Als ökonomisches Instrument und als familiärer Fluch, an den alle irgendwie gebunden sind, im guten wie im schlechten.

Ich habe Besitz immer erst mal gesehen als das Eigentum an Produktionsmitteln der Bauern. Das war aber, bei den Kleinbauern zumindest, immer so wenig, daß Ausbeutung nur ganz begrenzt möglich war. Ein Mehrwert war nicht zu haben. Es gab ein paar einzelne Großbauern die sich Knechte und Mägde leisten konnten, die sie dann entsprechend ausgebeutet haben. Gerade in den Getreideanbaugegenden Niederbayerns gab es schon ganz klare Ausbeutungssysteme. Aber für die klassischen Kleinbauern war das Land ein Produktionsmittel, die konnten es deswegen nicht veräußern, darum gab es auch keine Teilung bei der Erbschaft. Immer einer hat das Ganze bekommen, die anderen sind ausgezahlt worden bzw. mußten verschwinden auf andere Höfe als Knechte.

Aus meiner Familiengeschichte weiß ich, daß es dabei von Generation zu Generation sehr große Unterschiede gab, abhängig von der allgemeinen Ökonomie, der Politik und dem Geschick der Bauern, das Beste aus ihrem Besitz, ihren Produktionsmitteln zu machen. Das »Mittelreich«-Sein war da, wo es keine »Sommerfrischler« gab, kein stabiler Zustand über die Generationen.

Das kenne ich so nicht. Wenn welche unfähig waren zu wirtschaften, durch Suff oder so etwas, dann ist das Gefüge, an dem die gesamte Familie hing, gleich ganz zusammengebrochen und ist von anderen übernommen worden, die gut gewirtschaftet haben. Wenn es gute und schlechte Zeiten gab, dann war es doch im ganzen Land so. Die Höfe waren da immer gleich arm. Vom Wetter waren sie bei uns nicht so abhängig wie in anderen Weltgegenden, wo es Hungersnöte gab. Und dort, wo die Armut permanent war wie zum Beispiel im Bayerischen Wald, da haben sie, wenn es Hoffnungsschimmer am Horizont zu geben schien wie etwa Amerika, die Gegend verlassen und sind abgehauen.

Und wie war es mit den Binnenwanderungen?

Schweizer Bauern haben ihre Kinder ins Schwäbische zur Ausbeutung geschickt, damit sie sie nicht ernähren mußten in dieser Zeit. Interessant ist auch, daß es zwischen Bauern keine Solidarität gab wie zwischen Unternehmern, die sich immer gegenseitig unterstützt haben. Weil der Grundbesitz natürlich überhaupt keinen Wert gehabt hat außer dem, daß er die Nahrungsmittel geliefert hat, die man im wesentlichen selber verbraucht hat. Darum waren Übernahmen relativ einfach, weil der reine Bauerngrund nie besonders teuer war. Er kostet auch jetzt in unserer Gegend drei Euro pro Quadratmeter, wogegen die Hanglage zum See runter, die potentiell zu bebauen ist, dann 1.000 oder 2.000 Euro kostet.

Dann gibt es ein irrationales, ein gespaltenes Verhältnis zum Boden? Mit dem »Blut und Boden« - Mythos der Nazis, aber auch der Heimatfilme hat es ja überhaupt nichts zu tun, daß aus dem Produktionsmittel auch ein Spekulationsobjekt werden kann.

Der Boden war immer nebenher das Produktionsmittel, aber gleichzeitig ist ein Verhältnis zum Besitz tatsächlich entstanden, und das hat zu einer Abgrenzung im Bewußtsein gegenüber der besitzlosen Arbeiterschaft geführt. Das habe ich tatsächlich noch mitgekriegt: Die Arbeiter sind als Störenfriede angesehen worden, wenn sie gestreikt haben. Deren Aufgabe war eigentlich, zufrieden zu sein, wenn sie eine Arbeit haben. Von Arbeitern haben sich Bauern diesbezüglich immer bedroht gefühlt, weil sie gemeint haben, sie neiden ihnen das Besitztum. Das Besitztum, das eigentlich eh nichts wert war, außer daß es eben ein Produktionsmittel war und daß man die Arbeit selber leisten konnte. Daß man die eigene Arbeit nicht verkaufen mußte, das ist das Privileg der Bauern gewesen. Oft schon das einzige.

Ich kann mich erinnern, daß bürgerliche Leute, etwa Beamte, prinzipiell die Macht oder den Besitz der Bauern falsch eingeschätzt haben. Der Bürger träumt immer vom Besitz und weiß gar nicht, wie unterschiedlich Besitz sein kann. Deswegen hat der gedacht, der Bauer ist so etwas wie ein Unternehmer, so wie im Heimatfilm der reiche Bauer immer daran zu erkennen war, daß er gierig weiter Land dazugekauft hat.

Beim Unternehmer ist der Besitz Anlagewert, Stützung der Wohlhabenheit, Sicherung der Einnahmen, aber es ist kein Produktionsmittel. Im Wilhelm Tell erzählt Schiller von der Begegnung des Tell mit dem Landvogt Gessler, der Beamter der Besatzungsmacht ist. Die begegnen Gessler hat Todesangst vor Tell, weil er meint, jetzt ist er im Nachteil. Der läßt ihn aber vorbei. Das wird beschrieben als die Demütigung des Besitzlosen durch den Besitzenden, weil der Tell über Land verfügt hat. Da kommt das schon vor, und deshalb dann auch die Rache hinterher.

Dann hat schon immer das Verhältnis von ökonomischem und symbolischem Wert des Landes in die Selbsteinschätzung der Bauern hineingespielt. Aus der Perspektive der armen Peripherie scheint das Problem der armen Kleinbauern hier im bayerischen Oberland gar keine so große Rolle zu spielen. Der symbolische Wert des Landes hat auch den kleineren Bauern Vorteile verschafft.

Die Großbauern waren in der Donaugegend, wo im großen Stil Getreide angebaut werden konnte; hier waren es immer Milchviehbauern. Und sie haben natürlich hier immer die Gegend mitverkaufen können, vielleicht weil München näher ist, waren die oberbayerischen Bauern bevorzugt. Sie haben Zimmer vermieten können, drum schaut alles so sauber aus. Die Bauern leben nicht mehr von ihrer Arbeit in der Landwirtschaft, sondern die machen sie nebenher, weil sie sonst nichts zu tun haben. Aber das Geld haben sie aus dem Fremdenverkehr. Und gelegentlich, wenn sie etwas reparieren oder ein neues Haus bauen wollen, verkaufen sie ein Grundstück.

Die Umwandlung dieser Vorstellung von Land hin zum Spekulationsobjekt hat eine lange Geschichte. Das haben Sie auch in Ihrem Buch beschrieben: Wenn die ersten Städter kommen und sich eine Villa bauen, dann ändert sich die Einstellung zum Land vollkommen.

Bei uns findet es noch nicht so statt. Seit ich lebe, ist nur ein Bauernhof Baugrund geworden, da ist der Bauer am Suff verreckt, das steht auch im Buch, und seine Frau hat einen Verwalter genommen, und der hat das dann verkauft. In meiner Gegend haben die Bauern vollkommen standgehalten, denen hat es gereicht, daß sie privilegiert leben, wenn sie Zimmer vermieten können. Dagegen ist in Orten wie Ammerland oder Tutzing der Druck irgendwann anscheinend riesengroß geworden, die haben die ganzen Ländereien verkauft. Um München ist es genauso, da gibt es die Millionenbauern, denen aber auch nichts anderes übriggeblieben ist, die wären sonst enteignet worden. Und richtig spekuliert haben dann Stellvertreter. Die Bauern waren immer zu blöd zum Spekulieren, den Instinkt hatten sie bis dahin nicht – bis auf ein paar wenige, die dann bei der CSU etwas geworden sind.

Aber ist damit nicht schon wieder die Geschichte zum Verschwinden gebracht – im »Erhaltenen«? Die Zeit muß dann irgendwie stehenbleiben, damit so eine Art Disneyland oder Freilichtmuseum daraus wird. Die Ungleichzeitigkeit von Stadt und Land ist auf eine neue Weise wieder da.

Das sagen viele, daß das jetzt zum Museum wird. Es schaut aus, als ob die Zeit stehenbleibt. Es ist plötzlich irgend etwas anderes, Fremdes, Stehengebliebenes. Ich habe im Buch versucht zu beschreiben, daß es eine Parallelität gibt. In der Stadt sind neue Berufe entstanden durch die Manufakturen. Die Beamtenschaft ist nach und nach entstanden, ebenso die Verwalter der Vermögen. Mit denen ist dann in den Städten das Freizeitbegehren aufgekommen. Früher ist man nur an den Stadtrand gefahren, jetzt hat man größere Reisen unternommen. Von denen haben wiederum die Landbewohner profitiert, die in Gegenden gelebt haben, wo die Städter plötzlich ein Platzbegehren angemeldet haben für die Urlaubszeit. Da war das eine die Folge des anderen.

Und die einen haben mitgemacht, andere nicht.

Ja, es gab welche, die sich dann selber musealisiert haben. In den durch Tourismus reichen Gebirgsorten sieht man manchmal ein einzelnes vollkommen heruntergekommenes Haus, in dem tatsächlich noch ein alter Mann oder eine alte Frau wohnt. Die haben sich verweigert und leiden wahrscheinlich furchtbar: rundherum diese furchtbaren neuen Häuser, diese Skihotels, Sportmonster, in der Mitte ein ganz alter Bauernhof. Das ist schon hart, sie haben es nicht geschafft zu flüchten oder mitzumachen. Das wäre auch eine Geschichte, die man aufschreiben könnte, das Leben so eines Verweigerers.

Es ist ja auch ein Modell für das Große: Es gibt in diesen Orten diejenigen, die nicht profitieren von den Gewinnen, die aber die Schulden bezahlen, die dabei entstehen, weil man ständig wachsen muß ...

Um Starnberg herum ist der reichste Landkreis der Republik, noch vor Baden-Baden. Das betrifft aber eben nicht die Stadt Starnberg, die ist richtig arm und hätte vor drei oder vier Jahren beinahe Konkurs anmelden müssen, weil die reichen Bewohner ihre Steuern woanders zahlen, aber trotzdem die Infrastruktur nutzen. Die Steuern zahlen sie dort, wo sie ihre Betriebe haben.

Das ist wirklich ein Brennglaseffekt für den Neoliberalismus. Man übersieht oft, daß Neoliberalismus auch auf dem Land passiert, nicht nur in der Stadt.

Die haben riesige Villen hier und Grundflächen drumherum, aber zahlen keine Steuern. Der letzte Arbeiter und der letzte Bauer in Starnberg, die müssen d

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