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Die Homöo-Paten

17.07.2017 13:22

Aus den Leserreaktionen: "schizophren", Agentin der "Pharmalobby", "Hexenverfolgung" von "Andersdenkenden". Was Mira Landwehr in konkret 6/17 über Quacksalberei als staatlich gefördertes Geschäftsmodell schrieb, sollte unverdünnt konsumiert werden.

 

Die US-amerikanische Behörde für Lebens- und Arzneimittelsicherheit (FDA) stellte Ende Februar einen Zusammenhang zwischen dem Tod von zehn Kleinkindern und der Gabe von Globuli mit Tollkirschextrakt zur Behandlung beim Zahnen her. Im Zeitraum von 2006 bis 2016 seien über 400 Fälle massiver Nebenwirkungen nach der Einnahme der homöopathischen Tabletten dokumentiert. Schon zuvor hatte die FDA mehrfach gegen die als harmlos und nebenwirkungsfrei geltenden Arzneien einschreiten müssen: 2009 war es nach Einnahme eines zinkhaltigen Mittels bei etlichen Patienten zum Verlust des Geruchssinns gekommen, 2014 fand die Behörde Penizillin in Homöopathika gegen Entzündungen.

In Deutschland kam die Techniker-Krankenkasse kürzlich zu einigem sozialmedialen Ruhm mit dem Eingeständnis, lieber Zuckerkügelchen statt Krankentransporte zu bezahlen – wie auch die überwiegende Mehrheit deutscher Krankenkassen: Insgesamt 20 Millionen Euro geben sie jährlich im Kampf um gesundheitsbewusste Versicherte für homöopathische Behandlungen und Arzneien aus.

Die Homöopathie entspricht keinen medizinischen Standards, kann gesundheitsschädlich und mitunter tödlich sein und bindet finanzielle Mittel, die damit für sinnvolle Therapien verloren sind. Homöopathen glauben entgegen grundlegenden Gesetzen der Physik, dass, je weniger Wirkstoff in der Wasser-Alkohol-Lösung enthalten ist, die auf ihre Globuli aufgesprüht wird, desto besser die Wirkung sei, da Wasser ein Gedächtnis besitze und »Informationen« speichern könne. Sie bezeichnen diese Verdünnung irreführend als Potenzierung.

Bei der Einnahme geringer Verdünnungen wie C1 oder D3, in denen noch Reste der Grundsubstanzen nachweisbar sind, können Vergiftungen und Langzeitschäden auftreten (spätestens ab C12 beziehungsweise D24 ist kein Molekül des Ausgangsstoffs mehr nachweisbar). Quecksilber, Arsen, Tollkirsche, Stechapfel, Erdöl, zerstampfte Bienen, verwestes Rindfleisch und pathologisches Material wie Blut, Eiter, Tuberkulose-Erreger oder Krebszellen gehören zu den Basisstoffen der Homöopathie. Dank geschickter Lobbyarbeit halten viele sie für ein Naturheilverfahren – zu Unrecht.

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller gibt an, dass im Jahr 2015 in Deutschland Homöopathika für 595 Millionen Euro umgesetzt worden sind, eine Zunahme von 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr; Tendenz weiter steigend. Die sogenannte Alternativmedizin erfreut sich großer Sympathie und Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung: Jede/r zweite Deutsche hat schon einmal die kleinen weißen Zuckerkügelchen geschluckt, jede/r vierte macht die Wahl seiner Krankenkasse davon abhängig, ob Homöopathie im Leistungskatalog inbegriffen ist, und 80 Prozent der Anwender/innen sind von einer Wirkung über den Placeboeffekt hinaus überzeugt. Für ein Erstgespräch bei einem der rund 7.000 in Deutschland praktizierenden Homöopathen zahlen Patienten 120 bis 200 Euro pro Stunde. Etwa 60.000 deutsche Ärzte verschreiben die Mittel regelmäßig.

Die Hauptzutat der Globuli, raffinierter Zucker, kostet auf dem Weltmarkt um die 30 bis 40 US-Cent pro Kilo. In ihrer Rohform sind die Zuckerkugeln für knapp 50 Euro das Kilo zu haben, während sich ihr Preis durch das Aufsprühen homöopathischer Lösungen auf rund 800 Euro pro Kilo erhöht. Der homöopathische Veredelungsprozess macht aus einem billigen Stoff weißes Gold, denn die verkaufsfertigen Globuli übersteigen gewöhnlichen Supermarktzucker preislich um das 1.200fache. Und je weniger Wirkstoff, desto besser, wirksamer – und teurer: Zehn Gramm Arnica in der Potenz D6 gibt es in der Apotheke für circa sechs Euro, für eine 1000er-Potenz muss der Gläubige schon knapp 35 Euro zahlen.

Ein in jeder Hinsicht lukratives Geschäftsmodell: Die Forschung zu evidenzbasierten Arzneimitteln, die medizinisch-wissenschaftlichen Standards genügen, ist teuer, die Prüf- und Zulassungsverfahren sind langwierig. Ganz anders bei der Alternativmedizin: Homöopathika, anthroposophische Therapeutika sowie Phytopharmaka (pflanzliche Arzneimittel) haben im Arzneimittelgesetz (AMG) seit dessen grundlegender Neuformulierung 1976 einen Sonderstatus als »besondere Therapierichtung« mit erleichtertem Zulassungsverfahren und müssen keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen, klinische Studien betrachtet der Gesetzgeber nicht als notwendig. Ebenfalls sind die Ärzte nicht verpflichtet, auftretende Nebenwirkungen zu melden. Gut für Pharmaunternehmen, die mit den beliebten Mittelchen ohne großen Aufwand Kasse machen. So gibt es in deutschen Apotheken Figur-, Mutterglück- und Elektrosmog-Globuli.

Aus gutem Grund ist das AMG von 1961 weitgehend abgeschafft worden – Auslöser war der Contergan-Skandal. Das alte Gesetz sah keine verpflichtenden Studien zu Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Medikamenten vor. Allein die genannten Quacksalbereien sind hiervon weiter ausgenommen. »Sachlich ist das nicht zu rechtfertigen«, stellt Jürgen Windeler, Leiter des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, fest.

Die Politik protegiert den Unfug nicht nur durch gesetzlichen Schutz, sondern auch, indem sie ihm ihren offiziellen Segen verleiht: Barbara Steffens, nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin, lässt sich von der Vorsitzenden des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), Cornelia Bajic, umschmeicheln und ist »überzeugt« davon, dass die Homöopathie »wirkt«; der Bremer Homöopathenkongress stand 2016 unter der Schirmherrschaft der Wissenschafts- und Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt, und die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz ist stolze Schirmherrin des Mitte Juni stattfindenden internationalen Ärztekongresses der Homöopathen in Leipzig, auf dem es unter anderem um homöopathische Autismus- und Krebstherapien und die Behandlung von Frühgeborenen mit Hilfe von Globuli gehen soll.

Josef Hecken, Leiter des Gemeinsamen Bundesausschusses, der den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung festlegt, fordert vom Gesundheitsministerium ein Kostenübernahmeverbot von Homöopathie durch die Krankenkassen, um der Verbreitung der Pseudomedizin keinen Vorschub zu leisten. Eine Gleichstellung mit evidenzbasierter Medizin durch Gesetzgeber und Krankenkassen hält Hecken für ein fatales Signal. Das Ministerium indes schweigt. Schlimmer noch: Die Bundesregierung ist besorgt über den Entwurf zu einer EU-Verordnung über Tierarzneimittel, der Einschränkungen bei der Gabe von Homöopathika im Stall bedeuten würde.

Wenn Homöopathie bei Schnupfen hilft, dann auch bei schwerwiegenden Erkrankungen. Davon sind nicht wenige Homöopathen überzeugt und machen mit Glaube, Hoffnung und Angst von Patienten gute Geschäfte. Im Schweizer Klinikum Santa Croce will man Krebs allein mit Homöopathie heilen, die Kosten für einen zweiwöchigen Aufenthalt betragen 2.500 Euro. Der Witwer einer Krebspatientin, die eine solche Behandlung als letzte Heilmethode ansah und ein Jahr später starb, sagte Reportern der ARD-Sendung »Plusminus«: »Das ist das Geschäft mit der Angst eines Todkranken.« Das kritische Netzwerk Homöopathie, das über die Pseudomedizin aufklärt, bezeichnet diese Art der Behandlung »als eine Art unterlassener Hilfeleistung«, dies sei »ihre schlimmste Nebenwirkung«.

Der Glaube spielt beim Erfolg der alternativen Medizin die wichtigste Rolle, und mit vernünftigen Argumenten ist ihren Anhängern nicht beizukommen. Seit der deutsche Arzt Samuel Hahnemann gegen Ende des 18. Jahrhunderts das sogenannte Simile-Prinzip der Homöopathie aufstellte, haben insbesondere Pfarrer und Theologiestudenten für die Verbreitung der Irrlehre gesorgt. Hahnemann gab die Doktrin aus: »Wer nicht genau in derselben Spur geht wie ich, wer abweicht, und sei es nur um den Bruchteil nach links oder rechts, ist ein Verräter, und ich will nichts mehr mit ihm zu schaffen haben.« Die Homöopathie-Aussteigerin und geächtete Nestbeschmutzerin Natalie Grams kann das bestätigen. Nachdem sie der Schwurbelmedizin den Rücken gekehrt, ein Buch über die Risiken geschrieben hatte und mit ihrer Kritik an die Öffentlichkeit gegangen war, hatte sie das »Gefühl, als wäre ich aus einer Sekte ausgestiegen«. Die Homöopathie sei »eine Art Einstiegsdroge in ein gefährliches, antiwissenschaftliches Weltbild, das mit den Globuli geschluckt wird«. Heute erhält sie Drohbriefe ihrer ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, und der DZVhÄ initiierte eine Rufmordkampagne gegen sie.

»Die Homöopathie hat eine Lobby, die es im Gegensatz zur Pharmalobby geschafft hat, so gut wie unsichtbar zu bleiben«, stellte Grams gegenüber der »Welt« fest. »Zum einen sind es Pharmafirmen, die an Globuli verdienen, einige haben eine Art Homöopathie-Zweig. Diese Firmen verdienen mit den Zuckerkugeln im zweistelligen Millionenbereich.«

Doch es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Berufung. Mitglieder des neokolonialistischen Vereins Homöopathen ohne Grenzen (HOG), der seine Selbstbezeichnung verschleiernd in Anlehnung an die seriöse Organisation Ärzte ohne Grenzen gewählt hat, sehen ihre hehre Aufgabe in der Rettung der verelendeten, sogenannten dritten Welt mit Globuli, die im Kampf gegen Malaria, Ebola, Cholera ein geeignetes Mittel seien.

Ortrud Lindemann, Homöopathin ohne Grenzen und wie viele ihrer Kollegen überzeugte Impfgegnerin, sprach auf ihrer Ebola-Mission 2014 davon, »gesegnet« zu sein, und zwar »mit 110 Mitteln in drei- bis vierfacher Potenz«, und weiter: »Wir sind dazu bestimmt, dem Volk Liberias zu helfen im Kampf gegen Ebola mit homöopathischen Mitteln.« Der Leipziger Michael Kölsch, Honorarkonsul Liberias, der mit einer Homöopathin verheiratet ist, meinte zu der Mission: »Ich denke, dass gerade die afrikanische Bevölkerung offen ist für alternative, sanfte Heilmethoden und insofern die Homöopathie nach Afrika eigentlich ganz gut passen könnte.« Immerhin erhielten die Grenzenlosen in Liberia keinen Zugang zu Erkrankten. Regierungsmitarbeiter intervenierten gegen das Ansinnen der Heiler ohne Wissen, denn Ebola mit homöopathischen Mitteln behandeln zu wollen, sei nicht vereinbar mit den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation.

Die grenzenlos Verstrahlten betreiben Lobbyarbeit in Ländern, die mit den Folgen von Bürgerkriegen (Sierra Leone), Naturkatastrophen (Haiti) oder Epidemien (Liberia) zu kämpfen haben. Das Ziel soll sein, nicht nur selbst homöopathische Behandlung anzubieten, sondern vor allem vor Ort Leute zu schulen, damit sie selbst Homöopathie anwenden und weiterverbreiten. Der Fokus liegt nicht auf der Hilfeleistung, sondern auf der Verbreitung der eigenen Heilslehre, die den dortigen Regierungen als günstige Alternative zur »Schulmedizin« verkauft und leider auch angenommen wird. Die weißen Medizinmänner und -frauen sind aufgrund ihrer Skepsis gegenüber den Errungenschaften der modernen Medizin (Schutzimpfungen etc.) eine ernste Gefahr für Patienten in diesen Ländern. Hinzu kommt, dass das meist ohnehin gering bemessene Gesundheitsbudget durch die Ausgaben für solche Quacksalbereien weiter schrumpft.

Wo es überhaupt keine medizinische Versorgung gibt, sind Kranke für jede Hilfe dankbar, doch dies führt dazu, dass die einzige Versorgung aus netten Worten und Arzneien ohne Wirkung besteht und der Aufbau einer echten medizinischen Infrastruktur gebremst, wenn nicht vereitelt wird.

Der neueste Clou der HOG besteht in der Traumabehandlung von Flüchtlingen in Deutschland. Auch hier geht es in erster Linie um die Verbreitung des weißen Aberglaubens und ums Spendensammeln; wofür andere eine jahrelange Ausbildung brauchen, dafür reicht den HOG ein zweitägiger Crashkurs. Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin am Exeter-College, weist auf die nicht zu unterschätzende ideologische Komponente der HOG hin: »Wann immer Wissenschaft missbraucht wird, um ideologischen Glaubenssystemen zu dienen, werden ethische Standards mit Füßen getreten.«

Der 2013 an einem Hirntumor verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der seine Krankheit in einem Blog verarbeitete, musste sich immer wieder mit Kurpfuschern herumschlagen, die ihm von der Chemotherapie abrieten und absurde Pseudotherapien empfahlen. Herrndorf verlangte nach Chemie statt Natur, denn letztere bringe ihn schließlich um. Für die selbstgerechten Heiler und ihre Versprechen hatte er klare Worte: »Die Zahl der Irren nimmt nicht zu, aber auch nicht gerade ab … Ich wünsche ihnen allen Hirnkrebs an den Hals, auf dass sie sich ihr informiertes Wasser innerhalb wissenschaftlicher Studien zu Testzwecken mal selbst ins Ohr spritzen können, wahlweise an ihren von gesegneten Händen zusammengepanschten Natursäften ersticken, der halbe Liter zu hundert Euro.«

Mira Landwehr schrieb in konkret 2/17 über Veganer an der Querfront

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