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Die Larve

von Rayk Wieland

03.03.2012 11:53

Was ist der designierte Bundespräsident Joachim Gauck eigentlich für einer? In einem Porträt des damaligen »Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR« in KONKRET 08/97 lieferte Rayk Wieland sachdienliche Hinweise

1

I enjoy what I am doing.

Joachim Gauck, 1997

In unserem ganz normalen Menschenleben wird geliebt, werden Kinder geboren, hat man berufliche Erfolge und gibt es wunderbare Berge und die wunderschöne See und Moore und Heide. In den Worten von Joachim Gauck, dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, klingt das freilich etwas romantischer: »In unserem ganz normalen Menschenleben wird geliebt, werden Kinder geboren, hat man berufliche Erfolge und gibt es wunderbare Berge und die wunderschöne See und Moore und Heide. Das klingt ein bißchen romantisch, das Leben ist aber manchmal so.« Anlaß dieser famosen und freimütigen Konfession waren die »Akademiegespräche«, eine Veranstaltung des Bayerischen Landtages und der Akademie in Tutzing im Februar dieses Jahres. Thema seines Vortrags: »Wem nützt die Auseinandersetzung mit der Diktatur?«

In gleicher Sache und an gleicher Stelle aber hatte Gauck auch genau ein Jahr zuvor das Wort ergriffen. Der Titel seiner »Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesung« an der Ludwig-Maximilians-Universität München lautete hier: »Unterwerfung, Anpassung, Widerstand - Anmerkungen zum Leben unter totalitärer Herrschaft«. Und, siehe, damals hatte Gauck schon einmal das Thema am Wickel und frug aber diesmal: »War die Helle über Meer und Strand, Bodden, Feld, Wald, Dorf und Stadt nicht vielleicht deshalb so eingeprägt in meine Kindheits- und Jugenderinnerungen, weil alle Schönheit inmitten einer bösen und bedrohlichen politischen Umwelt existierte und offensichtlich der angestrengten Kinderseele Tröstung und Überlebensmittel war?«

Ein weiteres Jahr früher wiederum hatte sich Gauck im Zeitungsinterview der Helle über dem Gelände der Kindheit gar nicht mehr entsinnen können, sondern statt dessen nur heftiges Fernweh erinnert, entweder Richtung Hawaii oder wahlweise nach Capri: »Denken wir als Ältere an die Zeit nach dem Kriege: Irgendwann haben wir uns heftig nach Hawaii fortgesehnt und nach Capri« - nach Capri, wo die rote Sonne im Meer versank? -ja sicher: »nach Capri, ‘wo die rote Sonne im Meer versank’«.

Überzeugender als Joachim Gauck kann man die 1989 erkämpfte und gewonnene Meinungsfreiheit schlecht beanspruchen: In nur zwei Jahren leistet er sich drei Meinungen zum Paradiesbonus des hiesigen und aushäusigen Daseins, die zudem mit einer für einen ehemaligen Pfarrer der ehemaligen DDR überaus respektablen Anspielungsdichte aufwarten. Die sich teils ergänzen, teils widersprechen und in summa aber offenbar ein durchschlagendes Lebensthema variieren: den Kampf des Wunderbaren mit dem Bedrohlichen, des Normalen mit dem Schlimmen und des Bewahrenden mit dem Entweichenden, kurzum: des Schönen mit dem Bösen bzw. der Freiheit mit der Erbsünde. Es sind dies eigentlich keine richtigen Wichtigkeiten, aber im wesentlichen die politischen Vokabeln, mit deren Hilfe es Joachim Gauck zum Superstar der DDR-Bürgerrechtsbewegung gebracht hat, zum in der Tat einzigen, dem es gelungen ist, sich an der Spitze der großdeutschen Politik zu etablieren. Seine Behörde, seit 1990 tätig, zählt rund 3.000 Mitarbeiter, die im Laufe ihrer Mitarbeit ca. 2 Millionen Stasi-Akten »erschlossen« und mehr als 650.000 Menschen »evaluiert« bzw. »gegauckt« haben - »eine notwendige Drecksarbeit, die zu tun ist«, wie Gauck selber eingesteht.

2

Schon im Alter von zehn Jahren wußte ich, daß der Sozialismus ein Unrechtssystem war.

Joachim Gauck, 1991

Schon im Alter von neun Jahren, bekannte G. später habe er gewußt, daß der Sozialismus ein Unrechtssystem war.

Munzinger Archiv

Was Gauck umtrieb, bevor er als »Revolutionspastor«, Volkskammerabgeordneter des Neuen Forums und schließlich Bundesbeauftragter in Erscheinung trat, ist nicht leicht zu eruieren. Seine eigenen Auskünfte hierzu sind zwar pittoresk, aber insgesamt dürftig, so daß man wohl oder übel auf die Unterlagen zurückgreifen muß, welche die Stasi seinerzeit über ihn im Operativen Vorgang »Larve« angelegt hat. Sie sind allerdings, nachdem Gauck 1990 Gelegenheit hatte, seine weder numerierten noch plombierten Akten allein einzusehen und ggf. zu sortieren, nicht mehr so aussagekräftig, wie sie u. U. sein könnten. Zu diesem Fall hat Joachim Gauck selbst mißverständlich Stellung genommen: In der WDR-Sendung »Gespannt auf ... « behauptete Gauck 1995 ohne Zögern, es seien, als er seine Akte eingesehen habe, »viele Leute« dabeigewesen; auf einer Pressekonferenz 1991 im IPZ hatte er hingegen offen bekannt, seine Akten »in einem auch den anderen Archivmitarbeitern zugänglichen Raum allein eingesehen« zu haben, und dies »nicht ungewöhnlich« gefunden.

Seine Vita, in Kürze, ist die: 1940 in Rostock geboren, wuchs Gauck in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. »Anständig, ehrlich, nicht faul sein, immer zu seinen Fehlern stehen - das gaben ihm«, dem »FAZ-Magazin« zufolge, »seine Eltern als Lebensziel mit.« 1949 erlebte er, am Geburtstag seiner Großmutter, die Verhaftung seines Vaters durch die sowjetische Geheimpolizei, angeblich wg. einer auf dein Dachboden des Hauses aufgefunden Fachzeitschrift für Nautik. Das prägte ihn tief - »abgrundtief« - »das Gefühl, wir sind jederzeit wegnehmbar«. 1958 mußte er, weil ihn »vor allem das Philosophische interessierte«, er aber dafür keinen Studienplatz erhielt, evangelische Theologie studieren, wurde 1967 ordiniert und arbeitete bis 1989 als Pfarrer. Auf »der Suche nach Wissen, Wahrheit und Orientierung« erfüllte ihn das seelsorgerische Amt voll als »aufmerksame Begleitung von Mitmenschen«. So weit, so wacker.

In den achtziger Jahren leitete Gauck die Kirchentagsarbeit in Mecklenburg und baute in seine Predigten allerhand Zitatwerk von Rosa Luxemburg und Martin Luther King ein sowie Texte des Propheten Amos. Er sorgte sich darum, daß das »menschliche Gesicht des Sozialismus« nicht klar genug zu erkennen und daß die »Internationale«, wenn sie auf den Festen der Herrschenden erklinge, zu einem »entleerten Ritual« verkommen sei. »Erschütterung, Wut und Schmerz«, schreibt die »FAZ«, »hat er dabei nicht verheimlicht.«

3

Wahrheit macht frei.

Joachim Gauck, 1996

Vor der Wahrheit kommt die Wahrnehmung.

Joachim Gauck, 1991

Kaschiert hat er etwas anderes, nämlich seine Kontakte zur Staatssicherheit, die sich in dem erwähnten Operativen Vorgang »Larve« niederschlug. Der Kasus, der 1991 ohne größere Beachtung durch die Presse ging, sei hier zur gefälligen Beachtung noch einmal kurz dargestellt.

1988 informierte Gauck die Staatssicherheit über den Verlauf des Kirchentags in Rostock. Im Gespräch bemerkte er u. a., wie das im folgenden zitierte Protokoll von MfS-Hauptmann Terpe festhält, daß 60 Prozent der Mitarbeiter entlassen werden müßten, damit das MfS, effektiver arbeiten könne, und freute sich über den auf einem »hohen Niveau« geführten Dialog zwischen Marxisten und Christen. Des weiteren äußerte er seine Sorge darüber, daß die »positiven Zielsetzungen, die die sozialistische Gesellschaft in der DDR hat«, nicht erfüllt würden und daß »ein Großteil der DDR-Bürger ein devisenorientiertes Konsumdenken besitzt, das schon seine ideologischen Spuren bei den Menschen hinterlassen« habe. Außerdem fand sich Gauck bereit, »dahingehend wirksam zu werden, die ihm bekannten Übersiedlungsersuchenden durch Gespräche, mehrmalige Gespräche zu beeinflussen, damit sie in der DDR bleiben«. Daraufhin wurde Gauck »gedankt für seine Initiativen, für seine langfristig gute Zusammenarbeit und Durchführung des Kirchentages, ihm wurde auch gedankt für seinen hohen persönlichen Einsatz, und dieser Dank wurde vom Mitarbeiter nicht nur aus persönlichen Gründen vorgebracht, sondern ihm wurde auch deutlich zu verstehen gegeben, daß dieser Dank seitens des MfS an Gauck ergeht«.

Abschließend schätzte Gauck ein, daß ihn der Besuch des MfS in seiner Wohnung »im Ergebnis dieses Gespräches angenehm überrascht habe, daß der Inhalt dieses Gespräches ihn dazu veranlassen wird, seine Haltung zum MfS zu überdenken«, und führte wiederholt aus, daß es »für ihn und auch für das MfS ... dringend notwendig sei, die Attraktivität des Sozialismus entscheidend zu steigern«, woraufhin ihm versichert wurde, daß der von ihm beantragten Einreise seiner in die BRD übergesiedelten Kinder - ein absolutes Novum in der DDR - »durch die zuständigen staatlichen Stellen zugestimmt wird«. Der Notwendigkeit, »bei einem konkreten Anlaß« ein weiteres Gespräch zu vereinbaren, stimmte Gauck zu, und in der »Operativen Auswertung« vermerkte das MfS, daß Gauck im Gesprächsverlauf »keine Zurückhaltung gegenüber dem Mitarbeiter erkennen ließ ... und das Gespräch von gegenseitiger Akzeptanz charakterisiert« war, und schlug abschließend vor, »den OV ‘Larve( zu archivieren und einen IM-Vorlauf anzulegen«.

Wie mit derlei Aktenvermerken umzugehen sei, hat Gauck wiederholt dekretiert: »Wir haben die Sicht des MfS wiederzugeben«, sagte er z.B. im Interview mit der »SZ« 1995. »Niemand erwartet in Akten die `Wahrheit.« Festzustellen sei aber, daß auch »in strittigen Fällen kaum jemand die in den Akten festgehaltene Zusammenarbeit mit dem MfS bestreitet«. Einer dieser wenigen ist freilich er selbst. Mehrfach hat Gauck erklärt, daß es über ihn keinen »IM-Vorlauf« gebe (»Die Behauptungen, es gäbe über mich einen IM-Vorlauf, sind unwahr ... Ein IM-Vorlauf wurde über mich nie angelegt«, Gegendarstellung im »ND«), sondern lediglich eine »Opferakte« - und mehrfach laviert. Denn die dubiose und rechtsstaatlich nicht eben glorreiche Unterscheidung in Täter- und Opferakten wurde erst durch die Gauck-Behörde, Jo. Gauck himself, eingeführt.

Nachträglich zu erklären, welche Regeln des Handels geboten waren und welche ihn bestimmten, seine Tätigkeit mit der Staatssicherheit zu koordinieren, dürfte ihm indes schwerfallen, hatte er doch selber einst klargestellt: »Ich will mir aber heute nicht von der Minderheit der IM in der Kirche bzw. denen, die auf andere Weise zu verständnisvoll und hilfsbereit waren, erklären noch nachträglich bestimmen lassen, welche Regeln des Handelns damals geboten waren.« So mußte Gauck zu seiner Verteidigung ein schon wahrlich rabulistisches, quasi jesuitisches Argument anführen. Den Vorwurf, er habe unter dem Decknamen »Larve« für die Mielke-Truppe gearbeitet, entkräftete er mit dem Hinweis, daß es in der für Kirchenobservierung zuständigen Hauptabteilung XX/4 eine »Ausnahmeregelung« gegeben habe, wonach in »seltenen Fällen Personen ohne ihr Zutun von der Stasi zum IM gemacht« worden seien. »Das Nichtwissen um die eigene Mitarbeit stand dann in der Akte drin. ... Wenn das nur 13 Personen unter 100.000 betraf, dann ist dieser Tatbestand für die 13 so wichtig, daß ich das nicht verschweigen kann.«

Gewiß. Einer weniger, wäre anzumerken, blieben zwölf. Mehr hatte auch Christus nicht an seiner Seite.

4

Ob ich noch einmal Pfarrer werde, weiß ich nicht. Ich kann mir ebensogut vorstellen, mich als Ostdeutscher in der Politik bemerkbar zu machen.

Joachim Gauck, 1997

Anfang 1990 war G. als aussichtsreicher Anwärter für das Amt des Rostocker Oberbürgermeisters im Gespräch, lehnte die Kandidatur aber mit dem Hinweis auf die Verbundenheit mit der mecklenburgischen Kirche ab.

Munzinger Archiv

Als diese Selbstverstrickungen 1991 bekannt wurden, wäre Gaucks politisches Schicksal wohl entschieden gewesen, hätte nicht der damalige Bundesinnenminister Schäuble ihn seiner Solidarität versichert. Mit Gaucks Amtsenthebung wäre die gesamte »Reeducation« (Gauck) der DDR-Bevölkerung unter dem alleinigen Kriterium ihrer Stasitäter-/Opferdichotomie undurchführbar geworden. Eine komfortable Koalition von Bedenkenträgern aller politischen Parteien, darunter Weizsäcker, Süssmuth, Geißler, Ullmann, Schorlemmer etc. pp., hatte sich bereits, wg. Gefährdung des inneren Friedens resp. der inneren Einheit, vehement dagegen ausgesprochen: »Wir sind nicht die Richter.« Andere forderten wiederum, daß ebenso die Akten von BND und Verfassungsschutz nun jedermann zugänglich gemacht werden müßten - eine naive, jedoch nicht unsinnige Forderung, die freilich die Auflösung auch dieser Dienste bedeutet hätte. Gauck aber, der Bundesbeauftragte, erblickte in derlei Ansinnen eine unzulässige »Relativierung« - BND und Verfassungsschutz seien demokratisch legitimierte und kontrollierte Organisationen - und sah keine Veranlassung, den eben erst errungenen Spitzenjob gleich wieder abzugeben. Zumal er ihm Gelegenheit bot, bei seinen Auftritten den lange erprobten, zu DDR-Zeiten allerdings noch ziemlich rot eingefärbten Pastoren-Sermon in eine leuchtende Apologie der Gegenwart zu transformieren, in einen unerschütterlichen Pauschalvoluntarismus, dessen fade Grundelemente sind: -

die Erinnerung an das Schreckensregime des DDR-Staates: »Wie es scheint, haben wir in der DDR Franz Kafkas Vorstellung von der unheimlichen Bedrohung des Menschen durch anonyme, allgegenwärtige Mächte noch übertroffen«; -

die Idealisierung des Wendegeschehens, als das Volk der DDR sich auch von perfideren Tricks der Staatsmacht nicht einschüchtern ließ: »Es war ziemlich ungemütlich in Plauen. Gummiknüppel, Polizeihubschrauber und die Feuerwehr wurden als Wasserwerfer zweckentfremdet«; -

den positiven nationalen Bezug: »Man muß ja die Liebe zum Gemeinwesen nicht an der mißbrauchten Liebe, die in unserem Land so oft grassierte, zur Heimat, zur Scholle definieren. Vielleicht ist es an der Zeit, diese altmodischen Wörter und ihre Inhalte neu zu bestimmen«; -

die Gleichstellung der »braunen und roten Diktaturen« in Deutschland hinsichtlich ihrer Effekte - der »Prägung der Menschen« -, wobei der NS-Zeit noch zugute gehalten wird, daß sie nur zwölf und nicht vierzig Jahre währte: »Die Diktaturen, wie sie auch heißen, welcher Ideologie sie auch anhängen und welche Fahnen sie auf ihren Türmen aufziehen, machen mit den Unterworfenen, mit dem normalen Volk das gleiche: Sie verwandeln fortwährend den Bürger in den Untertan«; -

die damit verknüpfte Unterstellung, daß Antifaschismus nur dann glaubhaft sei, wenn er mit einem »wahren, authentischen Antikommunismus« einhergehe: »Ich bin von Herzen Antifaschist, aber Sie werden es mir nur dann glauben, wenn Sie auch spüren, daß ich aus Anstand und Moral und aus Wissen Antikommunist bin«; -

die Lobpreisung der Geschichte der Bundesrepublik. »Sie haben hier im Westen Traditionslinien, auf die ein deutscher Demokrat nun wirklich stolz sein kann. Sie hier im Westen haben in gemeinsamer Bemühung eine so lange Phase von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit organisiert, daß eigentlich jedes Jahr am 3. Oktober ein Tedeum fällig wäre«; -

die hierdurch erwiesene geglückte Aufarbeitung der NS-Gesellschaft, mit der die gesamtdeutsche Gegenwart nichts mehr verbinde: »Ich kann deswegen auch nicht verstehen, warum wir die Traditionslinien dieses von mir so gepriesenen demokratischen Gemeinwesens in die nationalsozialistische Vergangenheit ziehen«; -

die Vor- und Leitbildfunktion, die gegenüber ihren noch zu domestizierenden ostdeutschen Untertanenmenschen den westdeutschen Citoyens zukomme: »Ich stellte sie mir als Lehrer in Zivilcourage für eine Bevölkerung vor, die niemals gelehrt worden ist, solches zu tun«; -

und, den Schlußstein zu setzen, die finale Apotheose und ADAC-Idealisierung des real existierenden Kapitalismus, wo auch die Ostdeutschen sich nicht grämen müßten, wenn ehemalige Parteikader als Immobilienhändler im Jaguar vorfahren, sondern Trost bei der Erkenntnis, daß »gute Menschen heute nicht prinzipiell daran gehindert werden, gutes Geld zu verdienen«, empfinden: »In welchem Land haben die guten Menschen das gute Geld und die guten Autos! «.

Weitere Zutaten sind Allensbach-Umfragen. Pro Rede und Vortrag je eine Erwähnung von Hannah Ahrendt und ein Zitat von Vaclav Havel (»Die Macht der Mächtigen kommt von der Ohnmacht der Ohnmächtigen«). Plädoyers für Zivilcourage, Mut, Beunruhigung und die Nähe der Beunruhigten, die zu suchen sei, in die man aufzubrechen habe. Und eine Sentenz, die Gaucks frei galoppierende Formulierungskünste stets aufs neue und albernste herausfordert und geht: »Keine Nacht der Diktaturen war je so schwarz, daß alle Bürger gleichermaßen katzengrau geworden wären«, oder mitunter so: »Die Nächte der Diktatoren waren nie schwarz genug, um alle Katzen grau zu machen«, oder aber auch, in der reflektierten Langfassung, einmal so: »Wenn wir wirklich gelebtes Leben ernst nehmen, werden wir immer wieder der einfachen Wahrheit, daß bei Nacht alle Katzen grau sind, den zweiten genaueren Blick gönnen, der das Gegenteil feststellt« - nämlich daß gar nicht alle Katzen nächtens grau und nicht das Gegenteil von grau sind, sondern, wie ein dritter Blick zeigte, alle Kühe, und auch nicht grau, sondern, »wie man zu sagen pflegt«, schwarz, jedenfalls Hegels Vorrede der Phänomenologie des Geistes zufolge, in welcher die »Naivität an Erkenntnis«, die dies überhaupt vorauszusetzen beliebt, zur Sprache kommt.

Der Rest: Platitüden, Nonsense-Sätze und Stilblüten sonder Zahl. In seinem demagogischen Bedürfnis, auf eine emotionale Ebene mit seinen Zuhörern zu kommen und sie zu korrumpieren, ergießt er einen kruden, bisweilen skurrilen Gedankenbrei über das Auditorium und verklebt alles zu einer zähen Monströsität. »Liebe Landsleute aus dem Osten, lassen Sie uns«, beginnt er in Weimar seine »Rede über Deutschland«, »zurückgehen ... , ich muß das einfach, um auf eine emotionale Ebene mit Ihnen zu kommen. Lassen Sie uns zurückgehen, an den Oktober 1989 denken, noch nicht an den November. Jene Zeit des Lachens und des Weinens von uns, den Hartgesottenen, jenes Erleben in uns noch einmal wach werden lassen, das ein so verwirrendes Ineinander von Saat und Ernte sein sollte.«

Noch Verwirrenderes wird wach, wenn seine Lieblingswörter »Mitgift« oder »Species« mit von der Partie sind und es, alle Menschen betreffend, beruhigend heißt: »Es gehört nämlich zur Mitgift der Species Mensch, daß er auch anders kann, als als Untertan zu leben«, und dann doch wieder Ausnahmen gemacht werden: »Intellektuelle, wir wissen es längst, sind die Angefochtensten unter der Species Mensch. Nicht, daß sie ‘schlechter’ wären als ihre Zeitgenossen, sondern daß sie ihre Fehler, Schwächen, ihr Versagen und ihre Schuld verbergen können hinter oft kunstvollen Systemen, das macht sie doch wohl so versuchlich und ist Ursache besonderer Gefährdung.« Solange es jedoch jenseits der Hoffnung noch Hoffnungsgründe gibt, kann keine Trauer sein: »Neben aller Trauer über den langen Schlaf der Vernunft, wie der Freiheitsliebe gibt es also Hoffnungsgründe, jenseits der Hoffnung auf kluge Menschen, die uns die Welt deuten.« Genau.

»Schluß-Punkt-Aus« (Gauck): Der Mann weiß nichts, kennt nichts, kann keinen einzigen geraden Satz aufsagen und ist, wg. seines vormaligen Daseins als »Larve«, sowieso befangen, erpreßbar, unaufrichtig, unglaubwürdig und beschränkt genug, den Bundesbeauftragten für die 180 Kilometer von Akten zu geben, die seit sieben Jahren über Wohl und Wehe von Millionen Menschen, vornehmlich DDR-Bürgern, entscheiden. Und wird's vermutlich noch bis ins 2 1. Jahrhundert hinein munter weitertreiben. Sein pastorales Weltbild, dem einzelnen, der nicht den Mut hatte, »Nein zu sagen«, »Citoyen zu sein«, »die Begeisterung zu verweigern«, alle Schuld und Sühne, Buße und Bürde, Reue und Rache aufzuladen, sowie seine nach »Freiheit, Recht oder Gott« - und jetzt Achtung - »‘wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser’ suchende Sehnsucht« prädestinieren ihn wie keinen andern zum Blockwart der deutschen Vereinigung, der er ist und der es versteht, zur rechten Zeit die rechten historischen Parallelen zu ziehen.

»Warum eigentlich«, ruft er 1994 in seiner Rede »Über Deutschland« aus, »hat mir niemand von den rund zweitausend Juden erzählt, die im Berlin der Nazi- und Kriegszeit den Schrecken überlebt haben? Da müssen doch nicht nur ein oder zwei, sondern Hunderte, vielleicht gar Tausende von Helfern in Berlin gelebt haben« - die Gauck, nein: nicht anzeigen, sondern ehren und auszeichnen möchte und die das Deutschland in den Grenzen von 1997 so gern als Gewährsmänner seiner neuen weltfriedensstiftenden Rolle an seiner Seite hätte.

Ja, warum eigentlich? Vergessen wird man sie nicht haben.

Ein einziges Mal nur, und damit Feierabend, hat Gauck, jedenfalls nach der Lektüre von 180 Millimetern Reden, Vorträgen, Aufsätzen und Erklärungen, einen Sachverhalt richtig getroffen und adäquat zum Ausdruck gebracht, auch wenn er's eigentlich wieder ganz anders meinte. Doch die von ihm so oft gedengelte Sprache behielt unter der Hand diesmal die Oberhand - als er schrieb: »Was Erich Loest, Rainer Kunze, Freya Klier, Jürgen Fuchs oder Wolf Biermann in Worte fassen konnten, ruht bei vielen immer noch unbewältigt als Stein in der Seele.« Stimmt. Und was er, Gauck, in Worte fassen kann, ebenso. Nur ruht's leider nicht, sondern röhrt eher wie ein Hirsch. Gauck - unbewältigt als Hirsch in der Seele? Frisches Wasser, bitte.

Zum Weiterlesen empfiehlt die Redaktion außerdem Patrick Gensings Text über den Sarrazin-Versteher und Holocaust-Relativierer Gauck bei Publikative.org: http://www.publikative.org/2012/01/04/ware-gauck-der-bessere-wulff/

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