Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Aus aktuellem Anlass

„Es ist nicht einfach, sich gegen die Führung durchzusetzen“

von Jakob Moneta

12.03.2012 11:58

Am 3. März verstarb der Gewerkschaftsaktivist Jakob Moneta im Alter von 97 Jahren. Moneta, geboren am 11. November 1914, trat 1931 in Köln in die Jugend der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) ein. 1933 emigrierte er nach Palästina, kehrte 1948 nach Köln zurück. Von 1952 bis 1962 war er Sozialreferent der westdeutschen Botschaft in Paris, danach bis 1978 Chefredakteur der IG-Metall-Mitgliederzeitschrift »Metall«. Wegen „Unterstützung der Bestrebungen der PDS“ wurde er 1990 aus der SPD ausgeschlossen und trat daraufhin in die PDS ein. In KONKRET 10/2004 sprach er über das Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie.

konkret: Nach der letzten Gewerkschaftsrunde im Kanzleramt war zu hören, daß es keine Annäherung zwischen Bsirske/Peters und Schröder gegeben habe, man sich aber im Februar wieder treffen wolle. Haben die Gewerkschaften endgültig ihren Frieden mit der Regierung gemacht?  

Moneta: Die Regierung hat keines der Versprechen, die sie den Gewerkschaften gegeben hat, gehalten, von neuen Arbeitsplätzen keine Spur. Ich glaube nicht, daß die Gewerkschaften es sich erlauben können, das länger mitzumachen. Das wäre eine Katastrophe. Ich habe noch sehr gute Erinnerungen an die Weimarer Republik. In dem Moment, wo die Gewerkschaften sich den regierenden Sozialdemokraten unterworfen haben, entstand der Bruch: Danach konnten die Arbeiter nicht mehr kämpfen. Ich glaube aber nicht, daß sich das wiederholen wird. Es gibt einen großen Gewerkschaftsflügel, der das nicht mitmacht. 

konkret: Warum läßt dieser Flügel so wenig von sich hören?  

Moneta: Schauen Sie sich doch einmal an, in wie vielen Betrieben es in letzter Zeit Streiks gab. In der Metallindustrie ist es vielerorts gelungen, neue Angriffe abzuwehren. Die Gewerkschaft NGG hat in der Nahrungsmittelbranche zahlreiche erfolgreiche Arbeitskämpfe durchgeführt. Sicher: Ausschlaggebend sind die großen Gewerkschaften wie Verdi. Wenn die sich wegnehmen ließen, was sie erkämpft haben, würden sie viele Mitglieder verlieren – so wie die SPD.  

konkret: Ist die Burgfriedenspolitik der Gewerkschaften verantwortlich für die sinkenden Mitgliederzahlen?  

Moneta: Absolut. Diese Politik können die Gewerkschaften auf Dauer nicht durchhalten.  

konkret: Der Verdi-Vorsitzende Bsirske sagte im »Stern«-Interview, er wolle die Hartz-Gesetze nicht mehr bekämpfen. Hubertus Schmoldt, Chef der IG Bergbau-Chemie, sagt: »Die Linie des Kanzlers stimmt.« Protestiert in den Gewerkschaften niemand gegen solche Äußerungen?  

Moneta: Es ist in den Gewerkschaften nicht einfach, sich gegen die Führung durchzusetzen. Es gibt aber auch dort Leute, die nicht alles mitmachen wollen, sie sind aber noch in der Minderheit.  

konkret: Während diejenigen das Sagen haben, die gewerkschaftsweit wahrscheinlich nicht in der Mehrzahl sind. Wie kommt das?  

Moneta: Manche an der Spitze des DGB sind gleichzeitig sozialdemokratische Abgeordnete. Sie glauben, daß sie die Linie der Partei vertreten müssen. Andere sitzen in den Aufsichtsräten der Unternehmen und stehen daher unter Druck. Das ist eine deutsche Besonderheit. Glauben Sie, daß jemand, der zigtausend Euro einsteckt, noch die Interessen der Arbeiter vertritt?  

konkret: Müßten die Gewerkschaften anders organisiert sein, um Widerstand leisten zu können?  

Moneta: Wenn es zum Widerstand kommt, sind die deutschen Gewerkschaften ausgezeichnet. Ich habe große Streiks erlebt, bei denen es nur zwei Prozent Streikbrecher gab. In Frankreich z.B. war das immer ein Problem. Dort waren die Gewerkschaften nach dem Krieg stark, aber sie haben sich gespalten und viele Mitglieder verloren. Dort erfolgreiche Streiks durchzuführen, ist viel schwieriger.  

konkret: Im Vorfeld der Tarif-Auseinandersetzungen bei VW hat Peter Hartz ein radikales Programm zur Enteignung der Beschäftigten vorgestellt. Obwohl die VW-Belegschaft zu 97 Prozent gewerkschaftlich organisiert ist, kann man nicht sicher sein, daß sich Hartz nicht doch durchsetzt und unter anderem den Haustarifvertrag kippt.  

Moneta: Es gibt harte internationale Konkurrenz. Denken Sie etwa daran, wie General Motors versucht, die Arbeiter in Rüsselsheim gegen die in Schweden auszuspielen. Ähnliches passiert bei VW. Es gibt viele, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, die lieber länger für weniger Lohn arbeiten, als entlassen zu werden.  

konkret: Was halten Sie von einem gesetzlich fixierten Mindestlohn, über den derzeit diskutiert wird? Die Gewerkschaften scheinen sich da nicht einig zu sein.  

Moneta: Ich verstehe, daß die IG Metall Angst hat, ihre Tarifverträge könnten keine Gültigkeit mehr haben, halte einen Mindestlohn aber für eine absolute Notwendigkeit. Es kommt natürlich darauf an, wie hoch der sein wird. Die Mindestlöhne in anderen europäischen Ländern sind relativ hoch, verglichen mit dem, was in Deutschland in einigen Branchen gezahlt wird. Wenn es aber einen Mindestlohn gibt, dann müssen die Gewerkschaften das Recht haben, ihn einzuklagen.  

konkret: Hat es sich inzwischen eigentlich in der Gewerkschaft herumgesprochen, daß die SPD nicht ihr Bündnispartner ist?  

Moneta: Ja, das ist ein großer Unterschied zur Weimarer Republik, wo die Gewerkschaften alles mitgemacht haben. Ich glaube nicht, daß die Gewerkschaften sich heute so an der Nase herumführen lassen werden wie damals. Heute wird auch innerhalb der Gewerkschaften gegen die SPD gekämpft. Denn wenn wir das alles mitmachen würden, könnte es uns genauso gehen wie in der Weimarer Republik.

Zurück

Ins Archiv

Ins Archiv der konkret-News geht es hier entlang.