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Für Hitler und Horten

07.08.2017 11:16

Heute wäre Emil Nolde 150 Jahre alt geworden. Hartmut Schulze hatte in konkret 11/74 über das Comeback Noldes und anderer Nazikunst geschrieben.

 
 

Es gibt genügend Leute, die strikt und konsequent gegen Realismus sind. Zum Beispiel die Faschisten. Sie haben ein Interesse daran, daß die Realität nicht geschildert wird, wie sie ist. Und mit ihnen hat der ganze Kapitalismus dieses Interesse, wenn er es auch in weniger drastischer Form vertritt. George Grosz hat sich nicht viel weniger formale Freiheiten erlaubt als Franz Marc. Herr Hitler donnert dagegen, daß die Pferde bei Marc nicht so sind, wie in der Wirklichkeit, aber er behauptet nicht so laut, daß die Bürger bei Grosz anders sind als in der Wirklichkeit.  

Bert Brecht
 

Nostalgie. Wir können das nicht mehr hören. Vor wenigen Jahren allerdings war der Begriff fast nur Medizinern geläufig (nicht einmal der zweibändige Brockhaus von 1965 kennt ihn) und stand für ,krankhafte Sehnsucht', ,Heimweh'. Anläßlich der „Luve Story" war's wohl, daß das schicke Fremdwort zum erstenmal profaniert wurde, angereichert durch die Bedeutungskomponente ,Kitsch', ,Schmalz'. Auf daß es auch die ganze Nation nachplappere, machte der ,Spiegel' eine Titelgeschichte draus: NOSTALGIE. Ein Trend entstand und seine Genesis läßt Reißbrettplanung vermuten, wo sich doch so vieles im Selbstlauf regelt. Nur angetippt werden muß das Perpetuum mobile. Und dies Geschäft besorgen Offiziere des Kulturbetriebs, die sich selbst nicht ungern „Trendmacher" nennen lassen.
 

Die Ausformungen und Wucherungen ihrer letzten großen Welle sind bekannt, am harmlosesten noch der Trödel-Boom. Aber unter dem Trödel tauchten auf einmal so viele Hakenkreuze auf und Führerbilder und „Mein Kampf", ganz zerfleddert für 70 Mark. Und niemand kümmerte sich mehr um den § 86 a des Strafgesetzbuchs, der dies doch verbietet, denn der Bürger Trend hatte inzwischen die Hitler-Welle gezeugt.
 

Der Mode-Mechanismus gleicht dem in der Konfektions-Industrie, nur erfüllt sich sein Zweck im Ideologie-Betrieb nicht allein in der Geldschneiderei.
 

Faschismus-,Bewältigung' als Biographie konnte sowohl die Geschichtskatastrophen-Theorie, die vom Faschismus spricht, aber vom Kapitalismus schweigt, fortschreiben, als auch mit dem Mythos vom genialen Dämonen unterschwellig Sympathie für einen neuen starken Mann wecken. „Literarisches Thema dieses Jahres im Film, im Fernsehen und in Zeitschriften war Hitler" schreibt der ,Spiegel' 1973. Ein Jahr später kreieren die Trendmacher eine neue Variation des Themas, bereichern es durch ein weiteres Accessoire: Der dernier cri heißt ,Die Kunst im Dritten Reich'!
 

Skrupel kommen auf. Fügen wir uns mit diesem Manuskript nicht selbst dem Modediktat? Kaum; die ideologische Kooperation der Redaktionen von ,Zeit', .Das III. Reich' und ,Spiegel' etwa funktioniert genauso gut wie die wirtschaftliche ihrer Verlage. Ihre Publizität machen sie sich selbst. Sogar (in Maßen, versteht sich) die negative. Die herrschende Meinung ist nicht mehr aufzuwerten. Ein Stückchen Transparenz in die monopolistische Meinungsindustrie zu bringen, kann nur ihren Opfern dienen.
 

Also: Im Mai 1973 gibt das ,Zeit-Magazin' (mittlerweile wohl wichtigstes Forum der Trendmacher) den Startschuß. Als Hauptartikel erscheint „Musen im Gleichschritt. Kunst im Dritten Reich" von Eckart Klessmann. Sein Schluß: „Die überlebenden Maler und Bildhauer... werden seit 28 Jahren mißachtet, weil sie 12 Jahre lang bewundert wurden. Ihnen müßte Gerechtigkeit widerfahren. Man hole ihre Werke aus den Depots und zeige sie der Öffentlichkeit: Sie sollte richten." Artig folgt die Schwester-Zeitschrift ,Das 111. Reich'. Seit Anfang dieses Jahres reproduziert sie regelmäßig ein schönes Stück arischer Leinwand. Und bald zieht auch der ‚Spiegel‘ nach. Im August nimmt er ein Buch des Frankfurter Kunsthistorikers Berthold Hinz, „Die Malerei im deutschen Faschismus" zum Anlaß, als Aufmacher im Kulturteil das „Ende der Berührungsangst" vor Nazi-Kunst zu propagieren.
 

Ob hier eine Angst zu überwinden war oder nicht - Tatsache ist, daß die vom Hitler-Faschismus geförderte Malerei bisher kaum zugänglich war. (Und wer hat sie vermißt?) Alles, was nicht noch heute über Industrieellen-Kanin und Kriegsverbrecher-Vertiko hängt, alles, was die Amerikaner nicht als Andenken mitnahmen, wurde nach 1945 im „Collecting Point", zwei Münchner Depot-Räumen, verstaut: rund 600 Gemälde, diverse Skulpturen und Architektur-Modelle.
 

Hauptthemen sind der Herrenmensch, als Soldat, als Bauer, selten als Arbeiter; die Frau, als Mutter geadelt und als nacktes Lustobjekt, meist antiseptisch, selten lasziv; unverfängliches Feld-Wald-und-Wiesen-Genre und Glorie des Hakenkreuzes. Das alles ist, so Klessmann, meist „miserabel gemalt. Geschluderte Partien, anatomische Verzeichnungen sind nicht selten, Hilflosigkeit in der Komposition, lächerlich gespreizte Attitüde der Figuren sind häufig."
 

Der Bildhauer Arno Breker, einer der Protagonisten auf der braunen Kultur-Szene, beklagt in seiner 1972 erschienenen Autobiographie, daß die politischen und wirtschaftlichen Köpfe des Dritten Reiches weitgehend rehabilitiert worden seien, „nur auf kulturellem Sektor leben Haß und Verleumdung weiter".
 

Ersteres stimmt zweifellos. Das zweite nur bedingt, nur, was die offizielle Kunstkritik der BRD betrifft. Immerhin wird der, dem Hitler 1944 „die uneingeschränkte Führung der bildenden Kunst anvertrauen" wollte (nach Brekers eigener Aussage), heute von seiner Bonner Galerie als einer „der bedeutendsten und universellsten Künstler der Gegenwart" gefeiert und kann sich über schlechte Auftragslage nicht beklagen.
 

Ein anderes Beispiel: P.M. Padua, doppelsinnig „Unter-Leibl" genannt (seine geile Leda mit Schwan wanderte für 3700 Mark in Hitlers Berghof), ist noch heute gefragter Prominenten-Porträtist.
 

Kunstgeschichtlich dagegen bisher ignoriert, moralistisch gewertet, aber kaum politisch richtig eingeordnet, dürfen er und seinesgleichen sich jetzt auf eine neue Konjunktur vorbereiten. Das Air des Geheimnisvollen, das über den Münchner Depots lag, ist nur publicityfördernd. Rike Wankmüller, Kustodin der Nazi-Kunst, bekommt dort jetzt scharenweise Besuch. Dem ,Spiegel' berichtet sie: „Viele junge Leute finden die Bilder sogar schön".
 

Genau das ist bezweckt. „Fiat ars pereat mundus", sagten die Faschisten. Bestätigt sich heute auf unerwartete Weise, daß ihre Kunst fortbesteht, nachdem ihre Welt vergangen ist? Der ästhetische Reiz des Terrors wird entdeckt, und der wohlige Horror-Schauer vor Leni Riefenstahls Parteitagsfilm ist der gleiche wie der vor'm Exorzisten.
 

In diesen Zusammenhang stellt nun der Frankfurter Kunstverein seit Mitte Oktober seine „erste Ausstellung, die sich seit 1945 mit der Kunstproduktion des 3. Reiches befaßt". Den Initiatoren ist dieser Kontext durchaus bewußt. Kunstverein-Direktor Bussmann: „Der Zeitpunkt der Ausstellung fällt zusammen mit einer auffälligen und keineswegs harmlosen Welle von Rückerinnerung an das 3. Reich. Bei dieser nostalgischen Rückwendung ist der Bereich der bildenden Kunst - weil vermeintlich nicht oder weniger diskreditiert - ganz besonders in der Gefahr, mißverstanden zu werden." Um dieser Gefahr zu begegnen, besteht diese Ausstellung, die später noch in Hamburg, Ludwigshafen, Stuttgart und Wuppertal gezeigt werden soll, zur Hälfte aus Originalwerken (meist aus dem Collecting Point' und der bayerischen Staatsgemäldesammlung) und zur Hälfte aus kommentierenden Texten und Photos zur politischen und sozialen Realität des NS-Staates. Ob das was nützt, ist zweifelhaft.
 

Die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) warnt: „Die große Mehrheit der Besucher wird in erster Linie durch die nazistischen Bilder beeinflußt. Der Text des Katalogs oder auch der Texttafeln tritt demgegenüber zurück. Unsere Erfahrungen aus früheren Ausstellungen bestärken uns in dieser Auffassung. Maßgebend für das Ergebnis der Ausstellung sind letzten Endes nicht die Absichten der Organisatoren, sondern die Wirkung auf den Beschauer." Diese zu prüfen, mit Interviews und Fragebögen, hat der Frankfurter Kunstverein zugesagt. Er werde auch, so Bussmann gegenüber der VVN, die Ausstellung bei negativem Resultat abbrechen.
 

Dennoch bleibt die Frage nach der aktuellen Notwendigkeit einer Schau faschistischer Kunst. Zumal offizielle Stellen bisher keinerlei Initiative, geschweige denn Geld, für eine Ausstellung antifaschistischer Kunst aufbringen konnten. Was wissen wir denn zum Beispiel von der ASSO, der Assoziation revolutionärer bildender Künstler? Emil Nolde, der Rassist, bekommt eine „Deutschstunde" geschrieben. Wer berichtet von den Künstlern des aktiven Widerstands? Oder zur Weimarer Republik: Welche Kunstgeschichte der BRD vermerkt, daß kommunistische Maler wie Otto Nagel schon 1926 in Berliner Kaufhäusern volkstümliche Ausstellungen machten? Wie der proletarische antifaschistische Kampf totgeschwiegen wird, wird seine Kunst totgeschwiegen.
 

Dagegen sind Expressionismus und Subjektivismus in allen Formen des Kunsthistorikers einzige Markenzeichen für „Kunst" in der damaligen Zeit. Doch war es gerade dieser Subjektivismus, der den Betrachter (vor allem den des deklassierten Kleinbürgertums), jeglicher Identifizierungsmöglichkeiten beraubte, der antirealistisch - die ästhetische Bewältigung der Wirklichkeit verhinderte. Der Dekadenz kommt Goebbels nun seine Kunst als „Bewegung zur Organisation des Optimismus" entgegensetzen, die doch in ihrer Unwahrhaftigkeit die Dekadenz nur auf eine andere Ebene hob.
 

Eine braune Kulturrevolution hat es ebensowenig gegeben wie eine sozio-ökonomische. Begriffe wie „Machtergreifung", „Zusammenbruch" und die Aussparung der Nazi-Kunst als „Fremdkörper, den zu illustrieren sich nicht lohnt", sollen das Gegenteil suggerieren.
 

Letztlich war es Kitsch, die Massenproduktion der ästhetischen Lüge, die 1933 zur offiziellen Staatskunst erhoben wurde. Befreit von offen politisch-propagandistischen Inhalten, finden wir ihre Nachfolger heute in der Horten-Kunstabteilung (gleich rechts, neben den Plastikblumen); aber auch vom Photo-„Realismus", vom „Pornorealismus" der siebziger Jahre gibt es eine Traditionslinie zum „Meister des deutschen Schamhaars" der dreißiger Jahre. Allen gemein: naturalistische Abbildung von Oberflächen-Details, verlogener schöner Schein, Verschleierung realer Widersprüche.
 

Inflation, Kurzarbeit, Pleiten, Krise... es wird klar, warum wir den schwülstigen Schlafzimmer-Oldruck poppig finden sollen, warum wir wieder „schön" finden dürfen, was schon der Reichskulturkammer gefiel.
 

Die Nazi-Kunst-Welle erweist sich nicht zuletzt als hilflose Reaktion der Kulturindustrie auf die immer stärker werdenden Bemühungen um eine realistische, d.h. die tatsächliche Wirklichkeit in ihrem Wesen, in ihrer Bewegungsgesetzlichkeit, in ihrer Veränderbarkeit, darstellenden Kunst. Ganz deutlich wird dies im -auf demokratischen Druck inzwischen aufgegebenen - Vorhaben des Hamburger Kunstvereins, die Frankfurter Ausstellung in einem Trilogie-Verbund „Kunst und Politik" zwischen einen aktuellen Überblick über „Aspekte der engagierten Kunst" und eine Retrospektive des DDR-Malers Willi Sitte zu stellen.
 

Die „Welt" schreibt am 1. 10: „Bestehen eventuell methodische und weltanschauliche Zusammenhänge zwischen den optimistischen Arbeitergestalten des Soz-Realismus und denen der Blut-und-Boden-Kunst? Ist die pathetische Feindbildsuche der kommunistischen Agitationskunst... verwandt mit der nazistischen Stürmer-Karikatur?" Immerhin sitzt der, der das fragt, heute in der gleichen Redaktion wie der Nazi-Karikaturist, den er wohl meint: Hicks.
 

Die Frage ist nicht, ob Kunst politischen Inhalten verpflichtet ist, sondern welchen. Werner Peiner, dem Göring eine ganze Akademie bauen ließ, behauptet heute keck: „Ich bin gar kein politischer Mensch". Der „Welt"-Kritiker wird's ihm glauben.

 

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