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Heldengedenktag

11.11.2013 10:21

Am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht,  veranstaltete die ARD ausgerechnet einen großen Rommel-Abend. Mit dem Heldenepos "Rommel" und der anschließenden Dokumentation "Rommel - Hitlers General" stand Vergangenheitsbewältigung mit "Wüstenfuchs" und Popcorn auf dem Programm. Über den Rummel um Rommel und den Fernsehfilm mit Ulrich Tukur sprach KONKRET in der Ausgabe 12/2012 mit dem Historiker Hannes Heer.

 

KONKRET: Am 1. November hat die ARD das TV-Drama »Rommel« mit Ulrich Tukur als »Wüstenfuchs« ausgestrahlt (Filmkritik siehe KONKRET 11/12). Die Mainstream-Medien haben vorab ausgiebig und meist mit Begeisterung über den Film und die historische Figur Erwin Rommel berichtet. Wie erklären Sie sich diesen neuerlichen Hype um den Nazi-General?  

Heer: Um diese Frage zu beantworten, muß man an zwei Tatbestände erinnern: Die deutsche Schuld an Holocaust und Vernichtungskrieg, das heißt an der Ermordung von ca. 40 Millionen Menschen, davon allein 27 Millionen in der Sowjetunion, ist eine so ungeheure Last, daß sie nicht kurzerhand »entsorgt« werden kann. Und, zweitens, der Prozeß der Auseinandersetzung mit dieser Schuld hat mit zwei Jahrzehnten Verspätung erst in den sechziger Jahren – nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozeß und der Studentenbewegung – begonnen und ihren vorläufigen Höhepunkt in den neunziger Jahren erreicht – mit Brownings Studie über das Hamburger Polizeibataillon 101, der Goldhagen-Debatte und der sogenannten Wehrmachtsausstellung. Danach wurde in einem Rollback, das immer noch andauert, versucht, ein positives Gegenbild zu etablieren.  

Das fing 2002 mit Jörg Friedrichs Bombenkriegsbuch Der Brand und der Gustloff- Novelle Im Krebsgang von Günter Grass an. Aus den zig Millionen deutschen Tätern wurde ein Volk von Opfern – von Bomben und Torpedos, von Gefangenschaft und Siegerjustiz, von Flucht und Vertreibung. Der ZDF-Historiker Guido Knopp hatte dafür den Raum geschaffen: Seit 1996 war er fieberhaft damit beschäftigt, angesichts des immens angewachsenen Belastungsmaterials das Bild der Täter zu justieren, indem er die geschichtlichen Fakten in Halbgeschehenes und Halbgewußtes verwandelte und in diesem Helldunkel für »Hitlers Helfer«, »Krieger«, »Manager« und »Idole« jede Menge von Freisprüchen erwirkte. Schon damals, 1998, war Rommel einer von Knopps entlasteten Helden. Und 2007, in der sechsteiligen Serie »Die Wehrmacht«, die ausdrücklich eine Bilanz aus den Debatten über die Verbrechen der Wehrmacht ziehen wollte, prangte der Wüstenkrieger im Kübelwagen auf dem Cover des dazugehörigen Begleitbuchs. Die Wehrmacht – dank Rommel im Kern sauber geblieben und doch noch gerettet.  

Was bringt der Film von Niki Stein Neues?  

Immerhin hat der Film Rommel den Titel eines Widerstandskämpfers verweigert. Rommel bleibt ein zwischen Hitler-Begeisterung und Realitätssinn Zerrissener. Niki Stein hat das Genre des Dokumentarfilms verlassen und Geschichte als großes Drama erzählt. Sein Film tut das, was jeder Fiction-Film verlangt: eine Dramatik inszenieren, durch die das Publikum eingesogen wird in das Geschehen, und mit den Figuren ein Gravitationsfeld von Sympathie und Antipathie etablieren, das dem Zuschauer eine positive Identifikation mit seinem Helden erlaubt. Hierbei helfen Drehbuch und Regie massiv nach. Aus dem apokalyptischen Prolog von Nazi- Deutschlands Endkampf in der Normandie wird ein Abend mit Goldrand.  

Dazu paßt der »Spiegel«-Titel …  

Im Heft ein halbwegs kritischer Artikel und auf dem Cover der »Wüstenfuchs« im gewohnten Outfit. Ungewöhnlich wie dieser Rückgriff auf ein Propagandafoto aus der Sammlung Goebbels’ waren die Umstände der medialen Präsentation vor Ausstrahlung des Films – sie glichen der Vorbereitung eines Staatsaktes. Von »FAZ« bis »Taz« gab es fast keine Zeitung, die nicht den Rummel um Rommel mitgemacht und den Film in mindestens drei Artikeln gewürdigt hätte. Und am 1. November, an Allerseelen, saßen dann fast 7 Millionen Zuschauer in deutschen Wohnzimmern vor dem Fernsehgerät und feierten nach langer Zeit wieder einmal richtig Heldengedenktag.  

Zur Zeit des Nationalsozialismus war Rommel ein Liebling der Propaganda und hat sich gern in deren Dienst gestellt. Welches Bild wurde damals gezeichnet?  

Rommels Rolle als wichtigste Figur der Goebbels’schen Propaganda resultierte vordergründig aus seinem Ruhm als Held der Infanterie an der italienischen Isonzo-Front 1917 und als Heros der neuen Panzerwaffe im Frankreich-Feldzug 1940. Entscheidender aber war seine spezielle Beziehung zu Hitler. Beide verband die Erfahrung und Deutung des Ersten Weltkriegs: Krieg als natürliche und höchste Lebensform, die Ersetzung der Moral durch den kategorischen Imperativ von Volk und Vaterland und der todesverachtende Glaube, vom Schicksal zu Höherem auserwählt zu sein. Hitler war von Rommel fasziniert: So wie er sich selbst als Vertreter des einfachen Frontsoldaten sah, so erblickte er in Rommel den Offizierskameraden, der nicht aufgrund eines Adelsprädikats oder einer Generalstabsausbildung Karriere gemacht hatte. Und Rommel war Hitler-süchtig: Der »Führer« hatte die verhaßte Republik ohne Bürgerkrieg beiseite geräumt und Deutschland auf den Weg der Weltmacht zurückgeführt.  

Hitler ist durch den Ersten Weltkrieg geprägt worden, und diese Prägung hat er auch in Rommel gesehen. Dazu gehörte der unbedingte Wille, ohne Rücksicht auf Verluste bis zum Äußersten zu gehen und auch in auswegloser Lage auszuhalten. Rommel teilte diese Sicht und lebte nach dieser Maxime. Die Wehrmacht ist mit Kriegsbeginn und dann noch einmal forciert durch den gescheiterten Blitzkrieg gegen die Sowjetunion 1941 umgebaut worden. Der Einfluß der professionellen Generalstabsoffiziere wurde zurückgedrängt. Hitler wollte Offiziere, die Kämpfer waren und die von vorne führten. Und Goebbels brauchte Aufsteiger, Helden, Identifikationsfiguren, die dieses Leitbild einer neuen, heroischen Wehrmacht im totalen Krieg verkörperten. Eine solche Figur hat er in Rommel gefunden.  

Am Mythos Rommel wird weitergearbeitet. Beispielsweise behauptet der Rommel-Darsteller Tukur, Rommel habe vom Holocaust erst 1944 erfahren.  

Das ist einfach Schwachsinn. Jemand, der wie Rommel 1939/40 ein halbes Jahr in Polen Kommandant des Führerhauptquartiers war und in den ersten drei Wochen an den Lagebesprechungen mit Hitler teilnehmen und an dessen Tafel sitzen durfte, soll nichts mitbekommen haben von den Morden, die mit Überschreitung der polnischen Grenze am 1. September an Kriegsgefangenen und Zivilisten, vor allem Juden, sofort einsetzten? Diese Morde gingen in die Zehntausende und wurden hauptsächlich von der SS, aber beim Vormarsch auch von der Wehrmacht begangen. Heydrich hat das für seine »Einsatzgruppen« auf die knappe Formel »Flurbereinigung: Judentum, Intelligenz, Geistlichkeit, Adel« gebracht und dafür gesorgt, daß die tägliche Mordquote bald auf die Zahl von 200 Getöteten anstieg. Die Wehrmachtsführung wurde am 7. September von Hitler offiziell über diese »Flurbereinigung« informiert und erfuhr zwei Wochen später von Heydrich auch die weiterführenden Planungen: Nach dem Sieg sollten alle Juden aus dem besetzten Westpolen vertrieben und zusammen mit den aus dem Reich deportierten deutschen Juden bei Krakau in einem »Judenstaat« konzentriert werden. Sofort nach dem Übergang der Verwaltung von der Wehrmacht an die NSDAP am 25. Oktober 1939 begannen die geplanten »Umsiedlungen« und systematische Massenerschießungen. Diese Maßnahmen dürften Rommel, dessen Auftrag im Führerhauptquartier erst im Februar 1940 endete, ebenso bekannt gewesen sein wie die Protestschreiben der in Polen gebliebenen drei Militärbefehlshaber, in denen sie – wegen der abschreckenden und verrohenden Wirkung auf die Truppe – die Wehrmachtsführung dringend aufforderten, »das Abschlachten von einigen 10.000 Juden und Polen« durch SS und Polizei zu verhindern.  

Seit Mitte Februar 1941 lag Rommels Wirkungskreis in Nordafrika. Das hieß aber nicht, daß er vom Geschehen an den anderen Fronten des Krieges abgeschnitten gewesen wäre. Vor allem vom erfolgreichen Fortgang des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hing die von ihm dringend benötigte Zuweisung von Panzern, Jagdflugzeugen und Soldaten ab. Neben der operativen Entwicklung an der Ostfront waren die dort stattfindenden Massenmorde an den Juden bei Millionen Wehrmachtssoldaten, vor allem im Offizierskorps, ein ständiges Gesprächsthema. Daher war auch Rommel über diesen »Holocaust auf freiem Feld«, für den SS und Polizei zuständig waren, der aber von der Wehrmacht logistisch erst ermöglicht und immer wieder auch exekutiv unterstützt wurde, bestens informiert. Er dürfte darüber bei seinen zahlreichen Besuchen im Führerhauptquartier ebenso wie bei seinem Urlaub in Deutschland, durch Offiziere, die von der Ostfront kommend zum Afrika-Korps stießen, und durch seinen ehemaligen Ordonnanzoffizier Berndt unterrichtet worden sein, einen Alt-Nazi und Goebbels- Vertrauten, der regelmäßig zwischen dem Propagandaministerium in Berlin und Rommels Hauptquartier hin- und herpendelte.  

Zudem gab es ja auch in Rommels eigenem Truppenverband Planungen für den Judenmord.  

Nach dem Sieg in Tobruk am 21. Juni 1942 und dem rasanten Vormarsch Rommels in Richtung ägyptischer Grenze schien die Besetzung Ägyptens und dann Palästinas nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Organisierte Gruppen von Kollaborateuren bereiteten sich darauf vor, die deutschen Truppen bei der Vertreibung der Briten und – im Falle Palästinas – auch der Ermordung der Juden zu unterstützen. Verantwortlich für diese Aktion sollte die im Mai/Juni im Reichssicherheitshauptamt aufgebaute Gruppe von 24 SS-Männern unter dem Befehl des Obersturmbannführers Walter Rauff sein. Rauff war für technische Ausrüstung der Einsatzgruppen in der Sowjetunion zuständig gewesen und hatte den Einsatz der dort zum Judenmord verwendeten Gaswagen überwacht. Nachdem Hitler am 1. Juli den Auftrag des »Einsatzkommandos Ägypten« gebilligt hatte, erteilte die Wehrmachtsführung den entsprechenden Einsatzbefehl. Am 20. Juli hatte sich Rauff bei Rommels Stab in Tobruk gemeldet und von diesem »die notwendigen Instruktionen für den Einsatz« erhalten. Daß es dazu nicht kam, verhinderte Rommels Niederlage bei El Alamein.  

In der »Taz« wird behauptet, Rommel sei »Beihilfe, gar Mittäterschaft am Mord an den Juden und an der Zivilbevölkerung der von den Deutschen besetzten Gebiete nicht nachzuweisen« gewesen. Stimmt das?  

Der Verfasser des Artikels hätte nur einmal einen Blick in die einschlägigen Studien zu deutschen Kriegsverbrechen in Italien werfen brauchen, und er wäre immer wieder Rommel als Zeuge von Großverbrechen und als Täter begegnet. Ich will dafür nur drei Beispiele nennen. Nach dem Ende des Afrika-Abenteuers im März 1943 und der Rückkehr Rommels nach Deutschland wurde er von Hitler wochenlang in sein Hauptquartier, die »Wolfsschanze«, oder auf den Berghof geholt, um beim erwarteten Ausscheren Italiens aus dem Krieg die erforderlichen Gegenmaßnahmen zu planen. Bei einer Lagebesprechung am 15. Mai nannte Hitler dabei die fünf Gruppen, die als Todfeinde Deutschlands zu betrachten und entsprechend zu behandeln seien: »Königshaus, das führende Offizierskorps, Klerus, Juden, weite Teile der Beamtenschaft«. Zwei Tage später erfolgte der Auftrag an Rommel, mit einem Sonderstab den deutschen Einmarsch in Italien zu planen. Sein neues Amt, das war Hitlers Botschaft, war also von vorneherein auch mit dem Kampf gegen die Juden als militärische Feinde verbunden worden. Nach der Invasion der Alliierten am 6. Juli 1943 in Sizilien wurde Rommel zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Norditalien ernannt. Am 9. September kapitulierte Italien, und die deutsche Wehrmacht übernahm die vollziehende Gewalt. Am 17./18. Oktober wurden in Rom die ersten 900 Juden verhaftet und in die Deportationszüge nach Auschwitz getrieben, wo sie fünf Tage später ankamen und ermordet wurden.  

Direkt beteiligt war Rommel an der völkerrechtswidrigen Behandlung der italienischen Armee nach dem 9. September 1943. Anderthalb Millionen Soldaten wurden von der Wehrmacht vor die Wahl gestellt, entweder weiter an der Seite der Deutschen zu kämpfen oder als »Freischärler« behandelt zu werden. Das bedeutete, daß ihnen die Rechte von Gefangenen verweigert wurden: Für Offiziere war im Falle von Widerstand Erschießung vorgesehen, alle übrigen wurden als völlig rechtlose »Militärinternierte« zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Von den auf dem Festland stationierten italienischen Truppen fielen die meisten – mehr als 400.000 – in die Hände von Rommels Heeresgruppe B. Weil sich viele ehemalige italienische Soldaten der Gefangennahme durch Flucht entzogen hatten, erließen Rommel und Kesselring am 23. September einen Befehl, in dem sie ihren Truppen alle »sentimentalen Hemmungen« gegenüber den ehemaligen Verbündeten untersagten: »Wer von diesen gegen den deutschen Soldaten kämpft, hat jedes Anrecht auf Schonung verloren und ist mit der Härte zu behandeln, die dem Gesindel gebührt, das plötzlich seine Waffen gegen seinen Freund wendet«. Am 30. September konnten Rommel und Kesselring in der »Wolfsschanze« von ihrem Erfolg berichten: 800.000 italienische Soldaten waren entwaffnet worden, 268.000 befanden sich als »Militärinternierte« bereits in deutschen Arbeitslagern oder auf dem Transport dorthin. 350.000 würden noch folgen. Gnadenlos wurde jede Form von beginnendem Widerstand gebrochen. Auch in Rommels Befehlsbereich begannen die Verfolgungsjagden und Erschießungen sofort.  

Zum Rommel-Mythos gehört die Legende, der »Wüstenfuchs« sei bloß Soldat gewesen, mit der Politik des Nationalsozialismus habe er nicht viel zu tun gehabt.  

Rommel, folgt man der in den siebziger Jahren erschienenen und bis heute besten Biographie des damals noch seriösen David Irving, wurde erst 1938 ein überzeugter Nazi. Er grüßte seine Untergebenen und andere Offiziere, was damals in der Wehrmacht noch unüblich war, mit »Heil Hitler!« und unterzeichnete auch Briefe an seine Freunde mit diesem Gruß. Nachdem er eine geheime Rede Hitlers im Kriegsministerium gehört hatte, notierte er: »Der Soldat muß heute politisch sein, denn er muß einsatzbereit sein für die neue Politik. Die deutsche Wehrmacht ist das Schwert der neuen Weltanschauung.« Es verwundert daher nicht, daß er nach einer Vortragsreise in verschiedenen Schweizer Städten, die er auf Einladung von Schweizer Offizieren damals unternommen hatte, in seinem Abschlußbericht nicht nur von der Sympathie der Kameraden für das neue Deutschland berichtete, sondern noch hinzufügte: »Auch über die Judenfrage wurde von einzelnen Herren sehr verständlich gesprochen.«  

Über Äußerungen wie die unseres Großhistorikers Hans-Ulrich Wehler, der Rommel kürzlich mit den Worten, er sei ja wohl kein Antisemit und auch kein NSDAP-Mitglied gewesen, den päpstlichen Segen erteilte, kann man angesichts dieser Fakten nur den Kopf schütteln.  

Dieser breite gesellschaftliche Konsens gegenüber einem Verbrecher wie Rommel funktioniert entgegen aller historischen Tatsachen, die ja offensichtlich längst ausgiebig erforscht sind.  

Ja. Das baut auf einem Sediment auf, das bereits in den fünfziger Jahren gelegt wurde. Schon 1945 hatten sechs führende deutsche Feldmarschälle und Generäle in einer Denkschrift zu den Nürnberger Prozessen behauptet, daß die Wehrmacht Distanz zu Hitler gehalten, daß sie auch im Osten einen ritterlichen Krieg geführt, daß man die Judenverfolgung vor dem Krieg abgelehnt und auf die Mordtaten der SS im Krieg keinen Einfluß gehabt habe. Diese Trennung von Soldatentum und Politik hat es möglich gemacht, daß die Wehrmacht damals das große Identifikationsobjekt von Millionen Deutschen werden konnte. Wie die Angehörigen der Wehrmacht ihre soldatische Pflicht erfüllt und den Befehlen ihrer militärischen Führer Folge leisteten, so habe auch die Zivilbevölkerung – jeder einzelne: als Straßenbahnschaffner, als Ingenieur, als Lehrer, als Arbeiter – ihre Pflicht getan zum Nutzen des Vaterlands. Mit der Politik hatte man nichts zu tun gehabt. Das war Hitlers Sache gewesen!  

Rommels Stabschef Speidel hat nach dem Krieg, im Schatten des von ihm als Widerstandskämpfer propagierten Rommel, eine beispiellose Karriere gemacht – vom Chefbeauftragten des Aufbaus der Bundeswehr unter Adenauer bis zum Oberbefehlshaber der Nato- Landstreitkräfte in Mitteleuropa. Dieser Speidel, ein promovierter Historiker und kunstsinniger Bildungsbürger, hat schon sehr früh der wiedergegründeten deutschen Bundeswehr Rommel als den Durchschnittstypen der Nazi- Wehrmacht vorgestellt: »Erwin Rommel bleibt eine Verkörperung guten sauberen Soldatentums.« Auf seine Veranlassung begann man in den fünfziger Jahren, Kasernen nach Rommel zu benennen, wurde der erste Zerstörer der bundesdeutschen Marine nach Rommel benannt. Und am Ort seines Todes entstand ein Heldendenkmal, das ihn als »aufrechten, tapferen und ritterlichen« Soldaten feierte. Speidel ist der Vater des Rommel-Mythos und auch der heimliche Drehbuchschreiber der aktuellen Folge dieser Serie. Was mir immer imponiert hat: De Gaulle hat Speidels Rolle durchschaut; 1963 hat er dafür gesorgt, daß er abgelöst wurde. Bis zuletzt hat er sich konsequent geweigert, dem Kriegsverbrecher Speidel die Hand zu drücken.  

Und die Deutschen küssen Rommel immer noch die Hand.  

An diesen konträren Grußritualen erkennt man, wer Opfer der deutschen Verbrechen wurde und dagegen den Kampf aufgenommen hat und wer diese deutsche Schuld immer noch nicht sehen und akzeptieren will. Speidel wäre ein Filmstoff gewesen! Statt dessen erbaut man sich voll Andacht und Erschütterung an der hundertsten Version eines deutschen Heldenschicksals. Es bleibt einem daher auch weiterhin nichts anderes übrig, als von Zeit zu Zeit Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds« in den Rekorder zu schieben. –  

Interview: Philipp Schmidt –
 

 

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