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06.12.2017 16:25

Eine Studie zum Sozialistischen Patientenkollektiv versucht, ihm die Politik auszutreiben.

Von Michael Csaszkóczy

»Aus der Krankheit eine Waffe machen!« So lautete der programmatische Titel der Schrift, mit der das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) 1972 in Heidelberg sein Vorhaben beschrieb. Krankheit, so die Kernthese, sei nichts anderes als das Nicht-mehr-Funktionieren im Rahmen kapitalistischer Verwertungsgesetze, und herkömmliche Medizin wie insbesondere die Psychiatrie würden nur der Reintegration in den Arbeits- und Konsumkreislauf dienen, nicht aber dem Wohl der betroffenen Menschen.

Wolfgang Huber, der 1970 an der Gründung des SPK wesentlich beteiligt war, formulierte es so: »Im Sinne der Kranken kann es nur eine zweckmäßige beziehungsweise kausale Bekämpfung ihrer Krankheit geben, nämlich die Abschaffung der krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft.« Dialektisch aufzuheben seien zumal psychische Erkrankungen nur im gemeinsamen Kampf gegen den Kapitalismus. Die Praxis, die sich daraus entwickelte, führte bald zum Konflikt mit Klinikleitung und Universität. Es folgten Besetzungen von Klinik- und Universitätsräumen sowie deren Räumung und das Verbot des SPK.

Obwohl die Thesen des SPK öffentliche Diskussionen auslösten, wurde das SPK eher durch die radikale Politisierung bekannt, die viele seiner Mitglieder durchliefen und die schließlich zur staatlichen Zerschlagung führte. Tatsächlich fanden einige ehemalige SPK-Mitglieder später ihren Weg zur Stadtguerilla. Stefan Aust, der mit seiner Polit-Soap-Opera Baader-Meinhof-Komplex (1985) für Jahre die populärwissenschaftliche Deutungshoheit über die RAF beanspruchte, nahm das zum Anlass, die SPK-Thesen zur Parole »Irre ans Gewehr« einzudampfen. Die Formulierung hatte er in so anspruchsvollen Quellen wie »Bayernkurier« und »Quick« gefunden. Die Diffamierungsabsicht war eine doppelte: Das SPK sollte zur »Terrorzelle« gemacht und die RAF pathologisiert werden.

Tatsächlich bot die kurze Geschichte des SPK für diese Fanatisierungsthese manchen Anlass. Vor allem die späten Flugblätter, die bereits unter Räumungs- und Kriminalisierungsdruck geschrieben waren, strotzen nur so vor Verbalinjurien gegen politische Gegner/innen oder andere linke Gruppen, allgegenwärtigen Faschismusvorwürfen und einer befremdlichen Endkampf-Rhetorik, die den Kapitalismus kurz vor seinem Sturz sah.

Christian Pross hat sich vorgenommen, die Geschichte des SPK erstmals wissenschaftlich aufzuarbeiten. Neben der Durchsicht der Schriften und Flugblätter des SPK sowie von Universitäts- und Zeitungsarchiven hat er eine beträchtliche Anzahl von Zeitzeugeninterviews geführt. Allein die Fülle des zusammengetragenen Materials macht das Buch zu einer spannenden Lektüre. Dass er selbst an den damaligen Vorgängen beteiligt war, legt Pross dankenswerterweise offen. Er hatte als Mitglied der Projektgruppe Medizin versucht, zwischen dem SPK und dem Rektorat zu vermitteln, und auch selbst an SPK-Aktionen wie der Besetzung der Klinikverwaltung teilgenommen.

Es ist interessant zu lesen, wie differenziert die meisten Ehemaligen auch nach jahrzehntelanger Umdeutung des SPK zur »Terrorsekte« ihre Erfahrungen als Meilenstein in ihrer persönlichen und politischen Entwicklung beschreiben. Unangenehm manipulativ wirkt es dagegen, dass kein zusammenhängender Zeitzeugentext im Buch zu finden ist. Das Phänomen SPK wird in kurze Zeit- und Themenblöcke aufgeteilt, zu denen dann Zitatfetzen präsentiert werden, die kaum mehr als drei Sätze lang sind. Dadurch bekommen die erläuternden und interpretierenden Sätze des Buchautors umso mehr Gewicht.

Die Absicht, die den Autor leitet, wird schnell deutlich. Er möchte einerseits der Dämonisierung des SPK entgegentreten. Das ist löblich und bei einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wohl auch unumgänglich. Andererseits – das scheint Pross bewusst zu sein  – ist diese Entdämonisierung im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima nur möglich, wenn man den politischen Anspruch des Untersuchungsgegenstands zum bloßen Zeitkolorit erklärt.

Gleich zu Beginn versucht Pross, den antipsychiatrischen und politischen Aufbruch des SPK in psychiatrische Begriffe zu bannen: »Ebenso haben meine Erfahrungen als Arzt, Psychotherapeut und Supervisor meine Sicht beeinflusst und lassen mich heute die Vorgänge im SPK besser verstehen als damals. Überengagement, Überidentifikation und Verstrickung mit den Patienten, Verlust der professionellen Distanz und Grenzüberschreitungen sind in der Arbeit mit psychisch Kranken keine Seltenheit.« In diesen Sätzen deutet sich die Prosssche Doppelsicht auf das SPK an: Er sieht da zum einen das »gescheiterte Projekt« eines (anti-)psychiatrischen Reformversuchs. Zum anderen ist das SPK für Pross das nahezu ausschließliche Werk des vielleicht genialen, aber tragisch gescheiterten Arztes Wolfgang Huber.

Als historischer Rahmen für seine Betrachtung reichen ihm daher zwei Aspekte: die Verhältnisse in den psychiatrischen Kliniken Deutschlands in den sechziger Jahren sowie die Versuche zu deren Reformierung einerseits und der »Fall Dr. Huber« andererseits. Huber, der mit seinen radikalen Reformbestrebungen an der Universitätsklinik gescheitert sei, habe sich, weil ihm angemessene Mitwirkungsmöglichkeiten verwehrt worden seien, in die »Überidentifikation mit den Patienten« geflüchtet und diese mit in den Strudel seiner Selbstzerstörung gerissen. Diese Interpretation taugt allerdings zur romanhaften Inszenierung eines tragischen Helden weit besser als zur historischen Aufarbeitung eines politischen Phänomens. Der Autor lässt sich weder davon irritieren, dass das SPK sich in seinem Selbstverständnis als Kollektiv gründete und den Anspruch hatte, das Verhältnis zwischen Arzt und Patient aufzuheben, noch davon, dass in den zitierten Interviews Äußerungen überwiegen, die die Führungsrolle Hubers verneinen und die tatsächlichen kollektiven Prozesse im SPK betonen. Gesamtgesellschaftliche Bewegungen (wie die Studentenrevolte oder der Kampf gegen die Isolationshaft politischer Gefangener) werden in Pross’ Darstellung erst gegen Ende gestreift, wenn er den Weg »einiger weniger« ehemaliger SPK-Mitglieder in die Illegalität quasi als Abgesang auf das Sozialistische Patientenkollektiv beschreibt.

Und so gibt Pross nur eine tragische historische Miniatur aus einer Zeit, in der noch über Kämpfe geredet, der Sturz des Kapitalismus herbeigesehnt und die Gesellschaft als veränderbar angesehen wurde. Das ist umso bedauerlicher, als die Kernthesen des SPK aktuell wie nie erscheinen in einer Gesellschaft, in der sich die übergroße Mehrheit der Lohnabhängigen auch noch mit schwerem Fieber zur Arbeit schleppt und selbst in der Freizeit daran arbeitet, Körper und Psyche für die allzeitige Verwertung in der kapitalistischen Maschinerie zu optimieren.  

Christian Pross (unter Mitarbeit von Sonja Schweitzer und Julia Wagner): Wir wollten ins Verderben rennen. Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg. Psychiatrie-Verlag, Köln 2016, 504 Seiten, 39,95 Euro

 

Michael Csaszkóczy schrieb in konkret 3/17 über die Diskriminierung einer Angehörigen jüdischer Widerstandskämpfer

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