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Sauber!

22.08.2017 12:48

Vor 25 Jahren verübten deutsche Nazis ein Pogrom auf Asylsuchende in Rostock-Lichtenhagen. Hermann L. Gremliza schrieb dazu in konkret 12/92.

 

Da und dort ist den Deutschen um den 9. November herum vorgeworfen worden, sie hätten aus der Geschichte nichts gelernt. Von wegen. Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß so etwas wie die Berliner Demonstration in der deutschen Geschichte noch nicht dagewesen ist: 300.000 Exportabhängige, die vor aller Welt ihre Liebe zum Ausländer feierten, indem sie dem Motto der Verfassung folgten, daß die Würde des Menschen unantastbar sei, damit keiner der Kunden auf falsche, also richtige Gedanken kommt, wenn in Deutschland demnächst nicht die Würde, sondern bloß Kopf und Kragen einiger hunderttausend Menschen zum Zweck des Hinauswurfs etwas fester angetastet werden. Unter Führung von Politikern, die den deutschen Nationalismus angefacht und jede Anstrengung vermieden haben, Leib und Leben Asylsuchender in Rostock oder Hünxe vor dessen tödlichen Folgen zu schützen, und die nun noch vor Weihnachten den Forderungen ihrer glatzköpfigen Avantgarde die verfassungsändernde Tat folgen lassen wollen, marschierten die 300.000 durch des neuen Reiches Hauptstadt, »heiter und unbeschwert«, wie es in allen Blättern hieß, denn es war ein sonniger Sonntag, man hatte nichts besseres vor und warum sollte man da nicht zeigen, daß man die Fremden liebt und die Eigenen, die die Fremden rausschmeißen wollen, auch.  

»Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!« zu wollen und, um dem Wunsch die Tat folgen lassen zu können, einen Auflauf von 300.000 Ausländerfreunden zu organisieren statt einer Reichsbrandflaschen-Woche; die Wiedergeburt einer deutschen Volksgemeinschaft unter Bezeichnungen wie »Schweigende Mehrheit der Anständigen« (nicht Schönhuber, sondern Thierse), die Gleichschaltung von Parteien, Verbänden und Medien, die Formierung von Staat und Gesellschaft zu schlagkräftigen Waffen einer Weltmacht und die Liquidierung jeder undeutschen Opposition auf eine Weise zu veranstalten, die fast alle deutschen Mitläufer und die meisten ausländischen Beobachter wie der »Corriere della Sera« glauben läßt, das neue Deutschland sei ein »anderes Deutschland«, und zwar nicht was man nach dreizehn Toten und 3.374 nazistischen Straftaten in einem Jahr denkt, sondern »ein Land, geprägt von Solidarität und einem Gefühl von Zivilisation« – solches Lernen aus der Geschichte verdient fürwahr eine Eins mit Sternchen.  

Eigentlich aber mit Kreuzchen. Denn der Erfolg setzt eine gesellschaftliche Fähigkeit und Bereitschaft zur Heuchelei voraus, die in weniger evangelischen Gegenden weniger ausgeprägt ist. Es waren nicht die marginalen politischen Differenzen zu den anderen christlichen Fremdenfreunden, die Streibl und die Seinen zum Fernbleiben von der Berliner Demonstration bewogen, es war die katholische Vorliebe fürs Grobe, Direkte. Der intellektuellen und psychischen Verstellung, dem (gespielten) Gestus der Selbsterniedrigung und Bescheidung, die das Heucheln verlangt, das in der evangelischen Staats-, also Untertanenkirche eingeübt wurde, hatte die meist übermächtige Una Sancta immer die klotzige Lüge vorgezogen, wenn nicht gar die zynische Wahrheit, sehr im Gegensatz zum ehemaligen Kirchentagspräsidenten Weizsäcker, der zwar auch lügt, wenn er das Maul aufmacht, es aber nicht kann, ohne zuvor das Gewand des Bergpredigers umzuwerfen: »Und wenn ein Ei auf meinen Mantel fällt, dann werde ich ihn ausziehen und weitermachen. Das tun auch die allermeisten Bürgerinnen und Bürger bei uns im Lande.« Wahr ist, daß die allermeisten Bürgerinnen und Bürger weitermachen, wenn sie nicht sogar »Zugabe!« rufen wie in Lichtenhagen.  

Keine Szene des Berliner Films ist zu verstehen ohne Erinnerung an das, was bisher geschah: Seit der Wiedervereinigung haben Verbrechen an Ausländern ein seit 1945 nicht gekanntes Ausmaß erreicht. Die Polizei sieht tatenlos, aber wohlwollend zu, die Justiz ruft dann und wann einem der Totschläger ein drohendes »Du! Du!« zu, die Politiker und Journalisten aller Parteien, die mit ihrem Gerede von Scheinasylanten und Ausländerkriminalität erst den Nazibanden Mut gemacht haben, nehmen die Täter als »frustrierte Jugendliche« in Schutz und nutzen die Empörung über die Verbrechen an Asylsuchenden und Flüchtlingen, um die Bundesrepublik gegen Asylsuchende und Flüchtlinge aufzurüsten, das Grundgesetz zu ändern und die Sozialhilfe für Asylbewerber unters Existenzminimum zu senken. Der Existenz der Ausländer und keineswegs der an ihnen verübten Verbrechen wegen hat der Bundeskanzler den »Staatsnotstand« ausgerufen und mit einem Putsch gedroht. Die einzige politische Gruppierung, deren Mitglieder sich – in der Tat und nicht in der Süßmuthschen Metapher – schützend vor Ausländerheime gestellt und den Nazis ein paar Niederlagen beigebracht haben, sind die »Autonomen«. Sie konnten freilich nur wenige der Brände löschen, die die schweigende Mehrheit der Anständigen angestiftet hat.  

Dies im Sinn, lese man, wie Weizsäcker die rechten Mörder und die linken Verteidiger der Opfer zusammenschleimt: »Deutschland den Deutschen. Mit solchen Parolen ziehen Extremisten durch die Straßen«; wie er vorzugehen verlangt »gegen Gewalttäter von allen Seiten, denen es nur um ihren Krach geht und nicht um ihren Mitmenschen«, was sogar für die neuen Nazis gelogen ist, denn denen geht es nicht um ihren Krach, sondern um Mitmenschen, die sie totschlagen können. Wer Gewalt im Namen Deutschlands anwenden wolle, sagt Weizsäcker, »der vergreift sich am Namen unserer Nation«, womit der Präsident zum Ausdruck bringt, daß der Name unserer Nation etwas ist, woran man sich vergreifen kann und nicht unsere Nation etwas, das sich an so vielen vergriffen hat, daß ihre Repräsentaten in Fragen der Ehre der Nation und ihres verfluchten Namens für ein paar hundert Jahre schweigen sollten.  

Natürlich kann der Bundespräsident allein den Bedarf des neuen Deutschland an Heuchlern nicht befriedigen, und in Berlin zeigte sich, wie glücklich zwei Zugewinne waren, die das politische Personal der jungen Weltmacht in den letzten Jahren machen konnte. Der eine kommt aus dem Bürgerkindermilieu der alten BRD, der andere aus Pfarrhäusern der DDR. In einem symbolischen Akt fanden beide zusammen, als Pastorin Vollmer, Bischof Kruse und Pfarrer Schröder, da Tomaten, Eier und einige Steine flogen, sich schützend vor die Tribüne, auf der Weizsäcker stand, stellten, als wärs ein brennendes Ausländerheim, aber daß es kein brennendes Ausländerheim war, erkannte man schon daran, daß Pastorin Vollmer, Bischof Kruse und Pfarrer Schröder davorstanden.  

Vor den Kameras spreizten sich derweil Vaterlandsverteidiger wie der Pfarrer Gauck, ein offizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, der die Zuschauer bei jedem Auftritt seine tiefe Sorge um die Wahrheit und den Sitz seines neuen Zweireihers spüren läßt und nun seinen friedlich revolutionären Abscheu vor Leuten kundtat, die seines Arbeitgebers Ansehen herabsetzten. Vor den Mikrophonen erklärte ein anderer Heiliger vom Bündnis 90, die Eierwürfe auf den Bundespräsidenten hätten dem Ansehen Deutschlands weiteren Schaden zugefügt, womit er bestätigte, daß unter der Würde des Menschen das Ansehen Deutschlands und also das unantastbare Interesse der heimischen Exportindustrie zu verstehen ist.  

Einem der westlichen Newcomer, dem grünen Politiker von Plottnitz, stieß in der begreiflichen Erregung des frisch Konvertierten der Schulungskurs seiner alten K-Gruppe auf: Die Autonomen hätten sich »zumindest objektiv« als Komplizen der Rassisten gebärdet, sagte er, und die mitleidende Tageszeitung schluchzte: Wie schön hätte es sein können,... ein Erfolg für diejenigen, die, über alle politischen Gräben hinweg, in der Lage waren, in einem für die Zukunft Deutschlands so wichtigen Punkt zusammenzustehen: rechtsradikalen und nationalistischen Ideologien in diesem Lande keine Chance einzuräumen... Das kindische Spiel, »mit denen – gemeint sind die Staatsspitzen und die konservativen Parteien – demonstriere ich nicht«, ist Ausdruck eines ahistorischen Bewußtseins. Zusammen mit Weizsäcker, der, vor dreizehn Leichen, den Namen unserer Nation verteidigt, gegen nationalistische Ideologie! Warum nicht zusammen mit Schönhuber gegen rechtsradikale? Es ist doch kindisch, nicht Schulter an Schulter mit dem Zigeunerdeporteur Seiters die Sorgen der Nachbarn zerstreuen zu wollen, wenn es um Deutschlands Zukunft geht.  

Es wär so schön gewesen! Das haben sie ihrem geliebten Präsidenten gut abgeguckt: daß man den reaktionärsten Dreck unter die Leute bringen kann, wenn man sie dabei anguckt wie ein getretener Hund; daß unter deutschen Evangelenmännern das wohltemperierte Leiden eine erstklassige Erfolgsnummer ist; daß unter ihnen Heuchelei nicht als individueller moralischer Defekt gilt, sondern als Zeichen politisch reifer Kultur; daß man sich mit nichts besser ranschmeißen kann an die Herrschenden als mit gut dosierter Renitenz; kurzum: daß selig sind, die Verfolgung leiden, denn ihrer ist das Vierte Reich.  

Und wenn die 3.000 Autonomen nichts weiter bewirkt hätten, als diesen Blick auf die verfolgten Verfolger zu bieten und nebenbei dem Ansehen Deutschlands wenigstens ein bißchen zu schaden, hätten sie der Menschenwürde einen besseren Dienst geleistet als die fröhlichen 300.000 und ihr bekleckerter Vorsänger. Sauber!
 

 

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