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Schach mit Schweinen

02.11.2017 14:37

#meetoo, #kneegate: Nach dem Fall Weinstein gibt es mal wieder eine Sexismusdebatte. Aber was, wenn die Jungs jetzt überall von etwas reden, das sie Sexismus nennen, dabei aber nur die erste Silbe kapieren? Barbara Kirchner schrieb angesichts der Brüderle-Debatte in konkret 3/13 über die Verlogenheit des medialen Aufschreis. 

 

Eine Journalistin vom »Stern« hat sich von der FDP-Qualle Rainer Brüderle Schlüpfrigkeiten anhören müssen. Sie hat das öffentlich gemacht. Daraufhin meldeten sich andere Frauen, die ähnliche Erfahrungen machen durften – mit Piraten und sonstigen Liberalen. Ergebnis: eine Sexismusdebatte bis ganz, ganz, ganz unten (»Spiegel online«). Okay. Egal. Beziehungsweise.  

Eine Journalistin, die das, was einem Brüderle aus dem Mund fällt, erst scheußlich findet, wenn es tendenziell persönlich beleidigend wird, hört ihm offenbar nicht besonders gut zu. Sie ist also nicht die allerbeste Journalistin der Welt. Auch die schlechteste ist freilich nicht dazu da, daß so ein Geschöpf sich an ihr die Finger abwischt. Daß irgendwer überhaupt glaubt oder sagt, irgendwelche Menschen seien zu irgend etwas da, ist für halbwegs Wache stets das Warnsignal, das darauf hindeutet, daß Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung stattfinden oder geplant werden.  

Die Meinungszuständigen in Feuilletons und Talkshows zum Beispiel reden und handeln seit ein paar Jahren so, als wären Feministinnen vor allem dazu da, ihnen neue Käuferinnen, Zuschauerinnen und Leserinnen zuzutreiben, und außerdem dazu, einige ganz und gar abstoßende, unter der Kampfvokabel »Demographiedebatte« geführte, grob rassistisch unterfütterte Eliteklassenkämpfe an der Gebärfront zu entscheiden (studierte Frau, lies die Niveaupresse, und wirf mindestens drei kleine Streberlein, sonst müssen wir unsere Computerleute, Genetikerinnen und Rechtsverdreher bald in Tschechien und Indien abholen, weil sich das einheimische Zahlenverhältnis »Besserwisser : Unterschichtsbälger« so ungünstig entwickelt).  

Das Wort Instrumentalisierung, das den Alten dabei einfällt, zielt zu hoch. Man braucht keine Ideologiekritik, um mit gewöhnlicher Idiotie fertigzuwerden. Instrumentalisierung setzt planvolles Vorgehen voraus. Das, was heute Debatte heißt, ist aber nicht deshalb doof und falsch, weil das jemand will und betreibt, sondern ganz automatisch: weil es von Dingen handelt, die früher oder später Fragen nach Macht, Herrschaft, Gewalt und Besitz aufwerfen, diese Fragen aber grundsätzlich nicht gestellt und vor allem nicht richtig beantwortet werden dürfen.  

So kommt ganz naturwüchsig, ohne planvolles Vorgehen, der Schwachsinn heraus, der jede Minute gesendet, gedruckt und ins Netz gestellt wird. Aus demselben Grund – weil man so, wie über diese Dinge da geredet wird, über diese Dinge nicht reden kann – dient und nützt das, was jede Minute gesendet, gedruckt und ins Netz gestellt wird, immer denen, denen eh alles dient, was dient. Denn Debatten, die ihre Gegenstände nur verfehlen können, lassen logischerweise alles so, wie es ist. Zu vermuten, irgendwo säße jemand mit dem Masterplan, der weiß, wie man diese Zustände aktiv durchsetzt, ist nicht nur verkehrt, sondern auch schädlich. Es verführt nämlich zu strategischem Denken, und das ist im Umgang mit Schwachsinn immer ein schwerer Fehler. Man kann ein Wildschwein nicht im Schach besiegen. Es spielt nicht mit. Es braucht die Keule.  

Manche und mancher mögen denken: Wenn die uns instrumentalisieren, dann müssen wir den Spieß nur umdrehen. Wenn die Jungs jetzt also überall von etwas reden, das sie Sexismus nennen, dabei aber nur die erste Silbe kapieren und deshalb im Grunde die gute alte »Unkeuschheit«, »Zuchtlosigkeit« und andere Sachen meinen, die der Adolf, der ihre Titelbilder schmückt, wenn gerade keine Debatte ist, auch schon nicht mochte, dann entwinden wir ihnen die Vokabel halt wieder und reden über Lohndifferenzen, über Einstellungsunrecht, also darüber, daß man als arbeitslose Frau eines bestimmten Alters auch bei Höchstqualifiziertheit keinen gescheiten Job kriegt, weil die Personalabteilung damit rechnet, daß man eh bloß schwanger wird und sich drückt, oder darüber, daß lesbische Paare die größten und lächerlichsten Schwierigkeiten haben, an Sperma zu gelangen, das sie haben möchten, wenn sie die Demographiedebatte mal zu ihren Gunsten auslegen wollen.  

Kann man probieren. Aber nicht in den Foren der Dummheit. Nur Gegenmacht und Gegenöffentlichkeit helfen gegen die gegebene Macht und ihre verblödete Öffentlichkeit. Der Gedanke: Die Deppen reden über unsere Belange, also dürfen wir immerhin bei ihnen mitreden, produziert jedes mal das Schicksal der Alice Schwarzer – man landet als Kachelmann-Expertin bei »Bild« (das ist das publizistische Äquivalent zu: auf Brüderles Schoß sitzen und artig nach Bonbons schnappen, die er spendiert). Übler als dieses persönliche Los aber ist, was den Themen, der Programmatik, der Sache dabei widerfährt. Ein besonders garstiges Exempel dafür bot unlängst, also noch vor dem Frauenzinnober, eine in allen deutschen Qualitätsmedien abgespulte, an irgendwelche welthistorischen Wandlungen bei der Kinderbuchüberarbeitung geheftete Rassismusdebatte (ich bin so froh, daß ich Naturwissenschaftlerin bin und das Wort Debatte daher bis jetzt selbst als Gleichstellungsbeauftragte meiner ehemaligen Uni meist erfolgreich umschifft habe).  

Am 21. Januar stand im »Spiegel« dazu ein Artikel, der nicht sensationell, aber völlig in Ordnung gewesen wäre, hätte er nicht dort gestanden, sondern an irgendeinem anständigen Ort. Die Verfasserin, eine Frau namens Dialika Neufeld, berichtet darin davon, wie sie das Wort Neger als damit Stigmatisierte erlebt hat, und daß sie, weil sie weiß, wovon sie da redet, jedenfalls keinen guten Grund weiß, warum so ein Wort nicht aus Büchern für Kinder verschwinden sollte, um anderen Kindern zu ersparen, was ihr passiert ist. So weit, so gut und das typische Sichverstecken eines bürgerlichen Drecksblatts hinter einem ausgeliehenen Menschen, der in der ersten Person Singular auch mal was Wahres sagen darf. Dann aber endet der Artikel mit einer Schulerinnerung, die dazu anregen soll, sich zu überlegen, welche Wirkungen Lektüre auf Kinder haben kann: »Eine Klassenkameradin auf dem Gymnasium schrieb mal in mein Freundebuch unter ›Was ich nicht mag‹: ›Spinat und Asylanten‹. Wer weiß, was die gelesen hatte.« Nein, nein, liebe Frau Neufeld. Das geht nicht. Nicht im »Spiegel«. Denn der »Spiegel« darf nicht wollen, daß man diesen letzten Satz ernstnimmt. Täte man es, käme schnell heraus, »was die gelesen hatte«: ein Titelbild des »Spiegel« wohl, sagen wir, aus der Zeit der Abschaffung des Asylrechts – einer Maßnahme, die dieses Drecksblatt, wenn nicht gerade wieder nötig war, aus Exportrücksichten ein paar verbrannte Menschen zu beklagen, mit aller Kraft herbeigehetzt hat (Nr. 37/1991: »Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten: Ansturm der Armen«, Nr. 15/1992: »Asyl: Die Politiker versagen«). Gymnasiastinnen haben Eltern, die so was lesen: »Spiegel«, »Zeit«, »Taz«, das ganze Propagandaspektrum, das an linken Themen saugt, sie ordentlich einspeichelt und dann die üblichen, ganz und gar nicht linken Lösungen ausspuckt. Das Ergebnis jener »Asyldebatte« nannte die Hetze »Asylkompromiß«. Dürfen wir uns schon auf einen »Sexismuskompromiß« freuen? Etwa: Quote ja, aber nur für NazInnen (»Lex Zschäpe«)? Hetzwörter wie »Parallelgesellschaft«, »Asylanten«, »demographischer Wandel«, »Unterschicht« gibt es nicht bei Astrid Lindgren oder Otfried Preußler. Aber bei Meinungsmonstern, deren Namen konkret nicht nochmal drucken muß – die werden oft genug gedruckt. Mit denen debattiert man nicht. Sondern? Wildschwein. Keule. 

Barbara Kirchner
 

 

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