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Was reden die denn da?

08.09.2014 11:03

Barbara Kirchner über »feministisches Sprachhandeln« und seine Kritiker.

Es ist schon kurios: Da gibt es Leute, die kein Problem damit haben, dauernd Wörter und Wendungen zu gebrauchen, die sie erst seit ein paar Jahren, höchstens Jahrzehnten kennen: »online«, »kompatibel«, »Islamismus«, »downloaden«, »elfter September«. Sie haben auch gefressen, daß manche Sachen heute anders heißen als früher: »Analyst« statt »Analytiker«, »zeitnah« statt »bald«. Sie sind auch damit einverstanden, daß die Zuordnung von Begriffen  untereinander sich ändert: Pluto ist kein »Planet« mehr. Aber wenn irgendwer irgendwo vorschlägt, statt Mutter oder Vater lieber »Elter« oder statt Professorin oder Professor lieber geschlechtsneutral »Professx« zu schreiben, dann geht für diese Leute die Welt unter. Gerade fordern Bastian Sick und andere aufgebrachte Reinheitsapostel in einem  offenen Brief an die österreichischen »MinsterInnen für Frauen und für Wissenschaft« die »Rückkehr zur sprachlichen Normalität«. Niemand muß die feministischen Vorschläge lieben. Ich finde viele davon auch eher unbeholfen und sehe mit Bedauern, daß diejenigen, die sie in die Debatte werfen, sich davon wahre Wunderdinge erhoffen, dazu gleich ein paar Worte. Aber woher kommen Bestürzung, Wut, Empörung, Glossen, Witzchen und das Opfergetue mittelalter Säcke?

Mir liegt »Analyst« auch mies im Mund, und wenn Pluto kein Planet mehr ist, grolle ich einer Astronomie, die mir meine Kindheitserinnerungen wegnimmt, aber dann ist auch schnell wieder Ruhe im Karton. Ich habe, wie jeder vernünftige erwachsene Mensch, eben lernen müssen, daß sich das, worüber wir reden und schreiben, ändert, und  damit auch die Art, wie wir reden und schreiben. Das wissen die Beschützer (es sind meistens Typen) der Muttersprache gegen die Gendermonster auch und praktizieren es, siehe oben, in nicht geschlechterbezogenen Zusammenhängen mit der allergrößten Selbstverständlichkeit. Wieso also ist »feministisches Sprachhandeln« (so heißt der Sammelname der umstrittenen Reförmchen) vielen, nicht nur den üblichen Feuilletonsesselpupsern, so ein Schrecken? Das ist wirklich erklärungsbedürftig – denn die Erregten sind keineswegs wild rebellische Personen, die sich grundsätzlich nichts vorschreiben lassen, sondern die üblichen Deutschen, die noch jede Bahnprivatisierung samt Preiserhöhung, jede Steuer für idiotische Kriege, jede Gesundheitsversorgungsverschlechterung, jede Bespitzelung, jede Bildungskürzung ohne Muckser geschluckt haben. Rauben Staat und Monopole sie aus, dann stehen sie rum, als ob es sie nichts angeht, aber wenn sie nicht mehr so reden dürfen wie bisher, vor allem über Weiber, dann packt sie der Mut.

Warum also? Die Ethnologie würde sich so einen Stamm anschauen und Anekdoten sammeln, die veranschaulichen, woher dieser Stamm seine Meinungen hat. Eine davon, die mir aus sicherster Quelle zugetragen wurde: Ein neuer Oberjournalist, einer von denen, die hierzulande festlegen, worum sich Zivilcourage sorgen und kümmern soll, tritt in einer der mächtigsten Medieneinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland seinen neuen Job an. Er begegnet einer Frau auf dem Gang und fordert sie sofort auf, für ihn mal eben da und dort anzurufen. Sie erklärt ihm, daß sie in dem Laden eine durchaus nicht untergeordnete Position innehat. Da sagt der Schimpanse: »Ach so, ich dachte, Sie sind Sekretärin.« Wer sich diese Geschichte mit umgekehrter Genitalienverteilung vorstellen kann, lebt irgendwo und irgendwann anders als ich und alle, die das hier lesen werden, wenn es erscheint.

Selbstverständlich sympathisiere ich mit jedem Versuch, solche Verhältnisse zu ändern. Zu diesen Versuchen gehört das »feministische Sprachhandeln«. Es will anerzogene, vorgebahnte, eingeschliffene und durch ständigen Gebrauch verfestigte Rede- und Schreibweisen loswerden, die dazu da sind, Menschen zum Zweck der Hierarchisierung nach grammatischen und überhaupt linguistischen Geschlechtern zu sortieren.

Die Idee kommt von der Uni, nämlich von den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Sie stützt sich im wesentlichen auf zwei Annahmen; die eine ist sprachphilosophisch, die andere kommt ursprünglich aus der Feldforschung. Die sprachphilosophische ist die sogenannte Sprechakttheorie. Das ist die Verallgemeinerung der Beobachtung, daß es Dinge gibt, die rein verbal vollzogen werden, aber materielle Effekte haben: Taufen, Eheschließungen, Zuerkennung von Titeln und so weiter. Dabei ist meist Macht im Spiel. Mädels, das geht in Ordnung, wer sozial was ändern will, muß auch Sprechakte neu einrichten, aber das ist Stufe zwei – daß Leute zuhören oder gehorchen, kommt nicht von der Sprache. Hier erwidern mir diejenigen, die von sprachlichen Neuregelungen mehr erwarten, als diese leisten können, mit der oben erwähnten zweiten Voraussetzung, nämlich mit der Hypothese, daß man die Welt doch insgesamt so sieht, wie man über sie redet oder schreibt. Diese These stammt in ihrer heute gängigen Form von dem Linguisten Edward Sapir und meinem Fachkollegen, dem Chemiker Benjamin Whorf.

Gegen sie gibt es gewichtige Einwände, die in Europa kaum bekannt sind. Die wichtigsten will ich nur kurz antippen, eigene Forschung soll ermutigt sein: 1. Die Welt besteht nicht nur aus Gesellschaftlichem. Egal, ob ich »Regen« oder »rain« sage, wenn ich mich reinstelle, bin ich naß. Sprache gruppiert zwar die Erfahrungs- und Handlungsmuster unterschiedlich, nach je verschiedenen Vergleichen und Unterscheidungen, aber sie kann sie nicht aus purem Willen erzeugen, und wo Gesellschaftliches auf Außergesellschaftliches trifft, nistet schnell Ideologie, die man kritisieren und deren bewußte Ablehnung man erarbeiten muß, statt sie per Abschaffung ihres Vokabulars in subtilere Ausdrucksformen zu treiben. 2. Eine Reihe von ernüchternden Recherchen bei entlegenen Sprachgemeinschaften hat ergeben, daß die spektakulärsten Behauptungen der Sapir-Whorf-Anhängerschaft fast immer auf problematischer Datenbasis erhoben wurden. Dazu ist gerade ein interessantes Buch erschienen, The Language Hoax von John H. McWhorter (Oxford University Press). Der Verfasser schüttet allerdings das Kind mit dem Bade aus, weil er die Sprachentwicklung völlig von jeder sozialen Praxis entkoppelt sehen will, da ihn als Geisteswissenschaftler Extrembeispiele von Sprachpraxis, die offensichtlich nichts mit sonstiger Sozialpraxis zu tun haben, genauso übertrieben beeindrucken wie die Sapir-Whorf-Leute vom Gegenteil entzückt sind. Ein bißchen naturwissenschaftlich-exaktes Denken in Häufigkeitsverteilungen, Standardabweichungen und dergleichen wäre da hilfreich gewesen.

Aber zurück ins Leben: Ist das jetzt gut oder Quatsch, dieses feministische Sprachhandeln? Ganz einfach: Die vorhandene Sprache ist mit der vorhandenen Praxis vermittelt, dient ihr und schützt sie, muß also weg. Eine neue Sprache haben wir aber noch nicht. Die Versuche, sie zu kriegen, sind notwendig unbeholfen, das spiegelt bloß den Umstand wider, daß man damit noch nicht sehr weit ist. Um eine soziale Wirklichkeit zu ändern, muß man politisch kämpfen. Politische Kämpfe verlangen Programme (also Sprache), Strategie (also Sprache), Taktik (also Sprache), Propaganda (also Sprache), Erkennungszeichen (also Sprache) und Koordination der Kämpfenden (also Sprache). Aber wenn die Leute sich nicht in Bewegung setzen, sind Programme, Strategien, Taktik, Propaganda, Erkennungszeichen und Koordination für den Arsch beziehungsweise: für die Ärschin.

Barbara Kirchner ist Autorin des neuen konkret texte-Bandes Dämmermännerung. Neuer Antifeminismus, alte Leier

Der Artikel ist in konkret 9/2014 erschienen

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