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Zum Tod von Wolfgang Welt

21.06.2016 13:20

Foto: Suhrkamp Verlag/Andreas Boettcher


Einmal Tchibo und zurück  

Am vergangenen Sonntag ist der Schriftsteller und Musikjournalist Wolfgang Welt im Alter von 63 Jahren gestorben. Sein Debütroman Peggy Sue erschien 1986 im Konkret-Literatur-Verlag. Seit 1983 kam Wolfgang Welt in konkret als Autor zu Wort. Die Redaktion erinnert an den Schriftsteller mit einer Erzählung: Wolfgang Welt unterbricht die Arbeit an seinem ersten Roman für einige Tassen Kaffee und die Erinnerung an Heidi, Anne, Nancy, Judy und die anderen. Der Text erschien 1984 im Sonderheft literatur konkret
 

Für Jane Smith  

Ich war gestern nachmittag gerade auf dem Weg von meinem Psychiater zu Bochums schönster Apothekerin, um mir von ihr meine Monatsration Lithium abzuholen als ich an einer Baustelle in der Innenstadt Andreas traf, mit dem ich vor Jahren für einige Monate in einem Schallplattenladen gegenüber vom Hauptbahnhof gearbeitet hatte, und dessen Mutter 1959 meine erste Lehrerin gewesen war.  

»Was macht denn dein Roman? Soll ja der nächste Hammer sein.«  

»Wer hat das gesagt?« wollte ich wissen.  

»Einer der viel Bücher liest - Bertram. Und noch einer, so'n Kleiner. Ich weiß nicht, wie der heißt.«  

»Diederichsen?«  

»Nee. Den kenn ich.«  

»Also, wenn Du's genau wissen willst, Andreas: am 4. September ist das Dingen fertig.«  

Er war schon wieder am Gehen, rief mir ein »Dann bin ich ja gespannt« nach und verschwand im Getümmel.  

Der Roman. Ich habe erst einen Satz, einen Titel und einen Lektor. Den Satz könnt ihr schon mal haben: »Ich würde sie ficken.« Ein gutes Intro, find ich.  

Mehr will ich aber im Moment noch nicht verraten und geh nach Tchibo. Die Frau hinter der Bar kannte mich und stellte mir ohne Aufforderung einen Kaffee ohne alles hin. Ich steckte mir meine 43. Benson an. Bob Dylan raucht dieselbe Marke, stand neulich im »Rolling Stone«. Meine Schwester tauchte auf. Sie holte sich das gleiche Gesöff wie ich. Unsere gesamte Familie ist süchtig nach Tchibo ohne alles. Gabi hatte »Auf einen Blick« und »Die Aktuelle« bei. Auch ich bin höchst interessiert an den Vorgängen im Jet-Set.  

Stephanie von Monaco will sich jetzt unbedingt ein Kind von dem jungen Belmondo machen lassen. Vor zwanzig Jahren wollte ich unbedingt der Gemahl von Prinzessin Anne werden, doch plötzlich erkaltete meine Liebe zu ihr, als ich in der »Musik Parade« 1966 ein Bild von Nancy Sinatra sah. Sie hatte gerade ihren ersten Hit mit »Theese Boots Are Made For Walking« gelandet. Den Song fand ich auch toll, vor allem wegen Duane Eddys Baßlinie, doch nun, als ich sie so in ihren hohen Stiefeln, ihrem kurzen, vielversprechenden Rock, dem nichtsverheimlichenden engen Pulli und den langen, blonden Haaren betrachtete, wie sie auf einer Gangway posierte, war ich, dreizehnjährig, erstmals richtig hin.  

Aber wie das so ist. Ich hatte sie nicht unter Kontrolle. Im darauffolgenden Jahr machte sie mich furchtbar eifersüchtig, als sie mit ihrem Daddy das inzestuöse »Somethin' Stupid« im Duett sang. Ich wette, daß Ol' Blue Eyes tatsächlich damals an der dran war. Sie ist auch wahrscheinlich gar nicht seine Tochter. Und wars nicht Frankieboy, der den Satz geprägt hat: »In Amerika gehört man zur Aristokratie, wenn man den Stammbaum bis zum leiblichen Vater zurückverfolgen kann.«?  

Ich mußte mir eine andere ausgucken - auf dem Schulhof: Heidi, die in die Parallelklasse ging. Ich wollte ihretwegen damals katholisch werden, denn es gab noch keine Koedukation, und die einzige Möglichkeit, mit Mädchen eine Schulstunde zu verbringen, war der katholische Religionsunterricht. Doch die Konfirmation stand vor der Tür, und ich dachte an die Verwandtschaft, die sich nicht lumpen lassen würde. Ich entschied mich für den Erwerb von »Revolver« und »Pet Sounds« und »If Music Be The Food Of Love«. Ich habe Heidi nie was von ihrem Glück erzählt, obwohl sie wahrscheinlich von ihm wußte. Wir sind dann später gelegentlich mit ihrem Freund ausgegangen, einem Arno-Schmidt-Fan, der mir immer ganz stolz seine komplette Bargfelder Flöte zeigte.  

Als die beiden auseinander waren, verkehrte ich mehr mit ihm, einem gelernten Mathematiker, als mit ihr. Heidi und ich besuchten nur noch ein paar Konzerte zusammen. Ich erinnere mich an Lou Reed in Münster und J. J. Cale in Düsseldorf. Vor gut zwei Jahren war dann endgültig Schluß. Heute ist Heidi nicht mehr in der Kirche, arbeitet als Lehrerin in Posemuckel und verdreht irgendwelchen Vierzehnjähigen wieder den Kopf.  

Im Grunde hatte ich sie und ihren schmidtschen Freund auseinanderdividiert. Diese Story fing 1975 an. Ich wollte hier weg und heuerte bei »Foyle's« in London an, dem angeblich größten Buchladen der Welt. Man steckte mich in die medizinische Abteilung, obwohl ich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Ich stand hinterm Tresen unten im Kellergeschoß, und dauernd kamen irgendwelche Gelehrte aus aller Herren Länder an, um nach ganz speziellen Büchern über irgendeinen bestimmten Knochen zu fragen, oder um das Standardwerk über Vestibularisbefunde bei der plötzlichen einseitigen Innenohrhörstörung zu erwerben, während ich nur den Standort des Bestsellers der Abteilung kannte. »The Joy Of Sex«.
 

Ich wohnte damals zur Untermiete bei Mark und Judy in Thornton Heath, kurz vor Croydon. Ich gab ihnen jede Woche neun Pfund für volle Kost, Logis und Familienanschluß. In diesem typischen Suburban-Bau war das Klo sozusagen Teil der Küche, und ich brachte es nie fertig, kacken zu gehen, wenn nebenan, nur durch eine Tür getrennt, Judy einen Yorkshire-Pudding im Herd hatte. Abends war ich meist in Soho unterwegs, im »Marquee«, aber auch des öfteren im Theater. Ich sah Claire Bloom als Blanche in »A Streetcar Named Desire«, ich bewunderte Henry Fonda in dem Einmannstück »Clarence Darrow«, das hier später von Curd Jürgens geboten wurde. Am meisten beeindruckt war ich aber von Ralph Richardson und John Gielgud in Pinters »No Man's Land«. Vielleicht hat sich aber dieser Theaterabend auch nur so eingeprägt, weil ich in der Pause ein schwedisches Au-Pair-Girl kennenlernte. Wir verabredeten uns für den nächsten Abend in einer Folkkneipe am Charing Cross. Aber leider war nach einer Bombendrohung der IRA das halbe West End abgesperrt worden, und ich hab dieses Kind aus Bullerbü nie mehr gesehen.  

Ich besuchte damals gelegentlich den ollen Erich Fried in seiner Budicke. Seine Gedichte hatten mich nie besonders interessiert, wohl aber seine Sylvia-Plath-Übertragungen (»Ariel«). Er erzählte mir von deren ehemaligem Mann, dem Lyriker Ted Hughes, daß der nur noch als »lady killer« in der Branche gehandelt wurde, nachdem auch seine zweite Frau sich aufgeknüpft hatte. Sonst aber wurde ich mit Erich nicht recht warm. Er war damals auch überlaufen, eine Art Madame Toussaud für alle möglichen Leute, die sich für links hielten, eine touristische Attraktion in London.  

In jenem Spätsommer wollte ich unbedingt Dramatiker werden. Ich hatte auch schon Titel und Plot für ein Stück: »Offside«. (Englische Titel waren in jener Zeit der Wolfgang-Bauer-Magic-Afternoon-Schule im deutschsprachigen Theaterraum sehr beliebt.) Es ging darin um einen Fußballprofi aus armen Verhältnissen, der kurz vor dem Sprung in die Nationalmannschaft ein Bein nach einem groben Foul von Bertie Vogts verloren hatte.  

Eigentlich hatte ich aber von vornherein ein Musical geplant, nachdem Joachim Preen vom Bochumer Schauspielhaus, der Regisseur des »Ekel Alfred« und, wichtiger noch, von »John, Paul, George, Ringo... and Bert« featuring Herbert Grönemeyer, unverbindlich Interesse an meiner Posse mit Gesang gezeigt hatte. Da traf es sich, daß es mir gelungen war, mich nach New Ash Green, Kent, zu meinem Lieblingssinger/songwriter Phillip Goodhand-Tait einzuladen.
 

Ich erläuterte ihm meinen Plan, und daß ich Musik dafür brauchte, wenigstens ein Titelstück, am besten von ihm. Bei einem »Bénédictine« versprach er es mir. Am selben Nachmittag bat er mich, einen Song zu übersetzen, den er gerade für Roger Daltrey und Gene Pitney (und sich selbst) geschrieben hatte, »Oceans Away«. Meine Nachdichtung hatte ich in einer knappen Stunde fertig. Phillip setzte sich an sein Harmonium und sang gebrochen meinen Text. »Weck mich nicht auf, wenn ich von Dir träume.«  

Danach holte er, der auch sein eigener Verleger war, ein Vertragsformular aus dem Schreibtisch, und ich schrieb meinen ersten Vertrag als Autor. Phil schickte den ganzen Rotz anschließend zu seinem deutschen Vertreter Ralph Siegel jr. Ich rechnete schon hoch, was ich an einer Goldenen Schallplatte verdienen würde bei vereinbarten 5% pro verkaufter Single. Natürlich hat nie einer meine Version aufgenommen. Aber wir haben ja auch keine Sänger wie Roger Daltrey, Gene Pitney oder meinen Freund Phillip Goodhand-Tait. Jedenfalls fühlte ich mich von jenem verregneten Nachmittag an als Künstler.  

Judy hatte eine siebzehnjährige Schwester, Mary, die mich bei einem Besuch in ihrem Elternhaus bat, ihr beim Deutschlernen zu helfen. Wir lasen »Das Brandopfer« von Albrecht Goes, das ich mal in einer Fernseh-Fassung mit Hilde Krahl und Benno Sterzenbach gesehen hatte. Ansonsten verliebte ich mich in sie. Leider ging mein Schickermoos alle, und ich mußte nach sechs Wochen London, nach der schönsten Zeit meines Lebens, nach Hause.  

Ein paar Tage nach meiner Rückkehr kam mit der Post eine Kassette von Phillip mit dem versprochenen Titelstück für mein dramatisches Debüt. Wie er schrieb, hatte es ihn drei Tage und drei Nächte gekostet. Es war genau so, wie ich es erhofft hatte. Jemand schießt das entscheidende Tor, das wegen »Abseits« nicht gegeben wird. Phillip benutzte diese Situation auch als Metapher für eine unerfüllte Liebe.
 

Ich kriegte trotzdem mein Musical nie auf die Reihe und verlor auch Joachim Preen aus den Augen, bis ich im vergangenen Frühjahr in einer kleinen Notiz der FAZ las, daß er sich, noch keine fünfzig, am Bodensee das Leben genommen hatte. Einer, der uns am Fernsehen und hier in Bochum auf dem Theater soviel Spaß bereitet hatte, wurde mit keinem Nachruf gewürdigt.  

Ein Jahr nach meinem England-Aufenthalt, den ich an der Victoria Station mit dem Kauf des Buches »Mary« von Vladimir Nabokov (deutscher Titel: »Maschenka«) abgeschlossen hatte, kam Mary mit ihrem Rucksack und einer Freundin hier an. Mary und ich intensivierten unsere Beziehung, während Heidis Freund sich an die andere ranmachte. Und wie ich höre, sind die beiden angeblich heute immer noch zusammen, während Mary und ich nicht mal mehr on speaking terms sind.  

Meine Schwester nahm sich eine Benson von mir und ging wegen ihrer Scheidung zum Anwalt, einem Freund von mir, dessen erste Kundin sie nach knapp einjähriger Ehe geworden war. Ich blieb noch ein bißchen bei Tchibo, und es fiel mir auf, daß die »Ihr-Pfund-ist-wieder-da«-Kampagne wohl beendet war, und ich dachte an einen im Moment noch sehr toten Dichter, der aber nächstes Jahr zu seinem 100. Geburtstag unter Garantie ein mit allen Schikanen gemanagtes Revival erleben wird. Ich seh's schon auf den Plakatwänden prangen: IHR EZRA POUND IST WIEDER DA. SUHRKAMP. 

Drei Tassen später kam ich an einem Wohnwagen zwischen »Kortum« und C&A vorbei. Ein Engländer aus Bochums Partnerstadt bot allerlei Gimmicks von dem Klub Sheffield Wednesday an, von der Vereinsnadel übers Bierglas bis zum Lederball mit Autogrammen. Ich wollte erst mit ihm ins Gespräch kommen, aber ich wollte auch an nichts mehr denken, schon gar nicht an meine Brieffreundin Sue in Sheffield, deren Mutter Peggy hieß, und daß ich es für keinen Zufall hielt, daß mein Lieblingslied schon seit 1963 Buddy Hollys »Peggy Sue« ist.
 

Ich ging weiter und kam an einem Café/Bistro/Restaurant vorbei, das auf einer Tafel u. a. Bunte Bohnensuppe anbot. Die Schrift in Kreide kam mir bekannt vor. Ich ging kurz rein und sagte nur »Tach, Christiane. Ich wollte nur mal gucken, wer sich hinter der Klaue versteckt.« Auf dem Weg zur schönsten Bochumer Apothekerin summte ich Gerry Raffertys »Her Father Didn't Like Me Anyway«. Sie gab mir ein paar Minze zu meinem Lithium, die ich in der S-Bahn schluckte.  

Zu Hause fragte mich meine Mutter, wie's beim Psychiater gewesen war, und ich sagte: »Och, wie immer.«

-Wolfgang Welt -

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