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Repression für alle

Die Sensibilitäten eines Jugendzentrums zu verstehen, dem eine nackte Brust als Gewalt gilt, mag manchen überfordern. Der Fall ist jedoch insofern symptomatisch, als der Begriff (männliches) Privileg im Zentrum der Debatte steht. 

Ein Fetzen Stoff war es, der für einige Wochen die Hirne aller Wohlmeinenden und Aufgeklärten aufs äußerte strapazierte, ja, lahmlegte. Ein Auftritt der Band Feine Sahne Fischfilet im ArbeiterInnen-Jugend-Zentrum Bielefeld wurde für eine halbe Stunde unterbrochen, weil sich Teile des Publikums über nackte Haut erregten: Der Schlagzeuger der Band hatte oben ohne musiziert. Weil das nach den Regeln des Zentrums als sog. Trigger für Opfer sexueller Gewalt und damit als sexistischer Akt gilt, wurde die Band aufgefordert, ihren Vortrag nur bekleidet fortzusetzen. Der Vorfall wurde nicht nur in der alternativmedialen Welt breit diskutiert. Einerseits war er willkommener Anlaß für die bürgerliche Öffentlichkeit, Feministinnen pauschal als hysterisch und irrational zu dämonisieren. Aber auch Linke fragten sich, inwieweit hier eine selbstgerecht operierende »Szenepolizei« ihre Kompetenzen überschritten hatte. Nachdem die Band selbst im diplomatischen Ton verschiedene Fehldarstellungen des Abends korrigiert hatte, gab es dagegen im durchgeknallteren Teil der queerfeministischen Szene durchaus Forderungen, die Stellungnahme der Musiker gehe nicht weit genug, sie müßten sich sogar entschuldigen. Die Sensibilitäten eines Jugendzentrums zu verstehen, dem eine nackte Brust schon als Gewalt gilt, das aber einen Holocaustüberlebenden wie Karl Pfeifer von Veranstaltungen ausschließt, weil er als »Zionist« identifiziert wird (so geschehen 2009), mag manchen überfordern. Der Fall ist jedoch insofern symptomatisch, als der Begriff »männliches Privileg« im Zentrum der Debatte steht: Männer, die sich auf diese Weise entblößen, stellten damit ein Sonderrecht zur Schau, feierten so ihre Überlegenheit und reproduzierten sexuelle Gewalt.

Privileg ist ein Wort, von dem auch geduldigen Lesern linker Blogs und Pamphlete mittlerweile speiübel werden dürfte, so omnipräsent ist es; wie Glutamat wird es über fade Textprodukte gestreut, die aus eigener Kraft kaum nach Kritik schmecken. Es entstammt jenem Heimwerkerbedarf für Theorie, der überall dort aufmacht, wo kritische Wissenschaft erfolgreich aus den Universitäten getilgt wurde und ihre Reste in studentischen Lektürezirkeln und offenen Seminaren studiert werden wie kuriose Fossilien. Ähnlich wie bei den Szenevokabeln »Übergriff«, »triggern« und »Kackscheiße« ersetzt dabei die Wut, die den Begriffen injiziert wird, die Theorie, die ihnen nicht mehr zur Verfügung steht. Dabei darf der Terminus Privileg ruhig als wissenschaftlicher Geisterzug verstanden werden – denn weit kommt man damit nicht, und die Orte, die man damit erreicht, will man gar nicht sehen.

In ihrem Essay »White Privilege. Unpacking the Invisible Knapsack« (siehe tinyurl.com/n7zadxt) vergleicht die amerikanische Aktivistin Peggy McIntosh das Privileg der Weißen mit einem Sack voll schöner Dinge: »ein unsichtbarer, schwereloser Rucksack mit spezieller Ausrüstung, Karten, Ausweisen, Codebüchern, Visa, Kleidung, Werkzeug und Blankochecks«. Die schiefe Allegorie, die bei näherer Betrachtung eigentlich nur aussagt, daß Privilegierte über Dinge verfügen, die andere nicht haben, wird ergänzt um die Unterscheidung zwischen »verdienter Stärke« und »unverdienter Macht, die systematisch übertragen wird«, und darin liegt die erste Aporie des Privilegienbegriffs begründet: Es gibt gute und schlechte Privilegien, verdiente und unverdiente; und dies ist schon die Sprache der Leistungsgesellschaft. Verdient sind Privilegien, die durch Teilnahme an der Wertschöpfung und Ausbeutung entstehen, unverdient diejenigen, mit denen man auf die Welt kommt. Indirekt wird so der Kapitalismus ins Recht gesetzt – befreite man ihn von Rassismus und Sexismus, er wäre gut. So sind all die Ismen letztlich nur deswegen zu bekämpfen, damit sich der Kapitalismus möglichst rein entfalten kann, damit kein separater Kleinkrieg dem Kampf aller gegen alle im Wege steht, damit alle gleichberechtigt Konkurrenten sein können. Privilegien verhindern die Möglichkeit, Marktteilnehmer zu sein.

Dazu liefert die Identitätspolitik die Ideologie. Die erfolgreiche Teilnahme am Markt wird als Befreiung aus dem Schicksal verstanden, schwarz, schwul oder behindert zu sein. Die Idee wird gestützt durch die soziologische Fiktion, die dem Privilegbegriff zugrunde liegt: daß nämlich die befreite Gesellschaft schon da ist und nur die Privilegien rückgängig gemacht werden müssen, die unverdient auf dem Rücken der ehrlichen Marktteilnehmer erworben wurden– als wäre nicht die Macht selbst das Problem, sondern bloß ihre unrechtmäßige Ausübung. Der Begriff vom Privileg verschleiert, daß das Rechtssystem, von dem es die Abweichung darstellt, selbst ungerecht ist; daß den Kapitalismus gerechter zu machen, heißt, ihn zu stabilisieren. Die Auf- und Abwertung von kontingenten Merkmalen wie Rasse und Geschlecht ist selbst Teil der herrschenden Ordnung – stets noch folgten Emanzipationsbewegungen dem gestiegenen Bedarf an Arbeitskraft, die aus den Reihen bisher verfemter Gesellschaftsschichten rekrutiert werden mußte, und im gleichen Maße, wie Arbeit wieder überflüssig wird, steigen Rasse und Geschlecht als Gründe auf, sie den Menschen vorzuenthalten.

Gleichzeitig wohnt der Theorie vom Privileg selbst die Gewalt inne, die sie vorgeblich bekämpfen will – gehören Privilegien doch schon dem Begriff nach abgeschafft. Mögen Männer auch behaupten, schreibt McIntosh, »sie würden an der Verbesserung der Stellung der Frau, sei es gesellschaftlich, an den Universitäten oder in den Lehrplänen, arbeiten, … sie wollen oder können die Idee der Einschränkung der männlichen Privilegien innerhalb dieser Bereiche nicht unterstützen«. Wenn nicht Rechte erkämpft werden, sondern Privilegien gestrichen, ist das Eichmaß des gesellschaftlichen Fortschritts nicht gewonnene Freiheit, sondern möglichst gleichmäßig verteilte Repression. Neuerdings ist es etwa in queeren Kreisen Mode geworden, Homosexuelle, die eine bürgerliche Ehe anstreben, als Repräsentanten von »Homonormativität« und damit als Deserteure des egalitären Projekts zu behandeln – sie schadeten anderen Lebensentwürfen, die nicht die Paarbeziehung zum Vorbild hätten, und trügen so dazu bei, jene noch stärker auszugrenzen.

Der unter historischen Mühen errungene Erfolg, daß dem Devianten wenigstens nicht das Mittun verboten wird, daß er jedenfalls auf dieselbe Weise unterdrückt werden darf wie alle anderen, wird ihm als Verrat, nämlich als Erwerb des verhaßten Privilegs angerechnet – das ist die radikale Schattenseite der Identitätspolitik. Wird Schwulen, während sie in Rußland schon wieder totgeschlagen werden, bald in Deutschland vorgehalten, daß sie sich nicht totschlagen lassen wollen? Zur Aporie des Privilegienbegriffs gehört auch, daß er Paranoia zur Theorie erhebt: Alles scheint gleich bedeutend, hinter jeder selbstverständlich wahrgenommenen Freiheit, so klein sie auch sei, steckt potentiell schon Gewalt. Ja, es ist nicht einmal sicher, ob ein errungenes Recht nicht schon selbst Privileg ist, ob man sich wirklich befreit oder nicht vielmehr noch mehr Schuld auf sich geladen hat. Nicht ohne Grund ähnelt der Wust an Bekenntnis- und Selbsterforschungsliteratur, der in der queeren Blogosphäre entsteht, den Elaboraten des protestantischen Tagebuchschreibers, der sich endlos selbst zerfleischt und doch weiß, daß er verdammt ist.

Die Paranoia führt so weit, daß die Theorie sich selbst mißtraut. Reflexion und diskriminierendes Handeln werden in eins gesetzt. In ihrem Essay »The Problem with ›Privilege‹« (siehe andrea366.wordpress.com) schreibt die US-Kulturwissenschaftlerin Andrea Smith: »Das westliche Subjekt versteht sich als selbstbestimmt aufgrund seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion, zum analytischen Denken und zur Machtausübung über andere. Das westliche Subjekt weiß, daß es selbstbestimmt ist, da es sich selbst mit ›anderen‹, die es nicht sind, vergleicht. Anders gesagt: Ich weiß, wer ich bin, da ich nicht du bin. Antirassistische intellektuelle und politische Projekte basieren häufig auf der Vorstellung, daß man uns, wenn man uns besser kennen würde, auch Menschlichkeit zugestünde. Aber … das grundlegende Thema, das unangesprochen bleibt, ist, daß ›das Menschliche‹ an sich schon ein Rasseprojekt ist. « Wo Vernunft und Menschlichkeit als Rassenpolitik, als westliche Verschwörung denunziert werden, kann man auf beide verzichten. Übrig bleibt esoterisches Geraune, das von unvorstellbaren Kollektiven jenseits des Selbst kündet: »Sobald wir nicht mehr bloß über das Privileg hinausdenken, sondern über die Idee eines Selbst, das das Privileg für sich in Anspruch nimmt, öffnen wir uns selbst neuen, jetzt noch unvorstellbaren Möglichkeiten für die Zukunft ... Ein andersartiges Selbstverständnis, das das Selbst fundamental durch andere Wesenheiten konstituiert sieht« (ibid.). So führt die Privilegiendiskussion in Welten jenseits des Individuums, in eine so privilegien- wie sprachlose unio mystica, zu der interessanterweise Zionisten keinen Zutritt haben – gehören sie doch zu den zu besiegenden Feinden »disability, gegen Schwarze gerichteter Rassismus, Kolonialismus der Siedler, Zionismus, antiarabischer Rassismus, Transphobie«.

Es ist bezeichnend, daß diese Art des Denkens keine Utopie kennt außer einer Art vulkanischer Gedankenverschmelzung und der Abschaffung des Zionismus. Denn zu erobern gibt es in diesem Weltbild eigentlich nichts – der Privilegienbegriff führt zwingend zu dem, was der österreichische Philosoph Robert Pfaller den »Beuteverzicht“ postmoderner linker Bewegungen nennt: Das Privileg soll nicht erobert, sondern zerschmettert werden. Wenn Privilegien sich darüber definieren, »Resultate von Gewaltbeziehungen als genußvoll erlebte Normalität wahrzunehmen« (Kathrin Ganz), dann ist zumindest ein Teil der Bewegung spitz darauf, das Unrecht nicht an der Gewalt, sondern am Genuß zu diagnostizieren. Weil das Privileg auf Gewalt basiert, ist der Privilegierte immer zugleich schuldig, und ihm seine Komplizenschaft aufzuzeigen, Aufgabe des Aktivisten.

Das Leben derjenigen, die der Unterdrückung entronnen sind, soll mit Schuld aufgeladen, ihr Genuß getrübt werden. Daß frei nach Adorno das Privileg eine Vorstufe zum Menschenrecht ist oder das Privileg eigentlich das Menschenrecht ist, das den anderen fehlt, wird nicht gesehen, denn dem Glück selber wird mißtraut: Alle sollen so unglücklich sein wie die jeweils Unglücklichsten, die die Gesellschaft hervorgebracht hat. Paradoxerweise dürfen Privilegien nur dann ausgeübt werden, wenn alle sie haben können; das Glück muß entweder total sein, oder es darf überhaupt nicht sein. Auf Basis dieses reaktionären Privilegienbegriffs ist es dann auch logisch, öffentliche Küsse und Umarmungen zwischen Heterosexuellen zu unterbinden, weil Homosexuelle diese nicht so leicht haben können (vgl. Magnus Klaue: »Das gelebte Nichts«, KONKRET 7/13); ebenso logisch wie der Verzicht aufs Essen, weil anderswo Menschen hungern.

In ihrer Glücksfeindlichkeit verlängern die auf Privilegien angesetzten Kritiker bloß die Repression– und reproduzieren unbewußt jene Ideologie, deren einfachster Modus die Mißgunst ist: Wo immer der Gedanke ans Glück »inmitten der prinzipiellen Versagung als verwirklicht erscheint, müssen sie die Unterdrückung wiederholen, die der eigenen Sehnsucht galt« (Adorno: Elemente des Antisemitismus). Deswegen ist es nicht nur Ausdruck von Wahn und Blödheit, daß dieselben Bielefelder, die den nackten Mann wieder anziehen, auch den Juden wieder nach Hause schicken. Es hat schon alles seine Richtigkeit.

Leo Fischer schrieb in KONKRET 10/13 über morbide Bestseller

 


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