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»Zu hoch für dich«

Warum ist es unter so vielen Linken en vogue, sich über Angehörige der sogenannten Unterschicht lustig zu machen und sie aus ihren Gruppen auszuschließen? Klassendiskriminierung unter Linken ist ein altbekanntes Phänomen, das bis heute totgeschwiegen wird.
Von Christian Baron

Weihnachtsfeier im Haus der DGB-Jugend. Junge Menschen aus verschiedenen Gruppierungen, die sich
allesamt als links verstehen, trinken und rauchen und lachen und tanzen und feixen gemeinsam in bester gewerkschaftlicher Obhut. Weil es an diesem Wochenende ein großes Programm gibt, steigt im Laufe des Abends einer der Organisatoren kurz auf das Podium und erklärt den weiteren Ablauf für Ortsunkundige.
Morgen geht’s nämlich zum Bowling, da sollte jeder wissen, wie man hinkommt. Seiner trockenen Wegbeschreibung fügt der Redner am Ende einen feuchtfröhlichen Witz hinzu: »Die Bowlingbahn befindet sich im schlimmsten Asiviertel der Stadt. Ihr solltet also am besten an der Haltestelle schnell aus der Straßenbahn aussteigen und dann im Laufschritt hinein in die Bowlingbar!« Herzhaftes Gelächter überall. Nur ich fühle einen quälenden Stich in der Magengegend. Wie so oft.
Auf Partys linker Hochschulgruppen erlebe ich so etwas immer wieder. Bisweilen streifen die Gespräche dort auch private Themen, und einmal fragte mich einer in der Runde, wie denn eigentlich meine jüngste Nichte heiße, von deren Geburt ich ihm kurz zuvor erzählt hatte. »Alisha«, antwortete ich, und in dem Moment, in dem das Wort meinen Mund verließ, wußte ich bereits: Das war ein schwerer Fehler. Blitzschnell nämlich brach es reflexhaft aus ihm heraus. Sein ebenso schallendes wie verächtliches Lachen erfüllte trotz lautstark aus den Boxen dröhnendem Punkrock den ganzen Raum. Der Rest am Stehtisch stimmte in das Gackern mit ein. »Das ist doch«, prustete einer, der sich die eine Hand an den ob des Amüsements anscheinend schmerzenden Wohlstandsbauch hielt und die andere ob seiner vermeintlichen Fassungslosigkeit an die schweißnasse Stirn, »das ist doch so ein typischer Unterschichtsname!« Und wieder war da dieser Schmerz in der Magengegend.

Mittlerweile habe ich mich an solche Dinge gewöhnt, die schlechten Gefühle aber kommen trotzdem beständig. Das hängt mit meiner Herkunft zusammen, die mich zum zwar unbeabsichtigten, aber dennoch unmittelbaren Adressaten solch blasierter Herabwürdigungen meiner politischen Freunde macht. Als Kind eines ungelernten Hilfsarbeiters und einer Hausfrau bin ich mit meinen Geschwistern in veritablen Armutsverhältnissen aufgewachsen. Ab Mitte des Monats kamen bei uns bestenfalls trockene Nudeln auf den Teller, bevor wir in unser unbeheiztes und deshalb verschimmeltes Zimmer zum Schlafen geschickt wurden. Meine Mutter tat ihr Bestes, um uns trotz der materiellen Situation auf ein besseres Leben vorzubereiten, als es ihr vergönnt war. Da mein Vater den Großteil seines kargen Einkommens als Möbelpacker versoff, blieb nicht mehr viel übrig. Mit reichlich Glück und dank hartnäckiger Grundschullehrerinnen konnte ich eine Gesamtschule besuchen, Abitur machen und studieren.

Pierre Bourdieu schreibt, daß nur derjenige sozial aufsteigen kann, der seine eigene Klasse verrät. Da ist viel Wahres dran. Selbst wenn man, wie ich, aufgrund günstiger Zufälle als Kollateralschaden die Klassenschranken des Systems durchbricht und als Arbeiterkind studieren kann, bleiben die in der Kindheit erlernten Werte und Normen erst mal ausnahmslos bestehen. Du bist nur etwas wert, wenn du viel leistest, wurde mir beigebracht. Nicht, daß meine Eltern so dachten, aber sie spürten, daß nur die Befolgung dieses Prinzips unterprivilegierten
Menschen ein halbwegs ehrenwertes Leben im Kapitalismus zu ermöglichen verspricht. Was daraus logisch folgt, ist ein Hang zum Konformismus, der sich besonders im Jugendalter entfaltet. Wenn dir jahrelang zu Hause
eingebleut wird: »Fall bloß nicht auf! Befolge alle Regeln! Respektiere die Verhältnisse, denn du kannst sie sowieso nicht ändern!«, dann wirst du bestimmt nicht aus reinem Protest mit abgewetzten Klamotten in die Schule kommen oder dich auf Diskussionen mit Ideologieproduzenten wie Lehrern einlassen, so sehr du auch im Recht sein magst. Kindern aus der Mittelklasse wird zwar meist auch von klein auf eingetrichtert, wie wichtig es doch sei, nicht gegen Autoritäten aufzubegehren und sich an Recht und Ordnung zu halten. Dadurch, daß ihre Eltern aber etwa ein Reihenhaus besitzen und keinerlei materielle Not leiden, wird es ihnen leichtgemacht, im Jugendalter gewaltig über die Stränge zu schlagen, weil sie im schlimmsten Fall wieder in die familiäre Obhut zurückkehren können. Wenn es dann später für Arbeiterkinder darum geht, in linken Gruppen oder gar Marx-Lesekreisen Gehör zu finden, dann ist es genau diese anerzogene Zurückhaltung, die es den ungemein selbstsicheren Mittelklasseaktivisten ermöglicht, sich selbst in den Vordergrund zu drängen und schüchterne Neuankömmlinge aus der Arbeiterklasse galant unterzubuttern.
Daß die Mittelklasse linke Widerstandskulturen dominiert und dabei Aktivisten mit bildungsbürgerferner Herkunft massiv diskriminiert, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Sie wird aber konsequent totgeschwiegen. Wer das
auch nur zaghaft anspricht, dem wird blitzschnell das mundtot machende Etikett des Spalters ans Revers gepappt. Warum um alles in der Welt aber ist es unter so vielen Linken en vogue, sich über Angehörige der sogenannten Unterschicht lustig zu machen und sie aus ihren politischen Gruppen auszuschließen? Zumal sie doch alle vorgeben, für die Rechte der Arbeiterklasse einzutreten? In der Soziologie gibt es einen Begriff für diese Form der Diskriminierung: Klassismus. Gemeint ist damit die »systematische Diskriminierung durch Individuen, Kollektive oder Institutionen in Form von kultureller und ökonomischer Unterdrückung sowie sozialem und materiellem Anerkennungs- und Teilhabeentzug gegenüber Menschen aufgrund der Übertragung sozial konstruierter Stigmata auf ihre zugeschriebene oder tatsächliche Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse, die sich durch die Abhängigkeit von Lohnarbeit und/oder den Nichtbesitz von Produktionsmitteln auszeichnet«. So lautet zumindest mein bescheidener Definitionsversuch.
Sich selbst für besonders pfiffig haltende Marxisten warfen mir vor, damit nicht mehr zu leisten als eine weitere unvollständige Definition des Proletarierseins. Sie sind aber völlig blind dafür, daß das Klassismuskonzept nicht
einfach ein Synonym für Kapitalismus oder »Doing Capitalism« ist. Es umfaßt vielmehr zwei Dimensionen, die immer zusammengedacht werden müssen: eine objektive und eine subjektive. Erstere bezieht sich auf die wissenschaftlich nachweisbare Klassenstruktur, die sich in allen kapitalistischen Gesellschaften empirisch belegen läßt. Die zweite subjektive Dimension dagegen versucht, habituelle Existenzweisen in die Erklärung kapitalistisch bedingter Diskriminierungsstrukturen einzubeziehen. Während einem marxistisch geschulten Professor niemand wird beibringen müssen, was es mit der Klassengesellschaft auf sich hat, findet die klassistische Diskriminierung im realen Leben vor allem in einer Weise statt, die gerade die unbestreitbare Klassenförmigkeit der Gesellschaft anficht und statt dessen auf Begriffe wie Unterklasse oder Unterschicht zurückgreift, die keinerlei empirische Evidenz aufweisen und die Sozialwissenschaftler einst erfanden, um die Theorie einander unversöhnlich gegenüberstehender sozialer Klassen zu verdrängen.
Diese Ideologie durchschaut vielleicht ein gewiefter Gesellschaftstheoretiker, der viel Zeit zum Lesen hat, weil er nicht körperlich arbeiten muß. Aber eben nicht die Menschen, die jeden Morgen um sieben auf der Baustelle antanzen müssen und einfach zu wenig Zeit und nicht genug bürgerlich-intellektuelle Übung besitzen, um sich stundenlang ins bürgerlich-intellektuelle Kapital von Marx oder in Bourdieus bürgerlich-intellektuelle Feinen Unterschiede zu vertiefen. Genau das geht einfach nicht in die Köpfe der meisten mir bekannten Linken. Dank
der Leistungen der Ideologietheorie wissen all jene, die sich der bürgerlichen Bildung hingeben, mittlerweile sehr genau, daß die begrenzte wissenschaftliche Evidenz der soziologischen Schichtkonzepte die Strukturen und Akteure der Diskriminierung überhaupt nicht daran hindert, diese Vorstellungen als Grundlage der sozialen Abwertung zu verwenden, indem sie das Märchen vom sozialen Aufstieg durch Bildung und Leistung in die Hirne der Menschen hämmern. Klassismus als kapitalistische Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zur Lohnabhängigenklasse existiert niemals ohne diese ideologischen Hilfskategorien; beides muß zwingend im Zusammenhang gedacht und analysiert werden. Mit meiner Definition versuche ich in diesem Sinne, das Wichtigste am Phänomen des Klassismus zu erfassen: Die ideologisch etablierten Stereotype gegen arme Menschen sind vollständig systemimmanent. Das heißt, daß sie sich aus der Gesellschaft nur dann beseitigen lassen, wenn sich innerhalb der Bevölkerung ein antikapitalistisches Begehren, ein Verlangen nach Sozialismus und ein subjektives Klassenbewußtsein entwickeln.
Innerhalb der Linken ist dieses Bewußtsein zum Teil vorhanden, trotzdem stößt der Begriff des Klassismus dort bisher fast immer auf Ablehnung. Manche halten den Begriff des Sozialchauvinismus für geeigneter, weil das Klassismuskonzept die Ideologie einer Existenz der Mittelschicht für bare Münze nehme und damit die Tatsache zu verkleistern helfe, daß Mittelschichten analytisch eben auch zur Arbeiterklasse zählen. Das jedoch bestreitet das Klassismuskonzept gerade nicht, es bezieht eben nur ideologisch gefertigte Existenz- und Sichtweisen in die Analyse mit ein, was in der Entstehungszeit der Marxschen Klassentheorie schlicht nicht relevant war, weil die Arbeiterklasse damals noch nicht ausdifferenziert war. Vor allem aber ist das, was Klassismus meint, viel mehr als Snobismus oder Chauvinismus. So wie Ausländerfeindlichkeit nur einen Aspekt der vielschichtigeren Diskriminierungsform des Rassismus bezeichnet, ist Sozialchauvinismus nur ein Teil des Klassismus. Klassismus
ist aktiver Klassenkampf von allen Seiten gegen die Arbeiterklasse. Und doch ist der Begriff bei fast allen innerhalb der Linken, die ihn nicht ablehnen, bisher komplett unbekannt.
Das mag vor allem damit zusammenhängen, daß linke Gruppen, wie schon erwähnt, seit Jahrzehnten von Menschen geprägt sind, die materiell abgesicherten, ja häufig wohlhabenden Einfamilien- oder Reihenhausverhältnissen entstammen. Ihre eigene Lebenswirklichkeit kennt keinen aktiven Klassenkampf, weil sie das Gymnasium und später die Universität besucht haben, ohne dort mit vielen Menschen aus Armutsverhältnissen oder aus gewerkschaftlich organisierten Lohnarbeiterhaushalten in Kontakt gekommen zu sein. Schule und Medien, manchmal auch postmateriellen Werten zugeneigte Eltern, haben ihnen allenfalls Rassismus und Sexismus als maßgebliche gesamtgesellschaftliche Diskriminierungsformen, die es engagiert zu bekämpfen gelte, vermittelt. So entwickelten sich dann vor allem Antirassismus, Antisexismus sowie der Kampf gegen Atomkraft und den menschlich erzeugten Klimawandel zu den zentralen Themen heutiger Protestbewegungen. Ihr Aktivismus beruht meist auf einer Mischung aus dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und einem anerzogenen schlechten Gewissen.
Hier soll es nicht darum gehen, verschiedene Diskriminierungsformen gegeneinander auszuspielen. Daß Aktivisten, deren Problemlagen im Materiellen liegen, innerhalb dieser Bewegungen kaum präsent sind und kaum Gehör finden, liegt daran, daß sie den akademischen Habitus nicht von klein auf gelernt haben wie die
ungleich besser ausgestatteten Bürgerkinder. In linken Milieus herrscht größtenteils ein akademisierendes
Verhalten vor, das auf einem vom Elternhaus vermittelten Selbstbewußtsein fußt. Im Gegensatz zu Arbeiterkindern fanden die Bürgerkinder in den elterlichen Bücherregalen weder »Micky Maus« noch Arztromane, sondern große Literatur von Schiller bis Joyce, manchmal sogar aufrüttelnde Werke von Marx bis Lenin. Wenn ein Lehrer sie auf dem Zeugnis mit »gut« bewertete, dann wurden die Eltern entweder in der Schule vorstellig, oder sie trichterten den Sprößlingen ein, sich niemals mit einer Zwei zufriedenzugeben, wenn man die Bestnote verdient zu haben glaubt. Sie wurden ermuntert, auf die Kunsthochschule zu gehen, und wenn danach erst mal kein Job rausspringt, kann man diese Phase ja auch mit einer Rundreise durch Südamerika überbrükken. All das, dieses aufbrausende Selbstbewußtsein und diese rebellisch anmutende Widerständigkeit, sind nur deshalb drin, weil stets die Möglichkeit besteht, sich kurzzeitig wieder wie in Kindheitstagen am Geldbeutel der Eltern zu laben und das Budget für neue Abenteuer flugs aufzustocken. Die Möglichkeit des Scheiterns existiert in diesen gelackten Biographien niemals – zumindest nicht im blanken existentiellen Sinne. Das würden die meisten Mittelklasseaktivisten freilich niemals zugeben, und es ist ihnen auch oft nicht bewußt, weil der Aneignungsprozeß dieser akademischen Standards geradezu selbstverständlich im Schoß der Familie geschieht; genauso wie mehrsprachig aufwachsende Kinder unmerklich und ohne echte Anstrengung mehrere Sprachen zugleich lernen. Die Selbstverständlichkeit dieses Aneignungsprozesses wird schnell wieder vergessen und zur Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbildes vom aus eigener Kraft zum Intellektuellen mutierten Linken später geradezu hysterisch negiert.
So werden Menschen aus Arbeiterhaushalten in linkspolitischen Gruppen eiskalt sozial sanktioniert, wenn sie mit all dem nicht mithalten können. Und wenn sie es gar wagen, auf die ungleichen Bildungschancen von Arbeiter-und Akademikerkindern hinzuweisen und das auch noch rotzfrech zu ändern trachten, dann wird ihnen von ganz links barsch vorgeworfen, nur den Kapitalismus schöner machen und die Proletarier von heute auf die Ideologieschmieden namens Universität verfrachten zu wollen, um so die Unterdrücker und Ausbeuter von
morgen zu erschaffen. Komisch nur, daß sie selbst unter keinen Umständen darauf verzichten zu studieren. Sie selbst mutieren aber natürlich nicht zu bösen Kapitalisten. Warum eigentlich? Vielleicht, weil sie von Haus aus
schlauer sind und nicht in einer »Asifamilie« aufwachsen mußten? Solche Argumente, die jegliche innerkapitalistische Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse als diabolische Ausgeburt des Reformismus ablehnen, sind in linken Kreisen leider äußerst beliebt. Jeder wirft dem anderen vor, in Wahrheit
kein richtiger Sozialist zu sein. Volksfront von Judäa gegen die judäische Volksfront. Aber faktisch ist diese Realsatire nichts anderes als eine der übelsten denkbaren Formen von lupenreinem Klassismus.
Dadurch, daß der Klassismus Menschen jeden Geschlechts, jeder Hautfarbe, jeder Herkunft, jeder Religion und jeden Alters gleichermaßen betreffen kann, erwächst seine besondere Brisanz als wichtigstes Mittel der Herrschenden zur Klassenspaltung, dem die so agierenden Mittelklasselinken als nützliche Idioten dienstbar zur Hand gehen. Gäbe es auch und gerade unter den sich selbst als links bezeichnenden Akademikern mehr echtes Klassenbewußtsein in Form von gelebter Solidarität gegenüber den Schwächsten, wäre der Kampf gegen den Kapitalismus weit weniger schwer, als er es aktuell ist. Denn gerade sie könnten mithilfe ihres kulturellen Kapitals aufdecken, wie wenig das tagtäglich massenmedial vorgezeichnete Bild vom Armen als Sozialstaatsparasit der Realität entspricht. Wer schon einmal Nachmittagssendungen bei RTL, Sat 1 und Pro 7 gesehen hat und gelegentlich am Kiosk über »Bild« stolpert, kann sich davon eine Vorstellung machen.

Selbstverständlich würde kein linker Student jemals zugeben, sich Sendungen wie »Mitten im Leben« anzuschauen, schließlich handelt es sich dabei um »Unterschichtsfernsehen«. Und doch kennen sie allesamt die
schlechten Eigenschaften, die solche Sendungen diesen Menschen in verletzender Absicht zuschreiben, und reproduzieren sie genüßlich durch ihren meist noch nicht einmal bewußt abwertend gemeinten, aber nicht minder schäbigen Spott. Das Buch Schantall, tu ma die Omma winken! Aus dem Alltag eines unerschrockenen Sozialarbeiters, das der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf als »humorvolles Porträt einer Unterschichtenfamilie« bewirbt, hat es gerade auf Platz eins der »Spiegel«-Bestsellerliste geschafft. Da beömmeln sich der linke Soziologiedoktorand und die Chefin eines Fair-Trade- Kontors über den Abschaum der strunzdoofen Unterschicht, und die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft können sich die Hände reiben ob dieser einmal mehr bravourös gelungenen Ablenkung von der einzig wirklich gesellschaftlich relevanten Konfliktlinie zwischen Arm und Reich.

Natürlich genügt es nicht, den Armen einfach nur mit mehr Respekt entgegenzutreten. Was bringt es einem ALG-II-Empfänger, wenn er beim Jobcenter höflich behandelt wird, aber trotzdem alle Bezüge gestrichen bekommt, wenn er es wagt, einen der angebotenen Jobs im entwürdigenden und perspektivlosen Niedriglohnsektor abzulehnen? Es geht beim Kampf gegen den Klassismus nicht nur um Diskriminierung und auch nicht nur um Anerkennung, sondern um viel mehr, wie der britische Publizist Owen Jones es treffend formuliert: »Letztlich müssen wir nicht gegen Vorurteile kämpfen, sondern gegen das, was sie ermöglicht.«
Leider erschwert der Klassismus unter Linken bisher, daß wir diese Erkenntnis beherzigen können.

Christian Baron hat zuletzt zusammen mit Britta Steinwachs das Buch Faul, frech, dreist. Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch ›Bild‹-Leser*innen (Edition Assemblage) veröffentlicht und promoviert zum Thema »Der neue
Klassismus? Eine kritische Analyse des massenmedialen Sozialstaatsdiskurses in Deutschland«

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