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Masse Mensch

Flugticketpreise nach dem Körpergewicht der Passagiere zu berechnen hat wenig mit Fairneß, aber viel mit der ökonomischen Verwertung gesellschaftlicher Vorurteile zu tun.

Von Klaus Alfs

Darf’s etwas mehr sein?

Wenn bei Samoa Air abgerechnet wird, bekommen die Passagiere künftig ihr Fett weg. »Zahl nur für das, was du auch wiegst!« – so jubelt die Fluggesellschaft ihr neues Tarifsystem als weltweites Novum hoch. Schluß mit Extrakosten fürs Extragepäck! Jetzt zählen die Kilos unter der Haut. Die Minifluggesellschaft will Reisende nicht nur von A nach B befördern, sondern auch zur Gewichtsdisziplin erziehen. »Du entscheidest, wie viel (oder wenig) dein Ticket kosten wird« – heißt es auf der Website der Gesellschaft.

Schon bald könnten weitere Airlines den Kampf gegen die  Fettleibigkeit aufnehmen, indem sie das Gewicht der Portemonnaies adipöser Passagiere reduzieren. Magersüchtige, Pygmäen und »Alberich« aus dem Münsteraner »Tatort« dürfen sich auf günstige Tarife freuen. Auch die Frauenbewegung profitiert von der preispolitischen Luftnummer, denn Frauen sind bekanntlich im Durchschnitt leichter als Männer. Zwei-Meter-Hünen mit Normalfigur haben das Nachsehen. Wenn sie allerdings auf ihre Beine verzichten würden, verlören sie satte 25 Prozent ihres Körpergewichts. Vielflieger könnten also durch die Optimierung ihres Amputationsportfolios beträchtliche Summen sparen.

Was wie ein fairer Handel daherkommt, hat ziemlich unfaire Voraussetzungen. Denn die Behauptung, Menschen könnten maßgeblich selbst entscheiden, wie schwer sie sind, entbehrt jeder Grundlage. Bereits im Jahr 2007 hat der schwergewichtige britische Sportreporter Martin Samuel zornig auf die Konsequenzen einer solchen Preispolitik hingewiesen: »… das würde bedeuten, daß dicke Menschen, die arm sind, keine günstigen Flüge mehr bekämen. Reiche Dicke blieben von diesem Triumph der Intelligenz völlig unberührt. Sie könnten einfach weiter in der 1. Klasse sitzen und sich über dem Atlantik vollstopfen. Das passiert eben, wenn man alles auf eine Pfund-Note reduziert.«

Ökonomische Fettverwertung

Obwohl sie sich den Kampf gegen die Fettleibigkeit aufs Panier geschrieben hat, dürfte Samoa Air wenig Interesse an einer schlanken Kundschaft haben, da mit dem Fett auch die Gewinne schmölzen, die man sich von dem neuen Tarifsystem erhofft. Menschliches Fett wird als nachwachsender Rohstoff ökonomischer Verwertung immer beliebter; die Gesundheits- und Diätindustrie ist auf Kunden, die mit ihren Körpern unzufrieden sind, zwingend angewiesen. Nun wollen auch die Airlines von solcher Abschöpfungskunst profitieren.

Wie erreicht man aber, daß die Kunden immer dicker werden? Ganz einfach: Man setzt sie auf Diät. Im Gegensatz zu den meisten Ernährungsberatern wissen die Airline-Ökonomen wahrscheinlich, daß der Stoffwechsel von Säugetieren nach jeder Hungerphase (Diät) effektiver wird. Ist die Hungerphase vorbei, kommt es langfristig zu einer noch höheren Gewichtszunahme (Jojo-Effekt). Eine andere wissenschaftlich belegte Langzeitwirkung von Diäten und Abspeckprogrammen gibt es nicht.

Nur wenige wissen überdies, daß die Ureinwohner südpazifischer Atolle, zu denen auch Samoa gehört, eine genetische Disposition zur Fettleibigkeit haben. Insofern wirkt die Behauptung »Du entscheidest, wie viel (oder wenig) dein Ticket kosten wird« absurd. Die Fettleibigkeit der Polynesier ist die Folge ihres extrem effizienten, auf Hunger programmierten Stoffwechsels.

Da Diäten den Stoffwechsel auf Touren bringen, würden die Samoaner auf lange Sicht nur noch fetter werden. Der Vorschlag, sie dauerhaft hungern zu lassen, wie zu Zeiten ihrer Jahrtausende währenden Isolation, wäre zynisch. In unseren Breiten mag der Anblick fetter Inselbewohner den medial erwünschten Ekelreflex hervorrufen; auf Samoa galten fette Menschen so lange als besonders schön, bis sie von den Schlankheitsmissionaren bekehrt wurden.

Die Preispolitik der Fluggesellschaft provoziert deshalb keinen Aufschrei, weil die Diskriminierung vermeintlich Übergewichtiger so allgegenwärtig ist, daß sie kaum auffällt. Wie die sozialpsychologische Forschung in zahlreichen Untersuchungen eindeutig zeigt, ist die Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts in allen gesellschaftlichen Bereichen mindestens so häufig anzutreffen wie rassistische Benachteiligung; sie kommt sogar öfter vor als die Benachteiligung aufgrund des Alters oder Geschlechts.   

  Dieser »Fatismus« wird hinter gesundheitspolitischen und ökologischen Scheinargumenten versteckt. Unternehmen versuchen daher, Wettbewerbsvorteile zu erlangen, indem sie sich als besonders verantwortungsvolle Marktteilnehmer inszenieren. Mit dem Moralbonus lassen sich interne Kosten bequem auf die Kunden abwälzen. Fair gehandelter Kaffee, fair geschlachtete Schweine, fair hingerichtete Delinquenten – das Wort Fairneß hat offensichtlich eine narkotische Wirkung aufs kritische Bewußtsein.

Moralphilosophie als Airline-Ethik

Samoa Air verwirklicht das, was Gesundheitspolitiker und Weltverantwortungsdarsteller seit langem predigen. Kaum verhüllt wird einer Eugenik das Wort geredet, die an rassistische Vorstellungen von Degeneration und »Erschlaffung des Volkskörpers« anknüpfen kann. Hierbei hat sich der australische Bioethiker Peter Singer besonders hervorgetan. Singer lehrt an der Universität Princeton und gilt als einer der führenden Vertreter der Tierrechtsbewegung. Während er die Diskriminierung animalischer Mitgeschöpfe lautstark anprangert, ist er beim Homo sapiens wenig milde. »Die Dicken sollen für ihre Extrakilos zahlen«, fordert er in einem Artikel für die »Welt«, der sich wie das eugenische Manifest zur revolutionären Flugpreisgestaltung liest. Daß nicht alle Menschen identische Körperformen haben, ist Singer ein Dorn im Auge; daher bekennt er sich zu zero tolerance: »Sollten wir einfach toleranter sein in bezug aufunterschiedliche Körperformen? Meiner Meinung nach nicht. Fettleibigkeit ist ein ethisches Thema, denn die Gewichtszunahme der einen bedeutet höhere Kosten für andere.«

Ein Thema hat demnach ethische Relevanz, sobald es mit höheren Kosten für andere verbunden ist. So wäre eine mögliche Gehaltszunahme von Professor Singer also auch ein ethisches Problem. Diese bedeutet nämlich höhere Kosten für andere (die Universität Princeton). An amerikanischen Universitäten gibt es eklatante Gehaltsunterschiede zwischen Professoren. Sollten wir in bezug auf diese Gehaltsunterschiede einfach toleranter sein? Meiner Meinung nach nicht.

Landet man erst einmal in der ethischen Kostenfalle, gibt es kein Halten mehr, dann kommt alles unter den Hammer. Man rechnet irgend etwas gegen irgend etwas anderes auf, schränkt die Freiheitsgrade so ein, daß man am Ende einer bestimmten Gruppe den schwarzen Peter zuschieben kann. Im kosteninduzierten bellum omnium contra omnes kommt niemand mehr auf den Gedanken, die Spielregeln in Frage zu stellen. Der sich als Ethik mißverstehende Finanzierungsvorbehalt umfaßt alle Aspekte des menschlichen Daseins, zum Beispiel die Gesundheit: »Fettleibigkeit führt auch ganz allgemein zu höheren Kosten im Gesundheitswesen. Im vergangenen Jahr hat die Gesellschaft der Versicherungsmathematiker ausgerechnet, daß in den USA und Kanada übergewichtige oder fettleibige Menschen für zusätzliche Ausgaben im Gesundheitswesen von 127 Milliarden Dollar verantwortlich sind.«

Singer beruft sich hier unkritisch auf die Versicherungsmathematik, ohne deren Anteil und Nutzen am Konstrukt »Übergewicht« zu benennen. So postulierte die US-amerikanische Versicherungsgesellschaft Metropolitan Life 1959 anhand von fragwürdigen Tabellen ein Idealgewicht, um von allen »Abweichlern« höhere Beiträge kassieren zu können. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Body- Mass-Index (BMI, Gewicht in Kilo geteilt durch Höhe in Metern zum Quadrat) aus der Privatwirtschaft übernommen und der Weltbevölkerung übergestülpt; die BMI- Grenzwerte bewirken, daß Asiaten, australische Ureinwohner, Polynesier (zum Beispiel Samoaner!) und viele weitere Ethnien schlecht abschneiden. Die Modelle aus Leni Riefenstahls »Olympia«-Film müßten sich hingegen keine Sorgen machen. Der BMI ist genauso pseudowissenschaftlich wie seinerzeit Kraniometrie (Schädelvermessung) und Physiognomik (oder auch der IQ); die aus diesem Quotienten abgeleiteten Gesundheitsrisiken sind Hirngespinste. Ein signifikantes Risiko ergibt sich erst bei starker Fettleibigkeit, und auch hierbei handelt es sich lediglich um Korrelationen. Fettleibigkeit ist häufig ein Symptom und keineswegs die Ursache von Erkrankungen. Bei der Adipositas handelt es sich um ein komplexes Phänomen, das noch nicht ausreichend erforscht ist. Solche komplexen Phänomene lassen sich nicht sinnvoll in einer einzigen Zahl ausdrücken, es sei denn, der Sinn besteht darin, bestimmte Menschengruppen zu benachteiligen.

Wie eine exzellente Studie der obersten USamerikanischen Gesundheitsbehörde CDC belegt, leben leicht Übergewichtige sogar länger als Normalgewichtige – und erst recht länger als Untergewichtige. Die Kosten, welche die Versicherungsmathematik den beleibten Menschen großzügig anlastet, entstehen vor allem aus den gesundheitlich überflüssigen, aber ökonomisch lohnenden Präventions- und Abspeckmaßnahmen.

Davon weiß Singer offenbar nichts. Man muß sagen: zum Glück. Denn wenn er herausfände, daß Übergewichtige länger leben als Normalgewichtige, käme er womöglich zu einem noch schlimmeren Urteil. Je länger die Dicken leben, desto mehr Gelegenheit haben sie zu essen, zu trinken, durch die Weltgeschichte zu jetten, Treibstoff zu verjubeln und Kohlendioxid auszuatmen.

Planetarische Kostenexplosionen

Die Ärzte der London School of Hygiene and Tropical Medicine scheinen in ähnlicher Stimmung gewesen zu sein wie Singer, als sie 2009 eine Arbeit veröffentlichten, die angeblich beweist, daß Übergewicht zur globalen Erwärmung beitrage. Eine Milliarde schlanker Menschen,so rechnen die Autoren vor, puste eine Gigatonne weniger Kohlenstoff in die Luft alseine Milliarde dicker Menschen. Vorbildlich seiin dieser Hinsicht Vietnam, wo die schlanke Bevölkerung bis zu 20 Prozent weniger Nahrungkonsumiere. Noch vorbildlicher, so könnte man schließen, wäre wohl nur der kollektive Hungertod aller an der Atmung Beteiligten.

Erstaunlich, welcher Unfug als Wissenschaft durchgeht! Mit derselben Logik könnte man das Gewicht menschlicher Erdbewohnermit dem Meeresspiegel in Beziehung setzen und ausrechnen, wie sehr die Kontinentalplattensich höben, senkte man das zulässige Gesamtgewicht der Weltbevölkerung. Oder man rechnet zum Spaß einmal aus, wie viel Kohlenstoff sich einsparen ließe, wenn man weltweit alle sportlichen Aktivitäten hoch besteuerte. Der Verbrauch von Atemluft könnte durch restriktive Antibewegungsmaßnahmen wirksam reduziert werden, zu schweigen von den Unfallkosten, die durch den Sport anfallen. Angesichts der junk science, auf welche Singer und Co. sich berufen, bleibt einem ohnehin der Atem weg.

Am Beispiel Singers kann man erkennen, welche Konsequenzen eine Fairneß hat, die nicht auf die unfairen Bedingungen reflektiert, unter denen sie gelten soll: Sie läuft immer auf Stigmatisierung und Diskriminierung vermeintlich minderwertiger Gruppen hinaus. Wer also die Preispolitik von Samoa Air für gerecht hält, sollte aufpassen, daß er nicht selbst Opfer dieser Fairneß wird, weil er eine zu lange Nase, eine zu flache Stirn oder ein zu großes Gehirn hat.

Klaus Alfs ist gelernter Landwirt und Sozialwissenschaftler. Er lebt in Berlin

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