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Die Kehrseite der Unerbittlichkeit

Was tun, wenn sich die Frage im Sinne Lenins auf unabsehbare Zeit erübrigt hat? Horst Tomayer zeigte es uns am Beispiel seiner und der Genossen Einsamkeit am Heiligen Abend. Von Martin Jürgens

 

 

Weihnachtsansprache entre nous

 

Ihr für ein Meer an Frieden und sozialer

Gerechtigkeit brav eintretenden Singleinnen  

und Singles in den deutschen Städten

durch die bekanntlich hindurchgeht der Wind

Seid gegrüßt

 

Von einem dessen Einsamkeit am Heiligen

Abend gradso wie die eure ohne Maßen ist

 

Keiner theilt mit uns Ente oder Gans

Kein Karpfen sieht mit erloschnem Gesicht

uns am festlich gedecketen Tische zu zweit

Uns sitzet gegenüber wenn denn sie sitzet

Die Einsamkeit

 

Keine vor Glück glühenden Kinderaugen

Keine uns in die Hand den Dank für

den Baukasten oder das gute Buch

sanft drückende Hand

Nur galaktischkalte Einsamkeit

Von unsres Herzens Mitte bis an

unsres Herzens Rand

 

Viele von uns hatten mal jemand

Den einen oder andren Mann oder die

eine oder andre Frau

Dann geschah an einem Tage im September

Der BeziehungsGAU

 

Seither sind wir einsam

Beziehungsweise allein

O Choc wir können nie mehr

Mit jemand unter einem Dache sein

 

Es geht dies das Jahr über leidlich

Doch am vierundzwanzigsten Zwölften

staucht es uns das Gestell

An diesem Tage sind wir fix und foxi

Körperlich seelisch und sexuell

 

Von wegen Verreisen nach L. A. oder Leningrad

Erstens sind wir nicht soo betucht

Und zweitens waren diese Fluchtpunkte

wie immer schon ausgebucht

 

So also lesen wir am Heiligen Abend in

unserer Wohnkloküche Walt Whitman

oder aus Walter Ulbrichts schmalem aber

an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig

lassendem Werk oder Hölderlin

Dann waschen wir ein paar Paar Socken und

Schlüpfer von Hand raus

Und dann drehn wir eine Verzweiflungsrunde

durch die

dem Wiedergeborenen sei Dank

geöffneten Gastronomien

 

Auf dem Heimweg in besternter Christnacht

halten wir

von trunkenheitsbedingten Stürzen in den

dreckigen Schneematsch besudelt

Wie das im Märchen Streichhölzer verkaufende

Mädchen vor einem matt erleuchteten

Hochparterrefenster ein

 

O du uns geflohenes Glück

Vati hat Mutti über den Gabentisch gelegt

Und Mutti dankt Vati für den diesjährigen

in Weißgold gefaßten Einkaräter

mit kleinen spitzen Schrei’n

– Horst Tomayer –

 

 

1

Die Zukunft leuchtete – »hell aus dem dunklen Vergangnen«. Oberhalb der gewerkschaftlichen Lichtmetaphorik besang sie Ernst Busch mit strahlender Unerbittlichkeit: »Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre … Dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft / Die sozialistische Weltrepublik.« Das Timbre solcher Siegesgewißheit ließ die Härchen auf den Unterarmen sich aufstellen. Alles vorbei. Kein Zug von Millionen in Sicht, erst recht keine Arbeiter und Bauern, die zu den Gewehren greifen. Die »alte Gesellschaft« triumphiert seit zweieinhalb Jahrzehnten unangefochten im Zeichen globaler Barbarei; einzig dazu ist sie fähig, alternativlos.

Die Folgen für die radikale Linke waren und sind ruinös: Wo es nichts mehr zu hammern und sicheln gibt, bleiben verschärftes Jammern und Picheln, gedeihen Zynismus oder Larmoyanz oder Mischformen von beidem, um vom Opportunismus zu schweigen, der nach der Wiederbereinigung so angefüttert wurde, daß es für etliche nicht zum Aushalten war.

Beneidenswert, wer frei von all dem. Horst Tomayer war es. Sein »Ehrliches Tagebuch«, seit über drei Jahrzehnten monatlich in KONKRET, heißt zu Recht so: Es ist parteilich und eigensinnig, höchst subjektiv im Bestehen auf persönlichen Vorlieben und Abneigungen und entschieden in der Brandmarkung der allgegenwärtigen Niedertracht; der Haß auf sie hat die Züge seines Autors nicht verzerrt. Tomayer blieb ein charmanter Bayer mit seinem wiederkehrenden »Herzmerci im Vorabbereich«. Zu seinem politischen Selbstbewußtsein gehörte es, Wahrheiten einzubekennen, die im linken Milieu nur notdürftig verdrängt sind – so in seiner Kolumne vom Januar 2012. Es geht um nichts Geringes: Was tun den Tag lang, wenn sich die Frage im Sinne Lenins auf unabsehbare Zeit erübrigt hat? Was tun in den Tagen des großen Einverständnisses, wenn zum Beispiel die christliche Variante des Obskurantismus zur Hochform aufläuft – zu Weihnachten, dem Fest der Liebe? Tomayer zeigt es uns, schonungslos gegen sich selbst und herzzerreißend und mit allem Ernst, zu dem nur große Komik fähig ist.

 

2

Er beginnt mit einer Anrede an die Leser, nicht an alle, sondern an die »eine Familie habenden KONKI-Leserinnen und -Leser«. Die sollen sein nachstehendes »von der Poesie-Rating-Agentur Peter Hacks belegbar Triple-A-zertifiziertes Weihnachtsgedicht« im Kreise der Lieben zu Gehör bringen und dann »bitte schriftlich« mitteilen, »wie ees angekommen ist«. Wer unter den Lyrikern, empfindlich besaitet, wie sie zu sein haben, war je so bezaubernd dreist, die Qualität des eigenen Gedichts vorab im Börsenjargon ins Licht zu rücken? Und dann legt er nicht etwa eine stille Lektüre nahe, mit scheuer Gebärde, sondern erheischt einen Vortrag samt Rapport, damit er »ein Stück weit glücklich« werde? Nötig hat er es, wenn man ihn – gegen allen germanistischen Komment – im lyrischen Ich, nein, im lyrischen Wir seines Textes (das alle Singles einbezieht) wiedererkennt. Seine »Weihnachtsansprache entre nous« ist wohl das erste und bisher einzige Weihnachtsgedicht, das die Auszeichnungen »kollektiv« und »materialistisch« verdient. Kein epigonaler Infekt verunstaltet es; es kommt ohne satirische Ranschmeiße aus und ohne Entlarvungsabsicht. Bei aller Selbstironie ist es durchzittert von der Erfahrung des Verlustes einer tröstlichen Vertrautheit.

In seinen ersten Zeilen werden die Leidensgenossen angerufen, die »für ein Meer an Frieden und sozialer / Gerechtigkeit brav eintretenden Singleinnen / und Singles in den deutschen Städten«. Was der »Heilige Abend« für sie im Detail bedeutet, entfalten die folgenden Strophen unter dem Vorzeichen des »Nicht mehr« – vom Fehlen der »vor Glück glühenden Kinderaugen« bis zur Abwesenheit der festspezifischen Speisen: »Kein Karpfen sieht mit erloschnem Gesicht / uns am festlich gedecketen Tische zu zweit / Uns sitzet gegenüber wenn denn sie sitzet / Die Einsamkeit«. Das ist nicht witzig, sondern bitter und komisch zugleich, und das zweimalige gravitätische »sitzet« macht es noch ein wenig schlimmer. Es ist wie ein Echo auf Samuel Becketts »Nichts ist komischer als das Unglück«.

Kunstvoll verwahrlost sind die Reime; schon in den ersten Strophen finden die Reimworte nicht wie selbstverständlich zueinander. Am Schluß des Gedichts – nachdem das Sockenwaschen in der Wohnkloküche und die »Verzweiflungsrunde« durch die Kneipen zur Sprache gekommen sind – braucht es fünf Zeilen, bis der akustische Gleichklang sich mühsam unter Opferung einer Schlußsilbe einstellt; der Text endet in einem Tableau vivant, in dem die tagesspezifische Bescherung und der ehelich sanktionierte gegenseitige Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge miteinander verschränkt sind: »Auf dem Heimweg in besternter Christnacht halten wir / … vor einem matt erleuchteten Hochparterrefenster ein / O du uns geflohenes Glück / Vati hat Mutti über den Gabentisch gelegt / Und Mutti dankt Vati für den diesjährigen / in Weißgold gefaßten Einkaräter / mit kleinen spitzen Schrei’n«.

Der traurige Äquivalententausch von Orgasmus und Billigbrillantring im Wege der Kopulation auf dem Gabentisch: Die das sehen, blicken aus doppelter Distanz – von der Straße aus durchs Fenster, »von trunkenheitsbedingten Stürzen in den / dreckigen Schneematsch besudelt«, und zugleich von noch weiter weg, mit den Augen derer, die seit langem wissen, wie schäbig das ökonomische Unterfutter des seligen Gebens und Nehmens aussieht. Und dennoch können sie sich der Klage nicht enthalten: »O du uns geflohenes Glück«.

Das Bewußtsein von der (im Wortsinn) Unhaltbarkeit des Glücks hat Tomayers Gedicht mit etlichen des Bertolt Brecht gemeinsam. Das belegen zwei Anspielungen in der ersten Gedichthälfte – die eine offen und nah am Zitat, die andere fast unmerklich: Die Anrufung der als Singles lebenden Leidensgenossen »in den deutschen Städten« ergänzt der Relativsatz: »durch die bekanntlich hindurchgeht der Wind«. Damit wird eine Zeile aus Brechts »Vom armen B. B.« heranzitiert, in der den großen Städten ihr Ende vorausgesagt wird: »Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!« Die andere Anspielung verbirgt sich in den Zeilen »Viele von uns hatten mal jemand / … Dann geschah an einem Tage im September / Der BeziehungsGAU«. Das ist knapp und heftig und rotziger als das Schwinden der blühenden weißen Wolke im Wind in Brechts »Erinnerung an die Marie A.«; aber es benennt eine vergleichbar bittere Verlusterfahrung.

 

3

Nach dem Glück des einzelnen zu fragen, gehört nicht zu den Angewohnheiten der Linken. Und das Unglück, der Kummer, die Verdüsterung der Herzen, der Katzenjammer, das Nagen am Knorpel des Lebens sind erst recht kein Thema – jedenfalls nicht im Umkreis der politischen Diskurse. Das vor etlichen Jahren ergangene denkfaule Dekret, das Private sei politisch, kann als ein Symptom dieses Mangels gelten; es führt jedoch nach Nirgendwo: Mit dem Leugnen begrifflicher Distinktion beginnt die Nacht, in der alle Katzen grau sind. Was helfen könnte, wäre der Versuch einer Selbstaufklärung der Linken über die Gründe für das Scheitern ihrer Hoffnungen und über die politischen und psychischen Kosten ihrer anhaltenden Handlungslosigkeit; die Frage nach einer politischen Moral ließe sich dabei nicht umgehen. Die Innenansicht einer solchen Selbstbefragung zeigt Hanns Eislers letzte Komposition »Ernste Gesänge«.

Gäbe es sie, würde es zur Moral der radikalen Linken gehören, noch den Kitsch vom »holden Knaben im lockigen Haar«, noch das quietschesüße Eiapopeia vom Himmel als das aufzufassen, was sie für den Materialisten sind: ein hilfloser Traum der Erlösung aus dem andauernden irdischen Elend. Zugleich wäre es endlich selbstverständlich, sich um die Einsamkeit der Genossen zu kümmern, also um die eigene – und das nicht nur bei überkommenen festlichen Anlässen, sondern auch auf den unfestlichen letzten Metern des Lebens. Diese Einsamkeit ist die Kehrseite der früheren Unerbittlichkeit, mit der die subjektiven Erwartungen und Interessen dem großen Ziel untergeordnet wurden. So lange das irgend in Reichweite schien, war es auszuhalten. Wenn aber die eigene Lebenszeit nicht reicht, das erträumte neue Gebilde aus den Trümmern der alten Gesellschaft aufsteigen zu sehen, »staucht es uns das Gestell« – wie es in Tomayers Gedicht heißt –, »sind wir fix und foxi« und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Tomayer hat das nicht nur gewußt; er wußte es in einer lyrischen Form mitzuteilen, für deren kunstvolle Lässigkeit und bissige Eleganz es kaum Vergleichbares gibt. So viel Souveränität können wir uns nur wünschen, für unsere arbeitsamen aufgeklärten Tage, unsere heiligen und unheiligen Nächte und erst recht für die Stunde unseres Todes. Horst Tomayer hatte sie bis zuletzt. Als ihm am letzten Tag seines Lebens auf seine wiederholte Frage gesagt wurde, es sei Freitag, der 13. Dezember, antwortete er: »Das paßt.«                                                   l

 

Martin Jürgens schrieb in KONKRET 1/14 seine »Neue Hieroglyphe« zum 90. Todestag Lenins

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