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»Geschichte soll schöner werden«

50 Jahre nach seiner Inbetriebnahme soll das Hauptgebäude der JVA Stuttgart-Stammheim abgerissen und das Gefängnis renoviert werden. Das Land Baden-Württemberg hat einen Wettbewerb ausgeschrieben: Vier Freiganghöfe sollen künstlerisch gestaltet werden. Ein Gespräch mit dem Bildhauerduo Reinecke & Wimmer, dessen Entwurf »umbrat« es in die engere Wahl geschafft und dann zum Eklat geführt hat

KONKRET: Wie kam es dazu, daß Sie an dem Wettbewerb »Kunst am Bau – Haftplatzerweiterung – JVA Stuttgart« teilgenommen haben?

Tim Reinecke: Wir setzen uns seit 2008 damit auseinander, wie sich Macht in der Architektur widerspiegelt und wie öffentliche Räume strukturiert und genutzt werden. Da ist ein Sonderbau wie eine JVA sehr interessant – zunächst auch losgelöst von dem historischen Kontext in Stammheim.

Bei Gefängnisgebäuden ist der Machtanspruch der Architektur besonders evident. Was macht speziell die JVA in Stammheim interessant?

Daniel Wimmer: Strafvollzugsgebäude haben sich in architektonischer Hinsicht verändert. Wenn man an die Historie denkt, dann waren es hermetisch abgeriegelte Konstrukte. Insbesondere das Gebäude von Stammheim hat eine Doppelfunktion. Einerseits ging es darum, daß Menschen von drinnen nicht nach draußen kommen, andererseits darum, daß sie von draußen nicht befreit werden können. Die Sägezahnstruktur der Fassade, die das bildlich transportiert, ist auffällig. Aktuell wird bei Gefängnisneubauten eher versucht, auf diese hermetische Abriegelung zu verzichten und den Anschein zu erwecken, solche Orte zumindest architektonisch formal zu öffnen.

Wie sieht Ihr Entwurf aus? Können Strafvollzug und ein solcher Entwurf überhaupt einen »humanitären Anspruch« erfüllen?

Wimmer: Grundlage unseres Entwurfs ist ein stilisierter Schattenwurf des Gefängnishochhauses aus den Sechzigern, das im Zuge der Haftplatzerweiterung abgerissen werden soll. Dieser Schatten soll durch eine anthrazitfarbene Schotterfläche dargestellt werden, die sich über weite Teile des Areals der JVA sowie partiell über deren Mauern hinaus erstreckt. Da wir diesen Ort auch als einen der Öffentlichkeit verstehen, ist die Arbeit nicht primär aus Häftlingsperspektive zu erfassen. Vor allem die sichtbare Transformation des Ortes ist für uns relevant, da sich in ihr sowohl das vergangene als auch das aktuelle Verhältnis vom Rechtsstaat zum Vollzug abbildet. Die Erwartungen an einen humanitären Mehrwert innerhalb eines Justizvollzuges gänzlich an die künstlerischen Beiträge zu knüpfen, erscheint uns seltsam. Bestenfalls können diese dazu beitragen; wie human Vollzug auf dieser Fläche verhandelt wird, liegt weiterhin in der Verantwortung der Akteure dort.

Ist es das erste Mal, daß Sie sich mit Knastverschönerung beschäftigen?

Reinecke: Wir sind gezielt der Frage nachgegangen: Welche Möglichkeiten hat Kunst am Bau überhaupt? Welche Erwartungshaltung gibt es? Sehr schnell landet man da bei der gefälligen Dekoration. Was für einen Anspruch kann man an künstlerische Beiträge in einem baulichen Zusammenhang haben? Das haben wir auf anderen Gebieten verhandelt und temporär Spontaneingriffe vorgenommen, zum Beispiel eine Installation aus Pappe in einer Shopping Mall, um zu sehen, wie sich Kunst an einem solchen Ort verhält, wie sie ein Teil von etwas sein kann, ohne vereinnahmt zu werden.

Dann haben Sie die Ausschreibung gesehen und beschlossen, das Ganze ironisch aufzuziehen?

Reinecke: Nein. Erst mal war der Impuls, da gibt es eine Ausschreibung, das ist ein interessanter Ort – bewerben wir uns! Also haben wir wie gewünscht vier Referenzarbeiten eingereicht und sind dann – auch im Wissen, daß es sich bei Stammheim nicht um einen x-beliebigen Knast handelt – im September 2013 zu einem Kolloquium gefahren und waren da schon etwas perplex, wie die Verantwortlichen dort diese Auslobung formuliert haben. Dann hat sich uns sehr schnell der Eindruck aufgedrängt, daß das Ganze darauf abzielt, Kunst dort für eine Imagekampagne zu instrumentalisieren.

Wie entstand der Eindruck? Und welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Reinecke: Bis wir hingefahren sind, war uns nicht klar, daß die vorhandene Architektur, also der Bau aus den Sechzigern, in dem Baader, Raspe und Ensslin tragisch zu Tode gekommen sind, und auch die Mehrzweckhalle, abgerissen werden sollen. Daraus entstand unsere künstlerische Perspektive. Uns ist aufgefallen, daß man Zusammenhänge mit dem Deutschen Herbst immer noch ausklammert. Die Auslober wünschen sich kein Kunstwerk auf Biegen und Brechen, sondern die teilnehmenden Künstler sollten die einzigartige Möglichkeit haben, den Alltag der Inhaftierten angenehmer zu gestalten. Das finde ich erst mal nicht verwerflich. Das hätte aber auch ein ambitionierter Garten- und Landschaftsarchitekt übernehmen können.

Das Gremium scheint mit der Situation etwas überfordert gewesen zu sein. Wie kann es sein, daß man gerade bei Stammheim gar nicht damit gerechnet hat, daß architektonisch Bezug auf die Geschichte genommen wird?

Wimmer: Ich könnte mir eher vorstellen, daß das von Anfang an die große Angst war. Es gab auch eine Diskrepanz zwischen der Ausschreibung und diesem Kolloquium mit Ortsbegehung, bei dem uns dann auf Nachfrage zu verstehen gegeben wurde, daß die Historie in keinster Weise eine Rolle zu spielen und man sich auf die Gestaltung der Freiganghöfe zu beschränken habe.

Reinecke: Man kann die Perspektive haben, wir sind eine JVA und wünschen uns eine Verbesserung. Das ist lobenswert, doch fänden wir es gut, wenn sich die JVA nicht als x-beliebige begreifen würde, sondern als eine, an der sich eben auch der Konflikt mit dem Rechtsstaat in den Sechzigern / Siebzigern abbildet, mit dem sie sich kritisch auseinandersetzt. Wir hatten aber den Eindruck, nicht der Knast soll schöner werden, sondern die Geschichte, und dafür wollten wir nicht verantwortlich zeichnen. Der Fall ist symptomatisch für den Umgang mit historischen Gebäuden. Den Berliner Palast der Republik reißt man etwa ab, um dann in die Rekonstruktion eines barocken Stadtschlosses, das niemand braucht, zu investieren.

Sie sprechen in der Skizze davon, daß Ihr Entwurf der »historischen Bedeutung des Ortes« gerecht werde. »Durch die homogene Flächengestaltung ist eine optimale Überwachung der Freiganghöfe jederzeit garantiert«, heißt es darin. Klingt da Ironie durch? Hat da niemand in der Jury Verdacht geschöpft, daß sie auf die Schippe genommen wird?

Reinecke: Anscheinend nicht. Wir haben das schriftliche Konzept eine Woche vor unserem Besuch dort hingeschickt, und es kam keine Reaktion. Deswegen waren wir dann doch verblüfft über die Differenzen, als wir einer erstaunten Kommission gegenübersaßen. Wobei ich auch nicht sagen würde, daß wir das auf die Schippe nehmen. Wir haben ja die formalen Anforderungen der Ausschreibung bedient. Ich glaube, das Nichtausklammern der historischen Bedeutung der JVA in Stammheim war der Auslöser dafür, daß man so entrüstet war.

Wimmer: Wir haben uns ja mit Referenzarbeiten beworben, bei denen eigentlich hätte deutlich sein müssen, wie wir uns mit Orten auseinandersetzen und mit Architektur umgehen. Dennoch wurden wir eingeladen. Wir haben dann einen Entwurf erarbeitet, der den Wettbewerbsbedingungen entspricht, und am Ende stand die große Empörung. Da muß man sich eigentlich schon die Frage stellen, ob sich die Leiterin dieser Kunstkommission im Vorfeld unsere Bewerbung angesehen hat.

Wann und wie kam es dann genau zum Eklat?

Reinecke: Am 23. Januar haben wir unseren Entwurf präsentiert. Dabei sind wir auch auf die ganz pragmatischen und technischen Parameter eingegangen. Direkt im Anschluß sagte uns eine Vertreterin des Landes Baden-Württemberg, man sei ungehalten, um nicht zu sagen: erschüttert. Man sei sich sicher, daß dieser Entwurf nicht weiter diskutiert würde und wir zusammenpacken könnten und noch vor der Preisvergabe, die am gleichen Tag stattfand, abreisen sollten. Da haben wir uns darauf berufen, daß wir einen ernstzunehmenden und realistischen künstlerischen Entwurf eingereicht haben, deswegen eingeladen wurden und uns auch nicht ausladen lassen würden. So ein unprofessionelles Auswahlverfahren, bei dem vor Ansicht aller Entwürfe ein Urteil gefällt wird, haben wir noch nicht erlebt. Vielleicht ist das so bei Dieter Bohlen.

Der Entwurf von Monika Goetz, der gewonnen hat, scheint unpolitisch und gefällig: Durch Sternbilder, die nachts leuchten und tagsüber als Sitzbänke,Turngeräte oder Treffpunkte dienen, soll »ein Stück Himmel auf die Erde gebracht werden« und den Insassen Hoffnung bringen. Dieser Beitrag scheint den Vorstellungen der Jury offenbar voll und ganz entsprochen zu haben.

Reinecke: Das sehen wir ähnlich. Man muß das aber nicht verwerflich finden. Lieber wäre uns gewesen, wenn die Kollegen sich ähnlich positioniert hätten. Aber das ist natürlich idealistisch gedacht. Ich will das niemandem zum Vorwurf machen. Unser künstlerisches Selbstverständnis ist einfach ein anderes.

Würden Sie denjenigen, die den Wettbewerb ausgelobt haben, Geschichtsklitterung unterstellen oder zumindest Verdrängung?

Wimmer: Verdrängung auf jeden Fall, bewußte Geschichtsfälscherei – da kann man drüber diskutieren. Es ist uns jedenfalls wieder einmal aufgefallen, daß ein verantwortungsvoller und ehrlicher Umgang mit der Geschichte noch immer ein großes Problem ist.

 Interview: Anina Valle Thiele –

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