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Heil Crowd!

Im Frühjahr dieses Jahres waren viele wohlinformierte und sonst eher hartleibige Medienmacher und -konsumenten plötzlich sehr gerührt. Bekannte und Kollegen, die sich sonst weder von Krieg, Tsunami noch kranken Koalas erweichen lassen, spendeten für einen guten Zweck; großzügig gaben sie und öffentlichkeitswirksam. Denn der Zweck war der nun wirklich allerbeste: Es ging um die Rettung der Welt beziehungsweise des deutschen Journalismus. Knapp 30 renommierte Autoren hatten sich zum Ziel gesetzt, mit den »Krautreportern« ein Onlinemagazin herauszugeben, das sich nicht durch Werbung, sondern durch Spenden finanziert. Der Journalismus sei »kaputt«, so die Krauts, »gute Geschichten« müßten wieder her, die Getriebenheit der Onlinemedien müsse ausgehebelt werden, zumal »sich auch in seriösen Onlinemedien der Boulevard ausbreitet«. Der Appell fruchtete: Im Sommer waren 900.000 Euro Startkapital zusammengekommen; die Betaphase soll im September beginnen. Tatsächlich rührend ist die Vorstellung, der Journalismus müsse repariert werden – setzt sie doch voraus, so etwas wie einen deutschen Journalismus hätte es schon einmal gegeben, zumindest in einer Form, für die man sich nicht hätte schämen müssen. Doch der deutsche Journalist ist auch Romantiker, und deshalb bekamen die Entwicklungshelfer in eigener Sache Rückenwind gerade von besonders kaputten Medien, von »Zeit« bis »FAZ«. Rührend romantisch ist auch das Wenige, was die Homepage der Krauts an Ideen präsentiert: Ein »Erzähljournalismus« soll etabliert werden, »Erzählstücke« von »tollen Autoren« sollen erscheinen, abgerundet durch »witzige Überschriften« zu »Themen, mit denen wir uns auskennen«. Vor allem aber dürfen sich die Krautreporter rühmen, den journalistischen Journalismus erfunden zu haben, denn »emotional, relevant, journalistisch« werde es durchaus zugehen, so das Versprechen. Rührend, wie hier altgediente Textsöldner zur Sprache von Schülerzeitungs-AGs zurückfinden, rührend, wie sich ehemalige »Spiegel«-Redakteure aufs jugendliche Ich-gründe-jetzt-mit-Kumpels-einen-Blog kaprizieren. Teenagerträume vom Reporterberuf schwingen mit, eine Mischung aus Watergate, Hunter S. Thompson, Karla Kolumna.

Doch schon das superschwammige Urkonzept ist heillos verheddert: »Welche Geschichten sollen wir erzählen? Welcher zu Unrecht ignorierten Nachricht sollen wir hinterherrecherchieren? Wo sollen wir investigativ graben?« Ja, genau, wo? Beziehungsweise wie bitte? Werden das nun Geschichten oder Reportagen? Und wo kann man gleichzeitig gegen den Boulevard, aber »für die Emotion« sein, wenn »für euch, nicht vor euch« geschrieben wird? Doch ist es vielleicht unfair, Vorfestlegungen zu erwarten, wo vor allem »den Interessen der Community« gefolgt werden soll. Denn durch sein Abo erhält der Spender das Recht, die Kommentarfunktion unter den Artikeln zu nutzen; so wird man also künftig lesen können, wie der journalistische Journalismus unter anderem bei Abonnent und Vizekanzler Sigmar Gabriel ankommt. Ein Traum. Nun steht zu hoffen, daß Mehrfachabonnenten auch mehrfaches Stimmrecht erhalten, denn gleich 1.000 Abos hat sich der »Spiegel«-Miteigentümer und judenkritische Publizist Jakob Augstein gesichert. Mit Medienrevolutionen kennt er sich aus, hat er doch mit dem »Freitag« selber mal eine angestoßen: Der »Guardian« sollte Vorbild sein, auch wollte man Artikel zur Verfügung stellen; Blogs und Foren sollten die Community zu einer verschworenen Schreibgemeinschaft schweißen. Folgerichtig hat man vom »Freitag« nie wieder etwas gehört; außer, daß das Blatt Augsteins privatem Israel-Fimmel besonders viel Platz einräumt und Besinnungsaufsätze publiziert, im Vergleich zu denen das wöchentliche Geseier der »Zeit«-Herausgeber direkt spritzig wirkt.

Doch ist nicht alles eitel Bewerbungsprosa. Eine »Themenvorschau« verspricht Konkretes. Von »professioneller Zahnreinigung« wird da erzählt, von uralten Menschheitsfragen (wie bio ist bio wirklich?) und von Polizeihunden (»was sind das für vierbeinige Kameraden?«); auch leistet man sich eine ehemalige »Petra«-Redakteurin, die fürs Ressort Marxismus und Schminken, haltstopp: »Gesellschaft und Ernährung«, zuständig ist. Besonders freuen wird Augstein, daß zum ersten Mal der Versuch gemacht wird, den Nahostkonflikt zu erklären. Autor Rico Grimm will nicht zuviel verraten, doch meint er, es könne »daran liegen, daß die Deutschen eine wichtige Gruppe von Menschen völlig ignorieren: die Siedler«. Bei aller Sympathie für den niedlich aus dem T-Shirt blinzelnden Mittzwanziger: Das stimmt halt nicht. Wenn man in Deutschland über irgend etwas in Israel hervorragend Bescheid weiß, dann über die Leute, die in verbrecherischer Weise Häuser bauen und mit Ackerbau provozieren (Mit-Krauterin Theresa Bäuerlein: »Landraub«); sogar die drei ermordeten jungen Anhalter erkannte die Presse sogleich als Mitschuldige beziehungsweise »Siedler«. »Am Ende«, so Grimm, wird jedenfalls »ein Panorama stehen, das diese selbsternannten ›Herren des Landes‹ zeigt«. Denn wenn sich die Juden wieder zu Herren aufschwingen statt zu kuschen, bedarf es blonder Knaben, ihnen ihre Grenzen aufzuzeigen.

Zu Hilfe eilt Grimm und Bäuerlein Krautkollege Tilo Jung, Videoblogger (»Jung & naiv«) und Fachmann für Politik: Auf seiner Facebook- Seite kritisiert er die Entscheidungen des »kriegshungrigen israelischen Kabinetts«, macht sich Sorgen um die Beschneidung: »In Deutschland dürfen hilflose Jungs ganz legal von ihren religiösen Eltern verstümmelt werden.« Bei Twitter retweetet er Statusmeldungen wie »Israel behandelt seit Jahren prakt. alle als Terroristen«, verlinkt auf Videos, die »Israeli ›precise‹ and ›targeted‹ bombing of Gaza that killed more civilians than militants«, dergestalt die inhärente Blutgier des Juden aufweisend. Autorin Andrea Hanna Hünniger hingegen widmet sich der Innenpolitik, verspricht eine »Nachspürreportage« über den NSU, obwohl ihr eigentliches Interesse ebenfalls vierbeinigen Kameraden gilt: »Ich träumte davon, daß es vielleicht möglich sein würde, Reportagen zu schreiben, so wie einst Marie-Luise Scherer über einen Hundezüchterverein an der damals sogenannten deutsch-deutschen Grenze, über viele Seiten hinweg, wie ein Gemälde.« Aber auch die empfindsame NSU-Malerin kann’s nicht lassen – und beginnt ihr Testimonial zu den Krautreportern gleich mit einem Judenwitz: »Zwei Juden sitzen beim Rabbi, um einen Streit beizulegen. Erster Jude erklärt. Der Rabbi sagt: Du hast recht. Zweiter Jude erklärt. Der Rabbi sagt« – blablabla, wer Zeit hat, soll den Quatsch halt nachlesen.

Wie genau ist dieser Journalismus anders als Augsteins »Spiegel«, Augsteins »Süddeutsche«? Was anderes ist das denn als die übliche Mischung aus Konsumratgeber und Kitsch? Vor allem: Warum sind wieder alle dafür? Setzt das ganze Projekt denn nicht schon rein strukturell falsche Signale? Ist das nicht die Apotheose der schlechten hauptstädtischen Projektkultur? Beweist das nicht vielmehr, daß es zum »Projekt« überhaupt keine Alternative mehr gibt, daß auch A-Journalisten nicht länger vom endlosen Startup- und Initiativengehupe verschont bleiben, daß wirklich keiner mehr sein’ Sach auf irgendwas stellen kann? Oder gar nur will? Braucht es wirklich noch ein weiteres Kumpelnetzwerk für Leute, die ohnehin schon überall dabei sind? Und wie gibt’s das, wie kann das sein, daß sich wieder alles nur um Israel, Israel, Israel dreht?

Warum es unbedingt einen deutschen Journalismus braucht, können jedenfalls auch die »Krautreporter« nicht erklären. Es ging doch bisher auch ohne. 

 

- Leo Fischer - 

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