Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

von konkret

Deutschland feiert den 25. Jahrestag der Kapitulation des realen Sozialismus. Im Gegensatz zu konkret-Autor Thomas Ebermann, der von Prognosen »keine gute Meinung« hat, ist Herausgeber Gremliza Prognostiker aus Leidenschaft. Als alle von einer neuen Ordnung schwärmten, in der die »Friedensdividende « gerecht verteilt würde, unkte er, noch sei jeder große Tag in der Geschichte der Deutschen ein schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit gewesen, und schrieb in konkret 12/89:

Denn was wird folgen auf den realen Sozialismus? Zunächst und ziemlich bald die Erkenntnis, dass der reale Sozialismus eine Einwegflasche war, bei deren Rückgabe kein Pfand für den Erwerb eines neuen zu erlösen ist; dass ein anderer, schönerer, besserer in diesen Jahren so wenig zu haben ist, wie er in diesem Jahrhundert je zu haben war; … dass sein größtes Verdienst darin bestanden hat, dem Wüten des Kapitals geografische und, außerhalb Europas, politische Grenzen zu ziehen; dass er schließlich, Kleinigkeit am Rande, Kriege in diesem Teil der Welt verhindert hat.

Schließlich wird sich herausstellen, dass das Ende des realen Sozialismus nicht nur keinen Anfang eines anderen, besseren, sondern auch nicht den Beginn bürgerlicher Demokratie bedeutet. Die gedeiht nämlich (bitte umsehen!) nur im Reichtum, und schon jetzt ist der Lebensstandard der in privatkapitalistische Experimente gestürzten Sowjets, Ungarn und Polen weit unter den letzten realsozialistischen Stand gesunken. Auf westliche Großinvestitionen hoffen sie vergeblich. Was die kapitalistische Internationale sucht, sind Billiglohnländer auf dem Niveau Südkoreas, deren Proleten für ein Drittel des ungarischen oder polnischen Mindestlohns die doppelte Arbeit leisten.

Lange werden die Sowjetbürger, die Polen und Ungarn sich weiteren sozialen Abstieg nicht gefallen lassen wollen. Sie werden nach neuen Führern rufen und, weil zurück zu den alten kein Weg führt, rechten Populisten nachlaufen – die Polen irgendeinem klerikalen (und, aus alter katholischer Tradition und aus neuer Enttäuschung übers US-Kapital, natürlich auch: antisemitischen) Faschisten, die Ungarn einem Nikolaus Horthy II. aus der Pfeilkreuzler- Dynastie, was die Letten, Litauer, Esten, Ukrainer, Armenier, Moldawier, Kirgisen, Aserbeidschaner etc. noch alles für sich und gegeneinander treiben werden, Kriege mit modernsten Waffen eingeschlossen, wagt wohl selbst Gorbatschow sich nicht vorzustellen.

Erinnert alles ein bisschen an heute oder, was Polen betrifft, an morgen? Wen das betrübt, sollte sich die einschlägigen Leitartikel des Jahres 1989 aus der »Zeit«, der »FAZ«, der »Welt«, der »Taz« und so weiter heraussuchen. Die Lektüre tröstet ungemein.

 

»Bild«, Fachblatt für Bedienung und Verbreitung von Ressentiments aller Art, hatte eine Geschäftsidee, für die es am 9. September auf der Titelseite mit der Schlagzeile warb:

Warum »Bild« heute keine Bilder druckt!

Wer es nicht gesehen hat, wird es nicht erraten:

Heute haben Sie einen besonderen »Bild«- Auftritt gesehen. Einen Auftritt, der uns besonders wichtig war. Einen Auftritt ohne redaktionelle Fotos. Dort, wo sonst starke, aussagekräftige Bilder standen, waren graue Flächen … Wir wollten damit zeigen, wie wichtig Fotos im Journalismus sind. Und dass es sich lohnt, jeden Tag um das beste Foto zu kämpfen! Denn Fotos können beweisen, was Mächtige verstecken wollen. Sie wecken Emotionen in uns. Sie zeigen schöne Momente, aber auch grausame. Sie lassen uns mit anderen Menschen mitfühlen.

Das bildlose Bilderblatt hat dafür ein Beispiel, ein bessers find’st du nit:

Denken Sie an das Schwarz-Weiß-Foto eines vietnamesischen Mädchens. Es rennt schreiend auf den Fotografen zu. Im Hintergrund US-Soldaten und eine bedrohliche, schwarze Wolke. Bis heute prägt dieses Foto unsere Abscheu vor Krieg mehr als jede Politikerrede, mehr als jedes geschriebene Wort.

In den letzten Jahren des Kriegs gegen Vietnam hatten die USA das Land mit einem Gift bombardiert, das schon in kleinsten Dosen zu schweren Verbrennungen der Haut führt: Napalm. Das Photo der nackten, vor Angst und Schmerz schreienden neunjährigen Phan Thi Kim Phúc, die mit anderen Kindern vor einer Napalmwolke flieht, wurde am 8. Juni 1972 aufgenommen und erschien tags darauf in allen großen Zeitungen. Es wurde zum »Pressefoto des Jahres 1972« gewählt, der Fotograf Nick Út mit dem Pulitzer- Preis ausgezeichnet. Das Bild, das bis heute unsere Abscheu vor Krieg mehr prägt als jede Politikerrede, mehr als jedes geschriebene Wort, erschien in »Bild« weder im Juni noch im restlichen Jahr 1972. So unsere Erinnerung. Sie zu überprüfen fragten wir bei Springer an und erhielten prompte Auskunft:

Sehr geehrter Herr Gremliza, wir danken Ihnen für Ihre Anfrage. Das Bild erschien in der »Bild« vom 24.02.1973.

Mit freundlichen Grüßen Jan-Philipp Bahr, Sales Manager Corporates, Axel Springer Syndication GmbH

Weil das Foto bewies, was Mächtige verstecken wollen, musste es im Archiv warten, bis die USA den Krieg verloren hatten und Vietnam verlassen mussten. Erst am 24. Februar 1973, vier Wochen nachdem der Kriegsverbrecher Henry Kissinger, Präsident Nixons Nationaler Sicherheitsberater, die Kapitulation unterzeichnet hatte, zeigte »Bild« seinen Lesern, wie wichtig Fotos im Journalismus sind. Und dass es sich lohnt, jeden Tag um das beste Foto zu kämpfen! Was »Bild« heute aus dem Bild und seiner Geschichte macht, weckt die Vorstellung, die NPD schenkte jedem neuen Parteimitglied zum Eintritt das Tagebuch der Anne Frank.

 

Mit Marlene Voß und Fritz Tietz war das Teilnehmerfeld der Horst-Tomayer-Gedenkfahrt in diesem Jahr relativ überschaubar. Nach dem Start am Freitag (4.9.) in Seevetal, südlich von Hamburg, erreichten sie am Sonntag gegen 16 Uhr nach 310 Kilometern und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 20 km/h die Berliner Stadtgrenze. Die Bilanz der beiden Gedenkradler fällt eher nüchtern aus: »Ohne den besonders am Samstag super Rückenwind, der uns mit zeitweise über 30 km/h vor sich hertrieb, hätten wir auch dieses Mal die Strecke kaum geschafft«, geben sie zu und sind sich angesichts heftig schmerzender Knöchel ziemlich sicher: »Bei aller Liebe, Horst. Aber die Tour fahren wir nie wieder.« Wir werden sehen …

 

Veranstaltungen: Wenzel Storchs erfolgreiches Theaterstück »Komm in meinen Wigwam. Eine Pilgerreise in die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur « wird am 17. Oktober um 20 Uhr im Dortmunder Schauspielhaus, Theaterkarree 1–3, aufgeführt.

Stephan Grigat stellt am 22. Oktober um 19 Uhr in Chemnitz, Alternatives Jugendzentrum, Chemnitztalstraße 54, und am 28. Oktober um 20 Uhr in Augsburg, Universität, Raum 2107, Universitätsstraße 10, sein Buch Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung (konkret texte 64) vor.

Zurück