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von konkret

»Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand« oder »Nur wer sich ändert, bleibt sich treu«: Kalendersprüche wie diese – der eine wahlweise Clemenceau, Churchill oder Adenauer zugeschrieben, der andere dem Biermann, der mit 41 Mitglied der Hamburger Exilgruppe der euro- (und also anti-) kommunistischen Partei Spaniens wurde – sollen das schlechte Gewissen und den Ekel vor sich selbst betäuben, die beim ungleichen Tausch von Charakter gegen Karriere aufzukommen pflegen. Autoren und Redakteure, die sich vom kommunistischen Antideutschen zum antikommunistischen Deutschen und weiter zum Klerikalfaschisten, vom kosmopolitischen Philosemiten zum völkischen Antisemiten, vom Spartakisten zum Rotarier, vom Feministen zum Homophoben oder, im Normalfall, vom prekär existierenden Kritiker der Verhältnisse zum fett geschmierten Mitläufer wandelten, gab es freilich auch bei konkret immer mal wieder. Zwei Ehemalige haben in den letzten Wochen besonders peinlich an sich als Exempel erinnert.

Der eine, von 1966 bis 1969 verantwortlicher Redakteur, von 1976 bis 1982 Autor von konkret mit Geschichten wie »Was rechts ist, muss Recht bleiben – Aus dem Kleinkriegs- Tagebuch der westdeutschen Justiz«, danach als Chefredakteur des »Spiegel« deutschnationaler Chronist der Wiedervereinigung, inzwischen als Herausgeber der »Welt«, wo er im deutschen Flüchtlingsherbst die »Abgehobenheit « der »Kanzlerin ohne Grenzen« attackiert, die ihr »Nichtstun moralisch verbrämt «, »Freifahrtscheine ins Gelobte Land« verteilt und das Asylrecht des Grundgesetzes »ad absurdum« führt, »weil sie die Realität ausblendet«, und schuld daran ist, dass »Deutschland keine gesicherte Außengrenze mehr« hat: »Aber ein Staat ohne Grenzen gibt sich selbst auf.« Pegida hat endlich einen publizistischen Arm.

Der andere machte zur gleichen Zeit mit einem Rundschreiben auf sich und seinen vom Berliner Kolonialamt (genannt: Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) geförderten Verein aufmerksam, der schon große Verdienste um den Sieg der Demokratie im Irak und in Libyen erworben hat und nun für die Fortsetzung dieser mit ein paar Hunderttausenden Toten nicht zu teuer bezahlten Erfolgsgeschichte in Syrien wirbt, wobei es zu so lustigen Fehlleistungen wie dieser kommt:

Die Schizophrenie, nun ausgerechnet jene als Teil der Lösung zu betrachten, die so ursächlich für den Zerfall der Region mitverantwortlich sind, ist schwer zu ertragen …

Das richtet sich aber nicht an die Allianz gegen den Terror und die Wadenbeißer ihrer NGOs, sondern im Gegenteil:

»Wadi« arbeitet seit nunmehr 25 Jahren in der Region. Und es sind langfristig angelegte Projekte, die wir teilweise über zehn Jahre unterstützen und betreuen, die den Unterschied ausmachen. Gemeinsam mit Partnerorganisationen hat »Wadi« Materialien und Workshops entwickelt, um die Menschen im irakischen wie im syrischen Teil Kurdistans mit dezentraler und lokaler Demokratie vertraut zu machen.

 Zwei der langfristig angelegten Projekte:

»Wadis« Spielmobile: betreute Spielplätze auf Rädern: Wadi unterhält zwei Spielbusse. A Mile in their Shoes: Das Kunstprojekt unseres Mitarbeiters Falah Muradkhan Shakarm findet derzeit große Aufmerksamkeit.

Auch diese Welt wird schöner mit jedem Tag. Leider besteht zur Häme wenig Grund: Der Mann hat seine Kolonialpolitik schon vor 13 Jahren in Saddam Husseins letztes Gefecht. Der lange Weg in den III. Golfkrieg beworben, und das ist bei konkret erschienen. Nostra culpa.

Franz Dobler, Autor und DJ, schreibt: Zu meiner Ernährung gehört seit dreißig Jahren konkret, natürlich auch, weil es gut geschrieben ist.

Man liest konkret eher nicht, weil es so unterhaltsam wäre, aber die neue Kurzkolumne »Angewandte Filmkritik« von Jürgen Kiontke ist saukomisch, und ebenso immer ein Brüller die in die Pressebeobachtungskolumne gremlizas express eingebaute, inzwischen bei Folge 37 angelangte Serie »Deutsch für Karasek«.

Nach dem Nachruf auf der Internetseite von konkret (»Die Serie ›Deutsch für Karasek‹ in der Rubrik gremlizas express wird mit sofortiger Wirkung eingestellt.«) warf Christian Y. Schmidt auf seiner Facebookseite die Frage auf: »Wer wird Gremlizas neuer Karasek?« Ein paar Einträge: Frank Graudenz: »›Deutsch für Karasek‹ wird mir sehr fehlen.« Michael Niedworok: »Sicher gibt’s für Gremliza noch einen schönen Nachlass – so unkontrolliert, wie der K. sich zu allem geäußert hat … Und im Zweifel setzt halt der ›Focus‹ die Komödie fort (Zitat): ›Literaturgenie: Hellmuth Karasek ist tot‹.« Yudelson Eulenberg: »Ich dachte auch zuerst an Gremliza, als ich eben davon las. Aber er wird schon einen neuen Lieblingsgegner finden. Man darf jedenfalls auf die nächste konkret-Ausgabe gespannt sein …«

Brecht sagte es 1931 so: »Das riesige Bildmaterial, das tagtäglich von den Druckerpressen ausgespien wird und das doch den Charakter der Wahrheit zu haben scheint, dient in Wirklichkeit nur der Verdunkelung der Tatbestände.« Wenn man diese Bilder aber lange anschaut und freundlich verhört, verraten sie mehr als ihnen und der Macht lieb sein kann. Martin Jürgens betreibt dies Geschäft seit über sechs Jahren monatlich in konkret: in seinen lyrischen Bildlegenden. Eine Auswahl seiner »Neuen Hieroglyphen« ist gerade unter dem Titel Frau Merkel sieht auf ihrem Schuh ein Streifenhörnchen, das sich putzt. Lyrische Lesarten in Buchform erschienen – mit einem Nachwort von Hermann Kinder und einer CD mit musikalischen Vignetten (Neofelis-Verlag, 170 Seiten, 19 Euro).

Veranstaltungen:

Erich Später liest am 4.11. um 19.30 Uhr im Berliner Laidak, Boddinstr. 42, aus seinem auf der gleichnamigen konkret- Serie basierenden Buch Der dritte Weltkrieg. Die Ostfront 1941–45.

Stephan Grigat stellt am 11.11. um 19 Uhr in Göttingen, Universität, Zentrales Hörsaalgebäude, Raum 102 (ZHG 102), sein Buch Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung (konkret texte 64) vor.

Wenzel Storchs Theaterstück »Komm in meinen Wigwam« wird am 15.11. um 18.30 Uhr im Dortmunder Schauspielhaus, Theaterkarree 1–3, aufgeführt. Am 29.11. um 20 Uhr trägt Thomas Ebermann unter dem Titel: »Mit Keynes für Deutschland« in der Hamburger Bar Golem, Große Elbstraße 14, vor. Hermann L. Gremliza moderiert die Veranstaltung.

Richtigstellung: Beim Redigieren des Artikels »Der nahe Osten« von Thorsten Mense, konkret 10/15, hat die Redaktion das Kürzel DB in einem Fall unglücklich missverstanden. Norbert Weidner, der 1992 in Lichtenhagen posierte, war selbstverständlich Pressesprecher der Deutschen Burschenschaft, nicht, wie im Artikel behauptet, der Deutschen Bahn. 

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