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Gemecker im Printklub

Der Zeitungsleser als aussterbende Art: Auf das Schrumpfen seines Biotops reagiert der Qualitätsjournalismus mit Abrakadabra und Nachäffereien. Von Ralf Schröder

Nicht dass die Wettbewerber in Hundehütten hausen würden, aber die jüngste Episode einer allgemein anerkannten Dauerkrise trug sich in einem der pompösesten Paläste der schreibenden Branche zu. Anfang Dezember 2014 wurde bekannt, dass der »Spiegel« seinen Chefredakteur Wolfgang Büchner wegschickt, worauf auch Geschäftsführer Ove Saff e seine Demission ankündigte. Anlass für diese Abschiede sollen Auseinandersetzungen über die zukünftige Gewichtung und Kooperation der Print- und Onlineredaktionen gewesen sein – Büchner wollte letztere durch eine Zusammenlegung der jeweiligen Ressorts entscheidend stärken. Durchkreuzt wurde diese Strategie vom Votum der offensichtlich eher zu traditionellen Strukturen neigenden Mitarbeiter- KG, die über eine Mehrheit von 50,5 Prozent verfügt – ein Getümmel, dass die »FAZ« mit dem Hinweis kommentierte, trotz eines »exzellenten Journalismus« drohe der Hinterlassenschaft Rudolf Augsteins nun eine »existentielle Krise«.

Der Vorgang ist Teil einer Entwicklung, die vor rund 30 Jahren eingesetzt hat. Damals, gegen Mitte der achtziger Jahre, hatte die Gesamtauflage von Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen den Peak erreicht, in der Folge begann ein halbwegs linear verlaufender Rückgang. 1983 etwa wurden in Deutschland (BRD und DDR) rund 30,1 Millionen Tageszeitungen verkauft, 2013 waren es noch 17,3 Millionen Exemplare. Unter dem Strich ist das ein Verlust von 42,5 Prozent. Der Minustrend trifft auch die Wochenmagazine: Vor zehn Jahren setzten »Spiegel« und »Stern« von jeder Ausgabe rund 1,1 Millionen Exemplare ab, im dritten Quartal 2014 waren es 878.000 beim »Spiegel« und 775.000 beim »Stern«. Gruner + Jahr, der Verlag des letzteren, strich angesichts der bedenklichen Entwicklung für 2015 die Vergabe des als renommiert geltenden Henri-Nannen-Preises vom Veranstaltungskalender. Der »Focus«, der vor zehn Jahren noch an der Marke von 800.000 kratzte, lag im Herbst 2014 bei 513.000 verkauften Exemplaren.

Die Krise des gedruckten Qualitätsjournalismus spiegelt sich auch in der Journalismusforschung und auf dem Buchmarkt, die Titel der einschlägigen Studien und Appelle klingen höchst besorgt, etwa: Brauchen wir Zeitungen? Zehn Gründe, warum die Zeitungen untergehen. Und zehn Vorschläge, wie dies verhindert werden kann (2014), Krise der Printmedien. Eine Krise des Journalismus? (2010), Der Zerfall des Publikums. Nachrichtennutzung zwischen Zeitung und Internet (2013), Zeitung unter Druck. Plädoyer für ein Kulturgut (2013) oder gar Die Zeitung. Ein Nachruf (2014).

Gründe für die rückläufige Leselust gibt es viele, die digitale Kommunikation ist nur einer davon – der Sinkflug der Druckauflagen hat sich angesichts der Etablierung des Internets und der sozialen Netzwerke nur mäßig beschleunigt. Auffallend ausweglos und sachfern klingen die Faktoren, die von Seiten der Verlegerschaft und etwa der Zeitungs-Marketing-Gesellschaft genannt werden, um das wachsende Desinteresse am Qualitätsjournalismus zu erklären: beispielsweise der Rückgang der deutschsprachigen Bevölkerung, Wanderungsbewegungen in die Großstädte und Metropolregionen, die Zunahme von Singlehaushalten, eine wachsende Mobilität der Bevölkerung, zunehmend fragmentierte Themeninteressen und der Wandel im Freizeitverhalten. Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks, brachte neulich die Ratlosigkeit der Branche ungewollt so auf den Punkt: »Es ist nicht das Internet, das die Zeitung bedroht. Die Gefahr lauert in der Gleichgültigkeit des Publikums gegenüber handwerklich gutem und damit ressourcenaufwendigem Journalismus.«

Vom gedruckten Produkt abgewendet haben sich vor allem die Jungleserinnen und Jungleser, ein Trend, für den exemplarisch »Bravo«, das ehemalige Flaggschiff der Jugendpresse steht. 1979 hatte das Magazin eine Auflage von rund 1,83 Millionen, 1996 waren es noch 1,4 Millionen. Bis Mitte 2014 sank der Verkauf dann auf rund 144.000 Hefte – hier spielte die Konkurrenz der digitalen Kommunikation ohne Zweifel eine entscheidende Rolle. Die Skepsis der jungen Leute wird derzeit gerne durch journalistische Investigationen gespiegelt, deren Ergebnis beispielsweise »Spiegel Online« im November so betitelte: »Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift. «Es war, als Leseexperiment für eine Bahnreise, die »Geo Epoche« mit dem Titel »Der Kapitalismus«. Moritz fand die Infos teils ganz in Ordnung, aber oft zu langatmig. Beim Thema Rockefeller entdeckte er nichts über die Bilderberg-Konferenz, von der er schon gehört hat. »Im Internet wäre ich jetzt wohl weg gewesen, auf anderen Seiten, die mir bieten, was ich suche. Kostenlos. Ich bin es gewohnt, meine Informationen in der endlosen Weite zu suchen, nicht in begrenzten 173 Seiten.« Die »Geo Epoche«-Ausgabe schenkte er seinen Eltern.

Die jahrzehntelang weitgehend an glänzende Geschäfte und Renditen gewöhnten Verleger reagieren auf die Einnahmeausfälle, verursacht auch durch stetige Minusraten im Anzeigengeschäft, wie Unternehmer nun einmal reagieren: Sie rationalisieren die Produktion, versuchen sich an Innovationen und trennen sich von überschüssigen Kapazitäten. Eine unvollständige Aufzählung für das Jahr 2014: Gruner + Jahr, mittlerweile komplett zum Bertelsmann-Imperium gehörend, kündigte im August an, in den kommenden drei Jahren rund 400 Arbeitsplätze in Deutschland zu streichen. Angesichts rückläufiger Marktentwicklungen im Printgeschäft sollen in diesem Zeitraum 75 Millionen Euro eingespart werden. Der im Frühjahr angekündigte drastische Stellenabbau bei der »Westdeutschen Zeitung« wurde im Oktober umgesetzt. Fast die Hälfte der 100köpfigen Redaktion musste gehen. Die Verlagsleitung der »FAZ« verlautbarte im September, in den kommenden drei Jahren bis zu 200 Stellen zu streichen, 40 davon in der Redaktion. Anfang März meldete die »Münchener Abendzeitung« Insolvenz an; als der Unternehmer Martin Balle einige Wochen danach als »Retter« antrat, durften von 100 Redakteuren gerade einmal 25 bleiben. Beim »Darmstädter Echo«, dessen Auflage seit 1998 um 35 Prozent gefallen ist, kündigten Verleger im September an, mehr als die Hälfte der rechnerisch 300 Vollzeitstellen zu streichen. Die Sparwelle der vergangenen Jahre kennzeichnet in etwa die wirtschaftlichen Schwellen, an denen stetig schrumpfende Gewinne etliche Medienhäuser in die (Nähe der) Verlustzone bringen – Zuspitzungen dieser Art sind weiterhin zu erwarten, ebenso eine Beschleunigung der Konzentrationsprozesse.

Die Redaktionen der Printprodukte gehen angesichts der Bedrohung ihrer Existenz und auf Geheiß der Verleger  bisher gerne ein paar tapsige Schritte in den digitalen Kosmos und in die Cross-Media-Welt hinein. Während dabei bisher kein auch nur ansatzweise profitabler Ersatz für die traditionellen Geldquellen Abonnement und Werbung herauskam, gelang es in vielen Fällen immerhin, auf das intellektuelle und kommunikative Niveau der Trolle, Hassprediger und Vollpfosten hinabzusteigen, die die Meinungsmache im Netz entscheidend mitformatieren. Der »Spiegel« verstieg sich im Juli 2014 anlässlich des Abschusses des Flugs MH 17 über der Ukraine trotz ungeklärter Urheberschaft zur Flugblattheadline »Stoppt Putin jetzt«, die Fotos der Opfer klaute man bei Facebook und lachte sich anschließend über die Missbilligung durch den Presserat kaputt. Als im Mai 2013 »Bravo« eine neue Chefredakteurin erhielt, wurde (einer Analyse des NDR zufolge) der Tonfall im Heft aggressiver und boulevardesker. Stars wurden etwa als »Schlampen« entlarvt, als »dumm« bezeichnet oder »Prügelattacken« aufgedeckt. Ein »Focus«-Redakteur stieg, um Kriegsberichterstattung zu simulieren, während des Lokführerstreiks im vergangenen Winter auf das Dach des Verlagsgebäudes und appellierte im »Videokommentar« an Gewerkschaftschef Weselsky: »Lassen Sie Deutschland endlich in Ruhe!« Lustig ist es auch, bei akuten Erregungsereignissen, etwa Terror oder Geiselnahmen, vor dem Monitor zu hocken und die »Breaking News« zu verfolgen – auf den Websites der Qualitätspresse erscheinen dann regelmäßig jene Hetzparolen und Gerüchte, die viele andere Zonen des Web vermüllen. Die digitalen Messinstrumente der Online-Industrie zeigen seit langem, dass die Themen Kriminalität, Gewalt und Sex beim Publikum hohen Vorrang genießen.

Im Zuge der sich vielerorts zuspitzenden Krise wird dankenswerterweise auch sichtbar, in welch unglaublichem Ausmaß die Qualitätsjournalisten die Tatsache ignorieren, dass sie Teil der marktwirtschaftlichen Verwertungsorgie sind – und dabei sprechen wir von Leuten, die sich offiziell der Wahrheit, der Erkenntnis und ähnlichen Werten verschrieben haben. Die Vor- und Fürsprecher der Zunft beanspruchen, das zeigt die aktuelle Krisenliteratur überdeutlich, vielmehr den Status einer gesellschaftlich unverzichtbaren Institution, die vor Unbilden aller Art zu schützen sei. Der Tatsache, dass die produzierte Ware – trotz des Labels der »journalistischen Unabhängigkeit« – am Markt immer weniger bestehen kann, stellt man unverzagt den traditionellen Zentralmythos entgegen. Zusammengefasst von Frank-Walter Steinmeier, der als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion im Sommer 2013 auf dem Kongress deutscher Lokalzeitungen sprach, klingt er so: »Demokratie und Zeitung gehören zusammen! Sie sind gemeinsam entstanden. Die Krise des einen beschwor die Krise des anderen herauf. Und deshalb geht es bei allem, was wir heute miteinander diskutieren, nicht nur um die Zukunft der deutschen Zeitungen, sondern immer auch um die Zukunft und Bedingungen demokratischer Politik.« Die Chefredakteurin des Deutschlandfunks bezeichnete den Journalismus bei der Präsentation einer Studie über die Krise des Zeitungswesens als »öffentliches Gut« oder auch gleich als »öffentlichen Dienst«.

Zu dieser bornierten Selbsteinschätzung passt es, dass kaum eine Analyse ohne die Feststellung auskommt, die Journalistenkaste sei habituell eng mit jener der Beamten verwandt. In einer Darstellung der offiziösen Bundeszentrale für politische Bildung hieß es 2011 absolut unironisch und korrekt über die artgerechte Haltung: »Journalisten lieben die Routine und feste Arbeitsstrukturen. Sie lieben es, wöchentlich, täglich oder stündlich das Gleiche zu tun. Die Spannung des Berufs entsteht durch Themenvielfalt und Schnelligkeit: Immer wieder wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben, aber immer auf dem gleichen Weg. Gerade weil sich Journalisten permanent und sehr schnell auf neue Themen einlassen müssen, mögen sie es nicht, wenn ihre Redaktionsstrukturen und gewohnten Arbeitsabläufe durcheinandergeraten oder verändert werden.« Die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg spricht in genau diesem Sinne von einem allseits sichtbaren »Bemühen, tradierte Strukturen abzusichern und fortzuführen«. Diese Feststellungen betreffen wohlgemerkt auch Leute, die lautstark für die neoliberale und marktgerechte Flexibilisierung aller Verhältnisse, Lebensläufe und Existenzen zu agitieren pflegen. Daher lamentieren Redakteure auch, wenn ihre Verleger sie freisetzen, niemals über die Marktwirtschaft oder das freie Unternehmertum, sondern über den Verlust an »publizistischer Vielfalt«, mit dem das Gemeinwesen künftig kaum klarkommen könne.

Um den traditionell beanspruchten Status abzusichern, debattiert die journalistische Zunft derzeit ernsthaft darüber, Qualitätszeitungen und das zugehörige Personal künftig über private Stiftungen oder gar über öffentliche Subventionen zu finanzieren – dass Kritiker aus den eigenen Reihen dabei vor zuviel Staatsnähe warnen, ist ein echter Brüller.

Allerdings wird sich die Ökonomie wohl wie üblich ihren eigenen Weg bahnen. Das Medienmagazin von Verdi berichtete neulich, schreibende Roboter seien auf dem Vormarsch, teils sei ein Unterschied zwischen Texten von Menschen- und Maschinenhand schon heute kaum erkennbar. »Wann und in welchem Umfang die Verlage auf den Zug aufspringen«, so die Befürchtung, »wird vor allem davon abhängen, ob sie mit diesem Content ihren Umsatz steigern können. « Oder, was für die Rendite vielleicht noch bedeutsamer wäre: ob sie mit diesem Content weitere Qualitätsjournalisten loswerden können.

Ralf Schröder schrieb in konkret 1/15 über die Pegida-Bewegung

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