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Der Punkt.

Der Ein-Wort-Satz hat Konjunktur. Bis zum Komma komma gar nicht mehr. Von Georg Seeßlen


Karl Kraus wunderte sich einst über einen wahrhaft in Stein gemeißelten Punkt, nämlich den »Schlusspunkt der Burgtheaterherrlichkeit«, den man mit einem in mannshohen Lettern gesetzten »K. K. HOFBURGTHEATER.« setzte: »Punkt! Darüber komme ich nicht weg. Diesem Punkt gebe ich die Schuld, dass die künstlerische Entwicklung ins Stocken geraten ist.«

In einer populistischen Mediengesellschaft gibt es natürlich nicht den einen Punkt, auf den das Stocken der künstlerischen Entwicklung gebracht werden kann, schon gar nicht an einem Theater. Es geht vielmehr um ein allgemeines Punktsetzen, man könnte gar von einer populistischen Punktmanie sprechen. Und natürlich geht es unter solchen Umständen nicht nur um das Stocken der künstlerischen Entwicklung. Sondern. Um. Das. Stocken. Selbst.

Der Punkt hinter dem einzelnen Wort scheint also wieder einmal Konjunktur zu haben. Ein sinniges Buch von Heribert Prantl hat den Titel Alt. Amen. Anfang. Ein Kinothriller trägt den deutschen Titel »Ich. Darf. Nicht. Schlafen.« (im Original einfach »Before I Go to Sleep«). Das Bremer Paula-Modersohn-Becker-Museum nennt eine Ausstellung »Sie. Selbst. Nackt«. Und jede Politikerin, jeder Politiker, der etwas auf sich hält, lässt sich so einen Punktsatz in die Rede schreiben. Auch die Bundeswehr („Wir. Dienen. Deutschland.“) und die Band Frei.Wild bedienen sich der Einschusslöcher des völkischen Sprachhasses. Die Binnenpointophilie ist allerdings nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Der britische Progrockmusiker Steven Wilson nannte sein neues Album »Hand. Cannot. Erase.« (den entsprechenden Song darauf aber einfach »Hand Cannot Erase«).

Nicht nur, dass man mit den Wortpunkten eine Christopher-Walken-hafte Dringlichkeit in seine Sprache bekommt. Der inflationäre Titelbinnenpunkt funktioniert vielleicht auch ein wenig wie der von Karl Kraus beobachtete Burgtheater-Punkt: Kraus nämlich meinte, mit dem Punkt hinter dem Burgtheater werde verhindert, dass die armen Wiener einfach immer weiterlesen, ins Offene hinein oder gar bis in den Volksgarten. Mit den Binnenpunkten wird dem Volk des Medientheaters vielleicht suggeriert, es müsse sich auf gar keinen Fall Sorgen darüber machen, es könne etwa zum Zu-viel-Lesen verführt werden, wer weiß, ins Offene hinein, oder gar bis in die Fußgängerzone hinaus.

 Eine andere Theorie besagt, dass die Punktmanie aus dem Internetgebrauch stammt, wo man ja www.bild.de im Schlaf tippen kann. Nur eben verflixt, kein Abschlusspunkt, sondern jede Menge Slashes und Gartenzäune und so viele Wörter, Wörter, Wörter, die keine grammatischen Beziehungen miteinander mehr eingehen wollen. Die Punkte sind einfach zu weit nach vorn gerückt, so dass nun der analoge Abschlusspunkt als Antidot zu den digitalen Wortketten herhalten muss. »Nun mach mal einen Punkt!« oder »Und damit Punkt!« sagt man nicht mehr, und der Basta-Kanzler ist auch zu Gazprom gegangen oder punkt punkt punkt. Daher müssen wir unsere tief verwurzelte Sehnsucht nach dem Punktmachen eben anders ausleben.

Natürlich ist dieser inflationäre Gebrauch des Punktes erst einmal eine Leseanweisung. Jedes. Wort. Wird. Betont. So machen es auch Sprechmaschinen. Jedenfalls die älteren Modelle. Es ist ein Trick, Bedeutung herzustellen, und wie bei allen solchen Tricks erschöpft sich nach einer Weile die darin gespeicherte Energie; die Sache wird Konsens und Gewohnheit. Und das Werk ist vollbracht, wenn alle Mehrdeutigkeit aus der Sprache verdammt ist. Der Punkt hinter jedem Wort sagt, dass man genau weiß, was es bedeutet. Und nichts anderes. So sagte es uns zum Beispiel Komm zum Punkt! Das Rhetorik-Buch mit der Anti-Laber-Formel (Punkt bzw.: Eichborn 2009) von Thilo Baum. Hier erfahren wir: »Wer Punkte setzt, der labert nicht.« Und Thilo Baum muss das wissen, denn er ist ein »Klartextexperte«, jedenfalls laut eigener Darstellung im Internet.

Es bedeutet schließlich der Punkt nicht nur »und damit basta«, sondern auch »Einstich« (nach der Entstehungsgeschichte des Satzzeichens), und wirklich hat man bei manchen dieser manischen Punktsetzungen das Gefühl, man solle buchstäblich bzw. satzzeichlich pikiert werden. Jedes Wort mit einem Piekser bekräftigt, jedes Wort soll Aua machen. Oder: Der Punkt ist eine »ausdehnungslose Fläche« (in der Geometrie). Der Punkt ist aber virtuell, denn wenn man ihn macht, hat man eben doch eine Ausdehnung, ätsch, einen Punkt kann man sich eigentlich nur vorstellen, und wenn man die Perspektive wechselt, ist der Punkt nur ein Schnitt durch eine Linie, die, noch mal den Blickwechsel vorausgesetzt, als Schnitt durch eine Fläche angesehen werden kann, welche wiederum … Kurzum, der Punkt ist eine mehr oder weniger willkürliche Reduktion, die von zweierlei zeugt, nämlich von einer Absicht und von einer Macht. Ein Schulkind zum Beispiel darf natürlich nicht so mit Punkten umgehen wie ein Feuilletonist oder wie eine Politikerin.

So will es der Duden: »Der Punkt ist das neutrale Satzschlusszeichen. Er steht nach einem abgeschlossenen [auch mehrteiligen] Ganzsatz <§ 67> (sofern dieser nicht durch ein Fragezeichen als Frage <§ 70> oder durch ein Ausrufezeichen als besonders nachdrücklich gekennzeichnet ist <§ 67 E2>).« Also geht es nicht nur um Betonung und Teilung, sondern auch um Neutralisierung. Es ist nicht die Frage: Ist es so? Nicht die Behauptung: So sei es! Sondern ein »objektives« So isses. Und das Wort wird in den Rang eines Ganzsatzes erhoben.

Punktsätze sind Sätze, die vor lauter Abschluss gar nichts mehr sagen können oder wollen, genauer gesagt, der neutrale Abschluss ist ihr eigentlicher Inhalt. Weder das Subjekt noch das Objekt eines Satzes ist dabei weiter von Belang. Als rhetorisch chic gilt es dabei, nicht mehr als vier Worte in einer solchen Punktkonstruktion unterzubringen. Danach wird es albern. Und nicht weniger als drei, sonst merkt man es nicht.

Die zweite Stoßrichtung von solchen Konstruktionen ist das Isolieren. Die Dinge haben keine Beziehung mehr zueinander, sondern sind gewissermaßen in Axiome oder Dogmen gecrackt. Mit einem Punktkonstrukt kannst du nicht argumentieren, es lässt dich gar nicht erst nahe genug heran. Das sind Aussagen, die nicht mit sich reden lassen. »Hand. Cannot. Erase.« ist sozusagen die kleinste Religion der Welt.

Wenn es stimmt, dass das Komma das unbeliebteste Satzzeichen der Deutschen ist, was wir jetzt nur teilweise als Diffamierung verstehen wollen, weil nämlich entweder die Regeln so saukompliziert sind, oder man irgendwie so ein Sensibelchen vor sich hat, also ein Komma, ich weiß nicht, Kommas sind für undeutsche Weicheier Punkt Wenn es also stimmt, dass das Komma das unbeliebteste Satzzeichen der Deutschen ist (Das Komma ist der Linksintellektuelle unter den Satzzeichen! Der Nestbeschmutzer und Stolperstein. Bah!), dann ist der Einwortpunkt die schärfste Waffe dagegen. Bis zu einem Komma komma gar nicht mehr. Aber warum bei diesem »neutralen« Punkt stehenbleiben? Ist ein Ausrufezeichen (»Befehlsform«!) nicht noch viel angemessener?

So stellte ich mir, tagträumend, einen neuen deutschen Satz vor, den man doch noch mal sagen darf: Still! Ge! Standen!

Da habe ich vielleicht nicht herzlich, aber doch hirnlich gelacht.

 

Von Georg Seeßlen erscheint im März das Buch Digitales Dating. Liebe und Sex in Zeiten des Internets (Bertz + Fischer), das auf seinen konkret-Texten zum Thema basiert

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