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Fatwahn

Der Islamische Staat (IS) hat in den letzten Wochen nicht nur im Diesseits an Boden verloren – auch in Sachen Hermeneutik gibt es Gegenwind, gehen sich Schriftgelehrte gegenseitig an die Bärte. Der Grund: die Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten Muaz  al Kasaesbeh. Vom Propheten selbst nämlich stammt der Ausspruch: »Niemand darf mit dem Feuer bestrafen außer Gott.« Eindeutiger geht’s nicht, und um so peinlicher das PR-Malheur für den IS, der sonst dezidiert für eine wörtliche Interpretation des  Koran eintritt. Schon wenige Stunden nach Veröffentlichung des Videos, nach zahllosen Protesten auch anderer salafistischer Gruppierungen, sah er sich gezwungen, die Verbrennung zu legitimieren.

Das IS-eigene »Ministerium für Rechtsgutachten und  Forschung« veröffentlichte dazu eine Fatwa, wie »Spiegel Online« berichtet: »Der Ausspruch des Propheten sei nicht wörtlich als ein  Verbot der Verbrennung gemeint, sondern ›Ausdruck menschlicher Demut‹, heißt es in dem Schreiben. Soll heißen: Weil das  Höllenfeuer unter Gottes Kontrolle steht, ist der Einsatz des Feuers gegen Feinde auf Erden noch lange nicht verboten.« Auch eine  andere Überlieferung wird herangezogen: »Die Mitglieder eines arabischen Stammes sollen zu Lebzeiten des Propheten zum Islam  übergetreten sein, wandten sich aber später von der jungen Glaubensgemeinschaft ab. Daraufhin habe Mohammed angeordnet, die  Abtrünnigen zu verfolgen, ihnen glühende Eisen in die Augen zu stechen und sie so lange zu verstümmeln, bis sie sterben.« Doch  steckt auch hier der Scheitan im Detail: Sind glühende Eisen schon »Feuer«? Meint »Feuer« nur »Höllenfeuer« oder auch einen  handelsüblichen Haushaltsbrand? Was erlaubt der Terminus »bestrafen« – eine Tötung oder nur eine Verstümmelung mit Todesfolge? Und was heißt das Wörtchen »wörtlich« in dem schwammigen Begriff »wörtliche Interpretation «?

Innerhalb kürzester Zeit ist eine Vielzahl literaturanalytischer Schulen im IS entstanden. Eine diskursanalytische Strömung sieht den »Körper« eines Gefangenen lediglich als linguistisches Konstrukt, den man erst dekonstruktiv aufzudröseln habe, bevor man dies mit Messern tun dürfe. Theoretiker eines »AK Kritischer Salafismus« weisen hingegen auf die kulturindustrielle Komponente von Verbrennungsvideos hin und setzen sich darüber hinaus dafür ein, Muezzins in Zwölftonkomposition zu schulen.

In der »Ökumenischen Akademie des Islamischen Staats« formiert sich überdies das Projekt »Strafen in gerechter Sprache«, das historischen Anachronismen in künftigen Fatwas vorbeugen möchte: So soll fortan die Bezeichnung »Ungläubix« verhindern, dass sich Kriegsgefangene vor ihrer Verurteilung sexuell diskriminiert fühlen. Das Ministerium für Rechtsgutachten ließ sich nicht lumpen – und verurteilte alle diese Gruppen schon vor der Gründung präventiv zum Tode. Die Exekution lässt aber auf sich warten: Die Henker sind sich nicht sicher, ob diese Fatwa nicht etwa nur metaphorisch gemeint war oder mit Hans Blumenberg nur ihre eigene Unlesbarkeit thematisiert hat.

Leo Fischer

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