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»Jüdische Perspektiven werden abgewertet«

Deidre Berger

Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) schafft seinen Gegenstand ab. konkret sprach mit Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee Berlin, über die Kritik an einer neuen Studie des Zentrums.

Die antisemitischen Demonstrationen im Sommer 2014 haben den Zusammenhang zwischen sogenannter Israelkritik und Antisemitismus praktisch veranschaulicht. Jetzt hat das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) eine Studie mit dem Titel Antisemitismus als Problem und Symbol veröffentlicht. Wie werden darin die Erfahrungen von 2014 berücksichtigt?

Deidre Berger: Die Vorfälle werden zwar erwähnt, aber sie fließen in die Ergebnisse der Untersuchung kaum ein. Die Untersuchungsperiode, die der Studie zugrunde liegt, reicht von 2010 bis 2013. Dennoch muss man sich fragen, warum ein Bericht, der im Januar des Jahres 2015 erscheint, diesen doch äußerst bedeutsamen Vorfällen keine besondere Bedeutung zuspricht. Aber schwerer wiegt die Tatsache, dass die Autoren der Studie bestreiten, dass Antisemitismus überhaupt ein drängendes Problem ist. Es ist beispielsweise von »emblematischen Vorfällen« die Rede, wenn jemand aus antisemitischer Motivation zusammengeschlagen wird. In der Studie heißt es: »Charakteristisch für die jüdischen Perspektiven ist, dass einzelne Vorkommnisse von herausragender symbolischer Bedeutung im Zentrum der eigenen Bedrohungswahrnehmung stehen.« Als würde bloß eine  bestimmte Stimmung, in der Bedrohungen von den Bedrohten angeblich »diskursiv« aufgebauscht würden, die Ängste der Menschen schüren. In allen Ländern Europas, darauf weist eine Umfrage der Fundamental Rights Agency vom September 2013 hin, machen sich Jüdinnen und Juden große Sorgen. Diese sind nach den Anschlägen von Toulouse, Brüssel, Paris und nun Kopenhagen noch weiter gewachsen. Im Forschungsbericht des ZfA spielt all das kaum eine Rolle. Die jüdischen Perspektiven werden in der Studie ohnehin eher abgewertet und nicht ernst genommen.

Die Studie des ZfA problematisiert über weite Strecken nicht den Antisemitismus, sondern »das ritualhafte Anbringen auch entdifferenzierender oder überzogener Antisemitismusvorwürfe«. Was wird überhaupt noch als Antisemitismus benannt?

Es gibt eine Vielzahl von antisemitischen Vorfällen, die nur selten in den Polizeistatistiken auftauchen, worauf richtigerweise auch die Studie des ZfA hinweist. Aber den Autoren des Forschungsberichts geht es eben weniger um die Bestimmung einer konkreten Bedrohungslage, als vielmehr um den »Diskurs über Antisemitismus«.

Problematisch ist dabei auch, dass »Israelkritiker« in Schutz genommen und sogar als Opfer von Kampagnen dargestellt werden. Dabei behauptet ja niemand, dass Kritik an Israel per se antisemitisch sei. Natürlich hängt das vom Kontext ab. Dass aber häufig die Grenze von der Kritik der israelischen Politik zum Antisemitismus überschritten wird, wissen wir aus vielen Vorfällen, die immer häufiger in Gewalt umschlagen.

Außerdem legt die Studie nahe, bei antisemitischen Aktivitäten handele es sich um eine Art Protest gegen die Mehrheitsgesellschaft. Antisemitismus, könnte man sagen, ließe sich eindämmen, wenn bloß nicht mehr so inflationär davon geredet werden würde.

Ja, der Eindruck entsteht. Einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher Organisationen wird der Vorwurf gemacht, den Antisemitismus inflationär zu gebrauchen. Die wirklichen Opfer seien jedoch Muslime – als Opfer von Rassismus – und »Israelkritiker«, die als Opfer von politischer Diskreditierung dargestellt werden. Die Studie zeigt letztlich einen deutlichen Mangel an Empathie und Sensibilität für das Thema Antisemitismus. Es gibt natürlich rassistische Ressentiments, aber wenn es um die Verbreitung von antisemitischen Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen geht, ist es problematisch, diese Einstellungen umstandslos mit Rassismuserfahrungen derjenigen, die sie äußern, zu relativieren. Man kann beides nicht ohne weiteres miteinander vergleichen und schon gar nicht gegeneinander ausspielen. Diese Diskussion, die sehr lebhaft und kritisch geführt wird, ist nicht nur theoretisch, sondern hat praktische Konsequenzen für Bildungsprogramme gegen Antisemitismus. Angesichts des grassierenden Antisemitismus in Europa müsste es vordringlich darum gehen, Strukturen zu schaffen, die ihn eindämmen. Die Studie gibt hierauf keine Antworten. Die Tatsache, dass in Frankreich immer mehr Jüdinnen und Juden das Land verlassen, aber auch die antisemitischen Demonstrationen im Sommer 2014 in Deutschland, bei denen Parolen wie: »Juden ins Gas!« gerufen wurden, zeigen, dass die Situation ganz schnell kippen kann. Und dann wird aus den antisemitischen Ressentiments praktische Gewalt.

Wie kommt ein Zentrum für Antisemitismusforschung zu solchen Untersuchungsergebnissen?

Das ZfA behauptet ja, es handele sich bei der Studie um eine rein wissenschaftliche Untersuchung und nicht um eine politische Intervention. Es wird uns nun vorgeworfen, wir würden als politisch tätige Institution diesen Unterschied nicht verstehen. Die Sprache, die in der Studie des ZfA verwendet wird, ist in Teilen jedoch alles andere als wissenschaftlich und neutral. Es entsteht beispielsweise der Eindruck, dass Jüdinnen und Juden nicht in der Lage seien, Antisemitismus richtig einzuschätzen, weil sie zu emotional reagierten, überspitzte Positionen vertreten würden, weil in der »jüdischen Perspektive « häufig Ansichten vorkämen, die »nicht unumstritten« seien. Das kommt wiederholt vor und bedeutet eine Abwertung jüdischer Erfahrungen.

Gibt es ein Antisemitismusproblem beim Zentrum für Antisemitismusforschung?

Es werden in der Studie zum Teil Codes und Begrifflichkeiten verwendet, die antisemitische Stereotype eher reproduzieren, als dass sie sie bekämpfen. Damit sollte sich das Zentrum selbstkritisch auseinandersetzen.

Zum Umgang mit Antisemitismus hierzulande passt auch die Zusammensetzung der neu gegründeten  Antisemitismus-Kommission beim Bundesinnenministerium. Jüdische Wissenschaftler oder Fachleute wurden nicht berücksichtigt. Ist das Ausdruck eines ähnlichen Phänomens?

Ich glaube, vergleichbar ist hier die weitverbreitete Ansicht, dass Jüdinnen und Juden befangen mit dem Thema Antisemitismus umgehen. Ich will da keiner Quotenregelung das Wort reden. Wie kann man aber eine solche Kommission gründen, ohne jüdische Perspektiven in die Diskussion mit einzubeziehen? Natürlich ist der Antisemitismus kein jüdisches Problem, aber Juden und Jüdinnen leiden unter seinen Ausprägungen. Deshalb müssen sie Teil der Lösung sein.

 

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Eine ausführliche Stellungnahme des American Jewish Committee zur ZfA-Studie finden Sie hier

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