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Die Zukunft war gestern (7)

Eine Nachlese großer Klassiker der Science Fiction soll an Zeiten erinnern, als die Zukunft irgendwo zwischen den Sternen stand und nicht im Dax-Index. Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken (1950–58) Aus dem Englischen von Peter Naujack, Thomas Schlück und Margarete Bormann. Diogenes, 384 Seiten, 10,90 Euro

Science Fiction ist Literatur des »Was wäre, wenn«, nicht des »So wird es sein«. Wissenschaft und Technik sind Vehikel der Gattung, nicht ihr Zweck. Ray Bradbury, einer der Pioniere und bedeutendsten Stilisten des Genres, wehrte sich zeitlebens dagegen, als Autor von »Science«-Fiktionen bezeichnet zu werden. Er hielt es für passender, in die Schublade der Fantasy einsortiert zu werden. Doch dort gehörte er gleichfalls nicht hinein. Ähnlich wie sein Zeitgenosse Cordwainer Smith entwarf Bradbury ironisch gebrochene Morgenweltfabeln, Hightech-Mythen einer Zukunft, die es so niemals geben wird – außer in den Träumen, zu denen sie inspirieren. Und besser ist es gewiss, von elektrischen Schafen statt von nichts zu träumen.

Seit lustige Roboter über seine rostige Oberfläche kriechen und außer etwas Eis bloß elend viel Geröll aufspüren, eignet dem Mars kein Stäubchen Magie mehr. Schon 1950, als Bradbury die erste Fassung seiner Mars-Chroniken veröffentlichte, war über den roten Planeten genug bekannt, um die Anwesenheit höheren Lebens ausschließen zu können. Bradbury kümmerte das nicht. Er nahm den Mars als Symbol für sämtliche neue Welten, die auf die Menschheit im Kosmos warten, als Paradigma all der Sünden, die Menschen begehen, wenn sie bei ihren Expeditionen das Unbekannte nicht respektieren. Die ersten Martionauten bringen – eine satirische Reminiszenz an H. G. Wells – terranische Seuchen auf den vierten Planeten. Sie löschen, halb arglos, halb ignorant, eine Zivilisation aus, deren Vollkommenheit und Vergeistigung sie nicht einmal im Ansatz begreifen.

Die Artefakte und Schatten der Marskultur liegen den Usurpatoren von der Erde überall im Weg. Nur wenige Forscher entsetzen sich vor der Brutalität der Landnahme: »Reicht ein zugrunde gerichteter Planet nicht aus – müssen sie auch noch ein fremdes Nest beschmutzen?« Sie müssen, weil sie als gute Imperialisten anders nicht können: »Die Raketen kamen wie die Heuschrecken ... (Die Männer) trugen Hämmer in den Händen, mit denen sie die fremde Welt in eine Form bringen wollten, die ihrem Auge vertraut war, mit denen sie all das Fremdartige fortzuknüppeln gedachten.« Doch wie in jedem guten Märchen bestrafen die Bösen am Ende sich selbst: Die Erde verbrennt im nuklearen Feuer und kreist fortan als Grab um die Sonne. Der Funke Hoffnung, den Bradbury seinen Lesern im Schlusskapitel »Das ewige Picknick« gönnt, glimmt schwach: Nur zwei Kleinfamilien sind von den Siedlern auf dem Mars übriggeblieben. Sie müssen alles Irdische vergessen und zu Marsianern werden, wollen sie überleben.

Die Moral der Mars-Chroniken ist gelegentlich etwas dick aufgetragen. Das könnte stören – wäre nicht alles in Ray Bradburys exzentrische, exotische, ekstatische Metaphorik eingewoben: »Die Rakete hatte sich durch die mitternächtlichen Gewässer des Weltraums bewegt wie ein bleiches Seeungeheuer, hatte sich am ehrwürdigen Mond vorbei in die Unendlichkeit gestürzt.«


Nachtrag

Am 12. November 1971, kurz bevor Mariner 9 als erste menschengemachte Maschine in den Orbit eines anderen Planeten, natürlich des Mars, eintrat, zelebrierte das Jet Propulsion Laboratory (JPL) seine technische Meisterleistung mit einer Talkshow im großen Hörsaal. Auf dem Podium saßen einige Wissenschaftsjournalisten sowie Arthur C. Clarke und Ray Bradbury. Der sich sogleich charmant damit einführte, der „am wenigsten wissenschaftliche Typ“ im Raum zu sein. Die versammelte Elite der amerikanischen Weltraumforschung und -industrie lachte herzlich.

Und dann erzählt Bradbury, wie jämmerlich es um die Wissenschaft in seinen Werken bestellt und wie egal ihm das ist: „Ein zehnjähriger Junge kam auf mich zu und sagte: ‚Mr. Bradbury, Sie haben doch dieses Buch geschrieben, Die Mars-Chroniken.‘ - Ich sagte: ‚Ja.‘ - Er sagte: ‚Auf Seite 89 steht, daß die beiden Monde des Mars im Osten aufgehen.‘ - Ich sagte: ‚Richtig.‘ - Er sagte: ‚Falsch.‘ Da hab‘ ich ihm eine gescheuert.“

Das Gelächter sollten Sie mal hören.

- Kay Sokolowsky -

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