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Kommunikation in Uniform

Das Selbstverständnis deutscher Militärs passt sich der Kriegspropaganda der politischen Elite an. Von Peer Heinelt

 

Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Münchner Bundeswehruniversität, und sein Kollege Michael Wolffsohn, bis 2012 ebenda für Neuere Geschichte zuständig, freuen sich über eine Neuerscheinung. Der Sammelband Armee im Aufbruch, der laut Untertitel Aufschluss über die »Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen« der deutschen Streitkräfte gibt, unterbreite der Gesellschaft ein »Dialogangebot«, erklärt Masala. Für Wolffsohn sind die Autoren – zumeist Studierende und Absolventen der deutschen Militärhochschulen – »Patrioten und Weltbürger«, die »über sich selbst, ihren Staat und die Werteordnung der Welt« nachdenken. Dass sich dieses Nachdenken in der Rückbesinnung auf sogenannte zeitlose soldatische Tugenden und in Huldigungen für NS-Generäle äußert, ficht die beiden Wissenschaftler nicht an, geht es ihnen doch einmal mehr um die Verteidigung dessen, was man Meinungsfreiheit nennt.

Damit haben Masala und Wolffsohn mittlerweile reichlich Erfahrung. Anno 2011 verteidigten sie den damaligen Chefredakteur der an der Münchner Bundeswehruniversität erscheinenden Studentenzeitschrift »Campus«, Oberleutnant Martin Böcker, der den Positionen der Neuen Rechten in seinem Blatt breiten Raum geboten hatte. Munter war hier auf die Demokratie und die Vorstellung vom Soldaten als »Staatsbürger in Uniform« eingedroschen worden: Erstere biete keine Möglichkeiten für die Entwicklung einer »gemeinschaftlich-gute(n) Lebensform«, letztere sei in Anbetracht der kriegerischen Realität nur mehr eine »inhaltsleere Hülle«, hatte es geheißen. Für Masala und Wolffsohn sind solche Äußerungen integraler Bestandteil eines »notwendigen Diskurs(es)«, wie sie in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« verlautbarten: »Unsere Soldaten dienen in einer Armee, die grundsätzlich verändert wird: von einer Streitkraft der Territorialverteidigung zu einer international agierenden Einsatzarmee. Gerade in dieser Transformationsphase sind kritische Debatten unumgänglich.«

Der von Masala und Wolffsohn so vehement unterstützte Martin Böcker ist auch in Armee im Aufbruch mit einem Aufsatz vertreten. Der Oberleutnant, der auch für die von intellektuellen Nazis geschätzte Wochenzeitung »Junge Freiheit« schreibt, knöpft sich darin abermals das für die Bundeswehr nach wie vor verbindliche Konzept des »Staatsbürgers in Uniform« vor. Hatte er dieses in einem seiner Texte für »Campus« noch als »fragwürdig« bezeichnet, nennt er es jetzt eine »Kopfgeburt« der politisch-militärischen Führung »ohne Bezug« zu den »Lebenswirklichkeiten der Soldaten«.

Analog zu Böcker äußert sich Leutnant Jan-Philipp Birkhoff, der an der Hamburger Bundeswehruniversität Geschichte studiert, in seinem Beitrag. Laut Birkhoff ist es wenig sinnvoll, von deutschen Soldaten und Offizieren einen »aufgeklärten Verfassungspatriotismus « zu erwarten, da ein solcher »für die brutale Praxis des Gefechts zu unbeständig « sei und von den Mitbürgern »bestenfalls belächelt« werde. Überhaupt kann der Leutnant mit der von ihm als »postheroisch« qualifizierten bundesrepublikanischen Gesellschaft wenig anfangen, schließlich zeichnet sich diese seiner Auffassung nach insbesondere dadurch aus, dass »das Streben nach Ehre durch eine hohe Opferbereitschaft« öffentlich nicht mehr akzeptiert ist: »Wo frühe Vorgänger der bundesdeutschen Gesellschaft die Verehrung des Opfers im Namen des Vaterlandes ... als zentrale Quelle sozialen Zusammenhalts praktizierten, ist heutzutage eine sehr misstrauische Haltung gegenüber jedem kriegerischen Altruismus zu beobachten.« Damit nicht genug: »Zu unserer Gesellschaft gehören heute mehr denn je Dekadenz, unkontrollierte Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Zu der postheroischen Gesellschaft gehören Defätisten, radikale Hedonisten und arrogante Selbstdarsteller.« Dies wiederum sei nicht nur »völlig inkompatibel « mit »militärische(r) Führungskultur «, sondern auch mit dem »soldatischen Wesen selbst«.

Statt einem durch das Konzept des »Staatsbürgers in Uniform« unnötig »politisierten« Offizier sei der »professionelle Führer « das Gebot der Stunde, erklärt Birkhoff: »Während der ›politisierte‹ Führer sich mit allen Unzulänglichkeiten der pluralistischen Gesellschaft auseinandersetzen muss und deren Differenzen ungewollt auch in die Truppe trägt, kann der professionelle Führer sich völlig auf den zentralen Inhalt seines Berufskonzentrieren.« Ein dieser Art »professionalisierter« Offizier macht laut Birkhoff die »Natur des Krieges« zu seiner einzigen »Leitlinie« und orientiert sich nicht an »sozialer Akzeptanz«, sondern an dem »brutal einfachen Satz der Effektivität«: »Während in der Zivilgesellschaft Diskurs und politische Differenzen die demokratische Kultur bereichern, wirken sie als Charakterzug eines militärischen Führers wie lähmendes Gift.« Ziel müsse letztlich eine »umfassende mentale Revolution« sein, die für die »Reinigung des Offiziersstandes« von »falsch verstandene(r) Toleranz und liberale(n) Auffassung(en)« sorge. Diskussionen haben für den Leutnant nur dann eine Berechtigung, wenn sie sich auf den »militärischen Nutzen« beschränken und dazu dienen, »unkonventionelle« Ideen zur Erringung »militärische(r) Siege« zu entwickeln. Als Vorbilder erscheinen Birkhoff in diesem Zusammenhang NS-Generäle wie Erich von Manstein und Erwin Rommel; die mörderische Kriegführung der beiden Militärs und die von ihnen zu verantwortenden Massenverbrechen an Juden und Antifaschisten sind ihm keine Zeile wert.

Ähnlich wie ihr Kommilitone Birkhoff äußern sich die Leutnants Florian Rotter und Max Pritzke in ihren Beiträgen. Laut Rotter bildet der Wunsch nach »Selbstverwirklichung«, »Konsumlust«, »Pazifismus« und »Egoismus« heutzutage die »Essenz gesellschaftlicher Werte«. Da eine Armee »unter diesen Rahmenbedingungen« jedoch »nicht funktionieren« könne, fordert der Jungoffizier eine Rückbesinnung auf »klassische preußische Tugenden« wie »Disziplin«, »Treue«, »Mut«, »Pflichtbewusstsein« und »Gehorsam« sowie die Bereitschaft, »zu leiden, ohne zu klagen«. Letztlich gehe es darum, den Angehörigen der Bundeswehr wieder den »Stolz« zu vermitteln, für »Grundsätze« einzutreten, die »einen permanenten Gegenpol zu unserer Gesellschaft bilden«: »Wir sollten unser militärisches Erbe hochhalten und würdigen und uns wieder mehr darauf besinnen, was es heißt, Soldat zu sein.« Passend dazu wünscht sich Rotters Kamerad Pritzke ein »in Haltung und Pflichterfüllung geschlossenes Offizierkorps«, das eine »homogene Gesamtheit« bildet und als »soldatische und bürgerliche Elite« fungiert.

Was dabei herauskommt, wenn sich diese Elite der Geschichtsschreibung annimmt, kann man wenige Seiten später lesen. Hier untersuchen die Leutnants Felix Schuck und Thorben Mayer das Vorgehen des deutschen Heeres bei den mit äußerster Grausamkeit geführten Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs auf »Innovationen auf der taktischen Ebene«. Die beiden Studenten der Politikwissenschaft von der Bundeswehruniversität Hamburg werden schnell fündig: Der Einsatz kleiner, selbständig operierender »Sturm-«respektive »Stoßtrupps«, die mit Flammenwerfern und leichten Maschinengewehren bewaffnet waren, sei ein militärischer »Quantensprung« gewesen, schreiben sie und loben die deutsche Heeresleitung sowohl für ihre Taktik, die besagten Einheiten bei Angriffen auf feindliche Stellungen einer durch Artilleriebeschuss erzeugten »Feuerwalze« folgen zu lassen, wie auch für die »Einführung der ersten Maschinenpistole, der als ›Grabenfeger‹ bekannt gewordenen Bergmann MP 18«. Damit einhergehend habe die deutsche Militärführung den »Verantwortungsbereich von Mannschaften und Unteroffizieren stetig erweitert« – eine Maxime, die »auch heute noch« in den »Einsatzgebieten « der Bundeswehr zum Tragen komme.

Daran anschließend plädieren die Autoren für ein »dezidiert militärisches Gedenken« in Bezug auf die deutschen Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Würden diese bisher im »postheroischen« Sinne zu »Opfer(n) des imperialistischen Größenwahns stilisiert«, sei es nun an der Zeit, die von ihnen verkörperten »militärische(n) Grundtugenden wie Tapferkeit, Entschlusskraft und Selbstlosigkeit « in den Mittelpunkt der geschichtspolitischen Betrachtung zu stellen: »Es bleibt demnach festzuhalten, dass das Traditionsverständnis der Bundeswehr ... ebenso der Überholung bedarf wie manche Thesen der Kriegsschulddebatte. Einhundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs zeigt sich anhand des aktuellen Diskurses, dass die zeitgenössische Geschichtswissenschaft den Dogmatismus der 1960er und 1970er Jahre schon überwunden hat. Der gegenwärtige Prozess der Transformation der Bundeswehr sollte diesem Umstand durch eine Überarbeitung des Traditionsverständnisses gerecht werden, in welchem die Leistung und Opferbereitschaft der deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs explizit gewürdigt wird.«

Die in Armee im Aufbruch zum Ausdruckkommenden Auffassungen entbehren nicht einer gewissen Logik: Ist der deutsche Imperialismus erst einmal aus der historischen Betrachtung verschwunden und die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg kein Thema mehr, lässt sich problemlos an »preußische Tugenden« und kriegerische »Professionalität« anknüpfen, was es dann ermöglicht, sich auf die vermeintlichen militärischen Leistungen von nationalsozialistischen Schlächtern wie Manstein und Rommel positiv zu beziehen. All das wiederum ist nötig, wenn man weltweit Krieg führen respektive die von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Bundespräsident Joachim Gauck geforderte »aktive Außen- und Sicherheitspolitik« in die Tat umsetzen will.

Deren Reden sind denn auch bei Herausgeber Marcel Bohnert auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Hauptmann, der an der Bundeswehruniversität Hamburg für die Studentenbetreuung zuständig ist, sieht »Konfliktherde «, die »unseren Wohlstand bedrohen « und »Einsätze unserer Streitkräfte« herausfordern, »vom nordafrikanischen Bogen bis hin zur türkischen Grenze«. Wie er in seinem Vorwort schreibt, kommt dieses Szenario der Truppe durchaus entgegen, blickt sie doch »stolz und selbstbewusst« auf den Krieg in Afghanistan zurück: »Er war ihre Feuertaufe und hat sie zu ihren militärischen Wurzeln zurückgeführt. Wichtige Entwicklungen in den Streitkräften wurden angestoßen, sei es in bezug auf Ausrüstung, Struktur oder Mentalität. Zudem hat er der Bundeswehr offenbar auch ihre längst vergessene Mündigkeit in Erinnerung gerufen.«

Wenn einem so viel Gutes widerfährt, mutet die öffentliche Erregung über einen von einem deutschen Offizier befohlenen Massenmord nur noch schändlich an. So fragt etwa Leutnant Kai Skwara in seinem Beitrag rhetorisch, wie es sein könne, »dass ein deutscher Oberst sich von Politikern des eigenen Staates als Kriegsverbrecher beschimpfen lassen muss, weil er in einem ›kriegsähnlichen Zustand‹ eine Entscheidung traf, die Menschenleben gefordert hatte «. Die mehr als 130 zivilen Opfer des vom damaligen Oberst Georg Klein am 4. September 2009 angeordneten Bombardements nahe der afghanischen Stadt Kunduz interessieren den an der Bundeswehruniversität Hamburg Geschichtswissenschaft Studierenden selbstredend nicht. Er erregt sich lieber darüber, dass Klein die Aussage, möglichst viele Aufständische »vernichten« zu wollen, »als unmenschlich angekreidet« worden sei, zeuge dies doch von »völliger Ahnungslosigkeit« in Bezug auf den »taktischen Wortschatz der Bundeswehr«, der »bereits im ersten Offizieranwärterlehrgang vermittelt« werde.

Über eine aussagekräftige Diktion verfügt der akademisch gebildete Führernachwuchs der deutschen Streitkräfte also schon länger; wie von seinen Professoren Masala und Wolffsohn bereits 2011 gefordert, versteht er sich jetzt offenbar auch als Teil des »kommunikativen Elitennetzwerkes« der BRD und will »mitreden und mitstreiten«.  

 

Marcel Bohnert / Lukas J. Reitstetter (Hg.): Armee im Aufbruch. Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr. Carola Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2014, 280 Seiten, 24,80 Euro

 

Peer Heinelt schrieb in konkret 3/15 über den revisionistischen Historiker Timothy Snyder

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