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Im Diamantenrausch

Der unkaputtbare Kotal Kahn pflegt seinen Gegnern das Herz aus dem Leibe zu reißen. Solch Szenen schätzt der geschmackvolle Spieler, selbst im Land des blutlosen TV-Krimi-Mordes. Zu kaufen gibt’s das Kampfspiel Mortal Kombat X, das die Firma Warner Interactive am 14. April veröffentlicht hat und in dem der Spieler die Figur Kahn steuert, aber nur im europäischen Ausland, wo es laut Jugendinformationssystem Pegi ab 18 Jahren freigegeben ist. Hierzulande hat die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) die Freigabe verweigert, steht doch zu befürchten, dass andernfalls ein Jugendamt die Beschlagnahmung fordert. So geht’s seit Jahr und Tag, die Deutschen erhalten ihre Extrajugendschutzwurst und schleusen Kotal Kahn via Lörrach über die Grenze.

Jüngst wurde die Extrawurst internationalisiert, als die USK eine Übereinkunft mit vier extranationalen Verbänden schloss, darunter Pegi und der US-Verband ESRB. Aufgabe dieser gemeinschaftlichen IARC (Internationale Alterseinstufungskoalition) ist die »weltweite Altersbewertung von Onlinespielen und Apps«, die laut USK-Geschäftsführer Felix Falk ermöglichen soll, »dass Jugendschutz auf globaler Ebene in diesem Markt funktioniert«. Das klingt seriös, insbesondere im Hinblick auf die stark wachsende Bedeutung des Digitalvertriebs.

Doch deutlich stärker als die Kennzeichnung von Gewalt und Obszönitäten in Onlinespielen rührt das Freemium-Monetarisierungssystem an Wohl und Wehe der (jugendlichen) Spielergemüter. Freemium-Publisher stellen ihre Spiele kostenlos zur Verfügung, der Spieler zahlt Minibeträge für In-Game-Inhalte. Im besten Falle kauft er Kostüme und Zusatzlevel, im schlechten Fall einen Sack Zauberdiamanten, um damit den zähen Spielfluss zu beschleunigen, Werbung auszublenden oder um sich Vorteile im Wettbewerb zu verschaffen. Firmen wie die Hamburger Goodgame Studios erwirtschaften mit ihren Diamanteneinsammel-Games einen Umsatz von jährlich rund 200 Millionen Euro, während klassische Spielefirmen wie Electronic Arts ihre renommierten Serien mittels Freemium verderben, so dass das jüngste Dungeon Keeper zu einem faden Dreck geriet.

»Die Langeweile, vor der die Menschen davonlaufen, spiegelt bloß den Prozess des Davonlaufens zurück, in dem sie längst begriffen sind«, schreibt Adorno. Insofern vergiftet die Freemium-Pest die Gemüter der Spieler auf grundsätzlichere Weise, als es ein Kotal Kahn vermag. Das von Branchenverbänden beschworene Kulturgut Digitalspiel wird im Diamantenramsch zur vulgären Barbarei der »Massenkultur und des Ennui«, denn, mit Adorno gesprochen: »den Konsumenten … wird umso weniger etwas geschenkt, desto weniger es kostet«.        

Peter Kusenberg

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