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Wie geht Klassenkampf?

Rückblick auf die Blockupy-Proteste zur Eröffnung der Europäischen Zentralbank aus Anlass ihrer grundstürzend dämlichen Kommentierung. Von Felix Klopotek

Die revolutionäre Truppe, die marodierend durch die Straßen zieht, besteht mehrheitlich aus gelangweilten Bürgersöhnen«, weiß »Spiegel«-Kolumnist Jan Fleischhauer in seinem Rückblick auf die Blockupy-Proteste zur Eröffnung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zu berichten. Er hat das von Ulf Poschardt abgeschrieben, der offensichtlich ganz nah an der Basis war an jenem 17. März, denn er schreibt in der »Welt«: »Die Bürgerkinder singen im Zug zur Demo Arbeiterlieder, aber die einzigen Arbeiterkinder sind wohl bei der Polizei zu finden, die sie mit Steinen bewerfen. So geht Klassenkampf.«

Wahrscheinlich wäre es schon zuviel des Guten, wenn man die beiden behutsam darauf hinwiese, dass die Blockupy-Bewegung keine deutsche Veranstaltung war, sondern dass für sie international mobilisiert wurde, dass etliche Gruppen aus Italien, Griechenland und Spanien angereist kamen, dass in diesen Ländern die Jugendarbeitslosigkeit dermaßen hoch ist, dass selbst die konservativ-neoliberale Presse von einer »lost generation« spricht, dass sich somit unter den jungen Leuten, die es mal ein bisschen krachen lassen wollten, nicht nur künftige Volontariatsanwärter bei »Spiegel« und Springer befunden haben, sondern auch Angehörige dieser verlorenen Generation, dass sie mit ihrer »Bürgerkinder«-Diagnose vielleicht ein wenig vorsichtiger sein sollten.

Fleischhauer und Poschardt sind aber nicht eigentlich an Erkenntnis und Aufklärung interessiert. Man stelle folgendes Gedankenexperiment an: Streikende Amazon-Packer würden sich im Logistikzentrum verbarrikadieren und die Bestellungen der nächsten drei Tage abfackeln. Lidl-Angestellte plünderten ihren Supermarkt. DHL-, DPD- und Hermes-Boten blockierten mit ihren Transits und LKWs die Hauptverkehrsstraßen. Stellen wir uns also irgendeinen Akt proletarischer Gewalt vor.

Was schrieben dann wohl Fleischhauer und Poschardt? »Endlich sind die Arbeiterkinder auf der Straße.« – »Lange haben sich die deutschen Arbeiter von Politik und Medien verschaukeln lassen, jetzt schlagen sie los.« – »Man kann es nicht anders sagen, wer Wind sät …« So was? Hohn und Spott wären den Proleten sicher, als Bildungsverlierer und Nostalgiker des alten westdeutschen Sozialstaats würden sie abgekanzelt, als grobe Gesellen, die so abgestumpft seien, dass sie nur um sich schlagen könnten.

Beispiele kollektiver proletarischer Gewalt kommen aber in Deutschland nicht vor (den Sonderfall Fußballderby lassen wir außen vor), deshalb bleibt es beim Gedankenexperiment. Aber nicht ganz. Im Dezember 2006 wurde der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt von einem Langzeitarbeitslosen angegangen, der sich beim Sozialdemokraten ironisch für Hartz-IV bedankte. Beck beschied Henrico Frank, so der Name des Aufrechten: »Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job.« Die Macht hat immer recht: »Bild« beschimpfte Frank als frechsten Arbeitslosen Deutschlands, und Susanne Gaschke jubelte in der »Zeit«, Beck knüpfe »an eine ältere und womöglich menschenfreundlichere Tradition der Linken an: die ›Hebung der Arbeiterklasse‹«.

Wer nur verhöhnen will, arbeitet schlam-pig. Wenn Poschardt nur zehn Minuten recherchiert hätte, hätte er den Blueprint für seine Kritik gefunden, ein Poem Pier Paolo Pasolinis, das er anlässlich einer epischen Straßenschlacht in Rom in jenem Jahr 1968 schrieb, als in der Valle Giulia die Studenten sich gegen die Polizei behaupteten: »Ihr habt Gesichter von Vatersöhnchen. / Die rechte Art schlägt immer durch. / Ihr habt denselben bösen Blick./ Ihr seid furchtsam, unsicher, verzweifelt / (ausgezeichnet!), aber ihr wißt auch, wie / man arrogant, erpresserisch und sicher ist: / kleinbürgerliche Vorrechte, Freunde.« Und dann folgen die berüchtigten Zeilen: »Als ihr euch gestern in Valle Giulia geprügelt habt / mit den Polizisten, / hielt ich es mit den Polizisten! / Weil die Polizisten Söhne von armen Leuten sind.«

Das Poem ist nicht gerade freundlich aufgenommen worden. Pasolini galt, mal wieder, als Nestbeschmutzer. Wer aber weitergelesen hätte, wäre auch auf folgende Zeilen gestoßen: »Hört auf, an eure Rechte zu denken, / hört auf, die Macht zu fordern. / Ein reuiger Bourgeois hat auf all seine Rechte zu verzichten / und aus seiner Seele ein für allemal / die Idee der Macht zu verbannen. All das ist Liberalismus: / überlaßt es / Bob Kennedy. / Meister wird man durch Besetzung von Fabriken, / nicht von Universitäten …«. Pasolini ging es um die Radikalisierung des Protestes, nicht um seine Denunziation, um den Kampf gegen die in der Tat kleinbürgerliche Selbstgefälligkeit, die sich einstellt, wenn man auch nur für einen Augenblick scheinbar unumschränkte Macht genossen hat. Sein Poem – es heißt »Die KPI an die Jugend« und ist eine Erinnerung daran, dass die damals schon bürgerlich gewandte kommunistische Partei ein unabgegoltenes Versprechen hinterlassen hat, nämlich den revolutionären Kampf zu organisieren – hat seine Aktualität in weiten Teilen behalten: Das Problem ist nicht so sehr das angeblich permanent gewaltbereite autonome Milieu, sondern die Nischengesellschaft aus Autonomen Zentren, Guerillagärten und Hausprojekten samt ihrer exklusiven Besserwissermoral, in die es sich die nicht Blockupy gewidmeten 364 übrigen Tage des Jahres zurückzieht.

Keine Frage, das bietet viel Angriffsfläche für solche rhetorischen Schwergewichte wie eben Poschardt und Fleischhauer, die ihrerseits nicht besonders wählerisch sind. Die Kollegen werden sich Folgendes gedacht haben: Wenn jemand eine Hürde reißt, das kann vorkommen; aber wenn jemand unter ihr durchflutscht, was gibt es Peinlicheres? Die rhetorische Figur, derer sie sich bedienen, ist die des »Noch nicht mal«. Es sind noch nicht mal Arbeiter auf der Straße, die Randalierer sind noch nicht mal mutig, und überhaupt: Die heutige Linke ist noch nicht mal theoretisch beschlagen. »Notfalls muss wieder der alte Žižek ran, um mit seinem etwas ausgeleierten Spät-Hegelianismus aufzuspielen«, mokiert sich Fleischhauer. Auf sein Grundsatzreferat »System der Sittlichkeit, absoluter Geist und Entfremdung. Der Spät-Hegelianismus und die Irrwege seiner Adepten« (Hegel-Jahrbuch 2015) darf man schon jetzt gespannt sein.

Fleischhauer, der noch nicht mal aus einem linken Elternhaus stammt (es sind anständig wertkonservative Sozialdemokraten) und deshalb noch nicht mal den Neokonservativen überzeugend zu geben vermag, macht sich noch nicht mal die Mühe, seine Worthülsen auf Inhalt abzuklopfen. Was aber wohl einfach passiert, wenn man von Poschardt abschreibt, der bekanntlich noch nicht mal einen guten Fake zu erkennen vermag.       

 

Felix Klopotek beteiligte sich in konkret 4/15 an der Debatte um einen neuen Sozialismus

 

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