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»Hart, aber nützlich«

An den Vernichtungsmaßnahmen gegen die Armenier im Osmanischen Reich vor hundert Jahren haben sich deutsche Militärs aktiv beteiligt. Von Jörg Kronauer

Am Abend des 24. April 1915 saß der Journalist Yervant Odian im Redaktionsbüro der armenischsprachigen Tageszeitung »Jamanak« in Konstantinopel, als der Herausgeber hereinkam und sagte: »Meine Herren, es scheint, dass man beginnt, die Daschnaken« – armenische Revolutionäre – »zu verhaften«. Odian war skeptisch: Er vermutete hinter den Verhaftungen keine politischen Gründe, sondern »dass sie aus individuellen Gründen« erfolgt seien. Am nächsten Morgen hörte er von weiteren Festnahmen. Ging es doch gegen die Daschnaken? Odian blieb skeptisch: »Wie auch immer, ich denke nicht, dass es sehr wichtig ist.« Er begab sich in sein angestammtes Kaffeehaus, wo er erfuhr, dass dessen Besitzer ebenfalls von den Sicherheitskräften mitgenommen worden war. »Bestürzt verließ ich das Lokal«, schrieb er in seinem 1919 publizierten Rückblick Verfluchte Jahre. Er stiefelte zum Taksim-Platz, wo er auf einen Bekannten traf, der von weiteren Inhaftierungen berichtete. »Und warum, was ist der Grund?« – »Niemand weiß es«, bekam er zur Antwort. In all der Ungewissheit zeichnete sich eine Gewissheit ab: Alle Festgenommenen gehörten zur armenischsprachigen Minderheit im Osmanischen Reich – wie Odian. Der Journalist begann zu ahnen, was auch ihn erwartete.

 Was am 24. April 1915 für Yervant Odian so nebulös begann, entwickelte sich rasch zu einem Völkermord. Zunächst verhafteten die osmanischen Behörden die armenischsprachigen Eliten im damaligen Konstantinopel und in anderen Städten des Osmanischen Reichs – Rechtsanwälte, Ärzte, Politiker, Publizisten –, ließen sie foltern, deportieren, ermorden. Am 27. Mai verabschiedete die Regierung ein Deportationsgesetz, das die Verschleppung der gesamten armenischsprachigen Bevölkerung Anatoliens in die syrische Wüste vorsah. Hunderttausende wurden aus ihren Wohnorten auf Fußmärsche Richtung Aleppo, Deir ez-Zor oder Mossul getrieben, kollabierten auf dem Marsch, verhungerten, gingen elend an Krankheiten zugrunde, wurden von osmanischen Soldaten massakriert oder von Banditen gelyncht. »614 aus Diyarbakir hierher verbannte armenische Männer, Frauen und Kinder sind sämtlich auf der Floßreise hierher abgeschlachtet worden«, telegrafierte am 10. Juni 1915 der deutsche Konsul in Mossul an seinen Botschafter in Konstantinopel: »Leichen und menschliche Glieder treiben seit einigen Tagen im Fluß hier vorbei.« Wer die Märsche überlebte, wurde in Lager im heutigen Nordsyrien gepfercht, wo weitere Hunderttausende an Hunger und Seuchen starben oder ebenfalls ermordet wurden. Die Zahl der Toten wird wohl nie genau festgestellt werden können. Sie lag bei deutlich mehr als einer Million.

Der Völkermord an den Armeniern schloss, auch wenn er für Yervant Odian überraschend einsetzte, an frühere Massenverbrechen im Osmanischen Reich an. Bereits Mitte der neunziger Jahre des 19. Jahr- hunderts waren zahllose Armenier bei Pogromen und Massakern ermordet worden; der deutsche Publizist Ernst Jäckh schätzte die Zahl der damaligen Opfer in seinem 1909 erschienenen Buch Der aufsteigende Halbmond auf 200.000. Auch zu Beginn des neuen Jahrhunderts kam es immer wieder zu blutigen Übergriffen mit vielen Toten. Im Deutschen Reich war man darüber stets bestens informiert – nicht nur dank des Buches von Jäckh und dank der Publikationen des evangelischen Theologen Johannes Lepsius, der 1896 zur Unterstützung für die christlichen Armenier sein Armenisches Hilfswerk gegründet hatte. Die Reichsregierung informierte sich auch auf direktem Weg genauestens über das Geschehen in Anatolien.

 Denn das Osmanische Reich war in den 1880er Jahren ins Visier der Berliner Strategen geraten. 1882 hatte die deutsche Regierung dort eine Militärmission installiert, die den Auftrag hatte, die rückständige osmanische Armee nach preußischem Vorbild auf Vordermann zu bringen, osmanische Rüstungskäufe bei Krupp in die Wege zu leiten und insgesamt den deutschen Einfluss am Bosporus zu stärken. Ab 1888 befasste sich zusätzlich ein Konsortium unter Führung der Deutschen Bank mit dem Bau der Anatolischen Eisenbahn von Konstantinopel bis Ankara respektive Konya; ab 1899 kümmerte sich die Deutsche Bank auch um den Bau der Bagdadbahn, die von Konya bis Bagdad und weiter bis Basra führen sollte. Wilhelm II. begleitete die Maßnahmen persönlich mit zwei Reisen in die osmanische Hauptstadt in den Jahren 1889 und 1898. Ergänzend baute Berlin seine diplomatische Präsenz aus. Intime Kenntnisse des Landes und der fatalen Lage der Armenier waren also vorhanden.

Woher kam das deutsche Interesse am Osmanischen Reich? Berlin bemühte sich damals um eine Landverbindung in den Mittleren Osten, um sich einen eigenen Zugang nach Indien zu erschließen und dort gegen Großbritannien konkurrieren zu können. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam das Streben nach den neu entdeckten Ölquellen im heutigen Irak hinzu. Es ging um starke ökonomische, vor allem aber um bedeutsame geostrategische Interessen. Daher schloss Berlin am 1. August 1914 – man wollte im Krieg nichts anbrennen lassen – einen förmlichen Beistandspakt mit Konstantinopel, bei dem es davon profitierte, dass seit 1913 eine zweite deutsche Militärmission im Osmanischen Reich tätig war; deren Offiziere hatten einflußreiche Positionen in den osmanischen Streitkräften inne. Das brachte Vorteile, weil man das Osmanische Reich auf den Kriegsgegner Russland loslassen und gemeinsam mit ihm den Bosporus und die Dardanellen kontrollieren konnte, um die Verbindung zwischen Russland und seinen westlichen Alliierten zu unterbrechen.

Allerdings gerieten bei den antirussischen Aktivitäten die Armenier ins Kreuzfeuer, da sie als russlandfreundlich und deshalb unzuverlässig galten. »Dass die Armenier sich vor dem Kriege und während desselben nicht als türkische Untertanen, sondern in erster Linie als russische Vortruppen betrachteten, ist wohl klar erwiesen «, behauptete etwa der deutsche Offizier Otto von Feldmann, Leiter der Operationsabteilung der Obersten Heeresleitung des Osmanischen Reichs. Als osmanische Behörden im Frühjahr 1915 begannen, die Deportation der Armenier zu planen, konnten sie sich der Billigung des Massenverbrechens zumindest durch die militärische und politische Führung des deutschen Verbündeten sicher sein.

 Und nicht nur das. Der Journalist Jürgen Gottschlich hat in einem kürzlich erschienenen, sehr lesenswerten Buch eindrücklich beschrieben, wie deutsche Offiziere im Osmanischen Reich sogar aktive Beihilfe zum Völkermord leisteten. Ein deutsches Machtwort hätte angesichts des starken Berliner Einflusses in Konstantinopel möglicherweise genügt, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Statt dessen schlossen sich deutsche Militärs wie Friedrich Bronsart von Schellendorf, Generalstabschef des osmanischen Heeres, der Auffassung an, man müsse gegen die Armenier vorgehen, um eine angebliche russische Subversion zu stoppen. In der »kritischen Lage« im Frühjahr 1915 – die Schlacht von Gallipoli um die Kontrolle der Dardanellen und damit auch um die Verteidigung Konstantinopels tobte gerade – habe »das Gesamtministerium den schweren Entschluss« gefasst, »die Armenier für staatsgefährlich zu erklären und sie zunächst aus den Grenzgebieten zu entfernen«, verteidigte Bronsart von Schellendorf die mörderischen Deportationen. Er leitete seinerzeit den Generalstab des osmanischen Heeres, der, wie der damalige Innenminister Talaat in seinen Memoiren schildert, die Vorlage für das am 27. Mai 1915 verabschiedete Deportationsgesetz erstellt hatte. Nach Ansicht mancher Historiker wie etwa İlber Ortaylı ist Bronsart von Schellendorf gar der »organisatorische Kopf hinter den Deportationen« gewesen, berichtet Gottschlich. Deutsche Offiziere trugen darüber hinaus nicht nur dazu bei, armenischen Widerstand niederzuschlagen. Oberleutnant Karl Anton Böttrich, Leiter der Eisenbahnund Transportdivision im osmanischen Generalstab, unterzeichnete eigenhändig den Deportationsbefehl gegen die armenischen Arbeiter, die bei der Bagdadbahn beschäftigt waren.

 Und während die deutsche Reichsregierung der Sozialdemokratie einredete, man müsse den Weltkrieg führen, um den »blutdurstigen Zarismus« zu bekämpfen, deckte sie im Krieg gegen Russland osmanische Deportationen, Pogrome und Massaker – einen ausgewachsenen Genozid. »Die Armenier werden – aus Anlass ihrer Verschwörung mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger ausgerottet «, hielt Marineattaché Hans Humann am 15. Juni 1915 trocken fest: »Das ist hart, aber nützlich.« Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg bekräftigte, Berlin sei auf das Bündnis mit Konstantinopel angewiesen, »auch wenn darüber Armenier zugrunde gehen«. Bereits am 31. Mai 1915 hatte der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Hans Freiherr von Wangenheim, nach Berlin gekabelt, man dürfe »die türkischen Maßnahmen … nicht grundsätzlich hindern«. Dass sie freilich »in der gesamten uns feindlich gesinnten Welt wieder große Aufregung verursachen« würden, könne man leider nicht ändern.

 Es waren deutsche Militärs, die an der Planung und zum Teil auch an der Durchführung der Deportationen beteiligt waren« – so formulierte Bundespräsident Gauck am 23. April bei einem Gedenkgottesdienst in Berlin eine unbestreitbare Tatsache. Die Frage ist nur: Hat die deutsche Beihilfe wirklich Beihilfe zu einem Genozid geleistet? Genozid verjährt nicht, weshalb sie wegen einer Beteiligung daran, gesetzt, sie ist erwiesen, jederzeit juristisch verfolgt werden könnte; und auch wenn das mit Russland verbündete Armenien heute nichts dergleichen plant – man weiß ja nie. Insofern vermeidet die Bundesregierung seit je, den Völkermord an den Armeniern beim Namen zu nennen. »Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja, der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist« – so schlingerte Gauck, wortidentisch mit einer Erklärung des Bundestags, durchs verminte Gelände, sorgsam darauf achtend, dass der Begriff »Völkermord « zur Beruhigung des Publikums vorkam, aber eine präzise Einstufung des »Schicksals der Armenier« gleichwohl vermieden war. Wer die Behauptung in die Welt gesetzt hat, die neblige Formulierung sei mit Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei gewählt worden, ist nicht klar. Tatsächlich trägt sie nur dem ureigenen Interesse Berlins Rechnung, nicht dereinst gemeinsam mit Ankara die Anklagebank drücken zu müssen.

Nur an einer Stelle ist Gauck womöglich ausgerutscht. »Wir Deutsche insgesamt« müssten »uns noch einmal der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen gar um eine Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht«, erklärte er am 23. April in Berlin. Die Juristen des Auswärtigen Amts werden danach wohl Überstunden geschoben haben. »Aufarbeitung«, »unter Umständen Mitschuld«, wenn es »um Völkermord geht« – das ist noch immer keine Festlegung darauf, dass es wirklich einer war, aber die Formulierung kommt einer solchen Festlegung doch sehr nahe. Gauck könnte die Republik noch teuer zu stehen kommen. Nicht zufällig hat Regierungssprecher Steffen Seibert unverzüglich die Formel nachgeschoben, die er, wie die »FAZ« notierte, stets verwendet, »wenn es um Meinungsäußerungen des Staatsoberhauptes geht«: »Die Worte des Bundespräsidenten stehen wie immer für sich.« Soll heißen: Lasst ihn reden, den Theologen. Die Rechtsposition der Bundesregierung aber – und das ist maßgeblich – ist nach wie vor klar: Kein Regierungsmitglied hat den Begriff Genozid benutzt. Warum auch, eine gewisse »Aufregung« in der »uns feindlich gesinnten Welt« konnte Berlin schon vor 100 Jahren problemlos verkraften.

 Jürgen Gottschlich: Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier. Christoph- Links-Verlag, Berlin 2015, 344 Seiten, 19,90 Euro

Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. Eine literarische Anthologie. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2014, 204 Seiten, 19,80 Euro 

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