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Assimiliert das!

Wir leben längst in der Zukunft: Das Sozialleben spielt sich über elektronische Endgeräte ab, angeblich der Fitness dienende Gadgets zeichnen jede Körperaktivität auf, und Menschen designen sich mit dem 3-D-Drucker maßgeschneiderte Sexspielzeuge. Fantasy-Welten, die die Sehnsucht nach vergangenen, vermeintlich übersichtlicheren Zeiten bedienen, haben die Science Fiction verdrängt, die aber ohnehin kaum noch etwas zu erzählen hätte, was es nicht schon gäbe.

Leider handelt es sich bei unserer Welt nicht um eine optimistische Vision der frühen Technikära, sondern um das mindestens ebenso beliebte Genre der Dystopie, abzulesen an Dingen wie Kampfdrohnen und NSA-Affäre. Auch die spanische Regierung bemüht sich, zu diesem Gesamtbild beizutragen: Nach Ostern trat ihr »Gesetz zur Sicherheit der Bürger« in Kraft. »Abschaffung des Demonstrationsrechts« hätte nicht ganz so gut geklungen, aber genau darauf läuft es hinaus. Wer an einer Spontandemo teilnimmt, muss mit Geldbußen von 100 bis 1.000 Euro rechnen, der Aufruf zu solchen Aktionen in sozialen Netzwerken und das Dokumentieren von Polizeigewalt schlägt ebenfalls mit mindestens 1.000 Euro zu Buche. Und wer nicht weiß, wohin mit einem größeren Erbe oder Lottogewinn, kann zum Beispiel Kritisches über Staat und Regierung twittern (30.000 Euro für »Beleidigung«) oder gar vor Atomkraftwerken, dem Parlament oder am Vorabend einer Wahl demonstrieren gehen, das kann bis zu 600.000 Euro kosten.

Dennoch protestierten nach Inkrafttreten des Gesetzes Tausende vor dem Parlament in Madrid. Die Missetäter festzunehmen, wäre allerdings schwierig gewesen, denn bei den Demonstranten handelte es sich um Hologramme. Die »Teilnehmer « hatten ihr Gesicht zuvor auf der Homepage des Bündnisses »Wir sind kein Delikt« einscannen lassen, ihr dreidimensionaler Avatar wurde dann auf den Platz vor der Volksvertretung projiziert. »Mit dieser Initiative erzählen wir von einer surrealistischen Zukunft, in der du dich entmaterialisieren musst, um die fehlende Meinungsfreiheit anzuklagen«, erklärte eine Sprecherin.

Zu Ausschreitungen kam es nicht. Lange kann es allerdings nicht mehr dauern, bis Hologrammpersonen auch materielle Qualität erlangen; dann könnte man sein virtuelles Selbst beispielsweise losschicken, um ganz handfest Zwangsräumungen zu verhindern, ohne Verletzungen durch Staatsgewalteinwirkung zu riskieren. Vermutlich arbeitet die spanische Regierung schon an einem Gesetz, das klären soll, wer zur Verantwortung zu ziehen wäre, wenn die Stellvertreterdemonstranten außer Kontrolle geraten – die Zukunft hat schließlich gerade erst begonnen.

Svenna Triebler

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