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Leo Fischer über die Krise des deutschen Onlinejournalismus

Der deutsche Onlinejournalismus, er kriselt und kriselt. Mittlerweile lässt sich mit ihm zwar Geld verdienen, aber nicht genug, weswegen ein Konzern wie Axel Springer der Bundesregierung ein Leistungsschutzrecht ins Gesetzbuch diktiert, auf dass von den Google-Milliarden auch ein wenig in die Springer-Kassen zurücktröpfle. Die Krautreporter, die an dieser Stelle schon zur Genüge abgewatscht wurden, haben hingegen Jakob Augsteins Geld unter anderem mit Facebook-Anzeigen verzockt, weswegen sie jetzt ausgewählte Berichte zusätzlich deppenfunden lassen und ansonsten den Rat geben, vorurteilslos mit Salafisten umzugehen (»einfach mal ausprobieren«). Währenddessen vergnügen sich die Deutschen bei heftig.co, wo ihnen internationale Meme ins Deutsche übersetzt werden, und überweisen der »Bild-Zeitung« Centbeträge, um Leichen- und Busenfotos freischalten zu können.

Was jedoch das spezifisch deutsche Gepräge dieses Journalismus sein soll, hat noch keiner der maßgeblich Verantwortlichen erklärt – wenn dieser nicht nur bedeuten soll, dass das US-Medienportal Buzzfeed seine Bildunterschriften (»19 Fotos, die dir beweisen, dass dein Lebenstil total in Ordnung geht«) nun auch in die Sprache von Hitlergoethe überträgt. Was ist er überhaupt, der sogenannte Onlinejournalismus? Worin west sein Wesen? In der traurigen Existenz eines Stern-Online-Redakteures, dessen einzige Aufgabe es ist, um einen besonders erfolgreichen Promitweet zehn Zeilen überflüssigen Extratext zu weben – zwei Stunden, nachdem ihn jeder gelesen hat, der ihn lesen wollte? Es möcht’ doch kein Hund so leben.

Ein versprengtes Trüppchen Onlinejournalisten fand sich an einem wonnigen 14. April zum »11. Tag des Onlinejournalismus« (Hashtag: #FTOJ2015) in Frankfurt zusammen, um Wege aus der Krise zu diskutieren. Unter dem Motto »Facts tell, stories sell. Wie der Onlinejournalismus die Herzen erreicht« wurde da einen ganzen Tag gelitten, gestritten und geflucht, wurden Pläne geschmiedet und Ideen ausgetauscht. Beziehungsweise halt eben nicht, sondern es wurden sturheil Vorträge weggelauscht, artig Fragen gestellt, schließlich war doch allen klar: Hier sprechen die Gewinner zu den Verlierern, und die werden den Teufel tun, ihr privates Erfolgsgeheimnis vor einer Bande Superversager auszupacken.

Den Auftakt machte Manfred Krupp, Intendant des Hessischen Rundfunks, der die wichtigste Frage im Onlinejournalismus gleich als allererstes klärte: nämlich die, wo eigentlich das Geld herkommt. Im Falle des Frankfurter Tags des Onlinejournalismus kommt es direktemang aus dem Klingelbeutel der evangelischen Kirche. Artig dankte Krupp dem Evangelischen Pressedienst und frohlockte sogleich sponsorenkonform, dass die Bibel ja letztlich das beste Beispiel für guten Journalismus und »im Anfang war das Wort« eigentlich nur eine Variante des Tagungsmottos »Facts tell, stories sell« sei. Denn »Kopf und Herz erreichen« sei nicht nur Ziel des Jesusmanns, sondern auch immer schon der Öffentlich-Rechtlichen gewesen. Weshalb er auch nichts auf die Quote kommen lasse: »Quote heißt: die Herzen erreichen«.

Nun ließe sich mit Blick auf das Programm in Sonderheit des Hessischen Rundfunks eher davon sprechen, Quote heiße, die Arschlöcher erreichen, aber bevor es zu unangenehmen Nachfragen kommen konnte, räumte Krupp dem Star des Abends die Bühne: Seiner Heiligkeit OKR Markus Bräuer, EKD, der sich über die vor Leckspeichel triefende Ergebenheitsadresse des Intendanten freute: »Eine so theologische Einleitung« habe er ja noch nie gehört! Dankbar griff er den Faden auf, den ihm sein Lakai gesponnen hatte, nämlich, dass auch Jesus wusste, wie man Facts in Storys verpacken musste, und schrieb so den Simultanverrat an Journalismus und Theologie munter fort.

Gänzlich anlasslos platzte es etwa aus dem Gottesmann heraus, dass er sich persönlich dem Motto »Je suis Charlie« nicht hätte anschließen können. Das Herz in seinem feisten Pfaffenkörper sei nämlich so groß, dass darin nicht nur die Opfer des Anschlags, sondern auch diejenigen Platz fänden, die »Charlie Hebdo« verletzt habe, weswegen er sich an die versammelte Journalistenbagage mit den Worten wandte: »Können Sie sich eine Satire vorstellen, die die Opfer der Anschläge von Paris zum Inhalt nimmt? Können Sie sich eine Satire vorstellen über ein Kinderhospiz krebskranker Kinder? Können Sie sich Satire über den Holocaust vorstellen? Können Sie sich eine Satire über die Absturzopfer der Germanwings-Katastrophe vorstellen? « Nachdem er Leute, die von ein paar blöden Witzen genervt waren, zu krebskranken Holocaust-Kindern stilisiert hatte, folgten der Schleimbeuteleien noch einige mehr, die wir dem konkret-Leser aber ersparen wollen, um seine atheistischen Gefühle nicht zu verletzen.

Als der Absturzopfer des Pariser Holocaust ausreichend gedacht war, durfte der betont frettchenhafte Journalist Richard Gutjahr aufs Podium wackeln. Gutjahr, laut Wikipedia »weltweit erster Käufer eines I-Pad«, fasste sein Plädoyer unter dem Rubrum »Make it snackable« zusammen. »Wird alles noch snackabeller?« sei die Frage, die Journalisten derzeit umtreibe, respektive: »Wie shareable sind denn unsere Inhalte überhaupt?« Nach einem von animierten Gifs durchsetzten Blubberbla von Uber fahrenden Exjournalisten und sektenartigen Nullenmantras wie »Sei der erste, oder sei der Beste « war das Publikum hinreichend eingeschläfert, so dass das Fazit »Die Währung der Zukunft lautet mehr denn je – Aufmerksamkeit« im kollektiven Gähnkrampf der 120 Teilnehmer unterging.

Einziger Lichtblick war Saim Alkan, Chef der Firma Aexea, der sich auf »Roboterjournalismus« spezialisiert hat und in einem Ratespiel, »Bot or not?«, Programme vorführte, die von der Pressmafia ununterscheidbare Nachrichtenhäppchen fabrizieren können. Alkan geht davon aus, dass 50 Prozent der Texte in überregionalen Tageszeitungen standardisiert werden können, und 50 Prozent der ertappten Roboterjournalisten im Publikum fühlten sich in ihrer Ehre angegriffen und buhten pflichtversessen.

Mir macht Saim Alkans Firma Hoffnung. 50 Prozent der Nachrichten müssen nicht mehr von Menschen geschrieben werden, werden gleich aus Pegida-Blogs, Wikipedia und Börsenkurs zusammengerechnet und brauchen keinen armen Irren mehr, der dazu noch ein extra falsches Bewusstsein entwickelt und daher glauben muss, was er stusst. Eine schöne Zeit bräche an, wäre der deutsche Journalist endlich genauso überflüssig, wie er sich fühlt.

Leo Fischer rettet zusammen mit Ramona Ambs, Elke Wittich, Svenna Triebler und Marit Hofmann auf Prinzessinnenreporter.de den Onlinejournalismus 

 

 

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