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Star werden leicht gemacht

Eine Anleitung von Elke Wittich

Der Generation »Bitte was? Ein Youtube-Star?« anzugehören, hat einen großen Vorteil. Man muss nicht stundenlang eher indolenten jungen Menschen dabei zugucken, wie sie vor einer auf sie gerichteten Kamera eher unputzige Kunststückchen machen, wie sie ihnen von Firmen kostenlos zugesandte Waren anpreisen oder streikende Lokführer nach Auschwitz wünschen.

Nun hat sich Andy Warhols Satz, nach dem jeder in Zukunft, also ungefähr jetzt, 15 Minuten lang berühmt sein werde, durch das Internet durchaus bewahrheitet: Jeder, der sich nur ein bisschen anstrengt, kann in irgendeinem Forum zur ganz großen Nummer werden, es mit einem Spartenblog zu großem Ruhm in Kreisen bringen, von denen man zu Warhols Zeiten nicht einmal ahnte, dass es sie gibt, oder in Leserbriefspalten zum größten Heroen der notorischen Mekkerer werden – ganz zu schweigen von Social Medias wie Twitter oder G+, wo es reicht, nur vehement genug irgendeine These zu vertreten, um fortan als Guru irgendeines Grüppchens auftreten zu können.

Youtube-Star zu werden geht allerdings ganz anders. Am wichtigsten ist es natürlich zuallererst, irgendein Technikdingens zu besitzen, mit dem man ein Video von sich selber machen kann, im Idealfall weiß man zusätzlich, wie man es bedient, außer, man möchte Shooting-Berühmtheit in der Sparte »verwackelte Filmchen, die mit ein bisschen gutem Willen auch als Kunst durchgehen könnten« werden, was allerdings nicht besonders erstrebenswert ist, denn die Zahl der dankbaren Zuschauer bewegt sich in einem äußerst überschaubaren Rahmen.

Bevor es losgeht mit dem Starruhm, sollte man sich kurz überlegen, was man denn genau tun möchte. In Ratgebervideos zum Thema (es gibt sehr viele davon, vermutlich haben einige SEO-Spezialisten zu Youtube-Experten umgeschult, denn diese Leute gehen mit einer ähnlichen Begeisterung an die Sache ran wie damals, als sie praktisch pausenlos so unfassbar wichtige wie langweilige Anleitungen veröffentlichten, wie etwa Websites Superplazierungen in den Google- Suchergebnissen erreichen können) werden drei Möglichkeiten favorisiert: 1. Comedy (darunter fällt in Deutschland übrigens auch, lange hasserfüllte Beiträge zu machen, das ist dann nämlich immer alles Satire, sagen jedenfalls deren Macher). Obwohl in dieser Szene wohl alles nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint: Der deutsche Youtuber Le Floid (der verschiedene E-Mailadressen für Presse- und Businessanfragen besitzt und mehr als zweieinhalb Millionen Fans hat) hat vor vier Wochen ein richtig gutes Video unter dem Titel »Holocaust & andere Lügen« veröffentlicht, in dem er seinen Zuschauern in anderthalb Minuten erklärt, warum Holocaust- Leugner Idioten sind und der Prozess gegen Oskar Gröning wichtig ist. Juliens Blog (1,2 Millionen Youtube-Fans) dagegen hatte ungefähr zur gleichen Zeit in einem mittlerweile gelöschten Video anlässlich des GdL-Streiks erklärt, alle Lokführer gehörten nach Auschwitz, aber hey, das war Satire, sagte der Blogger später zu seiner Verteidigung.

Das zweite erfolgversprechende Genre wäre Gesang, wobei es auch ausreichen würde, derart lustig und originell falsch zu singen, dass das Video sich massenhaft verbreitet, aber andererseits: Möchte man wirklich auf der Straße erkannt werden und schief hinterhergesungen bekommen?

Wohl eher nicht, deshalb bleiben nur 3. Beautytips. Dazu ist es allerdings extrem hilfreich, jung und hübsch zu sein, wie Daruum, die rund eine Million Fans hat und neben Make-up-Tutorials, Frisurenanleitungen und Fashiontrends auch dabei hilft, »Nutella-Kekse mit nur drei Zutaten« zuzubereiten.

Das ist nicht sehr viel Auswahl, zugegeben, aber es geht ja nun nicht darum, was man kann, sondern um viel, viel Geld. So ein richtiger Youtube-Star verdient nämlich Zigtausende Euros monatlich mit Werbung, vorausgesetzt, es gucken ihm Leute zu und damit auch die Reklamefilmchen an, die, bevor es losgeht, eingeblendet werden. Viele Leute und viele Reklamefilmchen, um genau zu sein, denn Insidern zufolge sind es gerade mal Einsfuffzich, die pro gegucktem Werbeclip an Youtube-Stars ausgezahlt werden. Ach ja, nach einer geeigneten Agentur sollte man sich schon mal umgucken, so etwas haben nämlich anscheinend alle, die bei Youtube berühmt sind, obwohl nicht alle so wirken, als ob sie sich merken könnten, was eine Agentur überhaupt macht oder ist.

Vor dem großen Reichwerden steht allerdings immer noch die Content-Produktion. Hat man sich für ein Genre entschieden, sagen wir: Gesungene linksradikale Beautytips mit kurzen Hassausbrüchen zu irgendeinem aktuellen Thema zwischendurch, denn es sollen schließlich möglichst viele Leute erreicht werden, geht es nun an die Promotion. (Okay, einen eigenen Youtube- Kanal sollte man natürlich in der Zwischenzeit eingerichtet haben.) Die besteht darin, Freunde, Bekannte, Kollegen und über die einschlägigen Social Media auch völlig Unbekannte derart ausdauernd zu nerven, bis sie wirklich alle das tolle Video »Falsche Wimpern auftragen und gleichzeitig die Internationale singen leicht gemacht« angeschaut und positiv bewertet haben, während man selber schon an der nächsten Produktion »Die Thälmann-Kolonne, idealer musikalischer Begleiter zur Klopfmassage mit Kokosöl« arbeitet.

 Nur drei, vier Videos später ist es dann auch schon soweit: Man hat fünf Euro verdient und zwar alle seine Freunde und Bekannten verloren, dafür aber rund 20 Fans auf Youtube. Jetzt nur nicht nachlassen, und dann ist es in wenigen Monaten (oder auch Jahren, das wär dann allerdings ausgesprochen schlecht) soweit, und man kann Millionen verdienen und wird auf der Straße dauernd von Fans um Autogramme gebeten.

Oder man kann es auch gleich lassen und einfach gar nicht berühmt werden, was immerhin den Vorteil hat, dass man Youtube nur dann aufsuchen muss, wenn es gar nicht anders geht und man dringend ein Musikstück anhören oder eine alte »Telekolleg Mathematik«- Sendung oder hübsche Werbung aus den fünfziger Jahren sehen möchte. Schief singen kann man ja trotzdem, und Kokosöl ist auch dann super, wenn man kein Star ist.

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