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von konkret

Das Nützliche an den Medien ist, dass man aus ihren Titeln, Schlagzeilen, Interviews und Talkereien lesen kann, was nicht zu beschreiben lohnt. In diesem Monat sind das unter anderem die Kabbeleien in der niedergehenden SPD zwischen dem Charismatiker Schulz und dem Dorfschultheiß Scholz; die Wirtschaftswaisen und die Korrektur ihrer falschen Prognosen für das fast abgelaufene Jahr (von 1,4 Prozent auf fast das Doppelte) sowie die falschen Vorhersagen für das nächste Jahr, und der fachliche Rat, die Bereicherung der Reichen gerade auch dann fortzusetzen, wenn die nicht mehr wissen, wohin mit dem Pulver; die spannende Frage, ob dem alten bayerischen Abschieber ein jüngerer folgt und, zum Ende, ob und wie und wann und warum die schwarzgelbgrüne Bundesregierung steht. Diesbezügliche Fragen hatte konkret schon im August 2010 umfassend beantwortet: »Wenn sie dafür ihre Dienstwagen behalten dürfen, genehmigen die Grünen fünf neue Atomkraftwerke und erklären Russland den Krieg.«

Die »Jüdische Allgemeine« hatte eine Frage:

Sie haben vor einigen Jahrzehnten Alija gemacht, weil Sie den Antisemitismus nicht mehr ertragen haben. Würden Sie sich heute noch einmal so entscheiden?

Und bekam diese Antwort:

Ich habe keine Alija gemacht, und es war nicht vor Jahrzehnten. Ich habe nur meinen Lebensmittelpunkt nach Jerusalem verlegt. Und der Grund war nicht »der« Antisemitismus, sondern der spezielle Antisemitismus meiner linken Freunde aus »Taz«, »Emma« und konkret.

Auf diese Lüge – und die Verleumdung von konkret als Gral des deutschen Antisemitismus – hat Henryk M. Broder seine Karriere gebaut. Was zu beweisen ist. In seinem Buch Danke schön. Bis hierher und nicht weiter schreibt Broder 1980, ein Jahr vor seinem Umzug nach Israel, über die BRD:

Dieses Land wird nie im Chaos untergehen, aber es wird eines Tages an seiner eigenen Ordnung ersticken. Eine kuriose Situation: Man muss in Deutschland nicht die Willkür, sondern ein System bekämpfen, das die Barbarei des Legalen für etwas Selbstverständliches hält und allenfalls Lücken in der gesetzlichen Grundlage moniert.

Dass ich jetzt mit einer bestimmten Art von politisch-publizistischer Arbeit aufhöre, das hängt mit zweierlei zusammen: Erstens habe ich keine Lust mehr, Stellvertreterkriege zu führen, und ich kann es von dem Moment an nicht mehr tun, an dem ich merke, dass es Stellvertreterkriege sind. Und zweitens kann ich nicht ständig eine Empörung produzieren, von der ich merke, dass sie mit mir nur wenige Freunde teilen.

Dieses Attentat in München … war schlimm, aber so etwas gibt es auch anderswo. Das eigentlich Schlimme war das Ausbleiben einer öffentlichen Reaktion. Für einen Tag wurde das Oktoberfest in München unterbrochen, und dann wurde weiter gesoffen.

In einer solchen Situation kann ich nicht wieder aufstehen und der Öffentlichkeit sagen, was sie alles hätte machen müssen, was sie hätte fühlen, empfinden und zeigen sollen … Wenn die Mehrheit findet, dass es so geht,


»Linke Freunde«: Broder und Gremliza (1.+3. v. l.) beim Prozess gegen den Kölner Richter Somoskeoy, Hamburg, 1980

dann geht es eben so, und ich will nicht langer den Clown und den Popanz machen. Bevor ich mich damit lächerlich mache, möchte ich lieber aufhören.

Wo erscheint das Buch? Im Konkret Literatur Verlag. Davon kann man nicht leben. Doch noch im selben Jahr entdeckt Broder seine Marktlücke – in einem langen Artikel, der plötzlich alles, was er bis dahin dem System und seinen Funktionären, seinen Richtern, Staatsanwälten, Ministern, Verlegern zugeschrieben hat, besonders deren Antisemitismus, auf einen »speziellen Antisemitismus « der Linken ablädt. Nicht, dass es den nicht gäbe, aber weder waren es Kommunisten, die Auschwitz betrieben haben, noch können die fünf Prozent Linke, die Deutschland bestenfalls hat, die Mehrheit der 40 oder 50 Millionen Antisemiten, die Deutschland gewiss hat, bilden.

Fünf Jahre später (1986) erschien Broders Buch zu diesem Film: Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, in dem er »Freund« Gremliza mit einem eigens dafür verstümmelten Zitat als Feind Israels neben den »gepflegten Salon-Antisemiten« Rudolf Augstein stellte, dessen Vorlieben er einige Jahre später als Autor von Geschichten gegen das »Shoah- Business« bedienen sollte, bevor er schließlich bei Springer sein Coming out als Verehrer von Pegida und der neuen Nazi-Partei hatte, für die er in der »Jüdischen Allgemeinen « mit der Frage wirbt:

Wann hat zum letzten Mal einer von der AfD zum Kampf gegen Israel aufgerufen?

»Ein Talent, doch kein Charakter«, meinte Heine. Besser traf es Karl Kraus: »Ein Talent, weil kein Charakter«. Dazu passt:

Ich kenne zahllose Geschichten von unglückseligen Juden, die ihre Verdienstkreuze aus dem Ersten Weltkrieg hervorholten, als die Nazis zur Macht kamen – es hat natürlich nichts genutzt … Es gibt andere Formen von Assimilation wie zum Beispiel bei einigen Juden, die … die 24 Stunden, die der Tag hat, dazu verwenden, allen zu beweisen, was für tolle und gute Deutsche sie sind. Mit diesem ihrem Bemühen verraten sie auch einen Teil ihrer Geschichte.

Das stand im April 1981 in konkret. Autor: Henryk M. Broder.

Im August 1995 hatte ein Michael Klonovsky vom Yellow-Press-Blatt »Focus« sich um ein Gespräch mit Gremliza beworben. Als er abblitzte, greinte er: »Ihre Scheu, mich zu einem Tête-à-tête zu empfangen, steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Forsche Ihrer Glossen.« Der Bewerber, dem der »Wächterpreis« der Stiftung »Freiheit der Presse« verliehen worden war, avancierte 2016 zum publizistischen Berater von Frauke Petry und in diesem Sommer zum Pressesprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Stuttgart sowie zum Mitglied einer »Spezialeinheit« der Nazi-Partei für den Bundestagswahlkampf.

Im November 2016 fand im Rostocker Peter- Weiss-Haus aus Anlass des 100. Geburtstags des Schriftstellers Peter Weiss eine Staffettenlesung seiner 1.000seitigen Ästhetik des Widerstands statt. 100 prominente und weniger prominente Lesende lasen das Werk in 100 Abschnitten. Die Lesung, an der mehrere konkret-Autoren teilnahmen, dauerte 54 Stunden. Sie wurde auf Video aufgezeichnet und ist nun vollständig unter peterweiss100.de/staffettenlesung/ abrufbar.  


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