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Terribly white

Wie Mohamed Amjahid versucht, weißen Deutschen zu erklären, dass sie privilegiert sind.

Von Jacinta Nandi

Schon bei der Widmung fängt Mohamed Amjahids sehr persönliches und auch sehr politisches Sachbuch Unter Weißen mit einer glatten Lüge an. »Für alle Anderen« steht da. Aber das Buch ist nicht für die anderen geschrieben. Es ist nicht geschrieben für die Minderheiten in Deutschland – für die Menschen, die vielleicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, aber nie wie Deutsche aussehen werden. Das Buch ist für die Weißen geschrieben. Ganz spezifisch für die Weißen, die noch nicht mal wissen, dass sie überhaupt weiß sind, und auf jeden Fall leugnen würden, dass sie privilegiert sind. (Die meisten Deutschen also, wenn wir ehrlich sind.)

»Es fällt mir schwer, dieses Buch zu schreiben«, gesteht der in Frankfurt am Main geborene Redakteur des »Zeit-Magazins« am Anfang, »und gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass ich es schreiben muss. Fast jeder Tag in Deutschland, fast jede Reise in Europa liefert mir Gründe dafür. Wenn ich mich zum Beispiel in der U-Bahn neben eine Frau setze und sie plötzlich ihre Tasche fest umklammert. Wenn mich schon wieder ein Polizist am Bahnhof zur Routinekontrolle herauspickt. Oder wenn ich bei einer Wohnungsbesichtigung gegen eine Bafög-Empfängerin aus Schwaben den Kürzeren ziehe und mir die Maklerin danach am Telefon erklärt: ›Ich habe Ihren Namen gesehen und dachte, Sie seien arbeitslos.‹«

In Deutschland hört man oft, dass die Minderheiten zuviel jammerten. Ich bin sicher, dass es weiße Leser gibt, die diesen Buchanfang als Gejammer empfinden. Dabei unterschlagen sie, dass die Weißen in Deutschland auch manchmal jammern. Eigentlich jammern sie sogar mehr als die angeblich so jammernden Minderheiten, in Leserbriefen und Online-Kommentaren zum Beispiel.

Hierzulande ist es auch ziemlich neu, dass man überhaupt über weiße und nichtweiße Menschen spricht. Und es sind immer die Weißen, die darüber am lautesten jammern. Manchmal nur darüber, dass diese Unterteilung an sich rassistisch sei, aber meistens darüber, dass es gemein sei, als weiß abgestempelt zu werden, wenn man selbst eigentlich gar nicht rassistisch ist. Wahrscheinlich konnte Amjahids Buch erst jetzt, wo das Wort weiß als Hautfarbbeschreibung gebräuchlich geworden ist, hier erscheinen. Wahrscheinlich könnte man das Buch sogar als Selbsthilfebuch für Weiße vermarkten. Der Untertitel klingt schon fast danach: Was es heißt, privilegiert zu sein. (Als Untertitel für die englische Version schlage ich vor: White Privilege and How to Use It.)

Ich bin nicht die richtige Leserin für dieses Buch. Es wurde für die Weißen geschrieben, es soll sie aufklären. Aber ich bin nicht nur keine Weiße, sondern ich komme aus Ostlondon, und in Ostlondon ist »weiß« seit meiner Kindheit fast eine Beleidigung. Als ich in Deutschland ankam, damals mit 20, eine Ostlondonerin mit indischen und britischen Wurzeln, vermisste ich, wie die Londoner das Wort weiß benutzt haben. Nachdem ich ein paar Jahre in Deutschland gelebt hatte, habe ich mal meine weiße Mama und meinen weißen Stiefvater in meiner Ostlondoner Heimat besucht, und sie erzählten mir von einer Feier bei einer Nachbarsfamilie:

»Wir waren bei den Redmonds zu ihrer Silberhochzeit«, sagte meine Mama.

»Oh schön!«, sagte ich. »Wie war das so?«

»Oh, es war sehr, sehr weiß!«, sagte meine Mama sehr missbilligend.

»Total weiß«, sagte mein Stiefvater. »Nur weiße Menschen dort.«

»Schrecklich weiß!«, sagte meine Mama.

»Vielleicht war das nur Zufall und keine Absicht?«, sagte ich.

»Ach, komm schon!«, sagte mein Papa. »Man muss sich Mühe geben, um in Ostlondon nur Weiße auf einer Party zu haben.«

Vielleicht ist es also nur Heimweh, aber jedes Mal, wenn ein Deutscher das Wort weiß fast wie eine Beleidigung verwendet, wärmt es mein Herz ein bisschen. Und es ist mir ziemlich egal, ob weiß für ihn da bedeutet, dass man rassistisch ist (oder zumindest von Rassismus profitiert und ein bisschen öfter über Kolonialismus nachdenken sollte) oder dass man schlecht tanzt und kein scharfes Essen verträgt. Aber dieses Buch will überzeugen, und der Autor benutzt das Wort weiß nicht als Beleidigung. Sein Buch ist für die Weißen geschrieben, aber es ist nicht als Provokation gemeint. Es soll ihnen helfen zu verstehen, dass sie weiß und privilegiert sind. Trotzdem werden sich viele Weiße davon beleidigt fühlen. Wie gesagt, sie können manchmal etwas sensibel sein.

Amjahid nutzt persönliche Anekdoten und journalistische Berichte, um seine Argumente zu belegen. Die Berichte sind genau, toll recherchiert und akkurat. Der Gerichtsfall eines unschuldig Angeklagten, der in der Kölner Silvesternacht vor Ort war; Alice Schwarzers rassistische Reaktion auf Köln; Roberto Blanco, Akif Pirinçci, rassistische Karikaturen im »Focus«, Hassbriefe; Jan Böhmermann und Ziegenfickerei als Satire. Der Hype um die angebliche Solidarisierung mit »Charlie Hebdo« mit dem »Je suis Charlie«-Mitmachzwang – alles wird akkurat beschrieben und findet seinen Platz neben Erlebnissen von Amjahids marokkanischen Gastarbeitereltern, die dann irgendwann aus Deutschland weggegangen sind. Berührend ist die Geschichte, die er von seiner Mutter erzählt: wie ein Neonazi sie körperlich angegriffen hat, wie sie als »Aktenzeichen XY«-Zuschauerin davon ausging, dass die Polizei sie beschützen und den Täter finden werde – oder zumindest finden wolle. Wie Polizisten sie mit den Worten »Gewalt gegen Ausländer passiert halt ab und zu« abgewimmelt haben.

Seine eigenen Alltagsrassismuserfahrungen beschreibt der Autor detailliert und so kühl, dass es fast langweilig wird. Zum Beispiel: Auf einer typischen deutschen Party, wo jeder Gast ein Getränk oder einen Nachtisch mitbringen sollte, brachte eine Freundin Schokoküsse mit. »Dann hielt sie plötzlich einen Karton in die Höhe und rief triumphierend: ›Sieh mal, Mohamed, NEGERKÜSSE! Hahaha!‹ Ihre Augen weiteten sich, und ganz offenkundig erwartete sie, dass auch ich lachte.«

Oft wird gesagt, wenn man so eine Geschichte weitergibt, neige man zum Jammern. Aber die jüngere nichtweiße Generation jammert nicht, sondern ist selbstbewusst genug zu wissen, wann sie nicht mitlachen will. Sie haben Rassismus satt. Es ist paradoxerweise ihr Selbstbewusstsein – die Tatsache, dass sie jetzt respektiert werden wollen wie Weiße –, das zum Vorwurf des Jammerns führt.

Amjahid argumentiert absolut überzeugend. Gekonnt vergleicht er die kollektive Ablehnung der Umbenennung der Mohrenstraße in eine Nelson-Mandela-Straße mit der Begeisterung über die David-Bowie-Straße.

Es gibt weiße Privilegien, aber rassistisch können alle sein. Der Autor berichtet auch über mangelnde Solidarität unter Nichtweißen, mit Roma oder Asylbewerbern. Viele wollen brave Ausländer sein, auch auf Kosten anderer.

Am Ende des Buches bedankt sich der Autor bei seinen Eltern, »die das Wort Gastarbeiter (zu) ernst genommen haben«. Irgendwie ist das ganz süß, aber auch ziemlich bitter. Dieses Buch hat jemand geschrieben, der nicht mehr Gast sein will. Aber es ist nicht wütend, denn es will nicht provozieren. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Menschen, für die Amjahid das Buch geschrieben hat, dafür bereit sind.

Jacinta Nandi

 

Mohamed Amjahid: Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein. Hanser Berlin, Berlin 2017, 192 Seiten, 16 Euro

Jacinta Nandi ist Autorin der Bücher Deutsch werden. Why German People Love Playing Frisbee with Their Nana Naked (Periplaneta) und Nichts gegen blasen (Ullstein)

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