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Die Militärdiktatur des Kinderwunsches

Die US-Serie »The Handmaid’s Tale« ist eine künstlerische Umsetzung der Totalitarismustheorie.

Von Tanja Röckemann

Die Gegenwart von »The Handmaid’s Tale« liegt in der Zukunft und ist ganz und gar schauerlich. Auf dem Territorium der USA haben christliche Fundamentalisten per Staatsstreich den ultrapatriarchalen Gottesstaat Gilead errichtet, Frauen sind auf brutale Weise in die Reproduktionssphäre verbannt und allen denkbaren Formen misogyner Gewalt ausgeliefert. Die Hauptstadt der ursprünglichen und – dies fügt man unwillkürlich gedanklich hinzu – legitimen, richtigen USA ist nun Anchorage, Alaska. Die US-Flagge trägt, wie die Protagonistin Offred in einem inneren Monolog betroffen verkündet, »nur noch zwei Sterne«. Die Weltmacht als bedrohte Art! Offred jedenfalls hat in der rigiden Gesellschaftsordnung Gileads eine sogenannte Handmaid (Dienstmagd) zu sein. Als Reproduktionssklavin soll sie für ein Ehepaar der herrschenden Klasse ein Kind austragen, das im Rahmen eines verrückten Vergewaltigungsrituals gezeugt werden soll.
 
Die »Süddeutsche Zeitung« fasst das Ganze wie die meisten bürgerlichen Medien als Warnung auf: »Es kann ganz schnell gehen. Heute wird Frauen die Kreditkarte gesperrt, morgen verlieren sie ihre Jobs, übermorgen werden sie versklavt und monatlich zeremoniell vergewaltigt.« Bereits jetzt nehmen meist proletarische Frauen die Strapaze einer sogenannten Surrogatschwangerschaft auf sich. Denn auch unter gegebenen Verhältnissen können Kreditkarten gesperrt werden – ein Vorgang, der in der Regel allerdings nicht Anzeichen einer heraufziehenden Diktatur ist, sondern kapitalistischer Alltag.

 In Gilead geht es aber gerade nicht mehr ums Geld, der hiesigen Existenzbedingung,sondern um das wirklich Wichtige, das große Ganze: Das Überleben der Gattung ist in Gefahr! Eine durch Umweltverschmutzung bedingte »Fertilitätskrise« hat nämlich die Menschheit ereilt, und Offred ist, wie die anderen Sklavinnen, eine von wenigen noch gebärfähigen Frauen. Der Anlass für den Staatsstreich der Fundichristen war also nicht das schnöde Ökonomische, kein harter Verteilungskampf, sondern der gleichsam wildgewordene Kinderwunsch. Die Kontrolle über die reproduktionsfähigen Frauenkörper ist entsprechend Staatsraison.

 Dass als dystopisches Szenario ausgerechnet eine Theokratie entworfen wird, lässt den Eindruck entstehen, man hätte es mit Religionskritik zu tun. Irritiert wird diese Erwartung jedoch durch überdeutliche Hinweise auf ermordete Pfaffen, unterjochten Frauen, die die Bibel zitieren, sowie die Betroffenheit, mit der Offred und ihre Leidensgenossin Ofglen den Abriss der Church of St. Paul in Cambridge zur Kenntnis nehmen. Hier wird das Ideal der republikanischen Staatsbürgerin vertreten, die mit der Religion selbst die Sache, die ihrer Meinung nach die Welt im Innersten ordnet, dem staatlichen Herrschaftsanspruch unterordnet, zur Privatangelegenheit macht. Das ist bürgerliche Religionskritik par excellence.

Entsprechend ist auch der Antikommunismus nicht weit: »The Handmaid’s Tale« basiert auf einem gleichnamigen Bestseller, zu Deutsch Der Report der Magd, verfasst von Margaret Atwood Mitte der achtziger Jahre in West-Berlin. Atwood, die gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hat, war auch an den Dreharbeiten beteiligt und schrieb im März in der »New York Times«, die Verfolgung der Baptisten und Katholiken in Gilead parallelisiere die »Zerstörung der Menschewiki durch die Bolschewiki« während der sowjetischen Revolution. (Da ist es kein Zufall, dass Volker Schlöndorff den Roman verfilmte, und zwar 1990. Im selben Jahr konstatierte der deutsche Regisseur im Ersten Deutschen Fernsehen: »Wer nach 1989 noch links ist, muss ein Brett vor dem Kopf haben.«) Der Rezensent Hannes Stein beschreibt den Staat Gilead in der »Welt« ungerührt als eine »Mischung aus der Islamischen Republik Iran, der DDR, dem puritanischen Neuengland und den amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkrieg«. Auch die »New York Times« sieht die US-Sklavereigesellschaft heraufbeschworen, muss allerdings irritiert feststellen, dass Gilead ausgerechnet als postrassistische Gesellschaft gestaltet ist, die Rassismus dem Fertilitätsimperativ unterordnet. An die historischen europäischen Faschismen wiederum fühlen sich beide Rezensenten nicht erinnert, obwohl »The Handmaid’s Tale« unmissverständlich den Franquismus und den Nationalsozialismus verwurstet: Die mit der Zurichtung der Handmaids beauftragten »Tanten« sind vom Typ KZ-Aufseherin, Erhängte werden anhand des rosa Winkels als homosexuell kenntlich gemacht, und auf dem ehemaligen Harvard-Campus finden Bücherverbrennungen statt.

 Überhaupt ist das Ganze ein großes Sammelsurium historischer Begebenheiten. Dabei ist die Darstellung  der patriarchalen Herrschaft vom gleichen Eklektizismus geprägt wie die Anleihen aus unterschiedlichen »repressiven Regimes« (Atwood). Die Serie präsentiert ein regelrechtes Panorama aller denkbaren Formen sexueller Gewalt gegen Frauen, deren unablässige, explizite Inszenierung einen voyeuristischen Beigeschmack hat. Inmitten der brachialen Darstellung misogyner Akte fungiert Sexualität als banaler Aufreger und Spannungselement: Schon in der ersten Folge flirtet Offred mit dem geheimnisvollen, attraktiven Chauffeur ihres Kommandanten, und wenn die beiden schließlich den versprochenen heimlichen, leidenschaftlichen Sex haben, wird klar: Emanzipation ist da, wo die Frau beim Sex oben liegt.

Die ornamentale Bildsprache ist eine Mischung aus biederem Nachkriegsstil, Mittelalter- und Nazi-Ästhetik, alles in schicken monochromen Farben gehalten. All dies Stückwerk macht aber noch lange keinen Realismus – auch wenn, wie der »Guardian« naiv hervorhebt, »nichts gestaltet wird, was nicht irgendwo wirklich passiert ist«. Vielmehr ist dies eine künstlerische Umsetzung der Totalitarismustheorie. Die einzelnen Phänomene werden nicht in ihren spezifischen historischen Kontexten erkundet, weil vorher schon klar ist, was am Ende herauskommen soll.

 Das führt uns zu der Frage: Warum eigentlich ein naturgemäß spekulatives Zukunftsszenario entwerfen, um die Gegenwart zu kritisieren? Einen Hinweis auf die Attraktivität dieses Kunstgriffs liefert wiederum die »Süddeutsche Zeitung«: »The Handmaid’s Tale« entfalte den »effektvollsten Grusel« durch die Enthüllung, dass »scheinbar endgültig errungene Freiheiten und Rechte« widerrufbar sind. Über diese richtige Erkenntnis gelangt die Serie allerdings nicht zu einer grundsätzlichen Staatskritik, obwohl die Gewährung von Rechten durch das staatliche Gewaltmonopol nie trennbar ist von der Möglichkeit, diese wieder zu entziehen. Die »Süddeutsche« ist selbstverständlich weit entfernt davon, diesen Schluss zu ziehen.

 Tatsächlich verhandeln Buch und Serie noch nicht einmal aktuelle Kämpfe um Frauenrechte, sondern glorifizieren statt dessen Mutterschaft: In der Serie ist eine weibliche Figur ohne Kinderwunsch geradezu undenkbar, hätte sie doch potentiell das Aussterben der Menschheit auf dem Gewissen. Entsprechend leiden die Handmaids weniger unter dem Zwang zur Schwangerschaft als darunter, dass sie ihr hart erworbenes Kind an ihre Herrschaften abgeben müssen. Dies ist geradezu zynisch angesichts der Tatsache, dass der derzeitige antifeministische Rollback sich in der Erschwerung des Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen und der Re-Etablierung traditioneller Mutterrollen äußert. Dieser Widerspruch entgeht auch den US-amerikanischen Pro-Choice-Aktivistinnen, die in den vergangenen Monaten gehüllt in rote Handmaid-Kostüme gegen die Verschärfung von Abtreibungsgesetzen protestierten. Mit gesenkten Köpfen versammelten sie sich in diversen Regierungsgebäuden und praktizieren mit dem Schweigemarsch eine Sorte von Protest, die allein wegen ihrer friedfertigen Folgenlosigkeit in der bürgerlichen Öffentlichkeit auf Verständnis stößt. Die schweigende Anklage der Bürgerinnen gleicht »dem Versuch, bei einer Flutkatastrophe mit einer Schöpfkelle der Überschwemmung Herr zu werden. Ihre Bemühungen ähneln oft genug den Bemühungen eines Menschen, der, statt sich für den Winter zu wappnen, den Herbst zum Frühjahr zu machen trachtet, indem er das fallende Laub aufliest und mit Bindfäden wieder an den kahlen Ästen befestigt« (Gisela Elsner).

 Möglicherweise geht es einigen Aktivistinnen um mehr als die Gegenwartsutopie von »The Handmaid’s Tale«, in der »junge Frauen offen lesbisch sein, nach dem Joggen in den Coffeeshop gehen und sich mit dem Smartphone ein Uber-Taxi rufen können« (»Süddeutsche«). Aber der Feminismus der Serie, auf den sie sich berufen, weist in keiner Weise über das Bestehende hinaus, ihm geht es um die Verteidigung der bürgerlichen Ordnung – und das ist angesichts der eben durch diese Ordnung hervorgebrachten üblen Gegenwart zu wenig.    

             

»The Handmaid’s Tale« ist beim US-Streaming-Anbieter Hulu zu sehen.

Margaret Atwoods Der Report der Magd ist gerade als Piper-Taschenbuch neu aufgelegt worden (416 Seiten, 11 Euro).

Tanja Röckemann empfiehlt statt Margaret Atwood Gisela Elsner


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