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Anlässlich seines Geburtstags am 1. November versteigert die konkret-Redaktion nun Horst Tomayers liebevoll Karren genanntes Fahrrad der Marke Stevens (Strada Blacktop 600, 27-Gänger, 28 Zoll). Die Ebay-Auktion läuft noch bis zum 11. November 01.02 Uhr.

 


Tomayer mit seinem besten Stück

»Nicht nur die Grenzer haben ihre Amtsaugen aufgerissen.« Von Westberlin mit dem Fahrrad über die Fernstraße 5 bis zum BRD-Checkpoint Lauenburg – an einem Tag. Es war am 12. Oktober 1976, als der Dichter und konkret-Kolumnist Horst Tomayer (1938–2013) die rund 270 Tageskilometer erstmals anging. Der Ein-Tages-Takt entsprang nicht etwa einer launigen Wirtshauswette des damals in Berlin lebenden Schriftstellers, sondern war zwingend den Transitvorschriften der Deutschen Demokratischen Republik geschuldet, die besagten, dass für West-Berliner, egal, mit welchem Gefährt, eine Querung des DDR-Staatsgebietes bis spätestens Mitternacht erledigt sein musste – was Tomayer bei seiner Jungfernfahrt nicht schaffte: Er musste 20 Kilometer vor dem antifaschistischen Schutzwall bei Boizenburg völlig entkräftet aufgeben und stieg in den von Kumpel Ernst Volland gesteuerten Begleitwagen.

Anno 2005 hat sich Tomayer wieder auf den Fahrradweg der mittlerweile zur Bundesstraße umgewidmeten F 5 begeben, um es erneut in einem Rutsch von Hamburg, wo er inzwischen lebte, nach Berlin zu versuchen. Obwohl die DDR längst nicht mehr existierte, tat er so, als ob wenigstens ihre Transitbestimmungen noch gelten würden. Und siehe: Jetzt gelang ihm der – mit der Etappe Hamburg- Lauenburg sogar noch um 30 Kilometer verlängerte – Eintagesritt ohne nennenswerte Probleme.

Noch sieben weitere solcher Wallfahrten hat Tomayer in den darauffolgenden Jahren absolviert – und einige Male die Rückfahrt nach nur wenigen Stunden Berlin- Aufenthalt gleich mit. Auch sonst war Tomayer, der nie einen Führerschein besaß, stets mit dem Radl da. Die letzte Berlin-Tour erledigte der am 13. Dezember 2013 verstorbene Tomayer 73jährig im Sommer 2012.

Anlässlich seines Geburtstags am 1. November versteigert die konkret-Redaktion nun Horst Tomayers liebevoll Karren genanntes Fahrrad der Marke Stevens (Strada Blacktop 600, 27-Gänger, 28 Zoll), das uns Tomayers Sohn überlassen hat. In Hottes Leben und seinen »Ehrlichen Tagebüchern« für konkret spielte dieses Rad samt Kilometerzähler (»Archivar meiner Bemühungen«) eine tragende Rolle. In Tomayers Videotagebuch auf der konkret-Homepage ist es in Aktion zu bestaunen. Auch in den TV-Serien »Ein Bayer auf Rügen« wie im »Tierarzt Doktor Engel« hat das Gerät samt Rider mitgespielt.

Obendrauf bekommt der Ersteigerer Tomayers Original-Lenkertasche (Ortlieb Waterproof), die ganz besondere Schätze enthält: ein noch leise rauschendes Miniradio (inklusive frischer Batterien), mit dem Tomayer die Landstraßen und Redaktionsräume zu beschallen pflegte, einen Ersatzschlauch, den Hotte bereits siebenmal geflickt hatte (»Da siehste, dass Opa ein Kriegskind ist«), Flickzeug, einen Esslöffel, ein Cateye, eine kleine Luftpumpe, einen ausgeleierten Expander, ein abgeschlossenes Fahrradschloss ohne Schlüssel und eine Lenkervase, in der oft aus öffentlichen Rabatten befreite Blumen steckten. Bei Radsport von Hacht, dem »Fahrradausstatter meines Vertrauens«, hatte Tomayer den Karren vor Jahren erstanden, nachdem ihm elf Räder geklaut worden waren und er seine »Kleine Fahrraddiebhalsgerichtsordnung « verfasst hatte. 2010 ließ sich Tomayer die Sommeraufrüstung durch »Hamburgs führendes Zweiradhaus von Hacht« vom Bayerischen Franziskanerorden bezahlen, um den seinerzeit »von Bruder Anicet an der Seele des blutjungen Horstl angerichteten Schaden … durch dieses klitzekleine der körperlichen Ertüchtigung des betagten rheumatoiden Arthritikers Horst dienende Schmerzensgeld aus der Franziskanerschatulle aus der zu Schuld und Sühne einladenden Welt zu schaffen« (konkret 5/10).

Das Liebhaberstück ist im jetzigen Zustand (12.000 km/p.a.) nur bedingt langstreckentüchtig und deshalb bevorzugt an echte Fans oder Bastler abzugeben. Die Versteigerung läuft von Horst Tomayers Geburtstag, dem 1. November, an bis zum 10. November auf Ebay, Stichwort: Tomayers Fahrrad, und startet bei 200 Euro.

Der Erlös der Ersteigerung kommt einem guten Zweck zu, der in Tomayers Sinne gewesen wäre, etwa der Verbreitung des Worts Hottes oder der Unterstützung der Tomayer- Gedenkradfahrer, die sich zu Ehren des Radwallfahrers seit 2014 einmal im Jahr auf den Weg von Hamburg nach Berlin machen.

Es gibt bundesweit kein vergleichbar anspruchsvolles Dichtergedenkritual. Die Facebook-Gruppenseite »Die Horst-Tomayer-Gedenkradfahrt « dient dem Austausch aller Teilnahmeinteressierten über Ablauf und Organisation der Fahrten (die auch an mehreren Tagen absolviert werden können). Die nächste Fahrt findet am letzten August-Wochenende 2017 statt.

Er kenne niemanden, der das Radfahren so gelebt hat wie Horst Tomayer, sagt der Dauergedenkfahrer und konkret-Autor Fritz Tietz, der dem Radfahrer Hotte auch einen kleinen Block im Lesungsprogramm der »drei Chronöre Horst Tomayers« (Tietz, Christoph Hofrichter, Marit Hofmann; siehe Seite 4) gewidmet hat.


Gedenkradfahrer 2016 (Foto: Antek Freitag)

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