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Heroismus der Idiotie

Wenn das Zentrum für politische Schönheit, das mit spektakulären Kunstaktionen tote Flüchtlinge an den EU-Grenzen instrumentalisiert, künftig als reaktionäre Klamauktruppe gilt, verdankt sie dies ihrem Boss Philipp Ruch und seinem »politischen Manifest«.

Von Michael Sailer

 

Einer der grundlegenden Denkfehler steckt schon im Titel Wenn nicht wir, wer dann? und im Klappentext: »Warum sich nichts ändert, wenn wir nichts ändern« – eine scheinbare Tautologie, in der das entscheidende Wort ebenso unerklärt herumsteht wie hundertfach in Philipp Ruchs Pamphlet: »Wir« – das sind mal »wir alle«, mal in x-ter Neuauflage des alten Schwindels vom Generationenkonflikt »die Jungen«, mal die Empörten, Untätigen, Ratlosen, Besserwisser, die deutsche Bevölkerung, und ob Angela Merkel und die Rüstungsindustrie dazugehören, weiß der Autor wohl selbst nicht. Ist ihm aber egal, denn um was es letztlich geht, wird schnell klar: »Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?« Das Konglomerat aus halbverstandenen Bruchstücken der »Ideengeschichte« ist das, was in Zeiten der Selbstvermarktung so gut wie jede künstlerische Äußerung zwangsläufig ist: Reklame für sich selbst.

Dass Ruch keinesfalls den Kapitalismus abschaffen möchte, versteht sich da von selbst. Ob es die von ihm blumig beschworene »Schönheit« im Kapitalismus überhaupt geben kann – auch egal. Das Schaffen von Schönheit setzt indes ein Bemühen um Klarheit voraus, und davon kann hier nicht die Rede sein. Schon das Vorwort ist ein Müllhaufen an Bullshit, verquirlt mit faschistoiden Parolen, dem Ruf nach »Visionen«, »großen Ideen«, »Glauben«, »Idealen«, einer »heiligen Pflicht«, Führern und Lichtgestalten. Da hört man den Herrenreitergestus der Elitekanaillen um Ulf Poschardt, Arnulf Baring und Gertrud Höhler heraus –und, ja, eine »Große Zeiten!«-Eupho-/Hysterie aus ganz anderen Zeiten.

Der Anführer des Zentrums für politische Schönheit hat bei dem wegen diverser Ausfälle gegen Arbeitslose, Flüchtlinge und Frauen »umstrittenen« Herfried Münkler promoviert, was man einerseits deutlich merkt. Da Ruch nicht in der Lage ist, einen einzigen klaren Gedanken zu formulieren, fragt man sich andererseits, wie das zugegangen sein mag. Endlos und redundant hackt er vor allem auf den Naturwissenschaften und deren »toxischen Ideen« von der Erklärbarkeit der Welt herum, deren Hegemonie er die Urschuld an der Unschönheit und Kleingeisterei unserer Epoche anlastet. Hegemonie? In einer Zeit, da selbst Zahnärzte nach dem Mondkalender operieren? Ruch geifert auch gegen »Nihilisten«, die »im Menschen ein dummes Tier sehen, das sich ständig selbst betrügt und etwas vormacht«. Den derzeit triftigsten Beleg für diese These hat Ruch selbst zusammengeschrieben.

Man kann das Buch willkürlich aufschlagen, zum Beispiel Seite 48: »Worte« (gemeint sind Wörter) müssen interpretiert werden.« Daraus folgert er, Erkenntnis sei Mist, der Mensch müsse sich vielmehr »bezeichnen«, um zu werden, was er sein will. Eine revolutionäre, ähem, Erkenntnis: Jeder ist seines Glückes Schmied! Hallo, FDP! Im selben Geiste fordert der Autor, den Begriff Depression durch Mutlosigkeit zu ersetzen, weil: »Die Mutlosigkeit blickt den Mut immer verliebt mit an.« Die Depression hingegen blicke »ins Leere«. Hier wird der Quatsch dann aber bedenklich, nämlich brauche man nur andere Bezeichnungen, schon ließen sich alle Probleme lösen: »Depressionen können handstreichartig geheilt werden. Es klingt phantastisch, aber ein einziger Satz kann uns von einer Jahre währenden Leere erlösen.« Ein Therapeut hingegen möglicherweise nicht von solchem Wahn, wenn der sich erst zum »Menschenbild« verfestigt hat. Obwohl: Dem sind wir »keineswegs ausgeliefert. Wir könnten es hinterfragen, den Grundriss ausradieren und jederzeit neu malen.« Jawohl, weil wir alles können!

Öffentlich verbreitet kann dieser Irrsinn wie die meisten Allmachtsphantasien verheerende Wirkung haben. Zumal wenn man von vornherein auf emanzipative Ansätze, auf jegliche Analyse und Reflexion verzichtet: »Menschen werden nicht nur von Ursachen, sondern auch von Zielen bewegt«, schrieb das Zentrum 2009 an den Bundestag. »Schönheit, Größe und Vollkommenheit sind Ziele.« Nun ist niemandem auf der Welt damit geholfen, dass man Schwimmbäder rot färbt oder Pläne für eine Steinbrücke zwischen Afrika und Europa einreicht. Solche Aktionen tragen auch nicht dazu bei, jemanden zu informieren, sondern zur üblichen Hysterie des Machens, zu einem Sturm des guten Willens, der nichts erreicht als noch mehr Verwirrung, einen Heroismus der Idiotie. Da muss man dann nicht mehr fragen, ob die ästhetischen, sozialen und politischen Strukturen – die Verherrlichung des Einzelkombattanten, die Verwandlung von Individuen in Kampfmaschinen – Ursachen haben könnten und ob es Sinn hat, irgendeinen »Protest« zu mobilisieren, ohne sich in diesem Punkt Klarheit verschafft zu haben.

Was »Größe« und »Schönheit« eigentlich sein sollen? Auch dazu fällt dem Ruch nichts ein als Schwurbelei, so dass man durchaus an Albert Speers Germania-Visionen denken kann. Der Mann möchte als »großer Geist« in die Weltgeschichte eingehen; seine Ideen sollen seinen Ruhm mit Posaunenklang in die Zukunft tröten. Leider hat er keine Idee, und Ahnung auch wenig – die Weltkultur endet für ihn offenbar mit Nietzsche und Spengler oder spätestens in den fünfziger Jahren: Ein Internet etwa gibt es für ihn nicht (klar, ist ja Naturwissenschaft, gelt?). Statt dessen zieht er mit bellizistischem Vokabular über die »Demokratie« her, die ihren Kindern einimpfe, »dass alle gleich seien«: »Tatsächlich werden in Demokratien Macht und Herrschaft dämonisiert. Menschen, die nach Macht und Größe streben, gelten als potentielle Gefahr.« Dem setzt Ruch die Verteufelung von Gemeinschaft und Harmonie entgegen, den Mythos des »großgesinnten Menschen«, der »mit dem Recht des Stärkeren für das Recht der Schwächeren« kämpft. »Der Größte muss das Schwierigste vollbringen.« Da kommt einem unwillkürlich ein anderer deutscher Künstler in den Sinn, der einst schrieb: »Man vergesse niemals, dass alles wirklich Große auf dieser Welt nicht erkämpft wurde von Koalitionen, sondern dass es stets der Erfolg eines einzelnen Siegers war.«

Dass es Ruch angeblich um »das geschichtlich viel zu häufige Verbrechen des Völkermords« geht, dass er Elie Wiesel und Rupert Neudeck als Zeugen für sein Sehnen nach »Humanität« herbeizerrt, macht die Sache nicht besser, zumal wenn die Dummheit endgültig siegt und er den Kapitalismus gegen Hitler, Stalin und Mao verteidigen zu müssen glaubt: »Wir wiegen uns allzu sicher in einem Hass auf den Kapitalismus. Wo ist eigentlich der Hass auf die Diktatur?« Dass er im »Epilog« in bübische »Ich werde nie vergessen, wie«-Schwärmerei über Bernard-Henri Lévys Einsatz für die »Befreiung« Libyens gerät und nebenbei gleich noch den Sturz von Assad propagiert (wie zuvor den des »Massenmörders« Putin), ist ein letztes Indiz. Die Folgen solcherart Kriegshetzerei sind bekannt. Shit happens, wird Herr Ruch sagen. Hauptsache, erst mal kräftig umgestürzt!

Dieses »Manifest« ist kein Dokument der Menschenliebe, sondern des Gegenteils. Es beschwört »Größe, Kraft und Schönheit« als hohle Glocken, als leerstehende Paläste, als Formeln ohne Inhalt. Welche Art von Gestalten in solche Paläste gerne einziehen und die Glocken läuten, dass der Welt Hören und Sehen vergeht, sollten die Deutschen wissen. Gerd Baumann und Marcus H. Rosenmüller führen gelegentlich ein Programm mit Nonsensgedichten und Liedern auf, das den Titel »Wenn nicht, wer du« trägt. Darin steckt mehr Sinn und mehr Schönheit als in den gesamten 208 Seiten von Wenn nicht wir, wer dann?

 

Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. Ludwig, München 2015, 208 Seiten, 12,99 Euro

Von Michael Sailer ist zuletzt das Hörbuch »Schwabinger Krawall. Irrwitzige Geschichten aus der Münchner Vorstadt« (Kunstmann) erschienen

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