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von konkret

Zum Auftakt von Thomas Ebermanns Vortrag »Mit Keynes für Deutschland« in der Hamburger Bar Golem bat konkret-Herausgeber Gremliza das Publikum einer Stadt, die seit Wochen um ihren größten Sohn trauert, sich für eine Schweigeminute zu erheben– zum Gedenken an die 600.000 Bürger von Leningrad, die 1941 unter Mitwirkung eines Offiziers der 1. Panzer-Division ermordet wurden, der für seinen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz dekoriert wurde. Sein Name: Helmut Schmidt. Davon auf zehntausend Zeitungsseiten und in tausend Sendestundender letzten Wochen kein Wort. Ein Land, das Medien hat, sagte Peter Hacks, braucht keine Zensur.

Am selben Tag wie Schmidt verstarb ein anderer Denker, der in den letzten fünfzig Jahren an anderer Stelle in derselben Sache unterwegs war: André Glucksmann. Ihren engeren Angehörigen werden die beiden fehlen, unersetzlich sind sie beide nicht: Schmidt lebt fort in dem von ihm verehrten Thilo Sarrazin, Glucksmann in der neuen französischen Meisterdenkerin MarineLe Pen, die sich von Schäuble oder Gabriel unterscheidet wie Glucksmann von seinem Helden Ronald Reagan. In diesem Heft hat Ernst Kahl Schmidts letzten Willen festgehalten(S. 53).

Auf Ebermanns Vortrag basiert der Politik-Aufmacher dieser Ausgabe (S. 12 bis 16) über die »Querfront«, die rechten Leute von links, die wie Jakob Augstein, der natürliche, legale und ideelle Gesamtsohn der Wehrmachtskameraden Martin Walser und Rudolf Augstein, für die Entwicklung eines »linken Populismus« werben, als sei Populismus nicht bloß ein anderes Wort für Rücksicht auf und Förderung von völkische(n) Ressentiments. Man müsse die Leute dort abholen, wo sie stehen, heißt es. Von einem brennenden Flüchtlingsheim vor einen kuscheligen Kamin vielleicht?

Ob das bei dem Redakteur nutzte, den konkret 2003 vor die Tür gesetzt hatte, der einst »Nie wieder Deutschland« skandiert, Dresdens Volksfeind »Bomber Harris« gepriesen und den Linken von der »JungenWelt« attestiert hatte, sie hätten »die Rolle übernommen, die beim Pogrom von Rostock-Lichtenhagen die CDU/CSU spielte: Ihre Vor und Afterdenker fabrizieren die Brand-Sätze, die dann von Glatz- und Hohlköpfen nur noch angezündet werden müssen … Die allermeisten Linken waren, sind und bleiben Spießer, Reaktionäre, Antisemiten …« FünfJahre später forderte er konkret und dessen Herausgeber in der »Jungen Welt« auf, »die sterile Aus- und Abgrenzerei« von ebendiesen Spießern, Reaktionären und Antisemiten zu beenden. Damals wurde der Rauswurf allgemein beklagt, Veranstalter kündigten konkret ihre Räume, Leser ihre Abos – der voraussehbare Preis für einen längst fälligen Schnitt.

Um den Populisten beim Pöbel nicht bekannter zu machen, als er war, wurde sein Name zehn Jahre lang in der Zeitschrift nicht mehr genannt. Geholfen freilich hat es nicht. Heute ist Jürgen Elsässer einer der Anführer jener Szene, in der sich nach den Kriterien, die er bis 2002 in seinen Schriften und Redenaufgestellt hatte, Deutschlands Antisemiten und Nazis zusammenrotten. Resultat der Geschichte: Er hat mit der Spekulation, beim NS-Mob Gefallen zu finden, so recht behalten wie konkret mit seinem Rauswurf.

In dieser Ausgabe beantwortet Jutta Ditfurth Fragen zu ihrer juristischen Auseinandersetzung mit Elsässer und zu anderen Querfrontlern (S. 3).

Apropos recht haben und recht behalten: Nach den Terroranschlägen in Madrid hieß es in Gremlizas Kolumne 2004:

Warum reisen Leute durch die Welt, um in Riad, Casablanca, Istanbul, Beirut, Bagdad und Madrid möglichst viele Menschen umzubringen? (Was die täglichen Anschläge in Israel angeht, scheint die Antwort bekannt.)»Längst geht es den Tätern nur noch darum, Angst und Schrecken zu verbreiten«, meint der »Spiegel«, unbeirrt durch das Dementi, das sein nächster Satz enthält: »Sie wollen die rechtsstaatliche Ordnung in den Grundfesten erschüttern und zum Einsturz bringen.« Nur um Angst und Schrecken geht es also nicht.

In ihrem Bekennerschreiben haben die Attentäter gesagt: »Ihr liebt das Leben, und wir den Tod.« Aber niemand liebt den Tod wegen nichts.Auch Irre sind nicht einfach irre ,wie unbegreiflich ihr Tun scheint. Märtyrer mögen individuell unheilbar verblödet sein, als massenhaftes Phänomen sind sie sozial erklärbar und erklärungsbedürftig. Hat einer nicht alle Tassen im Schrank, liegt der Gedanke nahe, dass er kein Heim hat, das zu möblieren ihm lohnend erschiene. Jeder Besucher eines Films von Woody Allen weiß, wie schwer es der Zustand der Welt (beiseite: der kapitalistischen) dem Mittelstand von Manhattan macht, ohne seelenärztliche Dauerbetreuung durchs Leben zu kommen. Allen hätte gewiss nichts dagegen, jedem Schiiten seinen eigenen Psychiater zu spendieren. Aber das könnte nun wirklich keiner bezahlen. Ihnen bleibt nur Allah.

Denn Allah ist nicht nur groß, er ist auch umsonst.

 

Im Dezember haben wir die Onlinerubrik No-Go-Area Deutschland einstellen müssen. Den Anspruch dieser Chronik, monatlich rassistische und antisemitische Vorfälle möglichst vollständig aufzuführen, konnten wir mit den konkret zur Verfügung stehenden Mitteln nicht mehr aufrechterhalten. In einem Land, in dem beinahe täglich Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt und Menschen aus rassistischen Motiven beleidigt, gejagt und angegriffen werden, hätte die gesamte Redaktion damit zu tun, diese Vorfälle aus dem ganz normalen deutschen Alltag auch nur einigermaßen vollständig zu dokumentieren. Wir verweisen gerne auf die gemeinsame Chronik flüchtlingsfeindlicher Vorfälle von Pro Asyl und der Amadeu-Antonio-Stiftung und auf Seiten wie netz-gegen-nazis.de, die die Drecksarbeit auch in Zeiten von Pegida und Co. weiterhin machen. Vielen Dank an Bea Dorn und Svenna Triebler, die über Jahre hinweg die No-Go-Area für konkret zusammengestellt haben. Dank auch an alle Leserinnen und Leser, die uns auf rassistische und antisemitische Vorfälle hingewiesen haben.

 

Termine: Stephan Grigat stellt am 14. Januar um 19 Uhr in Landshut, HAW, Am Lurzenhof 1, Gebäude BS, Raum 002, sein Buch Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung (konkret texte 64) vor.

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