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Apoll oder Brille

Da sie bei Partnervermittlungen abgelehnt wurde, wendet sich Ilse Bindseil direkt an den Weihnachtsmann

Lieber Weihnachtsmann, schenk mir einen Mann!

1. Wie er beschaffen sein soll
Er soll nützlich sein (du lächelst breit, aber ich glaube, genau darüber sind die Partnervermittlungen gestolpert). Nützlich, aber nicht aufdringlich soll er sein. Zum Beispiel soll er auf dem Spielplatz meine Enkelkinder nicht in die lange vermissten männlichen Arme schließen und dann den wilden Mann machen, sondern hübsch am Rand bleiben und den Überblick behalten, während ich mit ihnen herumtolle. Du weißt ja, schon wenn es nur zwei sind, strebt jedes von ihnen in eine andere Richtung, und dann bin ich einer zu wenig. Natürlich, er kann mal den Ball holen, wenn er auf die Straße geflogen ist. Aber bitte nicht mit Karacho zurückschießen und dann schwer atmend auf der Bank sitzen. Oder hast du schon mal eine Oma gesehen, die schwer atmend am Spielplatzrand saß? Eher atmet sie gar nicht.

2. Wie er sonst noch beschaffen sein soll
Bei meinem Ferienhaus vor allem soll er sich nützlich machen. Es liegt ja so vieles im argen. Dabei erweist sich, ob du mich richtig verstanden hast: Er soll sich nützlich machen, aber er soll es nicht in Besitz nehmen! (Sag ehrlich, siehst du den Unterschied?) Es gibt da Kleinigkeiten, die den fatalen Eindruck erwecken könnten: die Ärmel hochkrempeln, mit den Schlüsseln klimpern, die Nachbarn, die scheuen, großzügig ins Haus bitten. Von Großem will ich gar nicht erst anfangen: mich mit einem Gewächshaus überraschen, den Kleinen ein Tipi, fest angepflockt auf der zarten Wiese, spendieren, auf ihrem Malblock einen Anbau, eine Garage, einen Wintergarten entwerfen. Das Unverzeihliche erwähne ich nicht der Vollständigkeit halber, sondern weil es schon öfter vorgekommen ist: nach des Tages Mühen sich beim Frankenwein endlich die entscheidende Frage trauen: »Warum um alles in der Welt hier und warum um alles in der Welt dieses Haus?« Dann sage ich: »Ade, mein Schatz, marsch zurück in den Weihnachtsmannsack!«

3. Wie er sich im Ferienhaus weiter nützlich machen soll
Er soll mich nicht auf Händen tragen, sondern sich um das kümmern, was liegengeblieben ist. (Verstehst du das? Du bist ja auch nur ein Mann.) Dazu muss er können, was ich nicht kann, logisch. Bestimmte Grundfertigkeiten muss ich voraussetzen. Und bitte keine Tricks, mit Grandiosität und Treuherzigkeit kommt man bei diesem Haus nicht weiter, und über ein sonniges Gemüt verfüge ich selbst. Was fehlt, sind Sachkenntnisse. Sagen wir es so: Er soll für das Haus sein, aber es soll nicht sein Haus sein. Er soll sich für alles, was mich betrifft, auch gar nicht so sehr interessieren. Wäre nicht schlecht, wenn er das eine oder andere Interesse hätte, etwas, was ihm Spaß macht, ihn aber nicht auffrisst. Ich will schon wichtig für ihn sein, aber ich will nicht sein Leben sein. (O Mann, verstehst du das?) Er muss mir nicht mit den Augen folgen, und er soll auch nicht ständig hinter mir herlaufen wie ein Hündchen! (Siehste, jetzt bist du beleidigt.) Es reicht mir, wenn er mit meinen Augen sieht, daran erkenne ich ja, dass er mich liebt. Und er? Erkennt mit einem Blick, woran es fehlt. Dieser Ziegel da, den muss er austauschen, und nicht: Das Dach hätte schon längst umgedeckt gehört. Hör mal, du bist doch nicht mein Nachbar!

4. Wie er sich noch nützlich machen kann
Eigentlich gar nicht. Du meinst: Ferienhaus und Enkelkinder, das reicht nicht? Ich versichere dir, das reicht für zwei Leben, und das Tor müsste auch mal wieder gestrichen werden. Du meinst, zumindest ist es eins zu wenig – das sehe ja aus, als könnte ich nicht bis drei zählen −, und die beiden andern passen einfach nicht zusammen? So auf den Tisch geknallt, bleiben die Wünsche erratisch? Sie rücken mich in ein schlechtes Licht, und man kann sie auch nicht bewerben? Weihnachtsmann, ick hör dir trapsen: Weißt du überhaupt, was erratisch bedeutet?

Dann sage ich es lieber gleich: Er soll sich nur maßvoll für meine Arbeit interessieren, und es wäre mir auch lieber, wenn er sich für meine Ideen gar nicht interessieren würde. Ansonsten gilt: der Rest per analogiam. Gut, ich kann das ausführen. (Denn wenn dir der Nutzen schon Probleme bereitet, was für Probleme wirst du erst mit dem Grenznutzen haben.) Wenn er Lust auf einen Ausflug hat, brauche ich nur zu sagen: Ich komm mit. Ich muss nicht Lust auf den Ausflug haben. Wenn ich gefahren bin, kann er das Einparken übernehmen, dann kann ich schon mal auf die Toilette gehen. Aber er soll nicht sagen: Lass mich mal ans Steuer. Wenn ich es genauer bedenke, möchte ich auch nicht, dass er für mich den ADAC anruft, den TÜV erledigt, die Werkstatt aufsucht, mit dem Apotheker flirtet und sich im Copyshop, im Zeitungsladen verplaudert. Die Kleinen abholen, ja, aber das hatten wir schon, sie ins Auto setzen, anschnallen, abschnallen, am Bordstein festhalten, über die Straße geleiten, über den Zaun heben, aber dann: siehe oben.

Runzelst du die Stirn? (Ich habe ein Geräusch gehört.) Bist du etwa sauer? (Dir ist bewusst, wenn’s ums Wahrgenommenwerden geht, muss man gerade als Außenstehender höllisch aufpassen.) Oder willst du mich beruhigen? Wenn ich die Taube erst mein eigen nenne, dann sind die Spatzen überflüssig, ist es das, womit du mich beruhigen möchtest? Weihnachtsmann, ich warne dich. Wenn ich deine Taube mit der Aufmerksamkeit betrachte, die ich sonst auf die Spatzen verteile, musst du dann nicht um deinen guten Ruf fürchten?

5. Weitere Merkmale: Alter, Aussehen, Einkommen und so fort
Mir eigentlich egal. (Dann, sagten die Partnerbörsen, können wir Ihre Anzeige schon rein technisch nicht aufnehmen.) Früher haben wir immer gesagt: Apoll mit Brille. Heute bin ich nicht mehr so festgelegt. Im Grunde kann ich auf beides verzichten. Aber Bart muss definitiv nicht sein. (Oh, Pardon, dich meine ich doch nicht. Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt!) Bei meinem miserablen Gesichtssinn − ich könnte einen Mann mit einem Hut verwechseln − ist er für mich nicht hilfreich, oder nur im allergröbsten. Aber ob Apoll oder Brille, beinahe hätte ich gesagt: Wir nehmen alles.

Weihnachtsmann, man sieht sich.

Ilse Bindseil nimmt Bewerbungen unter der Chiffre »Weihnachtsmann« entgegen

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