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Der neue Schorlau

An Wolfgang Schorlaus neuem Polit-Krimi zum NSU werden auch Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger ihre Freude haben.

Von Friedrich C. Burschel

Schwer zu sagen, was an »dem neuen Schorlau « am meisten nervt: die Superduper-Enthüllungsexpertenpose des Autors, in die er sich für seine »Suche nach Wahrheit« wirft, die Verharmlosung der deutschen Nazi-Terrorszene, der »Reichsbürger«-kompatible Antiamerikanismus oder der sonstige rassistische Beifang. Oder ist es der unkritische Rummel um einen Krimiautor, der als Experte vor dem baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss gehört wird wie in den fatalen polizeilichen Ermittlungen zu den NSU-Morden seinerzeit Hellseher und Geistheiler, der seit Erscheinen seines NSU-Stoffes auf der »Spiegel«-Bestsellerliste geht wie geschnitten Brot und im heillosen NSU-Spektakel gehypt wird wie nicht ganz gescheit?

»Er ist ein Instrument, jedoch nicht ein Instrument unserer, sondern im Kern einer anderen Regierung« – so lässt Wolfgang Schorlau eine Figur seines Krimis den deutschen Geheimdienst einschätzen. Im Nachwort offenbart der Autor, dass ihm seine Figur aus der Seele spricht: »Ein Ergebnis dieser Recherchen ist auch …, wie wenig souverän und wie sehr fremdbestimmt das Land ist, in dem ich lebe.« Wohin man gerät, wenn man derlei Quark breittritt, muss mehr als 100 Jahre nach den Protokollen der Weisen von Zion nicht betont werden.

Für Schorlau liegt auf der Hand, dass der NSU ein reines Geheimdienstprojekt war, das an einem bestimmten Punkt liquidiert werden musste. Das habe der Verfassungsschutz genannte Inlandsgeheimdienst selbst erledigt – und zwar noch vor dem finalen Banküberfall in Eisenach am 4. November 2011, den der VS ebenfalls arrangiert habe. Die von großformatigen Kopfschüssen entstellten Leichen seien dann in dem Wohnwagen deponiert und dieser über eine – von Schorlau minutiös mit Tatortfotos und 70 Fußnoten »wissenschaftlich« belegt – ausgeklügelte Vorrichtung in Brand gesetzt worden. Das »Trio« seien nur nützliche Idioten des VS gewesen, meint Schorlau. Von mordbereiten und nach einschlägigen Handbüchern des Rechtsterrorismus agierenden Nazis ist hier nichts zu finden. Noch eine ähnlich wilde verschwörungstheoretische Version der Ermordung des Bankiers Alfred Herrhausen fließt en passant in den Krimi ein: »Olga, da sind Mächte am Werk gewesen, die … da kann ich froh sein, wenn ich mit Alpträumen davongekommen bin«, raunt Dengler. Olga ist seine Freundin, die sich selbst als »Zigeunerin« vorstellt und Taschendiebin ist: »Gelernt ist gelernt … Mir wurde das schon als Kind beigebracht.« Ja, so ist das halt bei den »Zigeunern«.

Die schützende Hand Denglers achter Fall (Kiepenheuer & Witsch), Köln 2015, 384 Seiten, 14,99 Euro

Friedrich C. Burschel

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