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Nur wer den von Politik und Medien gepredigten Erklärungsschemata widersteht, bleibt immun gegen die politische Instrumentalisierung der sexuellen Gewalt in der Kölner Silvesternacht.

Von Richard Schuberth


Keine 20 Jahre ist es her, dass drei Brüder aus dem südlichen Niederösterreich nach mehrfacher Vergewaltigung einer Frau von einem ihnen bekannten Richter freigesprochen wurden. Das Opfer, so hieß es im Urteilsspruch, habe den Beischlaf durch aufreizendes Verhalten selbst provoziert.

In Österreich war Vergewaltigung in der Ehe bis 1989, in Deutschland sogar bis 1997 kein Straftatbestand. Erstaunlich, wie schnell diese beschämend späten Errungenschaften Eingang gefunden haben in ein äußerst flexibles und manipulatives System, das sich »unsere Werte« nennt. Jene fundamentalen Rechte waren aber nicht vom notorischen Personal der männlichen Feministenstammtische durchgesetzt worden, die nun von Bozen bis Rostock Schluss mit Multikulti skandieren – sondern gegen sie. Und in der ritterlichen Parteinahme rechter Männer für gedemütigte Frauen lässt sich unschwer das chauvinistische Erbe erkennen: Sie solidarisieren sich mit den Frauen nicht etwa als Subjekten, sondern wollen sie als kollektives Heimatfleisch vor fremder Entwertung schützen – und somit ein zweites Mal zu Objekten machen. Nicht die Beleidigung der Frauen, sondern die der eigenen (deutschen) Männlichkeit muss am Ausländer geahndet werden.

Es ist nicht leicht, in Anbetracht der Ereignisse in Köln alle Sinne beisammenzuhalten. Denn die notwendige Empörung lähmt leider auch das Denken und denunziert Differenzierung schnell als Relativierung. Dem ideologischen Missbrauch der Übergriffe gelingt es, emanzipatorische Strömungen vom Kurs ab- und gegeneinander aufzubringen, Antirassismus und Feminismus zum Beispiel. Schafft es dieses Programm einmal, die Deutung der Kölner Exzesse auf Werte und Kulturen zu verengen, auf eine Polarisierung zwischen pluralistischem Wir und homogenem Ihr, hat es einen entscheidenden Sieg errungen. Und der muss ihm mit allen Mitteln streitig gemacht werden.

Die zu Recht kritisierte Naivität, in Opfern von Krieg und Verfolgung bessere Menschen zu sehen, kippt sehr schnell in ihr Gegenteil, sobald manche von ihnen sich nicht als die bemutterungswürdigen Lichtgestalten erweisen, für die es sich zu engagieren lohnte. Schon das Ausbleiben des dankbaren Lächelns bei der Übergabe des Mineralwassers hatte erstes Unbehagen geschürt. Antirassismus wird dann als Denkzwang empfunden, der bloß auf ein Ereignis wie das in Köln wartet, um die tiefsitzenden Ressentiments gegen den orientalischen, den »nordafrikanisch aussehenden« Mann zu entfesseln, als welchen Zeugen ihn mit bemerkenswerter rassenkundlicher Expertise zu identifizieren wussten, so wie im rassistischen Umkehrschluss fortan jeder »nordafrikanisch aussehende« Mann erst zu beweisen hat, dass er kein Grapscher und Vergewaltiger ist.

Andere Zeugen konzedierten den Delinquenten »arabisches Aussehen«, womit nicht nur eine linguistische Gemeinsamkeit, nämlich Arabisch als Muttersprache, ins Gesicht gemeißelt, sondern ein geografischer Raum von Rabat bis Mardin, von Sansibar bis Aleppo rassisch abgedeckt wird, der wohl mehr physische Phänotypen beherbergt als das Gebiet zwischen Dublin und Athen. Kein unwichtiges Detail ist das, sondern auf frischer Tat ertapptes Beispiel einer willkürlichen Essentialisierung, die unterschiedliche Menschen zu einem Cluster aus Aussehen, Kultur und Fehlverhalten verschmilzt, und zwar dort, wo es sich nicht mehr chemisch trennen lässt, im Unbewussten.

Wohlgemerkt, keine Hand, ob deutsch, schwedisch oder arabisch aussehend, darf Menschen ohne deren Einverständnis anrühren. Ethnologische Expertisen über unterschiedliche Grapschkulturen aber sind wenig hilfreich, denn sie stellen aktuelle Faktoren wie staatlichen Zerfall, Brutalisierung und Traumata von Tätern wie Opfern nicht in Rechnung, worüber die Überlebenden aus weniger patriarchalen Kulturen wie etwa dem »Dritten Reich« doch einiges wissen müssten. Nicht der Entschuldigung, sondern bloß dem Verstehen würde solches Fragen und Wissen dienen.

Die Moralisierung und Kulturalisierung der Flüchtlingsdebatte aber, die Exzessen wie denen in Köln unweigerlich folgt, lässt das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Asyl, das auch keine Obergrenze kennen darf, zum Akt der Gnade werden, den die moralisch bessere Gesellschaft einzelnen Auserwählten einer barbarischeren Kultur gewährt. Ein weiteres Mal behält der ehemalige Kolonialist gegen den ehemaligen Kolonisierten recht, der mit seiner archaischen Frauenverachtung, seiner animalischen Enthemmung und seinem meutenhaften Fundamentalismus stets aufs Neue the burden of the white man (dem sich neuerdings auch eine woman hinzugesellen darf) ratifiziert, ihn zu zivilisieren oder gleich zwischen Djerba und Malta über Bord gehen zu lassen.

Unsere politische und ökonomische Mitverantwortung an Destabilisierung, Ausbeutung und Krieg in Ländern wie Libyen und Syrien, die junge Männer auch nach ihrer Flucht vor dem Islamismus mitunter zu aggressiven Parodien antimuslimischer Stereotype werden lässt, verschwindet hinter trügerischen Wertedebatten. Was ein paar Dutzend Jugendliche in Köln anstellten, soll ruhig mit der Härte des Gesetzes bestraft werden, es allerdings als kultur-, wenn nicht naturhaftes Wesen aller arabisch und nordafrikanisch aussehenden Männer zu unterstellen, muss mit der Härte einer Kritik beantwortet werden, deren Feminismus sich nicht vom Rassismus befingern lässt. Emanzipatorische Fortschritte wie die Frauenrechte gehören denen, die sie erkämpft haben, sowie denen, für die sie erkämpft wurden, sie sind weder Folklore noch kollektive Werte, schon gar nicht museale Artefakte einer bereits abgeschlossenen Entwicklung. Und am allerwenigsten darf sie Otto Normalgrapscher zur Aufrüstung gegen das Morgenland missbrauchen.

Aufklärung hieße hier, von den Opfern selbst erkämpfte zivilisatorische Rechte wie das auf sexuelle Selbstbestimmung sowohl der Wertedebatte zu entziehen als auch dem Schicksal, kultureller Mörtel zu werden für die Konstruktion homogener Kollektive, aus denen sich als Diapositive moralisch minderwertigere Gegenkollektive ableiten. Sie hieße aber auch, nordafrikanisch, arabisch oder anders frauenfeindlich aussehenden Männern das Recht zuzugestehen, vor den eigenen patriarchalen Zwängen zu fliehen. Und gelänge es ihnen auch hier nicht, so entstammten ihnen zumindest kämpferische Töchter, unbeirrbare Kritikerinnen der Gesellschaften ihrer alten als auch jener der neuen Heimat, deren heuchlerisches Selbstbild als feministisches Paradies den ideellen Gottesstaat zur Selbsterhebung braucht wie der Trottel den Volltrottel.

 

Richard Schuberth hat zuletzt den Roman Chronik einer fröhlichen Verschwörung (Zsolnay, 2015) veröffentlicht


 

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