Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Jewploitation

Wie antisemitisch ist die Kritik an Facebook-Chef Mark Zuckerberg?

Von Stefan Ripplinger


Mark Zuckerberg ist ein knuffiger Typ. Obwohl sehr reich, lebt er bescheiden. Er ist tier- und kinderlieb, kann Donald Trumps Rassismus nicht verknusen und zitiert, wenn ihm feierlich wird, aus der Ilias. Zuletzt kündigte er an, einen Großteil seines Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Außerdem ist er Vorstandsvorsitzender der Facebook Incorporated.

Da dieses Unternehmen Ende des vergangenen Jahres einen Börsenwert von 306 Milliarden US-Dollar auf sich vereinigt hat, scheint noch das banalste Detail aus dem längst verfilmten Leben Zuckerbergs von höchster Bedeutung. Schreibt er seiner Tochter einen Brief, in dem er ihr verspricht, ein guter Mensch zu sein, beugt sich gleich ein Augur der »FAZ« (3.12.) darüber und vermutet, es könne sich dabei nur um eine »Camouflage« übler Absichten handeln. Tatsächlich melde Zuckerberg so »seinen persönlichen Weltmachtanspruch« an, und die versprochene Großspende werde sich noch als ein »Danaergeschenk« erweisen.

Nicht so hochtrabend, aber ähnlich paranoid formuliert eine Gruppe, die Anfang Dezember beim Hamburger Sitz von Facebook die Scheiben einschlug: »Wer das Internet kontrolliert, kontrolliert nicht nur das Wissen der Menschheit, sondern beeinflusst damit auch deren Ansichten, Vorlieben und Gewohnheiten – alles hochgradig individualisiert.« Wo kontrolliert wird, muss ein Kontrolleur sein. Man stellt sich einen Dr. Mabuse vor, der via Facebook in die Hirnwindungen unbescholtener User kriecht.

Derlei Phantastereien über »im Geheimen wühlende Weltverschwörer« nennt der Journalist und Historiker Götz Aly (»Berliner Zeitung«, 8.12.) kurzerhand »antisemitisch«. »Die von deutschen Bloggern und Journalisten Mark Zuckerberg zugedachten Charaktermerkmale lauten: selbstsüchtig, hinterhältig, unsauber, räuberisch, verlogen, ausbeuterisch, knallhart, unehrlich. So redeten unsere Nazi-Opas und -Omas. Sie brüllten zumeist nicht ›Juda verrecke!‹, sondern setzten die so sichtbar erfolgreicheren Juden als ›verlogen‹ herab.«

Dabei war Dr. Mabuse gar kein Jude, und jeder, der Georg Büchners Woyzeck kennt, weiß, dass die im Untergrund wühlende Verschwörung auch den Freimaurern zugetraut worden ist. »Hohl, hörst du? Alles hohl da unten! Die Freimaurer!« Als verschlagene und grausame Welteroberer gelten auch die Bolschewisten, die Illuminaten und selbstverständlich die Islamisten.

Und doch handele es sich hier um Antisemitismus, bekräftigt Aly in einem Interview von Deutschlandradio (12.12.), denn Zuckerberg werde eben für einen Juden gehalten. Mag sein. Aber wenn Jeff Bezos, der Präsident von Amazon, einer Kampagne für die Homo-Ehe 2,5 Millionen Dollar spendet, ändert das irgend  etwas an der Tatsache, dass seine polnischen Arbeiter mit drei Euro in der Stunde abgespeist werden? Und wenn Zuckerberg sympathisch ist, sind deshalb die Gepflogenheiten seines Konzerns über jede Kritik erhaben? Muss nicht gegen die von Facebook betriebene Ökonomisierung der Lebenswelt protestiert werden? Ganz bestimmt. Doch hat Zuckerberg weniger damit zu tun, als ihm unterstellt wird und er selbst glaubt.

Die Personalisierung der Kritik am Kapitalismus wird nicht erst falsch, wenn sie antisemitische Blüten treibt, sie ist immer falsch. Ein Kapitalist ist notwendigerweise Teil eines ausbeuterischen Systems, was für ein Mensch er ansonsten ist, tut nichts zur Sache. Er kann sogar, wie der Fall Hannsheinz Porst bewiesen hat, der sein Unternehmen den Mitarbeitern überlassen wollte, ein Ausbeuter wider Willen sein. Nicht der Geschäftsführer, nur sein Geschäft muss »selbstsüchtig, hinterhältig, unsauber, räuberisch, verlogen, ausbeuterisch, knallhart, unehrlich« sein, denn anders ginge es pleite. Auf diese Weise wird selbst der »Weltmachtanspruch« rational, denn ein großer Konzern ist gezwungen zu expandieren.

Ein Linker hätte ihm zustimmen müssen, hätte Aly gegen die »FAZ« und andere so argumentiert. Doch Aly ist kein Linker, er ist ein Liberaler. Nicht nur, einem Mann aus jüdischer Familie finstere Machenschaften anzudichten, ist für ihn antisemitisch, sondern jegliche Kritik am Kapitalismus. Das erweist sein Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? (2011).

Der organisierte Antisemitismus, schreibt er da, sei »von Anfang an gegen die liberale Wirtschaftspolitik, den Kapitalismus, speziell gegen das Finanzkapital und die Börsenspekulation gerichtet« gewesen. Denn die »Todsünde Neid« sei das Motiv des Antisemitismus, der seit dem 19. Jahrhundert von »antiliberalen« und »kollektivistischen« Strömungen, ob rechten, ob linken, getragen werde. Um diese dürftige These plausibel zu machen, muss Aly den Antisemitismus der liberalen Lehrmeister ausklammern. Dass die Aufklärer von Voltaire bis Fichte Antisemiten waren, erwähnt er nicht, und wenn er Kant zitiert, dann gewiss nicht dessen »Euthanasie des Judenthums«. Für Aly wie schon für Gotthold Ephraim Lessing sind die nennenswerten Juden allein die Reichen, Assimilationsbereiten und Aufstiegswilligen, nicht die Armen, denn die beneidet niemand. Auf die Toleranz von Liberalen wie ihm dürfen die frommen Juden nicht hoffen, sondern ausschließlich diejenigen, die weder fromm noch Juden sein wollen.

Das sarrazinhafte Klischee Alys von den »smart jews«, die achtmal häufiger Abitur machten und tausendmal schneller am Ziel seien, ließe sich, wie Sander L. Gilman gezeigt hat, selbst antisemitisch nennen. Allein, am Spiel derer, für die der Vorwurf des Antisemitismus zum Kleingeld der Kritik geworden ist, sollte sich niemand leichtfertig beteiligen. Immerhin lässt sich von Aly lernen, dass sich einer ernsten Kritik am Kapitalismus alle personalisierende Zuschreibung verbietet. It’s the economy, stupid, nicht die dicke Zigarre. Lernen lässt sich außerdem, dass die Juden manchen bloß dazu dienen, die »liberale Wirtschaftspolitik, den Kapitalismus« moralisch unangreifbar zu machen. Das nenne ich von nun an Jewploitation.

Zurück