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Spur der Steine

Zeichnung: Leo Leowald

Nach uns das Anthropozän.

Von Svenna Triebler

Die Geologie ist eine geduldige Wissenschaft. Wenn sie sich nicht gerade mit Erdbeben oder Vulkanausbrüchen beschäftigt, bemessen sich die für sie relevanten Vorgänge zumeist in Jahrmillionen. Verglichen damit sind die 100.000 bis 200.000 Jahre, für die die Existenz des Homo sapiens auf unserem vier Milliarden Jahre alten Planeten belegt ist, kaum der Rede wert, und die paar 10.000 Jahre, seitdem der nackte Zweibeiner sich weltweit ausbreitete, sollten eigentlich nicht mehr als ein kurzer Schluckauf sein. Es ist somit eine zweifelhafte Ehre für den Menschen, dass die Internationale Kommission für Stratigrafie, eine Unterorganisation der International Union of Geological Sciences, bis Ende 2016 darüber entscheiden will, ob nach ihm ein ganzes Erdzeitalter offiziell als Anthropozän benannt wird.

Dass unsere Aktivitäten an der Erde nicht spurlos vorbeigehen, ist unübersehbar. Wie schwerwiegend diese Auswirkungen sein werden, wäre am besten in ein paar Millionen oder besser noch Hunderten Millionen Jahren festzustellen, wenn die Spezies Mensch, zumindest in ihrer heutigen Form, längst nicht mehr existieren wird. Was dereinst hyperintelligente Ameisenzivilisationen, denkende Schleimpilze oder im unwahrscheinlichsten Fall unsere eigenen Nachfahren über den menschlichen Beitrag zur Erdgeschichte herausfinden mögen, lässt sich aber heute schon absehen. Für die Befürworter des Begriffs reicht es aus, um das Anthropozän als neue geochronologische Epoche zu bezeichnen – also einen Zeitabschnitt, der sich auf mehrere Millionen bis Zigmillionen Jahre belaufen wird, und zwar selbst dann, wenn sich die Menschheit von heute auf morgen in Luft auflösen würde.

Besonders auffällig werden die Folgen des menschengemachten Klimawandels sein: Wer in ferner Zukunft in der Erdkruste herumbuddelt oder -bohrt, wird auf die Spuren von Gletscherschmelzen und großflächigen Überflutungen stoßen, und die Ursache dafür wird sich in Form von Hinweisen auf die enormen Mengen CO2 finden, die wir heute in die Atmosphäre blasen. Auch andere Stoffkreisläufe, insbesondere die von Stickstoff und Phosphor, sind derart durcheinandergebracht, dass sie nicht so schnell (wenn überhaupt jemals wieder) in voranthropozänische Bahnen zurückfinden werden.

Und für die hypothetischen Forscher der Zukunft gibt es noch mehr zu entdecken, etwa die neuartige Gesteinsart Plastiglomerat, die erstmals 2006 vor Hawaii gefunden wurde und dort beim Verschmelzen von glutheißer Lava mit im Meer treibenden Kunststoffabfällen entsteht – wer sich persönlich in die Erdgeschichte einschreiben wollte, könnte mit ähnlichem Resultat aber auch einfach seinen Plastikmüll ins Strandlagerfeuer werfen.

Weniger finden werden diejenigen, die in den Gesteinsschichten des Anthropozäns nach Fossilien suchen, denn wir stehen am Beginn des sechsten Massenaussterbens der Erdgeschichte. Laut zwei im vergangenen Jahr von Wissenschaftlern aus Mexiko und den USA veröffentlichten Studien verlief das Aussterben von Wirbeltieren seit Beginn der Neuzeit bis zu 85mal schneller als zu der Zeit, als T. Rex& Co. von der Bühne der Evolution abtraten; ab 1980 liegt die Rate sogar um das 300fache höher.

Theoretisch wäre das große Aussterben nach Ansicht der Forscher noch aufzuhalten. Da der »vernunftbegabte Mensch« seinen wissenschaftlichen Namen aber bekanntlich einem Irrtum verdankt, wird er wohl auch die erste Lebensform seit mehr als zwei Milliarden Jahren sein, die als einzelne Art für das massenhafte Aussterben von Planetenmitbewohnern verantwortlich ist. Das haben bisher nur die Einzeller geschafft, die die Photosynthese entwickelten und dabei ein tödliches Gift freisetzten, das weite Teile der damaligen Biosphäre dahinraffte: Sauerstoff. Nur wenige Organismen fanden Wege, die aggressive Substanz zu tolerieren oder sogar zu nutzen (weshalb uns das Atmen heute selbstverständlich vorkommt).

Der Wissenschaft, deren Geburtsstunde schlug, als die Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe so richtig Fahrt aufnahm, obliegt es nun, über die Ausrufung des neuen Zeitalters zu entscheiden. Dass wir uns in einigen Monaten im Anthropozän wiederfinden werden, scheint relativ sicher; diskutiert wird vor allem noch über die Frage, wann es genau begonnen hat. Denn damit alles seine geologische Ordnung hat, braucht es einen Marker, an dem sich der Anbruch der neuen Ära möglichst weltweit ablesen lässt.

Einige Forscher wollen den Anfang des menschlichen Einflusses auf die Biosphäre auf das Ende der letzten Eiszeit datieren, als zahlreiche große Säugetiere verschwanden. Das fällt praktischerweise mit dem Beginn dessen zusammen, was als das bis heute andauernde Holozän definiert wird; dieses könnte schlicht in Anthropozän umbenannt werden. Andere orientieren sich an der CO2-Konzentration – jedoch nicht am derzeitigen Anstieg, sondern an einem Tiefpunkt im frühen 17. Jahrhundert: Als die Bewohner Amerikas massenhaft an von den Europäern eingeschleppten Krankheiten zugrunde gingen, breiteten sich Wälder auf zuvor bewirtschafteten Flächen aus und fungierten als CO2-Speicher. Dieser Vorschlag ist nicht ganz frei von politischen Untertönen, ebenso wie der, den ersten Atombombentest als Startpunkt des Anthropozäns festzulegen. Allerdings könnte man sich auch kaum ein deutlicheres geologisches Signal wünschen als eine plötzliche Einlagerung von radioaktiven Elementen mit langer Halbwertszeit im Gestein. Der16. Juli 1945 ist somit ein ebenso wahrscheinlicher wie – nun ja: würdiger Kandidat.

Und was werden die Verursacher des Schlamassels mit der Information anfangen, dass sich ihr alltägliches Leben mit seinen Annehmlichkeiten mindestens so dramatisch auswirkt wie der Einschlag jenes berüchtigten Meteoriten, der vor 66 Millionen Jahren von den Dinosauriern nur die Vögel übrigließ? Vermutlich das gleiche wie schon jetzt mit den Erkenntnissen zum Klimawandel, also bestenfalls wenig bis nichts. Schlechtesten falls wird die Diagnose Anthropozän als Freibrief gesehen: Ist der Planet erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.

Wie lange allerdings noch, ist eine andere Frage. Der Mensch verdankt seinen zweifelhaften Erfolg zwar seinen Fähigkeiten als Erfinder und Überlebenskünstler, aber diese könnten ihn auch bis an den Punkt bringen, an dem er sich die Erde nicht nur extrem ungemütlich, sondern unbewohnbar macht. Es ist nicht auszuschließen, dass der größte Teil des Anthropozäns ohne seinen Namensgeber stattfinden wird.

Mit Dank an Gunnar Ries (http://amphibol.blogspot.de/) für fachlichen Rat.

 

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