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Die Grenzen der Schrumpfung

Polizeilich erlaubt, aber logisch unerlaubt: die Programmatik der Postwachstumsbewegung.

Von Johannes Hauer

Volkswirtschaftlichen Studien ist in der Regel keine Karriere als Bestseller vergönnt. Anders liegt der Fall, wenn, was als dröges Rechenwerk von Spezialisten daherkommt, tatsächlich Existentielles verhandelt. Hierin liegt wohl ein Grund für den großen und langanhaltenden Erfolg der Studie zu den Grenzen des Wachstums von 1972. Erstellt von einem illustren Konsortium internationaler Wissenschaftler und finanziert von der Volkswagenstiftung verkaufte sich dieser Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit nicht nur weltweit über 30 Millionen Mal, sondern trug auch maßgeblich dazu bei, die ökonomisch-ökologische Frage dauerhaft in der politischen Öffentlichkeit zu verankern. Darüber hinaus nimmt die in der Studie artikulierte Wachstumskritik viele Motive der sogenannten Postwachstumsbewegung vorweg, die seit einigen Jahren an Zulauf gewinnt.

Die Schlüsselaussage des Buches war wenig erbaulich: Da die untersuchten Prozesse bislang allesamt nach dem Muster exponentiellen Wachstums verlaufen, die Welt aber ein in sich vielfach begrenztes Ökosystem darstellt, steuert die Zivilisation rasant auf ihren Zusammenbruch zu.

Nicht nur die computergestützten Warnrufe, auch die vorgeschlagenen Mittel zur welthistorischen Kurskorrektur ließen aufhorchen: Ein rein technologischer Lösungsansatz sei außerstande, die Öko-Apokalypse aufzuhalten. Eine Rettung der Menschheit vor ihrem autodestruktiven Gebaren setze vor allem effektive Sofortmaßnahmen zum Stopp von Bevölkerungs- und »industriellem Kapitalwachstum« voraus. Indes: Warum überhaupt jedes Jahr mehr produziert wird als im vorangegangenen, wie und woher plötzlich im 18. Jahrhundert die ungeheure Dynamik in die Welt kam, die sich in ihren Längsschnitten abspiegelt – all dies schien den positivistisch verfahrenden Forschern nicht der Untersuchung wert zu sein.

Ähnlich wolkig blieb der Bericht hinsichtlich der Frage, wer denn das dringliche Werk der Wachstumswende vollbringen soll. »Man müsste lernen, sehr viele Dinge in völlig anderer Art zu tun. Die Erfindungsgabe, Anpassungsfähigkeit und Selbstdisziplin der Menschheit würden auf eine harte Probe gestellt. « Neben solchen philanthropischen Platitüden ist vor allem das Vorwort aufschlussreich, in dem ganz arglos die Absicht ausgesprochen wird, »die politischen Entscheidungsträger in aller Welt zur Reflexion über die globale Problematik der Menschheit anzuhalten«. Es handelt sich somit weniger um ein politisches als vielmehr um ein technokratisches Projekt. Ziel ist nicht die Konfrontation mit den »Managern der Umweltverschmutzung « (Guy Debord), sondern mittels entsprechender Öko-Expertisen in das Comanagement der bestehenden Gesellschaft einzusteigen.

Bereits kurz nach Veröffentlichung der Grenzen des Wachstums tauchte erstmals das Schlagwort »Décroissance« in Texten französischer Gesellschaftskritiker auf. Es sollte jedoch noch 30 Jahre dauern, bis sich Anfang des neuen Jahrtausends eine politische Strömung zu konsolidieren begann, die die Wachstumskritik zum Dreh und Angelpunkt ihres Handelns erklärte. Ihre Repräsentanten firmieren heute international unter Bezeichnungen wie Postwachstum oder Degrowth. Während besonders Frankreich, aber auch Italien und Spanien schon länger als Zentren gelten können, hat die Bewegung in Deutschland erst in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen. Von dem erstarkten Interesse zeugen nicht nur zahlreiche Neugründungen schrumpforientierter Konzept-, Denk- und Netzwerke oder der Andrang bei der IV. Internationalen Degrowth- Konferenz, zu der sich im September 2014 über 3.000 Besucher in Leipzig einfanden, sondern auch eine Vielzahl an Veröffentlichungen. Darunter befinden sich zwei in den vergangenen Monaten erschienene Sammelbände, die einen guten Einblick ermöglichen, der Postwachstums-Reader und der Postwachstumsatlas von »Le Monde diplomatique«.

Der Reader versammelt über 30 Aufsätze, die in den »Blättern für deutsche und internationale Politik« zwischen 2011 und 2015 zum Thema erschienen sind. Er wartet nicht nur mit den einschlägigen Autoren der deutschen Szenerie wie Harald Welzer und Niko Paech auf, sondern enthält auch Texte internationaler Größen wie Serge Latouche und Tim Jackson. Der Atlas setzt dagegen mit einer thematischen Akzentverschiebung das seit vielen Jahren erfolgreiche Konzept des »Atlas der Globalisierung« fort. Er bietet kürzere Beiträge im populärwissenschaftlichen Stil, hauptsächlich zu konkreten Aspekten der globalen sozioökonomischen Entwicklung, ausgiebig unterfüttert mit empirischem Material, das in anschaulichen Infografiken aufbereitet wird.

Die publizistische Form des Sammelbands entpuppt sich dabei als ideal für die Repräsentation von Degrowth, das keine monolithische Schule, sondern ein fröhlich wucherndes Geflecht darstellt, das sich auch als solches weiß und will. Ähnlich wie die Globalisierungsbewegung gruppiert sich Degrowth lose um einen zeitdiagnostischen Schlüsselbegriff, wobei die kritische und oftmals vage bleibende Bezugnahme auf das »Wachstum« eher ein kleinster gemeinsamer Nenner ist als die Begründung eines gemeinsamen politischen Programms. Das dadurch entstehende intellektuelle und politische Feld liegt quer zu den klassischen Parteibindungen und bietet unterschiedlichen Spielarten der Wachstumskritik einen Tummelplatz: Man begegnet einander tolerant und verständnisvoll, vieles kann, nichts muss. Konservative Freunde des »Maßhaltens « finden sich hier neben Vordenkern der globalen Campuslinken, etwa David Harvey. Manche suchen ihr Heil in Keynes, andere in der ganzheitlichen Spiritualität der Andenvölker, Stichwort »Pachamama«. Die gerne als Pluspunkt verbuchte Pluralität und Offenheit der Bewegung entspricht dabei durchaus dem postideologischen Zeitgeist.

Ähnlich wie die Piratenpartei gerieren sich die Vertreter von Degrowth als Alternative zum bestehenden parlamentarischen System, denn der Blick hinter die Oberfläche des Parteienstreits offenbare die fundamentale Einmütigkeit aller Lager in der Kernfrage: der gemeinsamen Orientierung am Wirtschaftswachstum. In dieser Perspektive wird eine Art ganz großer Koalition von Linkspartei bis CSU sichtbar, mehr noch: Auch der das 20. Jahrhundert prägende Systemgegensatz zwischen Realsozialismus und Kapitalismus erscheint nun als eine vernachlässigbare Episode innerhalb des historischen Kontinuums eines westlichen »Wachstumsparadigmas«.

Es wäre aber falsch, in Degrowth ein Projekt staatsferner Underdogs zu vermuten, wenn auch durchaus Verästelungen im libertären Milieu der Hausprojekte und Landkommunen existieren, wo man Degrowth mit einem lokalistischen, basisdemokratischen Antikapitalismus von unten, etwa in der Tradition der mexikanischen Zapatistas, in Verbindung bringt. Tonangebend sind solche Stimmen aber keineswegs, und der prominente Vordenker Harald Welzer klärt mit dankenswerter Deutlichkeit über solche Flausen auf: »Soziale Bewegungen werden dann mächtig, wenn ihre Träger nicht aus Subkulturen kommen, sondern aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Eine Politik für eine nachhaltige Moderne wird also nur dann erfolgreich, wenn es überall Avantgarden gibt, die eine neue Geschichte erzählen: Es müssen drei bis fünf Prozent der Unternehmer und Vorstände sein, die sich in diese Geschichte einschreiben, drei bis fünf Prozent der Unterhändler auf den internationalen Klimaverhandlungen, drei bis fünf Prozent der Staatschefs, drei bis fünf Prozent der Professorenschaft, der Lehrer, der Polizistinnen, der Anwälte, der Journalisten, der Schauspielerinnen, der Hausmeister, der Arbeitslosen usw.« – man beachte die Reihenfolge! Welzer versteht sich dementsprechend als Sprachrohr einer »Elite, die quer zu allen Schichten liegt und sich durch einen sehr einfachen Satz definiert: ›Wir fangen schon mal an‹«.

Vom Club of Rome haben viele Degrowther das Vertrauen in die decisionmakers geerbt, um die man in der Absicht herumschwirrt, sie auf seine guten Ideen aufmerksam zu machen. Da dies für sich genommen wenig aussichtsreich ist, fängt man schon mal selber an und macht sein eigenes Lebensumfeld zum leuchtenden Exempel der geistig-moralischen Wende. Ziel ist dabei keine rein individualistische Wirtschafts- und Konsumethik, sondern »schon hier und jetzt in Form zahlreicher Projekte, sozialer Experimente und geschützter Räume« (Barbara Muraca) Alternativen gemeinschaftlichen Lebens und Wirtschaftens aufzuzeigen. Es handelt sich dabei etwa um Nachbarschaftsgärten, Reparaturcafés und ähnliche »Commons «, gemeinsame Güter und Räume, die von kleinen, kommunitär gesonnenen Pioniergemeinschaften in egalitärer Selbstverwaltung bewirtschaftet werden. So entstehen »alternative Erfahrungsräume« (Muraca), die als Keimzellen einer künftigen umfassenden gesellschaftlichen Transformation dienen sollen. Diese moralische, auf persönlichen sozialen Bindungen beruhende Nonprofit- Ökonomie ist bereits heute Wirklichkeit »in Hunderttausenden von assoziativen Projekten der Zivilgesellschaft weltweit, im freiwilligen Engagement, im Dritten Sektor, in der solidarischen Ökonomie, in Kooperativen und Genossenschaften, im moralischen Konsum, in NGOs, in Peer-to-peer-Netzwerken, Wikipedia, sozialen Bewegungen, Fair Trade, der Commons-Bewegung und vielem mehr« (Frank Adloff). Die dezentralen Bottom- up-Prozesse sollen eine Kulturrevolution bewirken, die irgendwann ganz harmonisch mit den im klassischen Top-down-Verfahren implementierten policies geläuterter Charaktermasken konvergieren.

Der Aufschwung von Degrowth erklärt sich aus dem moralischen Bankrott der aus den Umweltbewegungen der siebziger Jahre hervorgegangenen grünen Parteien, von deren Grundsätzen »ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei « (Die Grünen, Bundesprogramm 1980) schon längst kaum noch etwas übrig ist. Das heißt bekanntlich nicht, dass die Grünen politisch erfolglos waren, im Gegenteil: Die von ihnen verkörperte Synthese von smartem Unternehmertum und ökologischem Bewusstsein prägt das globale Umweltkrisenmanagement. Das Konzept der Green Economy wird weit über das grüne Milieu hinaus als Weg gleichermaßen aus der Klima- wie der Weltwirtschaftskrise gehandelt. Die frohe Botschaft lautet, dass eine florierende Kapitalverwertung und eine Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen der Gattung sich weder ausschließen noch behindern, sondern in einem geradezu symbiotischen Verhältnis zueinander stehen. Eine neue industrielle Revolution der grünen Technologien werde zur Lösung der Verwertungskrise und zur »Entkopplung« von wirtschaftlicher Wertschöpfung und Naturverbrauch führen. Die damit verknüpfte Idee nachhaltigen Wachstums verspricht die Befreiung des Kapitals von lästigen Naturschranken, so dass gerade durch den Umweltschutz ad infinitum weiterakkumuliert werden kann. Die Skepsis hinsichtlich der Möglichkeit jener Entkopplung markiert den Scheidepunkt zwischen den Vertretern der Green Economy und jenen des Postwachstums. Letztere begreifen die Verbindung von Wirtschaftswachstum und Biosphäre als Mesalliance, in der die Natur gegenüber der Ökonomie stets das Nachsehen hat. Aus dieser Erkenntnis ziehen sie die Konsequenz, dass die Belange der Ökonomie der Ökologie untergeordnet werden sollten.

Doch wird nicht allein die Biosphäre dem »Wachstumsfetisch« (Harald Welzer) als Opfer dargebracht, auch das seelische Wohlbefinden bleibt dabei auf der Strecke. Die persönliche Lebensführung unterliege dem Zwang zur permanenten Selbst-Steigerung, zur ständigen Optimierung der eigenen Biografie: »Das Prinzip der Unendlichkeit herrscht nicht nur draußen, sondern eben auch in einem selbst« (Welzer). Der nationalökonomische Begriff des Reichtums als messbare Quantität von Geld und materiellen Gütern habe die Vorstellungswelten des modernen Menschen kolonisiert, ihn zum Sklaven eines besinnungslosen Konsums gemacht und sein Streben von den wesentlichen Gütern des Lebens abgelenkt. In Anbetracht neoliberaler Arbeitsverhältnisse, in denen das Arbeitsrecht ausgehöhlt, unbedingte Flexibilität zur Norm erhoben und die Konkurrenz zwischen den Arbeitskraftunternehmern forciert wurden, verwundert der erschöpfte Ruf nach »Entschleunigung« kaum.

Vielen Texten merkt man den Versuch an, beklemmende Erfahrungen des Alltagslebens zu artikulieren, an vortheoretischen Beobachtungen anzuknüpfen und akademische Selbstreferentialität zu vermeiden. Das ist begrüßenswert. Durch einen unreflektierten class bias bleiben diese Versuche einer zeitgenössischen Kritik des Alltagslebens jedoch oftmals unwahrhaftig, selbstmitleidig und pseudokonkret, da in einer Allgemeinheit suggerierenden Rhetorik nur die Lebenswelt des akademischen Mittelschichtsmilieus verhandelt wird. Niemand wohnt am Stadtrand oder in einer lauten, kleinen Wohnung, arbeitet in einer Kantine, am Fließband, im Call-Center oder auf dem Bau, ist verschuldet, arbeitslos oder nur geduldet. Professor Hartmut Rosa vom »Kolleg Postwachstumsgesellschaften « in Jena etwa plagen in seinem Buch Beschleunigung und Entfremdung ganz andere Sorgen. Er leidet darunter, dass bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit immer wieder »der Cursor wild in der Gegend herumspringt«, dass seine teuren Freizeitgegenstände ungenutzt in der Ecke verstauben und man manchmal echt die Orientierung verliert, wenn man 24/7 durch die Welt jettet: »Vor ein paar Stunden bin ich von Wien nach Zürich geflogen und habe mich dabei nie wirklich sicher gefühlt mit Bezug auf Verfahren und Ablaufpläne, mit denen ich konfrontiert war.« Schlimm!

Was zur Behebung dieser und schwerer wiegender Unbill aufgeboten wird, bleibt indes ziemlich ohnmächtig und beschränkt sich meist auf idealistische Anrufungen eines kulturellen Wertewandels, in dessen Zuge vor allem die westlichen Gesellschaften ihre »mentale Infrastruktur« (Welzer) umbauen sollen. Diese Verlagerung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung aufs Kampffeld kultureller Wertvorstellungen erinnert an die Strategie der Neuen Rechten, mit metapolitischen Mitteln im vorpolitischen Raum zu operieren. Dem liegt letztlich ein idealistischer Begriff der Gesellschaft zugrunde, der gesellschaftliche Praxis als Ausfluss auswechselbarer Ideensysteme fasst: »Jede Gesellschaft ist nämlich ein allumfassendes System des Selbst- und Weltverständnisses …, das Regeln, symbolische Deutungen und Bedeutungen umfasst, die wiederum Praktiken, Beziehungen und Institutionen legitimieren und zusammenhalten « (Barbara Muraca).

Die verschiedenen Spielarten dieses Kulturalismus unterscheiden sich allerdings in Qualität und politischer Stoßrichtung. Während Harald Welzer eine kulturgeschichtlich versierte Erzählung über die Entstehung der Lebensformen des bürgerlichen Individuums anbietet, erinnern die Ausführungen Tim Jacksons an den prätentiösen Tiefsinn von Kalendersprüchen: »All dies wiederum wussten die Weisen seit alters her. … Aber es ist immer schwieriger geworden, zu erkennen, wo der wahre Reichtum liegt und wie man wichtig von nichtig unterscheidet. Wir haben uns im Labyrinth des Überflusses verlaufen und kommen nicht mehr heraus.« Was hier nur abgeschmackt klingt, nimmt bei Serge Latouche unappetitliche Züge an. Zielsicher macht Latouche die französische Aufklärung für die Verbreitung einer »Glücksideologie « verantwortlich, die sich erdreistet, »materielles und individuelles Wohlergehen« zum Zweck der Vergesellschaftung zu erklären. Ach, wären wir doch nie vom tugendhaften Pfad des alten, katholischen Abendlandes abgekommen: »Die Glückseligkeit war hier ausgesprochen spirituell, himmlisch gar, immateriell und kollektiv, als Gemeinschaft der Heiligen.«

Niko Paech, der Star der deutschen Szene, schlägt ähnliche Töne an, doch bei ihm hat derselbe schlichte Gedanke – mäßigt euch, ihr Gierschlunde! – zusätzlich noch ein besonderes, deutsches Gschmäckle. In völkischer Tradition fabuliert Paech über die Übel der »schicksalhaften Abhängigkeit von Geld- und Fremdversorgung«, eine »Autarkielösung « soll als Gegenentwurf dienen: »Kurze Wertschöpfungsketten, etwa im Sinne einer Lokal- oder Regionalwirtschaft, erzeugen ... Nähe und damit das Vertrauen, welches eine weniger zinsträchtige Kapitalbeschaffung ermöglicht.« Das Ausfransen des Degrowth-Feldes nach rechts macht sich besonders im Reader bemerkbar. Übel stößt auf, dass das Gros der Autoren sich an einer Klärung des politischen Profils von Degrowth desinteressiert zeigt. Da der politische Hauptwiderspruch in der Stellungnahme pro oder contra Wachstum gesehen wird, werden Binnendifferenzen der Wachstumskritik vernachlässigt.

Etwas klarer als im Reader ist das weltanschauliche Spektrum im Atlas konturiert, der die Handschrift des Jenaer »Kollegs Postwachstumsgesellschaften« trägt. Gleich der erste Aufsatz von Mathias Greffrath wendet sich zu Recht gegen die Überhöhung von Kulturkampf, moralischer Emphase und Experimenten in den Nischen der subkulturellen Gegenkultur. Statt dessen gelte es, im Windschatten sich abzeichnender sozialökologischer Katastrophen, eine »Instandbesetzung der politischen Institutionen « vorzunehmen. Damit ist das politikzentrierte Modell eines reformistischen Marschs durch die Institutionen aufgerufen, dessen Grundmotive in vielen weiteren Aufsätzen anklingen. Geschrieben wird gegen die Aushöhlung der Demokratie durch die neoliberale Konzern- und Bankenmacht, die Austeritätspolitik und die Vermarktung aller Lebensbereiche. Dem wird der Kampf für Mitbestimmung, radikale Umverteilung und eine sozialökologische Transformation entgegengehalten.

Obwohl gelegentlich verbalradikal vom kapitalistischen Wachstumszwang sans phrase gesprochen wird, geht es bei näherem Hinsehen ausschließlich gegen die sogenannten »Wachstumskapitalismen« (Klaus Dörre, Stephan Lessenich, Hartmut Rosa) oder gegen den »modernen wachstumsorientierten Kapitalismus« (Brigitte Aulenbacher) – als hätte es je einen anderen Kapitalismus gegeben, als könnte es einen anderen geben. Genau diese Illusion muss aber produziert werden, ist sie doch die theoretische Voraussetzung der eigenen politischen Strategie: der famosen »Instandbesetzung« des Staatsapparats. Just die »Institutionen«, die sich im Verlauf der Klassengesellschaft zu deren reibungsloser Reproduktion herausgebildet haben, sollen ganz neutrale Werkzeuge ohne spezifischen sozialen Gehalt sein. In den richtigen Händen, also denen der spin doctors des Kapitalismus mit entspanntem Antlitz, verwandeln sie sich von Garanten von Herrschaft und Ausbeutung in Garanten der Harmonie und Freiheit. Die Formen der sozialen Organisation – Kapital und Lohnarbeit, Staat und Weltmarkt – sind freilich unhintergehbar. Dafür lassen sie sich aber geschmeidig von Zwangs- in Heilmittel umfunktionieren, da ihre empirische Schreckensgeschichte nur eine ihrer prinzipiell vernünftigen Substanz äußerlich bleibende Sammlung blöder Zufälle darstelle.

Da die linken Degrowther glauben, dass es sich beim Kapital und seinen Bewegungsgesetzen um zwei Paar Schuhe handelt, richtet sich ihre »Kapitalismuskritik« nicht gegen das Kapital, sondern nur gegen die »Kapitalakkumulation «. Zwar ist das Kapital kein handgreiflich fixes Ding zur beliebigen Verwendung, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, das sich nur im Prozess der Akkumulation erhalten kann. Im Atlas übt man sich jedoch in trotziger Realitätsverweigerung und macht sich die Welt, wie sie einem gefällt. Auf dem Wunschzettel stehen unter anderem der freiwillige Wachstumsverzicht der Kapitalistennationen des Nordens und die Durchsetzung einer »institutionellen Praxis der Umverteilung: innergesellschaftlich, aber insbesondere auch auf transnationaler, weltgesellschaftlicher Ebene« (Dörre et al.). Man hat es hier mit der Renaissance eines reformistischen Optimismus zu tun, der sich in seinem kopflosen Enthusiasmus um reale Macht- und Konkurrenzverhältnisse nicht schert und spätestens nach dem Einknicken von Syriza auch schon wieder ziemlich alt aussieht.

Natürlich kommen auch Dörre und Co. um die Wahrnehmung bestimmter Sachzwänge nicht herum, in der pfiffigen Rede von der »zwanghaften globalen Wachstumskonkurrenz « erscheinen sie jedoch lediglich als Ausdruck eines pathologischen hegemonialen Zeitgeistes, dem man mit diversen makroökonomischen Instrumenten und einer überzeugenden linken Gegenerzählung locker beikommen kann. Der linke, kapitalismuskritische Flügel nähert sich auf diesem Wege wieder dem Voluntarismus des gemäßigten, kulturkritischen Flügels an. Statt »Kapitalismuskritik« findet man auch im Atlas vor allem eines: »Demokratentum innerhalb der Grenzen des polizeilich Erlaubten und logisch Unerlaubten« (Marx, Kritik des Gothaer Programms).

Die politische Grenzziehung entlang polizeilicher Vorgaben hat zur Folge, dass die komplette Geschichte sozialistischer Ökologie in Theorie und Praxis bei Degrowth Anathema ist. Es ist daher sehr verdienstvoll, dass Alexander Amberger in seiner Dissertation Bahro – Harich – Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR einige weithin vergessene ökosozialistische Positionen in Erinnerung ruft. Amberger zeichnet zunächst die offiziellen Reaktionen auf den Bericht des Club of Rome im sozialistischen Lager nach. Während die DDR einerseits schon 1971 ein Umweltministerium einrichtete, wurden ökologische Probleme andererseits vertuscht und als Folgeerscheinungen privatwirtschaftlichen Profitstrebens exterritorialisiert. Gleichzeitig entwickelte sich unter Honecker das Ideal einer sozialistischen Konsumgesellschaft und dementsprechend eines kontinuierlichen Wachstums der Produktionskapazität.

Die Studie über die »Grenzen des Wachstums « stand also bei ihrem Erscheinen im Widerspruch zu den wirtschaftspolitischen Zielsetzungen der SED und stieß dementsprechend auf Ablehnung in der Publizistik der DDR. So hieß es, die Wachstumskritik sei eine ideologische Volte des Kapitals, um die kapitalistische Krise zu verschleiern und die Erfolge des Sozialismus im Systemwettbewerb kleinzureden. Die Umweltzerstörung sei letztlich ein Folgeproblem der Eigentumsverhältnisse, das sich mit der staatssozialistischen Planung der Produktion in Luft auflöse.

Der offizielle Produktivismus blieb jedoch seinerzeit auch unter sozialistischen Intellektuellen nicht unwidersprochen. So veröffentlichten mit Wolfgang Harich (Kommunismus ohne Wachstum. Babeuf und der Club of Rome), Rudolf Bahro (Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus) und Robert Havemann (Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg) gleich drei SED-Abtrünnige Schriften, die eine Kritik an der realsozialistischen Gegenwart mit utopischen Perspektiven auf eine ökosozialistische Postwachstumsgesellschaft verbanden. Bei ihrem Erscheinen in der BRD wurde den Werken vor allem aufgrund ihrer Kritik der bürokratischen Herrschaft viel Aufmerksamkeit auch durch bürgerliche Medien zuteil, ihre kommunistisch-utopischen Gegenentwürfe stießen naturgemäß auf wenig Interesse. 25 Jahre nach der Implosion des Staatssozialismus hat sich dieses Verhältnis umgekehrt: »Ihre Utopien sind anachronistisch und hochaktuell zugleich. Anachronistisch sind sie, weil der historische Entstehungskontext wenig mit der Gegenwart gemein hat. Aktuell sind sie hingegen bezüglich der Wachstumskritik und der Entwicklung von Postwachstumsmodellen« (Amberger).

Bei aller Enttäuschung über die ökologische Ignoranz ihrer Genossen hatten die Genannten mit ihnen doch eines gemein: Aufgrund ihrer Analyse der kapitalistischen Produktionsweise hielten sie diese für denkbar ungeeignet, den Erfordernissen der Biosphäre mittelfristig gerecht werden zu können. Doch ist der Bruch mit der Klassengesellschaft zwar eine notwendige Bedingung für eine nachhaltige Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen der Gattung, für sich genommen aber noch keine hinreichende. Hier kommen bei allen Autoren Motive des postmaterialistischen Diskurses ins Spiel, der auch von der westlichen Ökologiebewegung gepflegt wurde. In den Postwachstumsutopien der DDR-Autoren wird die Umwälzung des kulturellen Überbaus und der Bedürfnisstruktur jedoch materialistisch, das heißt auf der Grundlage einer Revolutionierung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse gefasst. In der so entstehenden »neue(n) Ökonomie der Zeit« (Bahro) löst die individuelle Mußezeit die Kapitalverwertung als obersten Zweck gesellschaftlicher Wirtschaftsplanung ab: ein Programm, das vom Gedanken kollektiver Selbstermächtigung statt von der Predigt individuellen Verzichtes getragen ist.

Zwar haben diese utopischen Entwürfe ihrerseits allesamt gewichtige Leerstellen und pinseln allzu unbekümmert Bilder gesellschaftlicher Harmonie aus, wie Amberger nachvollziehbar herausarbeitet. Sie bleiben gleichwohl nicht nur wegen ihrer nüchternen Analysen fruchtbar für die heutige sozialökologische Diskussion um die Grenzen des Wachstums, sondern auch weil sie einer bislang auf Holzwegen wandelnden »Wachstumskritik« politische Perspektiven jenseits von Lebensreform und technokratischem Krisenmanagement aufweisen.

Literatur:

Alexander Amberger: Bahro – Harich – Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR. Schöningh, Paderborn 2014, 329 Seiten, 39,90 Euro

»Blätter für deutsche und internationale Politik« (Hg.): Mehr geht nicht! Der Postwachstums-Reader. Berlin 2015, 336 Seiten, 18 Euro

»Le Monde diplomatique« & Kolleg Postwachstum Jena (Hg.): Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. Der Postwachstumsatlas. Berlin 2015, 173 Seiten, 16 Euro

Barbara Muraca: Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums. Wagenbach, Berlin 2014, 96 Seiten, 9,90 Euro

Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Aus dem Englischen von Robin Celikates. Suhrkamp, Berlin 2013, 155 Seiten, 20 Euro

 

Johannes Hauer lebt in Leipzig und hat als Mitglied der Interessengemeinschaft Robotercommunismus an einer Kritik der Postwachstumsgesellschaft gearbeitet  


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