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Raymond Pettibons Zeichnungen sind auf eine Weise gereift, die sie ungenießbar macht. Von Radek Krolczyk

Die Kunst des Raymond Pettibon gilt vor allem den Selbstorganisierten unter den Linken als Heiligtum. Denn DIY – das ist oder war der amerikanische Künstler schließlich auch. Seit den späten Siebzigern hat er die Hardcore-Szene in Los Angeles, wo er 1957 geboren wurde, mit seinen Tuschezeichnungen beglückt. Unzählige Plattencover, Konzertplakate und Fanzines hat er illustriert. Seit seiner Teilnahme an der Documenta 2002 gelten diese Illustrationen nicht mehr als Illustrationen, sondern als Kunst. Die Do-it- yourself-Szene freut sich, weil es einer der Ihren, also der Guten, ins Museum geschafft hat, während sich die Kunstszene über ihre Underground-Spritze freut. Dabei haben Grenzen auch ihren Zweck. Von einem Stück von Bach bleibt, auf der Hammondorgel gespielt, nicht viel übrig.

Von Pettibon kennt man vielleicht zunächst die Plattencover, die die aktuelle Hamburger Ausstellung »Homo Americanus« in der Sammlung Falckenberg ebenfalls präsentiert. Die sind tatsächlich schön – und manchmal sogar klug. Auf der Hülle von Sonic Youths »My Friend Goo« (1990) lässt der Zeichner eine junge Frau davon erzählen, wie es war, die eigenen Eltern zu erlegen und mit dem Freund der Schwester einfach so abzuhauen. Rauchend im Auto mit einer dunklen Sonnenbrille auf der Nase. Das Cover des 1984 erschienenen Black- Flag-Albums »Slip it in« zeigt eine Nonne, die ein nacktes und behaartes Männerbein umarmt. Solcherart Hintertreibungen bürgerlicher Moral, nach der man die Eltern ehren soll und Nonnen per se hochanständige Menschen sind, findet man gerade in Pettibons frühen Bildern immer wieder.

Das Logo, das er für Black Flag entworfen hat, ziert heute als Tattoo linke Männeroberarme auf der ganzen Welt. Es handelt sich dabei um vier etwas versetzte schwarze Balken: das nationale Banner als Loch, als blinder Fleck. Eine Fahne, die keine ist, für eine Nation, die keine ist. Das berühmte schwarze Quadrat, das Malewitsch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in der St. Petersburger Eremitage an die Stelle hängte, die den Ikonen vorbehalten war, ist hier natürlich ein wichtiger Bezugspunkt. Das ist böse und lustig.

Heute ist Raymond Pettibon leider nicht mehr so richtig lustig, wie die Schau beweist. Seine Zeichnungen sind auf eine Weise gereift, die sie ungenießbar macht. Die Zurückgenommenheit des Mediums, das auch von einer gewissen Beiläufigkeit, Schnelllebigkeit und Einfachheit lebt, ist einem Aufspielen als Tafelbild gewichen. Die Formate werden größer, teilweise kommen Rahmen hinzu, die Striche sind fett, und die Farben explodieren. Selbstverständlich müssen auch die Themen größer werden: 2007 zeigt Pettibon Sanitäter, die blutende Kriegstote über den Boden schleifen und dabei die Streifen der US-Flagge erzeugen. Aus demselben Jahr stammt seine Zeichnung des damaligen Präsidenten Bush – selbstverständlich mit blutigen Händen, und ein Jahr vorher lässt der Künstler einen US-Soldaten die Landesfahne als Leichentuch über seine junge Tochter legen. Seine Darstellungen von Bomberfliegern aus derselben Zeit, die mit ihren Flügeln den Himmel zerreißen, sind allein schon in der ganzen Härte des Strichauftrags männlich und pathetisch – Attribute, die perfekt zur Hardcore-Szene, der Pettibon entstammt, passen. In seinen aktuellen Arbeiten offenbart sich dieses Element aber erst in seiner vollen Entwicklung.

Gerade seine Farbexplosionen haben einen männlichen, orgastischen Charakter, ganz so, als zeichnete da jemand in seinem Größenwahn mit dem Schwanz. Erigierte Penisse tauchen in Pettibons Bildern tatsächlich immer wieder auf. Inhaltlich bricht er solcherlei Zeichen von Männlichkeit manchmal ironisch. Die Geste der Zeichnung allerdings ist so, dass man ihm diese Ironie nicht abnimmt. So seltsam es klingen mag: Zeichnerisch ist es eine patriarchale Kritik des Patriarchats, die hier vollzogen wird. Der Zeichner muss standhaft bleiben. Schließlich geht es inzwischen um viel zuviel, es ist todernst geworden. Dazu passt das Cover eines 2011 erschienenen Katalogs seiner Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Dort posiert er in pinkem Hemd und mit gewohnt gegelten grauen Locken mit dem damaligen Bürgermeister Klaus Wowereit.

Auf der Innenseite ebendieses Katalogs hat der Meister in archaisch anmutenden schwarzen Strichen, die an A. R. Penck erinnern, eine nackte Frau gezeichnet, die sich nach vorne beugt, die Beine spreizt und uns – oder ihm – ihren Hintern entgegenstreckt, im Zentrum des Bilds ihre Muschi. Das sind genau die Stellen, die der Künstler mit fetter roter Farbe angespritzt hat. Darunter steht der Satz: »I spend most of art school chasing girls like this.« Es ist immer ein wenig schmierig, wenn Männer sich, in welcher Form auch immer, Frauen erschaffen, um mit ihnen umzugehen. Die roten Klekse sind nicht obszön, was schön wäre. Sie sind ekelhaft.

 

Die Raymond-Pettibon-Ausstellung »Homo Americanus« läuft bis zum 11. September in der Sammlung Falckenberg, Hamburg, und vom 19. November bis 12. Februar 2017 im Museum der Moderne, Salzburg. Der Katalog ist bei David Zwirner Books erschienen (692 Seiten, 48 Euro).

Raymond Pettibon: Here’s Your Irony Back. Political Works 1975-2013. Hatje Cantz, Ostfildern 2013, 212 Seiten, 45 Euro

Ders.: Looker-Upper. Contemporary Fine Arts, Berlin 2011, 48 Seiten, 19,80 Euro

 

Radek Krolczyk ist Betreiber der Bremer Galerie K (k-strich.de)

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