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Deutsche Verhältnisse

Zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof: Horst Tomayers Beitrag zur Beerdigung der konkret-Kolumnistin, der im Mai 1976 im Berliner „Extra-Dienst“ erschienen ist

 

Ulrike Meinhof: Nach Jahren Einzelhaft Stammheim. Nach Jahren Trommelfeuer Dreck aus bürgerlichen Blättern. Nach der Vermarktung ihres Lebens durch einen ihr früher nahestehenden Schmierfink. Auch im Tod bleibt ihr nichts erspart.

Ihre Beerdigung auf dem Friedhof in Mariendorf-Westberlin gerät zur Schmiere. Was sich da nicht geniert aufzutreten in der Hauptrolle des Gaffers. Und wie das, was man den Erweis der letzten Ehre heißt, untergeht im Aufmarsch der Eitelkeit.

Wie dahergelaufene Charaktere ihre Guerillamasken (85 Prozent Schurwolle, Waschtemperatur 30 Grad) auftragen wie den Einsegnungsanzug. Wie schlapp 20jährige „wissenschaftliche Materialisten" den gestandenen Theologen und Sozialisten Gollwitzer auspfeifen, weil er hin und wieder die Vokabeln Christus und Liebe fallen lässt. Wie ein halbes Dutzend Mädchen, die Gesichter geweißt wie die Wand, die Augenränder geschwärzt, die Kameras der bürgerlichen Journalisten anmachen. Wie da über die Gräber von Arbeitern, Angestellten, Kriegerwitwen gesprungen wird. Wie über die Ruhestätte des namenlosen Proletariats politische Maulhurerei aus Lautsprechern schallt. Wie die Schaulust die Friedhofsbäume erklimmt. Wie die Kippen von Roth-Händle und Handgedrehten den Gottesacker düngen. Wie die Grube von Ulrike Meinhof belagert wird wie die Kasse eines City-Kinos, wo der neue Django-Reißer anläuft. Wie der Friedhof verwurschtet wird zum Showplatz, zur Seelenabschussrampe — das kann sich sehen lassen.

Und es lässt sich sehen, denn es wird ja hergezeigt.

Und das Geplärr „Presse raus" — das wird geliefert von Typen, die Springer und Co. als Verstärker brauchen wie das täglich Brot. Und neben dem Gegaffe und Geplärr die „Reden". Der Rechtsanwalt Croissant schwadroniert im 31. deutschen Friedensjahr nach dem Zweiten Weltkrieg: „Zwischen imperialistischer Macht und Guerilla herrscht Krieg. Die Angriffe der RAF gegen die Hauptquartiere der USA während des Volkermords in Vietnam waren kriegerische Handlungen aufgrund eines völkerrechtlichen Widerstandsrechtes." Der Haftrichter genügt diesem jungen Veteranen der Aufschneiderei als Verhandlungspartner nicht. Er will den Kampfkontakt generell mit der gegnerischen Generalität geregelt sehen. Mitten in der Flaute des westdeutschen Klassenkampfes plädiert Croissant prophylaktisch für Kriegsgefangenenlager, wo die RAF-Fighter kollektiv untergebracht sind. Denn, nicht wahr, Ordnung muss sein beim Abschlachten, bei dem es nicht um die Wurscht, sondern um eine fixe Idee geht.

 

Das sind die „deutschen Verhältnisse", über die sich Klaus Wagenbach, neben dem älteren Helmut Gollwitzer der einzige vernünftige Kopf am Grab Ulrike Meinhofs, Gedanken macht. Es sind, korrekt gesagt, die westdeutschen Verhältnisse. Es ist auch und in erster Linie das Elend der westdeutschen Sozialdemokratie, die eher durch ein Nadelöhr marschiert oder Stücke auf einen Gustav Noske hält, als eine Sozialistin wie die Meinhof kritisch zu ehren. Es ist das Elend der SPD, dass sie niemand auf die Beine bringt, der das vernünftige Ziel Ulrike Meinhofs gegen ihre unzulängliche wie falsche Methodik in Schutz nimmt und sich öffentlich dazu bekennt. Es redet kein prominenter sozialistischer Sozialdemokrat bei der Beerdigung. Parole: Gesichtskontrolle. Am Eingang zum Friedhof steht der Sachzwang der nächsten Wahl. Am Grab herrscht Tabu. Den Rest erledigt die Reaktion.

Das ist die Trauer um Ulrike Meinhof, dass sie in der Optik dieses Publikums zur Figur eines Comicstrip, eines Horrorfilms wird, in der Stunde ihres Todes. Dass an ihrer Grube, einträchtig wie einander Brauchende und Bekämpfende stehen: alte Weiber, die Meinhof ein paar Tode mehr wünschen, und junge Typen mit schwarzen Fahnen, die noch nicht einmal den verzeihbaren Zorn entwickeln, dieses Gesindel vom Grab zu scheuchen wie Jesus Christus die Kaugummiverkäufer im Tempel.

Das sind die „deutschen Verhältnisse". Dazu gehört auch, dass der Vorsitzende der Westberliner KPD, Christian Heinrich, vom Chronisten dieses Sonnabend-Vormittags in der U-Bahn mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erwischt, auf die Frage „Wie steht es mit deinem Strafverfahren?" antwortet: „Sie müssen mich verwechseln" und auf dem Friedhof mit einem roten Plastikstern am peinlich gebügelten Anzug wieder angetroffen wird, neben dem topbürgerlich gekleideten KP-Kunzelmann. Und dazu gehören drei Mädels, die den kleinbürgerlichen Trauerzug zum Moabiter Gericht auf Motorrädern flankieren, und ein Flugblattverteiler der KPDML, der, „gegen die Unterdrückung in der BeErDE und in der DeDeErr" ausrufend, seine Flugzettel an den Mann von der Straße bringen will.

Zur Rede gestellt, dass das anders heißen müsste („gegen die Unterdrückung in Deutschland und in der Ostzone"), ändert er kurzfristig seinen Agitationsstil, wird aber trotzdem gleich von einem nicht weniger ordentlich gekleideten Berufsberliner aufgemischt.

Die „deutschen Verhältnisse" haben ihn wieder.

Diesen Text des konkret-Hausdichters hat der Schauspieler Christoph Hofrichter auf der Gedenkfeier für den 2013 verstorbenen Horst Tomayer verlesen

 

 

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